Pop-Globalisierung Sex, Bürgerkrieg und Badelatschen

Halbnackte Frauen tanzen mit einbeinigen Bürgerkriegsopfern, Electrosounds vermischen sich mit Maschinengewehr-Geratter, und der Westen wird provoziert: Die neue Weltmusik aus Afrika, Asien und Lateinamerika schwankt zwischen Parodie und Protest. So klingt die Zukunft des Pop.

Thomas Burkhalter

Von Theresa Beyer und Thomas Burkhalter


Musikalischer Fortschritt? Den können wir bis auf Weiteres nur aus der sogenannten Dritten Welt, aus Indien oder aus China erwarten, schreibt der renommierte britische Popautor Simon Reynolds in seinem viel beachteten Buch "Retromania: Pop Culture's Addiction to its Own Past". Schon allein seine These zeigt: Afrika, Asien und Lateinamerika werden in der euroamerikanischen Popgemeinde nicht mehr mit seichten Ethno-Sounds und klassischen Weltmusikklängen assoziiert. Im Gegenteil: Musiker und Produzenten aus Accra, Buenos Aires, Beirut oder Jakarta setzen heute weltweit Trends in der Pop- und Clubkultur.

Dabei tauschen sie sich mit Künstlern, Produzenten und Bloggern in den USA und Europa aus: "Wenn heute ein Musiker in Luanda einen Track ins Internet stellt, dann habe ich ihn Sekunden später bei mir auf dem Laptop. Und schon morgen lade ich vielleicht meinen Remix hoch", sagt der Produzent, Musiker und DJ Samuel Riot aka Wildlife! aus Bern, der auch regelmäßig in New York auflegt.

Was heute aus Afrika, Lateinamerika und Asien zu uns findet, klingt entsprechend vielstimmig - und changiert oft zwischen Parodie, Protest und Hyper-Pop. Denn damit ihre Tracks und Songs in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie der "Likes" und "Comments" über die Zentrifugen Facebook, YouTube und Soundcloud rund um die Welt geschleudert werden, setzen einige Musiker gezielt auf Sex, Krieg und radikalen Realismus.

In Ghana etwa schlagen die FOKN Bois die Facebook-Trommel virtuos, indem sie verschleierte Musliminnen Bananen essen lassen. Der kopulative Dancehall-Tanzstil Daggering aus Jamaika provoziert Millionen von YouTube-Klicks - und Moralhüterinnen und -hüter. Längst finden sich Elemente des Tanzes in Pop- und Clubstilen weltweit. Die FOKN Bois stellen aber - wie viele andere Künstler - auch die Frage nach Identitäten und untergraben damit westliche Stereotype: "Ich bin der Taxifahrer-Räuber, Visum-Fälscher, Frauen-Verführer, Mangobaum-Kletterer..." - die Aufzählung endet erst nach sechs Minuten.

Bomben, Raketen, Maschinengewehre

Gerade Pop scheint das Potential zu besitzen, allgegenwärtige globale Widersprüche und Spannungen prägnant auf den Punkt zu bringen. Die neue Weltmusik ist ein großes hedonistisches Copy-and-Paste-Spiel. Sounds, Stile und Ideen wirbeln frisch durcheinander, gewinnen neue Bedeutungen in fremden Kontexten. Das Publikum freut sich über alte Klänge, die via Remix, Dubbing oder Mash-up wieder frisch klingen. Kritiker fragen nach rechtlichen und ethischen Grenzen: Was ist Original? Was originell? Was Plagiat? Und sind manche Soundquellen womöglich auch tabu? Aktivisten stellen mit Befriedigung fest, dass Soundfiles frei durchs Netz fließen - theoretisch. Denn noch werden viele Musiker in Afrika, Asien und Lateinamerika nicht nur von Sprachbarrieren gebremst, sondern schlicht und einfach von langsamen Up- und Downloads in ihrer Heimat.

Die Musik mag übrigens noch so global klingen: Was ihr zugrunde liegt, spielt sich meist vor der Haustür ab und ist Destillat eines Alltags, der umso absurder erscheint, je mehr man heranzoomt. Der serbische Trash-Hopper Shonegrad O'Connor von Duboka Ilegala betont: "Our main reference is the absurdity of everyday life".

In Beirut verarbeiten daher Musiker Frequenzen und Klangtexturen von Bomben, Raketen und Maschinengewehren - so wie der Trompeter Mazen Kerbaj. Lange Zeit tat er dies sogar unbewusst, bis sein österreichischer Kollege Franz Hautzinger nach einem Konzert bemerkte: "Deine Sounds klingen wie Helikopter und Bomben".

Kriegshorror liegt ja spätestens im Trend, seit M.I.A. in ihrem Video zum Track "Born Free" (von ihrem 2010 erschienenen Album "Maya") rothaarige Männer exekutieren ließ - stellvertretend für die Gefangenen im Bürgerkrieg von Sri Lanka, wie sie behauptete. Der britische Elektronika-Produzent Matthew Herbert manipuliert auf seinem Album "The End of Silence" (2013) die Aufnahmen einer detonierenden Bombe aus dem Libyen-Krieg. Und in den mit Handys aufgenommenen Kuduro-Videoclips aus Luanda tanzen leichtbekleidete Frauen mit Männern, die im angolanischen Bürgerkrieg ein Bein verloren haben.

Die wahren Sorgen der Menschen

Der Kuduro gilt als die erste rein elektronisch produzierte Musik Afrikas überhaupt, setzt sich allerdings auf dem Weltmarkt nicht recht durch, da er zu billig produziert ist. In Szene setzen sich daher heute vor allem Kuduro-DJs und Kollektive aus Portugal - zwingend demokratisch ist sie also nicht, die globalisierte Musik des Jahres 2013.

Andere Musiker verarbeiten Kitsch und Trash mit experimentellen Techniken zu einem grellen und verspielten Genre-Gemisch - und scheren sich dabei nicht um Geschmacksgrenzen. Das libanesisch-schweizerische Duo Praed - Raed Yassin und Paed Conca - nimmt sein Publikum mit auf eine wirre Karussellfahrt durch unterschiedlichste Klangwelten: Yassin singt zu einem Sample des ägyptischen Popstars Mahmoud El Husseini, mimt den Alleinunterhalter mit Keyboard und Synthesizer, während dazu im Badezimmer ein Rohr bricht. Dazu flechten die beiden japanische Stimmen, Gewehrsalven und Dub-Grooves ein.

Der neue Massensound in Kairo heißt Mahragan ("Festival Musik") - auch Techno-Shaa'bi oder Electro-Shaa'bi genannt; eine digitale Variante des Shaa'bi-Straßenpops, der überaus populär ist und den die gebildeten Eliten gern als unkultiviert abtun. Mahragan basiert auf den Rhythmen des Sha'abi, speist aber elektronische Elemente ein, zum Beispiel Autotune-Effekte: Die Gesangslinien werden in die Höhe gepitcht, wiederholt, hart geschnitten und dienen so mal nur als Effekt, mal aber auch als Träger provokativer oder ironischer Botschaften.

Mahragan greift so auch den teuer produzierten und klinisch klingenden pan-arabischen Pop an. Denn Mahragan-Sänger besingen nicht - wie in ägyptischen Liedern üblich - Liebe, Sehnsucht, Schmerz oder Verlust mit poetisch verklärenden Worten, sondern sie fluchen und berichten ironisch von den wahren Sorgen der Menschen. So wie DJ Amr Haha in seinem Track "Aha al-Shibshib Da": "Scheiße, ich habe meine Pantoffeln verloren. Scheiße, das waren doch Badelatschen. Scheiße, die waren doch noch neu. (...) Wie gehe ich jetzt in den Club?".

Wer auf dieser Welt kennt dieses Problem denn bitte nicht?


Am 6. September gab Thomas Burkhalter - Musikethnologe, Musikjournalist und Autor von "Out of the Absurdity of Life" - im Rahmen der Berlin Music Week anhand von Musik und Videoclips Einblicke in die aufstrebenden Musikszenen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Der Vortrag fand im Rahmen der Diversity-Panels statt.

SPIEGEL ONLINE ist Medienpartner der Berlin Music Week und richtet zu deren Abschluss - gemeinsam mit tape.tv - am 8. September das "Auf den Dächern"-Festival aus, das wir als Livestream auf unserer Seite übertragen. Für mehr Infos zu Acts, Location etcetera: bitte hier klicken!

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insgesamt 12 Beiträge
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geotie 07.09.2013
1. yoooh
Text nur Gestammel, Musik nur aus den 60er, 70er abgekupfert (weil es sich sonst kaum verkaufen lässt), Melodien kaum zu erkennen. Na, dem heutigen Publikum scheint es größtenteils zu gefallen, mir nicht. Schon sehr selten, dass man neue Sachen findet, geschweige mir auch gefällt. Aber vielleicht bin ich auch nur zu alt und aus meiner Jugendzeit verwöhnt.
chickenkiller 07.09.2013
2. Unübersichtlich
Ich lausche ja vielen Internetradiostationen, aber die Musikszene wird mir etwas zu unübersichtlich. Das war früher einfacher...entweder Travolta oder Pink Floyd und gut war's. Der Knaller war kürzlich mein 21jähriger Sohn, der Steve Miller (Take the Money and Run ... hey, das ist heute wieder aktueller ZEITGEIST!) bei mir im Original hörte und meinte: "Geil! Neu gesampelt?" (er kannte den Track aus irgendeinem Hip-Hop). Die Zukunft des Pop liegt im Classic Rock! ;-)
blubbi-blupp 07.09.2013
3. Vorbild für die Presse
Mag sein, dass M.I.A. Kriegshorror trendsettet, nicht unwahrscheinlich. Und trotz des Stylefaktors zeigt ihr Video wie der TÄGLICHER Terror und Kriegshorror im Detail aussieht. So werden stündlich überall auf der Welt Menschen zerstört und kaputt gemacht, ohne dass es einen dauerhaften Aufschrei der Empörung gibt. Gerade der "Spiegel" trägt dazu bei, dass dieser Horror zu Artikelchen verkommt. Diese Art des Auseinandersetzung findet viel zu selten statt, Hut ab vor M.I.A. und weiter so! Spiegelredakteure, schneidet Euch mal eine Scheibe davon ab, denn rumstylen tut ihr ja auch schon lange, dann macht es mal für die richtige Sache und mit dauerhaften Nachdruck. Dankeschön.
blubbi-blupp 07.09.2013
4. Vorbild für die Presse
Mag sein, dass M.I.A. Kriegshorror trendsettet, nicht unwahrscheinlich. Und trotz des Stylefaktors zeigt ihr Video wie der TÄGLICHER Terror und Kriegshorror im Detail aussieht. So werden stündlich überall auf der Welt Menschen zerstört und kaputt gemacht, ohne dass es einen dauerhaften Aufschrei der Empörung gibt. Gerade der "Spiegel" trägt dazu bei, dass dieser Horror zu Artikelchen verkommt. Diese Art des Auseinandersetzung findet viel zu selten statt, Hut ab vor M.I.A. und weiter so! Spiegelredakteure, schneidet Euch mal eine Scheibe davon ab, denn rumstylen tut ihr ja auch schon lange, dann macht es mal für die richtige Sache und mit dauerhaften Nachdruck. Dankeschön.
blubbi-blupp 07.09.2013
5. Bla, bla, bla ...
"In Ghana etwa schlagen die FOKN Bois die Facebook-Trommel virtuos, indem sie verschleierte Musliminnen Bananen essen lassen." Ich habe im Gegensatz zu den Autoren in diesem Video nicht eine verschleierte Muslimin gesehen. Na, Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der größte Wellenschläger im ganzen Land? Ihr habt ja jetzt ganz offiziell Verstärkung aus den Reihen der "Bild" bekommen, wa ...
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