Abgehört - neue Musik Ach, er fehlt

Wenn der Pianohocker quietscht: Warum das erste posthume Prince-Album eine Offenbarung ist. Außerdem: Lonnie Holley als Erbe Gil Scott-Herons, Richard Swifts Vermächtnis und eine bald namhafte Rapperin.

Von und


Prince - "Piano & A Microphone 1983"
(NPG Records/Warner, seit 21. September)

Kurz vor dem Ende hatte er sich auf das Wesentliche besonnen, könnte man sagen: "Piano & A Microphone" hieß die nahbare, auf Gesang und Klavier reduzierte Tournee von Prince durch Australien und Nordamerika, die auch seine letzte sein sollte. Im April 2016 starb er im Alter von 57 Jahren an einer Überdosis Fentanyl. "Piano & A Microphone", versehen mit dem Zusatz "1983", heißt nun auch die erste offizielle Veröffentlichung aus dem musikalischen Nachlass von Prince.

Zu hören sind 35 Minuten einer nie für die Öffentlichkeit bestimmten Demo-Session aus eben jenem Jahr, die auf einer schlichten Audiokassette im sagenumwobenen "Vault", einem begehbaren Banktresor im Keller der Paisley-Park-Studios in Minneapolis, gefunden wurden. Dort lagert angeblich Prince-Material, mit dem in der kommenden Dekade jedes Jahr mindestens ein Album gefüllt werden kann, mindestens. Wahrscheinlich wird nicht alles so funkeln und berühren wie diese mit Bedacht und Sorgfalt ausgewählte Premiere.

Denn sie dient dazu, sich tatsächlich wieder der musikalischen Essenz von Prince zu nähern, der durch seinen zu frühen Tod zu einer genialischen Überfigur stilisiert wurde, wie es mit Popstars nun einmal geschieht. Im September 1983, als sich Prince in einen Raum des Kiowa Trail Home Studios in Chanhassen auf einen impertinent quietschenden Piano-Hocker setzte und darum bat, das Licht zu dimmen, war von Ikonen-Status noch keine Rede. Das im Jahr zuvor veröffentlichte Funk-Doppelalbum "1999" hatte ihm Kritikerlob und eine Platzierung in den Top Ten beschert, das genresprengende, alles verändernde "Purple Rain" jedoch war noch weit entfernt.

Andreas Borcholtes Playlist KW 39
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Prince Cold Coffee & Cocaine

 2 Lonnie Holley There Was Always Water

 3 Little Simz Boss

 4 Dodie Human

 5 Lana Del Rey Venice Bitch

 6 The Bevis Frond We're Your Friends, Man

 7 Jeff Tweedy Some Birds

 8 Richard Swift Broken Finger Blues

 9 Noname Prayer Song (feat. Adam Ness)

10 Marie Davidson Work it

Wie weit, davon zeugt die Skizze des später so hymnischen Titelsongs: Die ersten Strophen scheinen schon fast fertig, aber der Rest verliert sich in spielerischem Jazz aus Harmonien, ausprobierten Akkordfolgen und Ad-lib-Gesang. Nach nur eineinhalb Minuten geht diese Etüde in eine ganz zarte Version von Joni Mitchells "A Case Of You" über, dann mündet das daddelnde Mäandern durch musikalische Stile und Epochen im uralten Gospel "Mary Don't You Weep", den Prince als entfesselter, krakeelender Crooner bestreitet. Das Schmelzwerk aus Soul- und Rock-Einflüssen, Groove und Popgespür, das Prince zu einem Ereignis der Achtzigerjahre machte, fängt hier gerade an zu brodeln. Man kann die Zutaten noch erkennen.

Manchmal wird die Session so intim, dass es einem fast peinlich ist, so unintendiert zum Zuhörer zu werden, etwa in der zerbrechlich im Falsett gesungenen "1999"-Nummer "International Lover" oder am Ende von "17 Days (später auf "Purple Rain"), wenn Prince die einsetzenden Drums einfach als Human-Beatbox imitiert: "Dwww-dwww-dwwwdww". Aber Faszination und Begeisterung überwiegen, wenn er sich die Pop-Melodie von "Strange Relationship" (später auf "Sign O' The Times") allmählich aus einem noch recht offenen Blues-Gerüst heraushämmert - und danach (von sich selbst gerührt, verschnupft, zugekokst?) vernehmlich die Nase hochzieht.

Der bisher unveröffentlichte Boogie "Cold Coffee & Cocaine" ist schließlich der Höhepunkt des Albums, der - mit kokett verstellter Stimme und James-Brown-Shouts - nicht nur den versierten Musiker und Songwriter, sondern auch den wandelbaren (und humorbegabten) Performer Prince exponiert. Ach, er fehlt. (Außer Konkurrenz: 10.0) Andreas Borcholte

Richard Swift - "The Hex"
(Secretly Canadian/Cargo, seit 21. September. CD/Vinyl ab 7. Dezember)

"Der Kerl überträgt seine menschliche Wärme in jeden einzelnen Ton", schwärmte Kevin Morby mit großen Augen. Es ging um Richard Swift, der gerade das neueste Album des US-Musikers produziert hatte. Besagte Wärme war tatsächlich immer spürbar unter den Oberflächen der unzähligen von Swift produzierten Platten. Ebenso bei seiner zeitweiligen Band The Shins - und natürlich auf seinen fünf Soloalben, von denen einige kleine Goldstücke waren.

"The Novelist" von 2003 beispielsweise, oder "The Atlantic Ocean" von 2009. Trotzdem fragten sich Fans seit Jahren: Wann kommt dieses eine Album, das die vielen Kompetenzen dieses Ausnahmetalents zusammenbringt? Nun ist es also da - und die Freude darüber getrübt. Denn Swift ist Anfang Juli im Alter von nur 41 Jahren an den Folgen einer Hepatitis und seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs gestorben. "The Hex" wurde wenige Wochen zuvor fertig.

Um es kurz zu machen: Jeder der elf Songs ist meisterhaft arrangiert, bis ins Detail ausformuliert und fast unverschämt lässig. Und jeder atmet die bedeutungsschwangere Luft des Great American Songbook. "Broken Finger Blues" etwa, das vor schwerblütigem Soul geradezu überschwappt. Der beseelte Honkytonk von "Dirty Jim", der somnambule "Sister Song" - man denkt an Harry Nilsson, Lee Hazelwood, Gram Parsons.

Was jedoch noch mehr ins Gewicht fällt: "The Hex" ist, anders als sein Entstehungszeitraum vermuten lässt, ein hoffnungsfroh klingendes Album. Das beißt sich allerdings mit den Texten, die einen Mann zwischen Aufbruch und Kapitulation zeigen, mit kaputtem Körper, aber intaktem Herz auf der Suche nach Sinn und Erlösung.

Zitieren muss man daraus im Grunde nur eine Zeile aus dem letzten Song, "Sept20", geschrieben an Swifts Hochzeitstag: "Trying not to drink from a poisoned well/ Slip away, asleep in my car/ All the angels sing 'Que sera sera'/ Death do us part, sickness and health." Verdammt.

Was da als Trost taugt? Vermutlich nur, dass dieses Album bleiben wird. (9.0) Dennis Pohl

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Lonnie Holley - "MITH"
(Jagjaguwar/Cargo, seit 21. September)

Lonnie Holley wuchs im Alabama der rassistischen Jim-Crow-Ära als siebtes von insgesamt 27 Kindern auf. Die Frau, die ihn inoffiziell adoptiert hatte, tauschte ihn im Alter von vier Jahren gegen eine Flasche Whiskey ein, zumindest erzählte er das einmal der "New York Times". Kein Wunder, dass Holley, heute 68, sagt, er sei in einem total verkorksten Amerika aufgewacht: "I Woke Up In A Fucked-up America" ist der wütendste Track auf seinem dritten Album "Mith" - ein böses Erwachen aus Martin Luther Kings "I have a Dream"-Rede, in der, so die Utopie, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit wie ein mächtiger Strom über alles Übel hinwegrollen sollten. Holley stellt nun fest: "But I didn't float no town/ And that broke no pound", obwohl die Musik dabei um ihn herum tost und lärmt, und Fanfaren lautstark tuten, als wollten sie Mauern von Jericho umblasen - um diesen mythischen Dammbruch des Guten doch noch auszulösen.

Holley ist eigentlich bildender Künstler und fand erst spät zur Musik, die er sich selbst beibrachte, klimpernd und experimentierend auf dem Piano. Seine Skulpturen formt er aus found objects, die er in seiner Wahlheimat Atlanta sammelt. Diese Methode wendet er auch als Musiker an - so dass sich ein manchmal windschief und brüchig wirkender Sound ergibt, der sich aus Artefakten wie Gospel, Blues, Ambient und elektronischem Noise speist. Darüber und dazwischen spricht, heult, bellt und singt Holley einen Stream-of-Consciousness-Gesang, deren Phrasierung und Stimmfarbe an Leadbelly ebenso erinnert wie an Howlin Wolf, Van Morrison und Tom Waits.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Die über fünf Jahre hinweg mit Hilfe von Improvisationskünstlern wie Laraaji, Shahzad Ismaily Sam Gendel und Richard Swift (siehe oben) entstandenen Songs, ergeben ein Seelenpanorama des afroamerikanischen Amerikas in Zeiten von "Black Lives Matter" und Trumpism - mit tiefer Verwurzelung in afrozentristischen und afrofuturistischen Themen. Das knapp 18-minütige "I Snuck Of The Slave Ship" zum Beispiel, ein schon wegen seiner Länge zentraler Track, ist ein durch die Epochen transzendierendes Update von Gil Scott-Herons "Rivers Of My Fathers" - das allerdings keinen so packenden Flow findet. Holley entzieht sich den Mechanismen von Pop, auch wenn er in "Copying The Rock" Motive des aktuell trendführenden Trap-Raps aufgreift oder mit den beschwingten Jazz-Rhythmen von "There Was Always Water" und "Sometimes I Wanna Dance" durchaus Hüften zum Kreisen und Finger zum Schnippen bringen kann.

Aufregend ist das, was Holley hier wohl weitgehend intuitiv vollbringt, allemal: "I'm a Suspect in America" sinniert er im ersten Stück zu kosmischem Wabern klagend über die andauernde, universelle Kriminalisierung und Marginalisierung seines Volks. Und findet in der "Ghostness of Darkness" dieses abgefuckten Albtraums doch erquickende und spirituelle Momente der Erleuchtung. Oh, to be woke in America. (9.2) Andreas Borcholte

Noname - "Room 25"
(Eigenveröffentlichung via Bandcamp, seit 14. September)

Fatimah Warner hat viel zu erzählen: Gleich in den ersten Minuten ihres zweiten Albums schält sich die Rapperin aus Chicago mehr denkwürdige Zeilen von den Stimmbändern als die meisten ihrer Kollegen in einer ganzen Karriere: "My pussy teachin' ninth-grade English/ My pussy wrote a thesis on colonialism/ In conversation with a marginal system in love with Jesus", rappt die 26-Jährige im Eröffnungsstatement "Self". In "Blaxploitation" geht es weiter: "I'm struggling to simmer down, maybe I'm an insomni-black/ Bad sleep triggered by bad government."

Das ist stark, witzig und ziemlich clever. Aber auch ein wenig wie ein Besuch im Lieblingseisladen: Welcher Flavor verdient meine ganze Aufmerksamkeit? Vielleicht gleich der erste: "Maybe this the album you listen to in your car/ Really questioning every god, religion, Kanye, bitches", erklärt Warner in der ersten Zeile und - könnte ihren Anspruch nicht besser auf den Punkt bringen. Denn was sie dann in gerade mal 33 Minuten abliefert, ist so ziemlich das genaue Gegenteil der grenzdebilen Selbstbeweihräucherungshymnen eines Kanye West.

Stattdessen wühlt sich Warner selbstkritisch und verletzlich durch jeden Winkel des eigenen Daseins. Das führt sie, wie im "Prayer Song", in die düstersten Gefilde des modernen Amerika, zu Polizeigewalt und Bigotterie. Im nur schwer auszuhaltenden "Don't Forget About Me" erzählt sie über die Leiden ihrer an Krebs erkrankten Mutter, an anderer Stelle schafft sie es, so unterschiedliche Themen wie Gentrifizierung und weibliche Sexualität miteinander zu verknüpfen, ohne aufs rhetorische Glatteis zu geraten.

All das ist außergewöhnlich in diesem Genre - und basiert auf drei Konstanten: Warners sattem, von einer zwölfköpfigen Band live eingespielten Sound aus Smooth Jazz und Neo-Soul, ihrem scharfzüngigen Wortwitz - und ihrem betörend-brüchigen Flow, der an Kate Tempest erinnert. "Y'all really thought a bitch couldn't rap, huh?", fragt Warner. Den Gegenbeweis erbringt sie hier mit Leichtigkeit. Trotzdem ist es eigentlich die falsche Frage. Denn Noname liefert mit diesem vielschichtigen, subtilen und herausfordernden Album schlicht einen der originellsten Kommentare zum Zeitgeist der letzten Jahre - egal, welchem Genre oder Stil man es zuordnet. (8.7) Dennis Pohl

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
ROE 26.09.2018
1. Ja er fehlt
Tolle Rezension zum neuen Prince-Album. Meine Freude über jeden richtigen Satz ging am Ende des Artikels über in Melancholie mit einem dicken Kloß im Hals. Ja er fehlt. Gut gesagt. So ähnlich fühlt sich das auch schöne Abschlussstück des Albums an.
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