Abgehört - neue Musik Fiese Sache, dieses Fühlen

Hip-Hop aus Australien? Ja klar! Warum das neue Mixtape der Rapperin Sampa the Great so aufregend ist. Außerdem: Ian Svenonius flüchtet ins Minimale, Dillon ins Blumige - und ein Staatsakt-Sampler verhaftet den Indie-Untergrund.

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Sampa The Great - "Birds And The BEE9"
(Big Dada/Rough Trade, ab 10. November)

Fällt Ihnen spontan etwas zum Thema australischer Hip-Hop ein? Okay, Iggy Azalea vielleicht. Aber sonst? Nein, uns auch nicht. Kein Wunder also, dass Sampa Tambo alias Sampa the Great 2015 eins der besten Mixtapes des Jahres aufnehmen konnte - und niemand es merkte.

"The Great Mixtape" zeigte die in Sambia aufgewachsene Rapperin mit Wohnsitz in Sydney, abgesehen von allen musikalischen und technischen Vorzügen, vor allem als versierte Übersetzerin komplizierter Sachverhalte: "I lived in a box, I underestimated living life larger than myself/ Like who the hell stole the knowledge that I pre-existed previously to myself", rappte sie so pointiert wie poetisch in "Class Trip" über ihre Beschäftigung mit schwarzer Identität. Der Tenor der Kritik war eindeutig: Hier ist sie, die Frau, die Australien auf die Hip-Hop-Weltkarte setzen würde.

Ganz schön viel Druck - dem Tambo nun zwei Jahre später auf ihre Weise begegnet. Denn auf ihrem neuen Mixtape besinnt sie sich radikal auf sich selbst. Auch musikalisch: Wo auf "The Great Mixtape" noch schablonenhafte Versatzstücke von Soul und Funk durch die Tracks rumpelten, ist "The Birds And The Bee9" vom reichen Erbe afrikanischer Musik beseelter Düster-G-Funk: Die Call-and-Response-Tradition ist allgegenwärtig, in Lamellophone-Klängen und slicken Basslinien treffen sich schwarze Musik dies- und jenseits der Diaspora. Doch das klingt viel weniger sonnig, als es sich vielleicht liest. Den Grund liefert Tambo gleich mit: "Feeling shit is hard, man", gibt sie in einem zum Interlude umfunktionierten Interviewfetzen zu Protokoll. Frei übersetzt: Fiese Sache, dieses Fühlen.

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Man glaubt ihr nur zu gerne, dass "The Birds and the Bee9" sie einiges gekostet hat. Denn in 13 Tracks arbeitet Tambo sich schonungslos an großen Themen ab: In "Protect Your Queen" mahnt sie Zusammenhalt in den schwarzen Communities an, "Rhymes To The East" watscht den Diskurs um kulturelle Aneignung ab - und das sieben Minuten lange, betörend groovende "Bye River" verhandelt ihren eigenen steinigen Weg - von Afrika nach Australien und zu sich selbst: "One mask fits all/ But mine is getting/ Uncomfortable", singt Tambo. Denn: "Shit really looks snow white down under/ How're you supposed to be black down under?"

In Zukunft sollte einem also etwas zu Hip-Hop im kulturell schneeweißen Australien einfallen: Sampa the Great nämlich, die sich mit "The Birds And The Bee9" über die Grenzen ihres Kontinents hinweg zu einer wichtigen Stimme aktueller schwarzer Popmusik aufschwingt. Und damit ausgerechnet jemand, vor dem das Land sich wie kaum ein anderes abschottet: eine Einwandererin. (8.2) Dennis Pohl

Escape-ism - "Introduction To Escape-ism"
(Merge/Cargo, ab 10. November)

Ein bisschen fühlt man sich an "Da Da Da" erinnert, wenn in "Crime Wave Rock" das Drumcomputer-Preset lostuckert und -zischt. Keine schlechte Referenz, das 1981 veröffentlichte Debüt der Postpunker aus Großenkneten gehört zu den besten deutschsprachigen Alben ever. Aber das nur nebenbei. Außer der extrem auf reduzierten Klangästhetik scheint das erste Solo-Album des coolen Intellekto-Rock'n'Rollers Ian Svenonius, der sich hier Escape-ism nennt, nicht viel mit Trio zu tun zu haben, dann wiederum folgt der US-Musiker demselben, heute etwas antiquiert wirkenden Anarcho-Spirit vergangener Zeiten des musikalisch formulierten Widerstands.

Andreas Borcholtes Playlist KW 45
SPIEGEL ONLINE

01 Isolation Berlin: Kicks

02 Escape-ism: Almost No One (Can Have My Love)

03 Make-up: Watch It With That Thing

04 James Brown: Escape-ism

05 Sampa The Great: Bye River

06 Dillon: Shades Fade

07 Silvia Kastel: Bruell

08 Helena Hauff: Do You Really Think I Like That?

09 Sudan Archives: Paid

10 Grace VanderWaal: Moonlight

Svenonius, ungefähr um die 50, gehört zu den bekanntesten Überlebenden der New Yorker Punkszene aus Washington D.C.. 1988 gründete er mit Nation of Ulysses seine erste Band, Mitte der Neunziger fusionierte er Hardcore mit James-Brown-Funk und gab schwitzig-hitzige Konzerte mit Make-up. Nach zahlreichen Experimenten und Gastspielen war der gute Kumpel und Ideologieverwandte von Jon Spencer zuletzt mit seiner Fuzz-Rock-Band Chain And The Gang unterwegs. Mit der formalistisch und dialektisch schön durchdachten "Introduction To Escape-ism" (auch ein Brown-Zitat übrigens) tauscht Svenonius das nervöse Post-Rock'n'Roll-Gerumpel, das zu seinem Markenzeichen wurde, nun mit einer überraschenden Stilwendung ins elektronisch Abstrakte. Der Mann, der Bands als "Gangs" bezeichnet und den Gruppengeist der Rockmusik stets mit linkstheoretischen Gedanken zu Arbeitersolidarität im Spätkapitalismus verknüpfte, gibt hier überraschend den solitären DIY-Musiker.

Der Dringlichkeit seiner schneidigen (und schneidenden) Rockabilly-Dekonstruktionen tut das jedoch keinen Abbruch, der Wegfall des Rauschens und des Lärms verstärkt sogar ihre Wucht, etwa in "Lonely At The Top", wenn Svenonius sich über monotonem Pulsieren in eine blutrünstige Autokraten-Figur hineinsteigert und -kiekst, die zwischen Elvis, Macbeth und Trump changiert. Oder Nero, den Svenonius gleich danach mit kratzbürstiger Gitarre in "Rome Wasn't Burnt In A Day" channelt.

Der Eskapismus, den der "most interesting man in Rock'n'Roll" (Washington Post, 2014) hier entwirft, ist die Kälte und Verlorenheit von Machtmenschen, nachdem sie über Leichen und Gefühle hinweggetrampelt sind, Politiker ebenso wie Popostars ("Almost No One (Can Have My Love)". Sie kreisen im düsteren Orbit ihres Ruhms und lauschen den verzerrten Klängen aus dem Äther wie dem aus weiter Ferne krähenden Saxofon in "The Stars Get In The Way". Man hört, und dabei ist man dann doch wieder bei Trio, aus jedem dieser schüttelfrostigen Songs den Sarkasmus und die zu Verachtung hochgezogene Oberlippe, den sneer des Anti-Helden heraus. Svenonius hätte einst Sänger der Allstar-Band Audioslave und richtig berühmt werden können. Hat er abgelehnt. Zum Glück. (7.6) Andreas Borcholte

Dillon - "Kind"
(Pias, ab 10. November)

Von diesig grau zu kühlem Blau zu warmen Brauntönen und Blumen im Haar: Die musikalische Verwandlung der Dominique Dillon de Byington schlägt sich immer auch auf den Cover-Bildern ihrer Alben nieder. Zwar guckt sie ihre Hörer nicht mehr an wie noch trotzig im Wasser auf "The Unknown" vor drei Jahren, aber eine kalte Schulter zeigt sie uns auch nicht mehr; entblößter Nacken und Oberarm deuten vielmehr auf die neu gefundene Offenheit und Souveränität der Wahlberlinerin aus Brasilien hin.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Und das ist eben auch hörbar auf "Kind", das als Vorboten die sonnige Single "Shades Fade" schickte, voller anheimelnder Trompetenklänge, südseeischem Steeldrum-Gebimmel und einer gemächlich auf und ab wogenden Melodie. Anders als auf ihrem aus älteren Songs zusammengesammelten Debüt und auf dem von Ängsten und Blockaden geplagten "Unknown", gehen Gesang und Musik auf "Kind" eine gegenseitig stützende Symbiose ein.

Nichts läuft hier mehr gegeneinander, alles harmoniert, am schönsten in den reduziertesten Stücken des Albums, dem "Lullaby", das sich die chronisch schlaflose Musikerin selbst schrieb (übrigens mit charmantem "Schlaf ein"-Gastbeitrag von Anja "Soap & Skin" Plaschg) - oder in "Te Procuro" das Dillon in ihrer Muttersprache Portugiesisch singt. "The Present", auf dem iPhone in der Küche aufgenommen, verlässt sich dann aber konsequenterweise ausschließlich auf das eigentliche Ereignis dieser fragilen, zum Ende hin auch zirpenden und zuckenden Wolkenträumermusik ("Contact Us", "Killing Time"): Dillons Stimme, die zugleich kindlich, aber immer auch viel älter, brüchiger und weltmüder klingt, als es dem tatsächlichen Alter der Mittzwanzigerin entspricht.

Aber so ist es bisher noch immer gewesen, wenn man sich in Dillons Kompositionen fallen lässt - und diesmal noch wärmer umarmt wird als zuvor: Das Rasen der Zeit, der Moderne, des Alterns, ist für ein paar erleichternde, transzendentale Momente lang außer Kraft gesetzt. (7.7) Andreas Borcholte

Various - "Keine Bewegung 2"
(Staatsakt, seit 3. November)

Schöne Doppeldeutigkeit, einmal mehr: "Keine Bewegung" heißt, es stockt. Nichts geht mehr, und es wird immer so falsch und dumm bleiben, wie es im Moment gerade ist. "Keine Bewegung" kennt man aber auch als Drohung: Kein falsches Wort jetzt, sonst ist Achterbahn. Die Songs auf dem zweiten Sampler des Berliner Staatsakt-Labels kommen aus dem Gebiet zwischen diesen beiden Polen und fühlen sich dort hörbar wohl.

Der erste, vor drei Jahren erschienene Teil versammelte damals noch überwiegend unbekannte deutsche Alternative-Bands, die, alle auf ihre jeweils eigene Art bockig, Einspruch gegen den virulenten Behaglichkeits-Indierock formulierten - vorneweg Schnipo Schranke mit ihrem Jahrhunderthit "Pisse", ein Lied über die Liebe, mit dem man endlich mal wieder reell etwas anfangen konnte. Das Hamburger Frauenduo ist auch beim Sequel wieder mit dabei.

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Das Gesamtbild der Zusammenstellung ist wiederum disparat, aber konzeptuell stimmig. Gemeinsam ist allen Bands und Künstlern, dass sie ein Unbehagen mit der Welt spüren - und das in aufregende Musik formulieren, ohne dabei in Protestgesten oder Empörung zu verfallen. "Das Verbrechen ist nicht, dass ich dabei war/ Das Verbrechen ist, dass ich verstehe", singen die Berliner Newcomer Trucks mit forcierter Dringlichkeit.

Ein weiterer Strang der sich durch den Sampler zieht: "Keine Bewegung" als Diagnose heißt eben auch, dass man an jene Zeit anschließen kann, bevor der Zug Richtung Mitte-Rock abgedampft war und Devianz noch eine vergleichsweise ernste Sache war. Levin Goes Lightly etwa spielen ein verschlafenes Eckensteher-Cover von Iggy Pops "Nightclubbing". Isolation Berlin, neben Drangsal und Friends of Gas (hier mit dem programmatischen "Seltsam schön" dabei) eine der schon bekannteren Bands auf "Keine Bewegung 2", steuern eine deutschsprachige Version von Pulps "Common People" bei: "Sing die Lieder der gewöhnlichen Leute/ Sing mit ihnen/ Vielleicht kommst du damit durch". Kommt man natürlich nicht: "Lach mit ihnen/ Den gewöhnlichen Leuten/ Lach mit ihnen/ Lachen sie auch über dich/ Und die Dinge, die du tust/ weil du denkst, Armut wäre cool".

Alle hier scheinen, wie intuitiv auch immer, um die Widersprüche des eigenen Tuns zu wissen. "Das Placebo wirkt nicht bis zum Ende", singen Trucks in "B-Feld", "dein digitales Atmen holt mich zurück in die reale Welt". Trotzdem ist man abgeklärt und die Stimmung äußerst heiter. (7.0) Benjamin Moldenhauer


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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