Abgenickt Weihnachtsblues? Schnee von gestern!

Gegen den Blues zur Weihnachtszeit haben wir was: R'n'B von Floetry, Jazz von Anita Baker, HipHop von Curse und ein exzellenter Soulmix von Star-DJ Richard Searling. Bei Abgenickt - zum Lesen und Reinhören.

Von Daniel Haas


Floetry: "Flo'ology"
(Geffen/Universal)

Patti Labelle erklärte, sie sei Floetrys größter Fan. 50 Cent soll zu einem ihrer Auftritte gepilgert sein, nur um zu versichern, dass er ihre Songs zur Einstimmung vor den eigenen Konzerten höre. Michael Jackson und Earth, Wind and Fire gaben Stücke bei ihnen in Auftrag. Sechsmal waren sie für den Grammy nominiert. Und dennoch gilt das Soul-Duo immer noch als Geheimtipp.Warum? Vielleicht, weil Natalie Stewart und Marsha Ambrosius, anders als ihre berühmten Kolleginnen Erykah Badu, Angie Stone und Jill Scott, weniger das Image der leidenden, liebenden oder engagierten Soul-Queen kultivieren, sondern als Handwerkerinnen des Genres einfach exzellente Songs abliefern. Ihr Debüt, "Floetic", gilt als einer der Meilensteine des so genannten New Soul, der seit den Neunzigern stilprägenden Verbindung von HipHop, Jazz und traditionellem Rhythm and Blues.Ihr neues Album "Flo'ology" besticht wie seine Vorgänger mit eingängigen Beats, komplexen Harmonien und klugen Texten; als Produzenten wurden unter anderem Dr. Dres Zögling Scott Storch (Lil' Kims Hit "Lighters Up" stammt von ihm) und der Sänger Raphael Saadiq verpflichtet. Der ist auch einer jener stillen, zurückhaltenden Künstler, die hierzulande noch entdeckt werden müssen. In England, wo Soul viel prominenter im Popgeschäft vertreten ist, sind Floetry (und auch Saadiq) Superstars; das Zentralorgan der Szene, "Blues and Soul", widmete ihnen unlängst die Coverstory. In Deutschland konzentriert man sich auf Alicia Keys und allenthalben Mary J. Blige. Deren Album kommt übrigens Mitte des Monats heraus. Bis es soweit ist: Floetry hören.

Anita Baker: "Christmas Fantasy"
(Blue Note/EMI)

Weihnachts-CDs gehören zum guten Ton in der afroamerikanischen Popmusik. Mit einem so genannten Holiday-Album beweist man, dass man bekannt genug ist, die immer gleichen Gassenhauer des Christfests noch einmal einzuspielen. Von Otis Redding über Diana Ross bis zu Destiny's Child und Ashanti reicht die Reihe der Weihnachtssampler. Sogar das berüchtigte HipHop-Label Death Row Records veröffentlichte 1997 eine Festtags-Compilation. Das Logo der Firma wurde hierfür leicht abgewandelt: Statt eines Delinquenten mit Kapuze über dem Kopf saß der Weihnachtsmann auf dem elektrischen Stuhl.Anita Baker hat mit derlei Provokationen nichts am Hut. Ganz so, wie es einer Soul-Diva angemessen ist, präsentiert sie auf ihrer "Christmas Fantasy" traditionelles Liedgut. Überraschend ist hier weniger die Auswahl der Stücke - Weihnachtsklassiker wie "Frosty The Snowman" gehören ebenso ins Programm wie der Jazz-Evergreen "My Favourite Things" - als vielmehr die exzellenten Arrangements. "Christmas Fantasy" ist ein überraschend elegantes Jazz-Album, das man, von den Texten abgesehen, das ganze Jahr über hören kann. So lässt sich mit Baker die Sammlung an Holiday-Alben ergänzen, die sich der Autor im Lauf der Zeit zugelegt hat. Die Platte bekommt hier einen Ehrenplatz - gleich neben dem Weihnachtsalbum von James Brown aus den sechziger Jahren. Das klingt übrigens streckenweise ziemlich kritisch: In seinem Song "Santa Claus Goes Straight To The Ghetto" schickt der Godfather des Funk den Weihnachtsmann persönlich zu jenen Kids, die nicht aus-, sondern einpacken können, weil ihnen niemand eine Chance gibt.

Various Artists: "Soul Togetherness 2005"
(Expansion/Rough Trade)

Das englische Expansion-Label ist eine der ersten Adressen für Soulmusik weltweit. Sein Chef, der Star-DJ Richard Searling, gehört zu den Ikonen der Szene, seine Veranstaltungen sind legendär. Spezialisiert hat man sich bei Expansion auf den so genannten Modern Soul, also den Sound der Siebziger bis heute, wobei der am HipHop orientierte R'n'B weitgehend ausgespart bleibt.Der "Soul Togetherness"-Sampler erscheint seit 2000 einmal pro Jahr, immer im Anschluss an die gleichnamige Wochenendveranstaltung, zu der Searling alte und neue Stars des Genres einlädt. Diese Mischung aus Traditionsbewusstsein und dem unbedingten Willen zum Abtanzen bestimmt auch die fünfte Compilation. Natürlich erweist man dem dieses Jahr gestorbenen Luther Vandross die Reverenz und präsentiert mit Keyshia Coles "Never" und Ledisis "My Sensitivity" gleich zwei Cover-Versionen des Meisters. Dazu kommen Up- und Midtempo-Perlen der siebziger, achtziger und neunziger Jahre - alles in allem eine exzellente Mischung jenseits des mit Rap-Einsprengseln gepimpten Testosteron-Souls, wie er durch einschlägige MTV-Clips wummert.

Curse: "Sinnflut"
(Alles Real Records/SonyBMG)

Als in den Pariser Vorstädten die Autos brannten, war Rap in aller Munde. Das Genre gilt nach wie vor als Medium der Unterdrückten und Enttäuschten, ein von Migranten geprägter Sound, in dem kulturelle und soziale Spannungen den Ton angeben. Kein Wunder also, dass die Medien französische MCs zur Lage der grande nation befragten. In Deutschland machte unterdessen der Rapper Bushido von sich Reden - mit einer Anklage wegen Körperverletzung und seinem neuen Album "Staatsfeind Nr. 1", auf dem genau die Themen zur Sprache kamen, die auch in Frankreich für Zündstoff sorgten: Wut, Angst, Hoffnungslosigkeit.Auch Curse spricht auf seinem neuen Album von der sozialen Misere, anders als sein Berliner Kollege sind seine Songs allerdings nicht bestimmt vom Nihilismus der Hauptstadt-Reimer, sondern von Hingabe ja Pathos. "Liebe für alle Menschen da draußen, die hoffen, nicht mehr kämpfen zu brauchen", heißt es in dem Song "Show Love", und genau diese Direktheit hat man dem Mindener Rapper, bei aller Bewunderung für seine Technik, immer wieder vorgeworfen. "Persönlicher als man sich das wünschte, pathetischer als man es vertrug, dogmatischer, als man es brauchte", schrieb das HipHop-Magazin "Juice" anlässlich von Curse' Debüt im Jahr 2000."Sinnflut" besticht wieder mit genau dieser Mischung aus Engagement und Eigensinn. Statt der immer gleichen Selbststilisierungen als Über-Gangster und Superpimp, die den Hauptstadt-Rap oft so öde machen wie Plattenbauten im Märkischen Viertel, entwirft sich Curse als melancholisch-kritischer Geschichtenerzähler. Natürlich waren es Sido, Bushido und die vielen anderen MCs aus Berlin, die dem deutschen HipHop ein den Verhältnissen entsprechendes Design verpassten. Aber Curse ergänzt diesen Chor der Härte mit einer Stimme der Empathie - eine Qualität, die nicht nur die Rap-Szene gut vertragen kann.



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