Abgenickt Die Synthie-Wand hochgehen

Das stolpert und scheppert, rumpelt und kracht: Südstaaten-Rap und Discofunk sind vielleicht nicht subtil, machen aber Spaß und Beine. Zur Entspannung gibt's erdigen Soul und erwachsenen Deutschrap. Das Beste aus HipHop, Soul und R'n'B - zum Lesen und Reinhören.

Von Daniel Haas


Lil' Wayne: "Tha Carter II"
(Universal)

Erinnert sich noch jemand an das Destiny's-Child-Video zu "Soldier"? Die drei R'n'B-Diven stöckelten kokett zwischen Bentleys und Dobermännern hin und her und schwärmten solange vom soldatischen, also harten Kerl, bis dieser Gestalt annahm: Lil' Wayne schlurfte ins Bild, nuschelte ein paar Verse und ließ den Zuschauer ratlos zurück. Wer war dieser kleine, drahtige Typ, der so gar nicht ins Bild des Pop-Schönlings passte? Dessen Rapstil noch schleppender war als der von 50 Cent und dessen Blick sich im Nichts verlor, selbst wenn er direkt in die Kamera starrte? Lil' Wayne ist in Amerika ein Superstar und der Beweis, dass Südstaaten-Rap sein Hinterwäldler-Image endgültig abgelegt hat. Die alte Zweiteilung des HipHop-Territoriums in Ost- und Westküste ist eigentlich schon länger passé. Cash Money Records, bei denen Wayne unter Vertrag ist, und das Konkurrenz-Label No Limit beliefern die amerikanischen Fans seit den frühen Neunzigern mit ihrem rauen, Strip-Club-kompatiblen Sound.Als der Südstaaten-Produzent Lil' Jon vor zwei Jahren den Usher-Hit "Yeah" mit wummernden Bässen und sägenden Synthies aufmotzte, wurde der so genannte Crunk-Stil auch in Europa populär. D'Wayne Carter alias Lil Wayne ist nicht nur ein Soldat, sondern ein Veteran dieses Genres: "Tha Carter II" ist bereits sein viertes Album, und auch diesmal erzählt er schnoddrig vom spätkapitalistischen Drama zwischen Hustling und Party, Beef und Bling. Bling Bling, der mittlerweile im Oxford Dictionary verzeichnete Slang-Begriff für protzigen Schmuck, geht übrigens aufs rhetorische Konto von D'Wayne und seinem Rap-Kollegen B.G. Sie verwendeten das Wort erstmals 1999 in einem Song. Rap-Kämpfer, Wortschöpfer - das lässt sich hören.

Anthony Hamilton: "Ain't Nobody Worryin'"
(Zomba/SonyBMG)

Auf dem CD-Cover schaut er am Betrachter vorbei, die Tweedmütze tief ins Gesicht gezogen. Das laszive Spiel mit Lockung und Verweigerung, mit dem sich so viele Pop-Stars in Szene setzen, interessiert ihn nicht. Er präsentiert keine Muskeln, kein Waschbrett, keine Limousinen, keinen Schmuck, keine erbeuteten Frauen. Profil statt Protzerei ist die Botschaft dieser Haltung.Dass man mit ihr in Amerika zum Soulstar werden kann, ist schon ein kleines Wunder: Der aktuelle R'n'B wird bestimmt von fetten Beats und dünnen Stimmchen, von Jüngelchen, die zwischen Dancefloor und Sportwagen nie erwachsen werden dürfen, und von dirty old men, die Testosteron für anti-aging-Kosmetik halten. Hamilton passt hier eigentlich nicht ins Bild: Seine Stimme ist rauchig und erwachsen; seine Themen sind anspruchsvoll, handeln von Beziehungskrisen und Selbstzweifeln, von Armut und Diskriminierung. Sony BMG haben das dritte Album der ehemaligen Background-Stimme von D'Angelo und Angie Stone sang und klanglos auf den Markt gebracht. Hat man kein Vertrauen, dass sich R'n'B auch hierzulande ohne das marktgängige Tuning mit HipHop-Sounds behaupten kann? Glaubt man, dass die Erdung von Soul mit Blues, seiner Mischung aus Realitätssinn und Weltschmerz, schlecht ist fürs Geschäft, weil sich bislang Machismo am besten auf Money reimt? Vielleicht ist Hamilton das längst fällige Korrektiv dieses Kalküls. Schmachtend und raunend macht er Southern Soul zum groovenden Gegenspieler des Neo-Souls. Der erstarrt in Formelhaftigkeit, dudelt von Motown-Zitat zu Motown-Zitat, während Hamilton an uns vorbeischaut, um uns mitten ins Herz zu treffen.


Various: "Nighttime Lovers. Volume 3"
(Ptg Records/Just Records Babelsberg)

Anfang der Achtziger - HipHop mauserte sich vom Straßenkind zum Partylöwen, Disco hörte endgültig auf, ein schwules Underground-Phänomen zu sein - begann auch Soul, mit den neuen Technologien zu flirten. Drumcomputer, Synthesizer - was ließ sich nicht alles mit ihnen anstellen! Man konnte die Zuhörer mit Sound-Wänden aus dem Keyboard einmauern und ihnen dazu mit krachenden Beats den Marsch blasen. Und ließ man die Synthie-Bässe nur tief genug wummern und die Gitarren nur cool genug ihre knackigen Riffs abfeuern, dann vermählten sich Funk, Disco und Soul zum perfekten Dance-Sound jenseits der Disco-Monotonie.Anders als in Deutschland, wo das Achtziger-Soul-Revival noch aussteht, leistet man in England und Holland seit geraumer Zeit archivarische und missionarische Arbeit. Im Inselreich veröffentlichen Star-DJs wie Richard Searling regelmäßig Sampler mit Perlen aus der Hochzeit des Dancefloor-Hedonismus. In Holland hat Ferry Maat mit seiner "SoulShow" Kultstatus erlangt.Seine "Nighttime Lovers"-Compilations, hierzulande vom Berliner Label Just Records Babelsberg tapfer gegen alle Widerstände des Zeitgeists vertrieben, sind die klangliche Entsprechung der Discokugel: Schillernd und facettenreich spiegeln sie den Reichtum dieses Genres zwischen Sex und Coolness, Eskapismus und Naivität. Rufus, Brothers Johnson, Enchantment und Simplicious sind die heute vergessenen Hitlieferanten dieser Ära, und wer Lust hat, Pop ohne das vulgärpostmodernistische Augenzwinkern einschlägiger Chartshows zu entdecken, wird diese Sammlung buchstäblich bewegend finden.

Pyranja: "Laut & Leise"
(Pyranja Records/Groove Attack)

"Ich habe mich immer durchgebissen, deshalb der Name", hat sie im Interview erklärt, und dass Pyranja, mit bürgerlichem Namen Anja Käckenmeister, Zähne zeigen kann, daran besteht schon seit "Wurzeln und Flügel" (2003), ihrem ersten Album, kein Zweifel. Sie kommt aus Rostock Lichtenhagen, dem "deutschen South Central an der Ostsee", wie in der Pressemitteilung halb ironisch, halb ernst zu lesen ist. Dort fing sie als Sprayerin an, dann kam Breakdance, mit 16 begann sie zu rappen.Pyranja ist also eine grande dame der deutschen HipHop-Szene, nur hat es noch keiner gemerkt. Vielleicht ändert das ja ihr Beitrag für Stefan Raabs Bundesvision Songtext. Dort repräsentiert sie Mecklenburg Vorpommern mit der HipHop-Ballade "Nie wieder". Man hätte sie allerdings schon viel früher entdecken können: Mit ihren ersten beiden Alben, mit denen sich die Rapperin mal als femme fatale, mal als Gesellschaftskritikerin in Szene setzte. Oder in Till Hastreiters HipHop-Film "Status Yo!" (2004), in dem sie einen kurzen Auftritt hatte.Pyranjas Reimkunst ist solide; sie ist keine Wortakrobatin wie Banjo, die Schock-Rhetorik der Aggro-Berliner liegt ihr ebenso wenig wie bemüht kunstsinniges Storytelling à la Curse. Dafür sagt sie mit schnörkelloser Diktion und ihrer charakteristischen, immer leicht pampigen Stimme, was Sache ist: in Beziehungen, in der Gesellschaft, zwischen Männern und Frauen. Mit dieser wenig skandalösen, unaufgeregten Art bleibt Pyranja vielleicht ein kleiner Fisch im hiesigen Pop-Geschäft, aber wenigstens einer mit Biss.



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