Achtziger-Veteran Mitteregger Tennissocken rocken

Erinnert sich noch jemand an Spliff? An "Carbonara" und "Das Blech"? Mit der Achtziger-Band schrieb Herwig Mitteregger deutsche Pop-Geschichte. Jetzt versucht er ein Comeback. Sein Album ist eine Zeitreise zwischen Nostalgie, Coolness und Depression.

Von Thomas Winkler


Sie ist zurück. Unübersehbar. Prangt an Männerfüßen, drängt an die Frühlingssonne, nur mühsam gebändigt von Sandalen. Die Tennissocke ist wieder da. Und, sicherlich nur ein Zufall, auch Herwig Mitteregger meldet sich zurück.

Musiker Mitteregger: "Steirischer Querkopf" auf Zeitreise
Martin Kunze

Musiker Mitteregger: "Steirischer Querkopf" auf Zeitreise

55 Jahre alt ist Mitteregger mittlerweile, und er und die Tennissocke haben tatsächlich einiges gemeinsam. Beide haben sich kaum verändert seit den achtziger Jahren, als sie das bevorzugte Fußkleid des damals gerade erfundenen Yuppies war und er - mit der Nina Hagen Band und Spliff - eine der zentralen Figuren der deutschen Popmusik.

Heute trägt Mitteregger die ersten Spuren von Grau im Bart, aber sein Gesicht ist immer noch schmal. Macht immer noch Musik, denn "der Mann hat ja nichts anderes gelernt", und sein Blick ist immer noch ein bisschen unstet, genau wie damals. Das passt: Mitteregger ist sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war, mit "Insolito" wieder ein Album herauszubringen. "Da wartet doch niemand drauf", sagt er und duckt sich noch ein wenig tiefer in seinen schwarzen Kapuzenpullover, "das ist es jedenfalls, was man sich jedes Mal denkt".

Das letzte Mal ist allerdings schon eine ganze Weile her. Vor elf Jahren erschien das letzte Album des Österreichers, das sind zweieinhalb Ewigkeiten im Popmusikgeschäft. Das erklärt Mittereggers Unsicherheit. Und vielleicht auch, warum "Insolito" so rückwärtsgewandt, wie eine wehmütige Erinnerung an Spliff, klingt.

Der Spliff-Kniff

Schon der Eröffnungssong "Schiff" rekapituliert einen der liebsten Tricks der Band und lullt den Hörer mit einem dicht blubbernden Rhythmus ein, um zum Refrain umso effektvoller das Heavy-Metal-Gitarrenriff einsetzen zu können. Andere Stücke wie die Berlin-Huldigung "Weh!" lassen sich als ironische Würdigung des größten Spliff-Hits "Carbonara" hören. "Die Achtziger haben mich eben beeindruckt", sagt Mitteregger, "da gab es die beste Musik".

Zu der hat Mitteregger selbst tatsächlich einen gewissen Teil beigetragen. Im Nachklang von Punkrock etablierten Spliff als erste deutsche Band soliden Pop mit deutschen Texten, der sich musikalisch bewusst an internationalen Standards orientierte. Das stand im krassen Gegensatz zum damals herrschenden, vom Klamauk der Neuen Deutschen Welle bestimmten Pop-Verständnis, das mit der Diffamierung handwerklicher Fähigkeiten kokettierte.


Spliff waren vier zum Teil studierte Musiker, die der aus der DDR geflüchteten Nina Hagen einen zeitgemäßen Rocksound unter die Vokalakrobatik legten. Band und Sängerin überwarfen sich; es folgten Konzeptalben und ständig wechselnde Stile, die ein damals ungewohnt breites Spektrum von Dance-Pop bis Hard Rock abdeckten. Heute arbeiten die anderen Spliffer erfolgreich im Hintergrund als Musikproduzenten. Auch Mitteregger hat das mal versucht, fühlt sich aber nicht mehr in der Lage, die in diesem Job geforderte "Bandbreite vom Psychotherapeuten bis zum Hotelpagen" abzudecken.

Doch dank "dieser Band Spliff", wie er sie nennt, und einigen anschließenden, recht erfolgreichen Solo-Alben kann es sich Mitteregger leisten, "Insolito" nahezu völlig im Alleingang einzuspielen, zu produzieren und auf dem eigenen Label heraus zu bringen. Um einen Vertrag mit einer Plattenfirma hat er sich erst gar nicht bemüht, vor allem "um all diese doofen Gespräche nicht führen zu müssen".

Mitteregger, der nach Selbsteinschätzung "steirische Querkopf", macht, was er will. Auch die lange Pause war nicht aufgezwungen, sondern gewollt. Der Grund war sein Sohn, der nun acht Jahre alt ist. Der Musiker wollte nicht die Fehler wiederholen, die er bei seiner ersten Tochter begangen hatte. Die ist nun 36 Jahre alt und macht ihm Vorwürfe, dass er nie zu Hause war.

Vergangen, um zu bleiben

Man merkt, das alles geht ihm nach. Die Vergangenheit will einfach nicht aufhören, ihn umzutreiben. Vor vier Jahren wäre es, trotz aller immer noch offenen Wunden, beinahe zu einer Spliff-Reunion gekommen, er wäre nicht abgeneigt gewesen. "Uns war nicht genug Zeit gegeben", sagt er über die Band, über die er jahrelang gar nicht mehr reden wollte, "sonst hätten wir aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der Popwelt eine künstlerische Strategie entwickeln können".

So sieht’s nämlich aus: Mitteregger ist ein Zweifler, ein Grübler, ein ständig Unzufriedener. Die Themen von "Insolito" sind denn auch "Isolation, Einsamkeit und dieses komische Sonnenleben", das er mit der Familie in Spanien auf dem Lande, fern von allem, für einige Jahre lebte. Doch der deutsche Rentnertraum langweilte ihn, seit 2007 lebt er wieder in Hamburg.

Der Karriereknick durch Vaterpause und Auswanderung hat Mittereggers unverwechselbaren Stil quasi konserviert. Musikalisch souverän rekapituliert er die Klischees der Achtziger, und versucht textlich aus dem Privaten ins Politische zu finden. Das läuft nicht ohne manche Peinlichkeit ab, denn auch wenn er Tocotronic als eine seiner Lieblingsbands angibt, scheint doch die wichtigste Lektion der Hamburger Schule, die Kunst der ironischen Selbstdistanzierung, an ihm vorbeigegangen zu sein.

Doch in dieser Zeit der alten Männer, in der Lindenbergs bloßes Dasein schon als kreative Leistung gefeiert wird und ein Wolfgang Niedecken sich weiter weigert abzutreten, ist der bescheidene, an sich zweifelnde Auftritt von Mitteregger geradezu eine Wohltat.

Und nicht zuletzt ästhetisch bei weitem nicht solch eine Zumutung wie die Rückkehr der Tennissocke.


Herwig Mitteregger: "Insolito" (Manoscrito/ Edel)



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