Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Alle mal die Klappe halten! Die Londoner Frauen-Postpunk-Band Savages ruft auf ihrem grandiosen Debüt kühl und laut zur Info-Abstinenz auf. Außerdem: Freak-Soul von The Child Of Lov, Austro-Chillwave von Francis International Airport und der Schlafwandler-Triphop von Ghostpoet im Album-Stream.

Liebe Abgehört-Gemeinde,

Kollege Jan Wigger nimmt sich eine verdiente Auszeit. Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Diese Woche: Markus Schneider, Autor u.a. für "Berliner Zeitung", "Tages-Anzeiger", "Rolling Stone".

Savages - "Silence Yourself"
(Matador/Beggars/Indigo, ab 3. Mai)

Manifeste scheinen ja wieder schwer in Mode zu kommen: Nachdem die schwedischen Avantgardisten The Knife zu ihrem umstürzlerischen Monumentalalbum "Shaking The Habitual" eine agitierende Gebrauchsanweisung veröffentlichten, kommen nun Savages aus London mit ein paar Leitsätzen, die sie praktischerweise gleich vorne aufs Cover drucken: "If the world shut up even for a while/ Perhaps we would start hearing the distant rhythm of an angry young tune - and recompose ourselves", heißt es da.

Nun ist die Vier-Frauen-Band aus Nordwest-London nicht die erste, die das mediale Geplapper und Getwitter anprangert, weil es uns mit seinem Sturm der Stimulanzen ablenkt und damit verletzlich und offen für Infiltrationen macht. Für uns Verlorene im Datenreizstrom haben Savages eine programmatische Ansage parat: Maul halten und zuhören! Uns selbst natürlich in erster Linie, aber natürlich gerne auch ihrem Debütalbum, das folgerichtig mit dem Song "Shut up" beginnt: "The world's a dead sorry hole/ And I'm cold, and I'm cold, and I'm stubborn", ruft Sängerin Jenny Beth zornig, ihre Stimme ein zupackendes Heulen, das an Siouxsie Sioux und an Grace Slick erinnert, Heldinnen der weiblichen Selbstermächtigung im Pop.

An Selbstvertrauen mangelt es auch Savages nicht: "I am here/ I won't hide/ I am shouldering you", bietet Beth im zweiten Song "I Am Here" breitschultrig an, dazu donnern strengkontrollierte Drums und Bassläufe zu wütenden Gitarrenriffs, als befänden wir uns plötzlich wieder in der großen Zeit der Agitprop-Wavebands: Wire und Gang of Four, Bauhaus und Joy Division - ein Sound, der so retro ist, dass er fast schon reaktionär wäre, wenn nicht aus jedem dieser nervösen, angespannten auf 39 Minuten komprimierten elf Songs eine rohe Energie hervorbrechen würde, der man sich nur schwer entziehen kann. "City's Full", "Strife", "She Will", "No Face" und das bereits im letzten Jahr als Single veröffentlichte "Husbands" sind Testamente der Angst, der Selbstqual und der Entfremdung, Faustschläge gegen die bunte Wand der medialen Ignoranz und gegen das allgemeine Absterben, um endlich wieder etwas zu fühlen - und wenn es erstmal nur Schmerz ist. Sadomaso-Phantasien wie "Hit Me", das Ehefrust-Drama "Husbands", die Lesbenlust in "She Will" oder die Mordballade "Marshall Dear" sind auch feministische Pamphlete, doch der aufrüttelnde Anspruch von Savages ist nicht genderspezifisch gemeint: Wir alle, Männer wie Frauen, sind auf Facebook und haben dort unser Gesicht verloren.

Was bleibt, ist eine soziale und emotionale Wüste, so karg und leer wie das von tristen mechanischen Geräuschen durchdrungene Instrumental "Dead Nature" in der Mitte des Albums. "The world used to be silent/ Now it has too many voices", heißt es im Savages-Manifest. Dieser Klang einer neuen, wilden und selbstverständlich weiblichen Stimme des Aufbegehrens lässt sich jedoch nicht ausblenden. Gut so. (9.0) Andreas Borcholte

Savages - Shut Up
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Ghostpoet - "Some Say I So I Say Light"
(Pias/Rough Trade, ab 3. Mai)

Als Obaro Ejimiwe 2010 seine erste EP als Ghostpoet veröffentlichte, prognostizierte ein britischer Kollege, er werde seinen Weg zum Erfolg schlafwandeln. Das traf nicht nur Ejimiwes dunklen, mitunter etwas schläfrigen Tonfall über seinen nächtlich lichtlosen Tracks, sondern auf gewisse Weise auch das Schaffen selbst: Der Dichter arbeitete tagsüber als Kundenberater einer Versicherung und bastelte seine Beats nachts allein am Kleinequipment im Schlafzimmer, bis ihn zeitgleich die Entlassung und ein Vertrag beim Brownswood-Label des Acid-Jazz-Erfinders Gilles Peterson ereilte.

Nach dem immerhin per Mercury-Prize-Nominierung zertifizierten Erfolg seines Debütalbums "Peanut Butter Blues and Melancholy Jam" (2011) gönnte sich der 30-Jährige aus der Industriestadt Coventry für sein zweites Album nun sogar einen Produzenten. Richard Formby, aufgefallen durch den elektronisch stimmungsvollen Indiepop der Wild Beasts und gerade eben mit dem romantischen Popstep Darkstars, hat dabei offenbar zunächst Ghostpoets Perspektive gewinnbringend verengt. Nicht, dass die unruhig zischelnden, verkanteten Beatnik-Anmutungen des Debüts nun gänzlich verschwunden wären - nur fügen sie sich ebenso wie die massig hallenden Dubstep-Motive, die knirschend-metallenen HipHop-Beats und auch rockigen Rhythmen zu einem in sich stimmigen Neo-TripHop. An den fiebrigsten Enden schleichen dann um Ghostpoets Spoken Words sehnsüchtige Damenstimmen, oder es entstehen vor dem inneren Auge Industrievororte aus Hochhaussiedlungen und Autobahnzubringern.

In den etwas tagoffeneren Stücken wie "Dorsal Morsel" hört man einen gummiartigen, minimalistischen Loop oder - in "Plastic Bag Brain" - einen seltsamen Afrobeat mit komplex voraneilenden Drums von Tony Allen über einer leiernd juju-förmigen Gitarrenschlaufe. In den meisten Tracks mäandert Ghostpoets Stimme jedoch zu dysplastischen Rhythmen voll trügerischer, pochender, kreischender und knirschender Geräusche durch suggestiv befragte Beziehungsenden und undeutliche Zukunftsangst. Dabei wirkt er einerseits weniger gottverlassen als etwa der Tricky von "Maxinquaye", aber auch nicht so zutraulich erwärmt wie Bassmusik-Crooner wie James Blake oder The xx. Von den aktuellen modernistischen Entwürfen unterscheidet er sich zudem durch eine gewisse Flächigkeit. Ghostpoet schichtet seine Spuren, wo sie sich in den Dubstep-nahen Künsten im Raum gegenüber stehen. Das konzeptuelle Kernstück ist daher vermutlich das zugleich industriell-elektronische und rockig wüstenhaft schwellende, vom Post-Punk-Jazzer Charles Hayward dicht betrommelte "Sloth Trot": Faultiertrab statt Schlafwandlerei.

"Some Say I So I Say Light" gibt die übermüdete Zerstreutheit auf und schaut in die Welt mit zweifelnder, aber konzentrierter Umsicht. (7.3) Markus Schneider

Ghostpoet - Albumstream "Some Say I So I Say Light"
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"Some Say I So I Say Light" "-Clip von Ghostpoet auf tape.tv ansehen

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The Child Of Lov - "The Child Of Lov"
(Domino/Goodtogo, ab 3. Mai)

Einem Mann, der die Session- und Live-Legende Pino Palladino (neulich im "Guardian") zu seinem Lieblingsbassisten erklärt, kann man natürlich erstmal nichts übelnehmen. Zum Glück bietet aber auch das Debüt-Album von Cole Williams als The Child Of Lov nicht viel Anlass zum Meckern. Man könnte allenfalls bemängeln, dass er es (noch) nicht geschafft hat, einen ähnlich Sucht induzierenden Über-Hit wie Ginuwines "Pony" oder D'Angelos "Brown Sugar" zu schreiben, denn aus diesem lasziv rumpfschüttelnden Neo-Soul-Spektrum der Neunziger schöpft die Musik des in Amsterdam lebenden Engländers. Wie gesagt, noch nicht, denn Stücke wie das überkandidelt dahingekrähte "Give Me", der in der Zwangsjacke umherspringende P-Funk von "Heal" oder das sakral orgelnde "Fly" haben allemal das Zeug, Floorfiller-Klassiker in der Hipster-Disko zu werden. Die gewisse Überdrehtheit, die im interessanten Kontrast zu den strengkontrollierten und reduzierten Arrangements verschiedenster Elektro-Geräusche und -Beats steht, einem klappernden, scheppernden Seelen-Groove, kommt nicht von ungefähr, denn kein Geringerer als der Mann, der einst Dangermouse und Cee-Lo Green zu Gnarls Barkley machte, übernahm das Management des Newcomers. Trey Reames dürfte es auch zu verdanken sein, dass Williams' Debüt mit hochkarätigen Gastauftritten garniert wurde, darunter Damon Albarn (im langsam dahintorkelnden Requiem "One Day"), Flying-Lotus-Buddy Thundercat und HipHop-Avantgardist MF DOOM. Auf "The Child Of Lov" versammeln sich also Soul-Sensibilität, Funk-Gefühl, das Bootsy Collins ebenso einschließt wie Prince, sowie zeitgeistige Post-HipHop-Kompetenz - eine durchaus faszinierende Mischung. Williams, ein eher schmächtiges Weißbrot, glaubt man den wenigen Bildern, die es von ihm gibt, kariolt dazu mit bröckelnder, hochgepitchter Stimme durch seine Texte, als wäre Ol' Dirty Bastard als Gospelsänger auferstanden. Das beste Album aus diesem Genre, nennen wir es Freak-Soul, seit Jamie Lidells "Compass". No diggity. (7.5) Andreas Borcholte

The Child of Lov - Give Me
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Francis International Airport - "Cache"
(Siluh/Cargo, ab 3. Mai)

Dass hier Nerds am Werk sind, merkt man schon am Bandnamen: Francis International Airport ist ein fiktiver Flughafen aus dem Computerspiel Grand Theft Auto nahe der ebenfalls fiktiven Stadt Liberty City. Sehr sympathisch, das. Gar nicht nerdig, aber dafür sehr digital kommt das zweite Album dieser unwahrscheinlicherweise aus Österreich stammenden Band daher: Schwebende, schwelgende Klanglandschaften aus Computern und Synthesizern dienen als Kulisse für träumerische, romantische Sehnsuchtslieder, die Sänger Markus Zahradnicek heiser und melancholisch klagend vorträgt. Klingt wie jede beliebige Indie-Combo, die sich zeitgeistig aufs Elektronische verlegt hat? Einerseits ja, und beileibe nicht alles auf "Cache" hält die Euphorie aufrecht, die Songs wie das silbrig durch die Nacht stürmende "The Right Ones" oder das mit Space-Synthies jubilierende "Pitch Paired" auslösen. Andererseits besitzen der sensible Songwriter Zahradnicek und seine Kollegen ein Gespür für Pop-Atmosphären und melodische Hooks, das vielen neueren Vertretern dieses Emo-Indie-Softcore-Genres (vielleicht auch: Chillwave) abgeht. Pate standen mehr noch als beim gitarrenorientierten Debüt die Achtziger-Ikonen des Synth-Pops: Heaven 17 ("Pitch Paired", "Diorama"), Talk Talk ("March") und Pet Shop Boys ("Sulfur Sun") klingen durch, werden aber in einen überraschend originären Sound übersetzt, der von den Klangexperimenten der Weilheimer Schule ebenso beeinflusst ist wie vom Artrock der Siebziger. FIA haben den Mut, ihre elegische Sehnsucht ohne ironische Brechung auszuleben und verzichten auch darauf, ihr gereiftes kompositorisches Können kraftmeierisch auszustellen - ohne dabei im Kitsch kleben zu bleiben. "Cache" ist ein Album, das allergrößte Wärme bei allergrößter Distanziertheit verströmt, Musik wie ein diffuses, strahlend helles und verlockendes Leuchten, das einen umhüllt, aber ungreifbar bleibt. Diese auf Synthieflächen gebettete Kokon-Gefühligkeit ist groß in Mode, vor allem bei gestressten US-Großstädtern, die vorzugsweise Neon Indian, Washed Out oder Bon Iver als aurales Schnuffeltuch benutzen. Vielleicht demnächst aber auch Francis International Airport. Der Austria-Exoten-Bonus kommt bestimmt total gut in Williamsburg. (6.7) Andreas Borcholte

Francis International Airport - The Right Ones
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insgesamt 2 Beiträge
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1. ?
meatincans 03.05.2013
"Frauen-Postpunk-Band Savages" - was soll das? Redet ihr im Aufmacher sonst auch von der "Männer-Postpunk-Band Gang of Four"? Oder habe ich bis jetzt nicht genug darauf geachtet, dass hier Sexisten schreiben?
2.
_oasis_ 03.05.2013
Zitat von meatincans"Frauen-Postpunk-Band Savages" - was soll das? Redet ihr im Aufmacher sonst auch von der "Männer-Postpunk-Band Gang of Four"? Oder habe ich bis jetzt nicht genug darauf geachtet, dass hier Sexisten schreiben?
Sexisten, pah, hier im SpOn - durchgegendert trifft's! Alles pc, so schaut's aus. :)
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 18
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Savages: Silence Yourself

    2. Thee Oh Sees: Floating Coffin

    3. Francis International Airport: The Right Ones (Track)

    4. Siouxsie & The Banshees: Join Hands

    5. Wire: 154

    6. Gang of Four: Solid Gold

    7. Primal Scream: More Light

    8. The National: Trouble Will Find Me

    9. Anna von Hauswolff: Ceremony

    10. Eagles: History Of The Eagles (Boxset)


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