Abschied von R.E.M.: Die Dinosaurier sind müde

Von Arno Frank

Sie kamen vom Alternative-Rock und landeten mitten im Mainstream: Dieser Weg brachte R.E.M. viel Erfolg - aber am Ende keinen künstlerischen Fortschritt mehr. Jetzt trennen sich die Bandmitglieder, freundlich und satt wie nach einem langen Bankett.

Selten hatte ich ein so katastrophales Interview geführt wie im Sommer 1998 mit Mike Mills und Peter Buck. Eben hatten mir der Bassist und der Gitarrist von R.E.M. auf einem Sofa im Waldorf Astoria gegenüber gesessen, um über das neue Album "Up" zu reden. Wobei von "reden" keine Rede sein konnte. Peter Buck machte sich keine Mühe, seine Langeweile zu unterdrücken. Er hockte reglos hinter seiner Sonnenbrille und antwortete nicht einsilbig, sondern keinsilbig. Mehr als ein Schulterzucken oder ein maliziöses Lächeln waren ihm nicht zu entlocken. Manchmal legte er den Kopf schief, was interessiert wirkte, wahrscheinlich aber nur der Dehnung seiner Halsmuskeln diente.

Sein Verhalten war so offen aggressiv und verächtlich, dass ich mich umso mehr an Mike Mills klammerte. Dessen Höflichkeit aber war viel zu unverbindlich, um hilfreich sein zu können. Der Mann grinste alle Fragen auf meiner langen Liste einfach weg oder gab sie an Peter Buck weiter, der dann schweigend den Kopf schief und die Stirn in Falten legte.

Es waren meine qualvollsten 45 Minuten als Musikjournalist.

Und wahrscheinlich würde es gleich noch schlimmer kommen. Ich wurde in eine andere Suite gelotst und wartete dort auf Michael Stipe. Und wartete. Und schwitzte. Und haderte. Ich starrte aus dem Fenster und fragte mich, woher die Misere mit Buck und Mills gerührt hatte. Vielleicht daran, dass kürzlich erst Schlagzeuger Bill Berry ausgestiegen war und damit die Stimmung innerhalb der Band nachhaltig ins Wanken gebracht hatte. Vielleicht war ich zu nervös gewesen, vielleicht waren meine Fragen einfach zu blöde. Zweimal kam ein Page ins Zimmer und fragte, ob ich irgendwelche Bedürfnisse hätte. Beim dritten Mal drehte ich mich gar nicht erst um: "May I offer you a glass of Champagne?" Nein, danke. "Okay, I'll have some anyway". Jetzt erst bemerkte ich Michael Stipe, wie er sich am Kühlschrank zu schaffen machte. Er blickte kurz rüber und fragte: "You're sure?"

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Ende einer Rocklegende: R.E.M. machen Feierabend
Also tranken wir gemeinsam den Champagner leer und rauchten seine "American Spirit"-Zigaretten weg und verplauderten den halben Nachmittag. Über das neue Album redeten wir nur am Rande. Ich musste auf keine einzige Frage auf meiner Liste zurückgreifen, weil sich das Gespräch von ganz alleine in immer neue Höhen schraubte. Was ist Kunst? Was Mode? Was der Mensch? Gibt es Inspiration? Wodurch unterscheidet sie sich von Spiritualität? Wie äußert sich wahre Leidenschaft, und was hat Musik mit dem Leben zu tun? Am Ende federte ich euphorisiert und wie auf Luftkissen durch den sonnigen Central Park. So fühlt es sich also an, einem echten Charismatiker zu begegnen.

"Ich weiß nicht, ob uns die Leute wirklich verstanden haben"

Nun waren R.E.M. damals schon einen weiten Weg gegangen. Die Gruppe kam nicht nur aus der Alternative-Rock-Szene von Athens, Georgia, sie war der Alternative Rock - und ging den Weg aller erfolgreichen Indie-Bands. Ihr erstes Konzert hatten sie am 5. April 1980 gegeben, ihre ersten fünf Alben brachten der Gruppe mit dem nuschelnden Sänger und den präzisen Gitarren eine treue Gefolgschaft und hymnische Kritiken. 1987 schlug die bis dahin solide Karriere überraschend nach oben aus: Das Album "Document" mit den Singles "The One I Love" und "It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)" katapultierte R.E.M. unversehens in den Mainstream. Manche Kritiker meinen, dass sie sich von diesem Szenenwechsel künstlerisch nie erholt haben. Michael Stipe selbst meinte: "Ich hatte meine Schwierigkeiten mit den Leuten, die da plötzlich zu unseren Konzerten kamen. Ich weiß nicht, ob die uns wirklich verstanden haben." Er habe die Herausforderung annehmen und sich nun erst recht verständlich machen wollen, sagte mir Stipe damals.

Und so war "Document" erst der Anfang. 1991 wiederholten und übertrafen sie diesen Erfolg noch, wobei die Missverständnisse freilich größer, der Graben zu den alten Fans noch tiefer wurde. Der Song "Shiny Happy People" auf dem Album "Out Of Time" mag ironisch gemeint gewesen sein, kam aber als fröhlicher Radiohit daher. "Losing My Religion" schließlich war pures Gold. Dem US-Magazin "Rolling Stone" sagte Peter Buck damals in seiner unnachahmlichen Art: "Die Leute, die wegen 'Losing My Religion' ihre Meinung über uns ändern, können mich am Arsch lecken". Auf den stürmischen Durchbruch folgte mit "Automatic For The People" eine fast besinnliche Hinwendung zu den eigenen Folk-Wurzeln. Nicht nur die sechs Singles ("Everybody Hurts", "Drive", The Sidewinder Sleeps Tonight", "Man On The Moon", "Nightswimming") waren unwiderstehlich, das ganze Album klang wie ein vollendetes Spätwerk und hätte einen würdigen Abschluss ihrer Karriere bilden können.

Auf allen Kontinenten mühelos alle Stadien gefüllt

Aber R.E.M. blieben. Mal meldeten sie sich mit breitbeinigem Rock ("Monster"), mal mit hymnischem Americana ("New Adventures In Hifi"), mal wagten sie ein Ausfallschrittchen in den Krautrock ("Up") - aber immer blieben sie R.E.M., die ihre Konzerte mit alten Hits beschlossen. Künstlerisch war das ok, aber eben nicht mehr zwingend. Um romantische Anwandlungen ging es längst nicht mehr. Es ging um Geld. Die Musikindustrie witterte schon den Herbst ihrer Existenz, der Kampf um die letzten weltweit vermarktbaren Künstler hatte begonnen. Es gab neben R.E.M. nicht viele Gruppen, die auf allen fünf Kontinenten mühelos Stadien füllen konnten. Zudem hatte das Major-Label Warner R.E.M. erst 1996 mit einem legendären Vertrag an sich gebunden: 80 Millionen Dollar plus einer Gewinnbeteiligung von 24 Prozent für fünf Alben. Das war ein Rekord.

Und so ging es eben immer weiter. Neue Alben kamen und gingen, R.E.M. hatten sich als Geschäftsmodell etabliert. Vor allem Michael Stipe nutzte die große Bühne, immer wieder auch politische oder gesellschaftliche Anliegen zum Vortrag zu bringen, von der Rettung des Regenwaldes über die Freiheit für Tibet, die Unterstützung der Opposition in Burma, die Bekämpfung des Rassismus bis hin zum Verkaufsverbot für Handfeuerwaffen in den USA. Kaum ein Konzert, bei dem sich Stipe nicht wortreich für Präsident Bush entschuldigte - 2004 machte er sogar Wahlkampf für dessen Herausforderer John Kerry. Anders als Bono von U2 wirkte er dabei zwar sympathisch, aber wie bei Bono schlich sich irgendwann ein Gefühl der Übersättigung ein. Das Musikalische trat hinter solchen Anliegen immer mehr zurück. Zuletzt, auf "Collapse Into Now", veröffentlichten R.E.M. mit "Überlin" allen Ernstes eine Single, die bis auf das Tempo identisch ist mit "Drive" von 1992. Eine kleinlaute Bankrotterklärung.

Klar könnte man weitermachen, aber warum?

Und womöglich ist genau das der Band klar geworden, als sie für ein "Greatest Hits"-Album, das im November erscheinen soll, ihre Karriere noch einmal Revue passieren ließ. Klar könnte man weitermachen, aber womit? Und warum? Also trennt man sich nun, einvernehmlich, freundlich und satt, wie nach einem sehr langen Bankett. Traurig ist das nicht. Schließlich sind die Songs von R.E.M. in der Welt. Es ist nicht nötig, dass sie sie immer wieder neu schreiben.

Wenn man sich die Welt des Rock als tropisches Biotop vorstellt, dann wimmelt und flirrt und surrt es darin nur so von interessanten Lebensformen. Jetzt hat sich einer der letzten verbliebenen Dinosaurier also einfach so zum Aussterben hingelegt. Freiwillig. Metallica, U2 und die Red Hot Chili Peppers sollten sich daran ein gutes Beispiel nehmen.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. ...
faustjucken_tk 22.09.2011
Bitte Stones und Bon Jovi nicht vergessen. Aber ich wette, dass spätesten in 5 Jahren die Wiedervereinigung folgt. Denn es sind Musiker. Und die langweilen sich schnell.
2. orange crush..
burki78 22.09.2011
ist das beste lied von REM, das ist mal sicher
3. Vielen Dank
Leberwurstpizza 22.09.2011
für den wunderbaren Nachruf von einem R.E.M.-Fan der ersten Stunde !
4. Traurig, traurig
HansOch 23.09.2011
Diese Meldung hat mich kalt erwischt. Hoffentlich ist das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen. Andererseits - ungleich gescheiter, subtiler ja, wie ich finde, einfach genial (diese Texte alleine schon ...) - Eddie Vedder und Pearl Jam - Hauptsache, die machen weiter.... Hajü
5. Hände weg von Metallica
cherea 23.09.2011
Zitat von sysopSie kamen*vom Alternative-Rock und landeten mitten im Mainstream: Dieser Weg brachte R.E.M. viel Erfolg - aber am Ende keinen künstlerischen Fortschritt mehr. Jetzt trennen*sich die Bandmitglieder, freundlich und satt wie nach einem langen Bankett. Das ist nur konsequent. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,787788,00.html
Guter Artikel, aber der letzte Satz hat es in sich. Hände weg von Metallica. Ihr letztes Album death magnetic hat man sich seit Jahren gewünscht. Der Autor hat wohl die Kollegen in letzter Zeit nicht live gesehen, was die Jungs abliefern ist den Preis des Tickets wert. Warum Metallica in dem letzten Satz auftauchen musste, weiß nur der Autor selbst, zudem Metallica nicht wirklich viel mit Alternative-Rock zu tun haben.
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