Abgenickt Man verspricht Deutsch

R&B aus Deutschland klang bisher bemüht oder peinlich. Der vielversprechende Sänger Valentin Stilu könnte das Genre retten. Außerdem ezxellenter HipHop von Snoop Dogg, The Game und Jazzy Jeff. Zum Lesen und Reinhören.

Von Daniel Haas


Valentin Stilu: "Supastereo"
(Leifstyle/Indigo)

Sänger Stilu: R&B auf Deutsch
Valentin Stilu

Sänger Stilu: R&B auf Deutsch

Deutscher R&B? Klang oft peinlich, bemüht, für Pop zu ambitioniert, für Soul nicht lässig genug. Und dann die Texte: trivial oder zu literarisch. Und jetzt, endlich: Valentin Stilu. Ein Hamburger, der es schafft, die Stillagen des afroamerikanischen Pop ins Deutsche zu übersetzen auf eine noch nicht da gewesene, vom ersten bis zum letzten Takt stimmige Weise.

Wo steckte dieser Mann eigentlich, als man ihn am dringendsten brauchte? Als die unsäglichen Casting-Klone glaubten, ein HipHop-Beat und ein paar Juchzer würden ausreichen, um R&B hierzulande salonfähig zu machen? Für diesen, am Rap und seiner Aggressivität einerseits, an Pop und seiner Versöhnlichkeit andererseits geschulten Sound ist mehr nötig als ein bisschen Stimme und viel Sampler. Gefragt sind Intuition und Groove, Stilsicherheit und Mut zum Trivialen, ohne trivial zu sein. Über all diese Qualitäten verfügt Stilu in höchstem Maß.

Wo steckte er also? Die PR-Leute verraten: Er hat sich als Produzent und Songschreiber verdingt (unter anderem für Yvonne Catterfeld) und trat bereits 2001 mit dem Song "Das Spiel" in Erscheinung. Aber es war ein Album wie "Supastereo" nötig, um ihn als deutschen …nein, keine Vergleiche, weil Namen doch nur ablenken von der Tatsache, dass hier ein Künstler Deutsch fürs Urban Genre erobert - und umgekehrt.

Mit "Supastereo" und seinen zehn exzellenten Songs (Midtempo, Ballade, Dance Track - jede Spielart ist perfekt inszeniert) wird klar: R&B ist die angemessene Form des metropolitanen Pop, der Soul einer Großstadtjugend, deren Protagonisten nicht selten Migranten oder Migrantenkinder sind. Der rumänisch-stämmige Hamburger Stilu, der Deutschtürke Muhabbet aus Köln und demnächst Jasmin Shakeri, eine Berlinerin mit iranischen Eltern: sie zeigen, wie deutscher R&B zu klingen hat. Sexy, offensiv, weltoffen.


The Game: "Doctor's Advocate"
(Interscope/Universal)

Rapper The Game: Musikalischer Brief an den Vater
Jonathan Mannion

Rapper The Game: Musikalischer Brief an den Vater

"Das beste HipHop-Album des Jahres", schrieb die "New York Times", und das obwohl die beiden Großrapper Jay-Z und Nas ihre Platten noch gar nicht veröffentlicht haben. "The Doctor's Advocate" ist tatsächlich ein herausragendes Werk, ein Konzeptalbum mit einem tragenden - und tragischen - Thema.

Es geht um Game und seinen musikalischen Ziehvater, den Produzenten Dr. Dre, der den Rapper vor zwei Jahren entdeckte und sein Debüt "The Documentary" zum Millionenseller machte. Es folgte eine Fehde mit dem Labelkollegen 50 Cent, neben Eminem, Snopp Dogg und Game ein weiterer Schützling des Rap-Doktors. Am Ende brach die heilige HipHop-Familie auseinander. Streit, sogar Schießereien zwischen Game- und 50-Cent-Anhängern; Funkstille mit Dr. Dre.

"The Doctor's Advocate" ist eine einzige Loyalitätsbekundung des verlorenen Sohns gegenüber seinem früheren Mentor und darüber hinaus eine musikalische Selbstkasteiung, wie sie das Rap-Geschäft noch nicht hervorgebracht hat. "Es tut mir leid, dass ich dich im Stich gelassen habe", erklärt The Game im Titeltrack, "ich würde jederzeit eine Kugel für dich kassieren."

Weil Dr. Dre seit den frühen Neunzigern der maßgebliche HipHop-Stilist der Westküste ist, erweist auch das Album dem West-Coast-Sound bis in die letzten Takte hinein Reverenz. Fiepende Synthies, knappe Hooks, soulig schmachtende Refrains: Der Advokat des Doktors verhilft Los Angeles zu seinem Recht, ein Epizentrum der Rap-Kreativität zu sein.


Various: "HipHop Forever III"
(!K7 Records/rough trade)

DJ Jazzy Jeff: Geschichtsstunde mit Beats
bbe

DJ Jazzy Jeff: Geschichtsstunde mit Beats

Rap für immer? Das klingt nach Zeitenthobenheit und Klassizität, nach Museum. Dabei ist doch gerade HipHop die Popform, die sich am schnellsten wandelt und unter höchstem Konkurrenzdruck steht. New York und L.A., Atlanta und Houston, immer wieder verschieben sich die Zentren der Innovation, erobern neue Sounds die Szene.

Die "HipHop Forever"-Reihe ist so gesehen ein antiquarisches Projekt, präsentiert von einem Künstler, der als Sachwalter des Guten und Wahren im Rap fungiert und dabei zugleich als Avantgardist des Genres gilt. Jeffrey Allen Townes alias DJ Jazzy Jeff machte in den frühen Achtzigern Philadelphia zur HipHop-Hochburg und kreierte mit neuen Scratch-Techniken und überragendem Gespür für Jazz- und Soul-Samples einen eigenen Sound of Philly.

Ausflüge ins Pop- und Entertainmentfach - mit Will Smith bildete er das Duo Jazzy Jeff & Fresh Prince und trat auch in dessen TV-Serie "The Fresh Prince from Bel Air" auf - gehören zu Townes' Karriere ebenso wie die Produktion des Soul-Albums "Who Is Jill Scott", das den Aerobic-R&B der Neunziger wenigstens zweitweise entsorgte.

"HipHop Forever III" ist ein Rundblick in knapp zwei Jahrzehnte Rap-Geschichte, die Jazzy Jeff diesmal mit den Heroen der achtziger Jahre (Marley Marl, Eric B & Rakim) beginnen und mit den Stars der Neunziger, Mobb Deep, Gangstarr und Redman ausklingen lässt. Eine persönliche und doch umfassende Leistungsschau - und eine wunderbare Geschichtsstunde für junge und nicht mehr ganz so junge HipHop-Heads.


Snoop Dogg: "The Blue Carpet Treatment"
(Interscope/Universal)

HipHop-Star Snoop: Reviere markieren
Anthony Mandler

HipHop-Star Snoop: Reviere markieren

Gauner, Clown und Aktivist: Calvin Broadus alias Snoop Dogg ist die schillerndste Erscheinung des Gangsta Rap. Seit seinem Debüt im Jahre 1994 hat sich der Westküsten-Rapper zu einer Medienfigur entwickelt, die wie ein Blockbuster funktioniert: Für alle Zielgruppen ist etwas dabei.

Snoop setzte sich für die Begnadigung des geläuterten Gangsters Stanley Tookie Williams ein (der letztes Jahr hingerichtet wurde) und fabrizierte großartigen Pop mit dem Fashion-Bubi Justin Timberlake. Er rief den Friedensgipfel "Protect the West" zur Versöhnung feindlicher Gangs ins Leben und gab Sexfilme heraus. Der HipHop-Hund markierte nicht ein, sondern gleich mehrere Reviere - von Sozialkritik bis Porno.

Auch musikalisch wechselt Snoop die Attitüde. Sein letztes Album, "Rhythm & Gangsta", setzte den Akzent auf eingängige Melodien und schuf mit Soul und R&B-Zitaten eine schwingende Verbindung von Pop und Rap. Jetzt rollen wieder schwere Bässe über lässige Midtempo-Beats; dazu gibt's funkige knappe Riffs und den näselnden Flow des Meisters.

Thematisch bewegt man sich zwischen Ghetto-Krieg ("Vato", "Lil' Crips") und Whirlpool-Träumereien ("Think About It", "Crazy"); die Gästeliste ist imposant, sogar Dr. Dre steuert ein paar Reime bei. Das Stück heißt "Imagine" und malt eine Welt ohne HipHop aus - ein Szenario des Elends, in dem Schwarze noch weniger Chancen haben als heute. Wie gut, dass Snoop und seine Mitstreiter es nicht so weit kommen lassen.



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