Affäre um Christian Wulff "Ich habe Hannover nie als Sumpf empfunden"

Man kennt sich, man trifft sich, man hilft sich: Die Affäre um Christian Wulff wirft ein Schlaglicht auf Hannovers Freundesklüngel aus Politik, Wirtschaft und Showbiz. Mittendrin: Klaus Meine. Im Interview erklärt der Scorpions-Sänger, warum er mit Schröder, Maschmeyer und Co. gerne kickert.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Meine, wir möchten mit Ihnen über den hannoverschen Klüngel sprechen.

Meine: Ein böses Wort. Was Sie als "Klüngel" bezeichnen, hat seine Ursache einfach darin, dass Hannover eine überschaubare Stadt ist. Da begegnet man sich bei verschiedenen Anlässen, das lässt sich überhaupt nicht vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Als Sänger der Scorpions touren Sie seit Jahrzehnten um die Welt, international sind Sie das wohl bekannteste Gesicht der Stadt. Gleichzeitig scheint kaum eine Promi-Feier in Hannover ohne Sie stattzufinden: Klaus Meine an der Seite von Gerhard Schröder, mit AWD-Gründer Carsten Maschmeyer oder mit Christian Wulff.

Meine: Ich habe Hannover nie als Sumpf empfunden, auch nicht als Sumpf, der nur einen Meter tief ist. Sondern als lebenswerte, innovative und liebenswürdige Stadt mit vielen interessanten Menschen. Einige haben große Karrieren gemacht, jeder in seinem Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann kennen Sie zum Beispiel Gerhard Schröder?

Meine: Seit den achtziger Jahren, als er noch Oppositionsführer in Niedersachsen war. Als Ministerpräsident hat er dann die Scorpions 1992 zur Expo nach Sevilla mitgenommen. Irgendein Geigenensemble aus der Heide wollte er nicht, es sollte Rock aus Niedersachsen sein.

SPIEGEL ONLINE: Duzen Sie Schröder?

Meine: Schon ewig.

SPIEGEL ONLINE: Und Christian Wulff?

Meine: Ja, ich habe ihm das Du angeboten, als er Ministerpräsident wurde. Ich bin ja der ältere von uns beiden.

SPIEGEL ONLINE: Welchen bekannten Hannoveraner würden Sie als Freund bezeichnen?

Meine: Da gibt es natürlich viele enge Freunde ganz unterschiedlicher Couleur, auch außerhalb der Band: Mediziner, Konzertveranstalter oder zum Beispiel Götz von Fromberg...

SPIEGEL ONLINE: ...der Rechtsanwalt, Schröder-Freund und frühere Präsident von Hannover 96...

Meine: ... oder Carsten Maschmeyer. Wir kennen uns lange, er ist ein großartiger Gastgeber, er ist ein Mann, der seinen Reichtum nicht vor sich her trägt, er lässt nicht den großen Macker raushängen.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlich. Alle Berichte über ihn erzählen das Gegenteil. Er soll gern Hof halten in seinem Weinkeller.

Meine: Aus meiner Wahrnehmung ist das anders. Ich kenne den Menschen Carsten Maschmeyer. Natürlich hat er ein großes Haus mit einem großen Garten, einen Pool und seinen berühmten Weinkeller.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Maschmeyer in den frühen Siebzigern für die Scorpions Konzertplakate geklebt hat?

Meine: Ja, er hat in jungen Jahren Geld damit verdient, dass er mit einem Kleistereimer um die Häuser gezogen ist. Er war damals ein Scorpions-Fan, aber wir kannten ihn noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wer feiert die besten Partys in Hannover?

Meine: Götz von Fromberg. Die Feiern bei ihm sind echte Herrenabende, das gibt es ja eigentlich gar nicht. Die Ladys sind nicht dabei, die haben an diesen Abenden ihr eigenes Programm und stoßen erst später dazu. Wir Männer spielen Tischtennis, Billard, Kicker, was es alles so Schönes gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wer kann am besten kickern?

Meine: Utz Claassen ist quasi unschlagbar. Ich kann dafür besser Tischtennis spielen.

SPIEGEL ONLINE: Claassen, ein Manager, kommt auch aus Hannover, er war zuletzt Chef des Energiekonzerns EnBW. Sind diese Feiern für Sie eigentlich private Termine?

Meine: Ja. Das wäre ja traurig, wenn ich es nach all den Jahren noch nötig hätte, in Hannover irgendwo hinzugehen, um vorrangig Business-Interessen zu verfolgen. Ich werde als Freund eingeladen und bin als Musiker bei diesen Einladungen eine Art Farbtupfer.

SPIEGEL ONLINE: Damit dürften Sie die Ausnahme sein. Ein Politiker ist immer im Dienst, Maschmeyer bleibt immer der AWD-Gründer.

Meine: Ja, ich kenne die Spekulationen, dass da in dunklen Kellern die Strippen gezogen werden für irgendwelche dubiosen Geschäfte. Ich habe das nie so erlebt. Für mich sind die Feiern bei Fromberg oder Maschmeyer einfach nur schöne Abende.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Maschmeyer eigentlich mal über Geld geredet, sich Anlagetipps eingeholt?

Meine: Gott sei Dank nicht. Bei Geld hört die Freundschaft auf.

SPIEGEL ONLINE: Was verbindet Sie eigentlich mit Schröder, Maschmeyer oder Fromberg? Ist es der gemeinsame Aufstieg? Dass Sie sich von ganz unten nach ganz oben durchgeboxt haben?

Meine: Ja, offenbar. Wobei es nur auf einen kleinen Kreis zutrifft.

SPIEGEL ONLINE: Es ist genau dieser Kreis, der als Klüngel gilt.

Meine: Tja. Es gibt viele Spekulationen. Aber diese Freundschaften sind über Jahre gewachsen.

SPIEGEL ONLINE: So wie Klüngeleien auch, sonst würden sie nicht funktionieren.

Meine: Ja, aber es heißt ja nicht, dass jede Freundschaft , wenn sie lange genug dauert, im Klüngel endet. Was ist ein Klüngel?

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie es uns.

Meine: Wenn jemand zu solchen Festen geht, weil er das Gefühl hat, er müsse jemanden treffen, um einen Deal einzutüten. Das habe ich aber nie gemacht und auch nicht nötig gehabt. Mit der Band war es immer so: Wenn wir aus der weiten Welt ins kleine Hannover zurückkommen, nimmt man einfach am gesellschaftlichen Leben in der Heimatstadt teil, um seine Freunde wiederzutreffen. Das hat mit Klüngel nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Erwidern Sie die Einladungen? Haben Sie auch einen Partykeller?

Meine: Nein, ich habe keinen Keller. Als ich meinen 60. Geburtstag gefeiert habe, haben wir in einem Rockclub gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie passte eigentlich Christian Wulff in diese Runden?

Meine: Wulff ist erst viel später dazu gekommen. Als er dann 2003 Ministerpräsident wurde, öffneten sich für ihn viele Türen. Schröders Freunde wurden auch Wulffs Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Die berüchtigten Erbfreundschaften. Jetzt wird Christian Wulff auch seine große Nähe zum niedersächsischen Klüngel zum Vorwurf gemacht. Inwieweit erschüttert die Krise des Bundespräsidenten die Herrenrunde in Hannover?

Meine: Das waren noch Zeiten, als Rockstars für Skandale zuständig waren! Wir haben unsere Karrieren über Jahrzehnte aufgebaut. Jetzt sind wir alle an unseren Höhepunkten angekommen, haben sie schon überschritten oder werden sie bald überschreiten. Die Scorpions sind gerade auf Abschiedstour. Wir sind alle keine jungen Männer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Kein Nachwuchs in Sicht? Es fällt auf, das der jetzige Ministerpräsident von Niedersachsen, David McAllister, offenbar Ihre Runde meidet.

Meine: Er ist eine andere Generation, und darüber hinaus glaube ich, dass in dieser angespannten Situation jetzt der eine oder andere lieber etwas Abstand hält.

Das Interview führten Tobias Rapp und Martin Wolf

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
GalvanicM 21.01.2012
1.
Leider den Falschen interviewed ;-)
kuddel37 21.01.2012
2. .
Zitat von sysopMan kennt sich, man trifft sich, man hilft sich: Die Affäre um Christian Wulff wirft ein Schlaglicht auf Hannovers Freundesklüngel aus Politik, Wirtschaft und Showbiz. Mittendrin: Klaus Meine. Im Interview erklärt der Scorpions-Sänger, warum er mit Schröder, Maschmeyer und*Co. gerne kickert. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,810145,00.html
Warum nicht Maschmeyer fragen, der meint bestimmt auch das alles o.k ist. Vermutlich beschränkt sich der Sumpf auch nicht auf Hannover, Wulff und die, welche jetzt das Bauernopfer werden. Ich vermute eher die Politiker sitzen in einem Sumpf der mittlerweile ganz Deutschland abdeckt.
intenso1 21.01.2012
3. Die Niedersachsen-Connection
Zitat von sysopMan kennt sich, man trifft sich, man hilft sich: Die Affäre um Christian Wulff wirft ein Schlaglicht auf Hannovers Freundesklüngel aus Politik, Wirtschaft und Showbiz. Mittendrin: Klaus Meine. Im Interview erklärt der Scorpions-Sänger, warum er mit Schröder, Maschmeyer und*Co. gerne kickert. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,810145,00.html
Auch zu Schröders (SPD) Zeiten war der Klüngel riesig. Was man Wulff (CDU) vorwerfen muss, er führte diesen Klüngel, mit den gleichen Leuten, weiter. Es ist für den Wähler in Niedersachsen wohl egal, welche Partei am Ruder ist. Im Hintergrund ziehen immer die gleichen Leute die Fäden.
spargel_tarzan 21.01.2012
4. da erübrigt sich jeder kommentar...
schlimme gegend...
msmt 21.01.2012
5. Ich habe Maschmeyer als Mensch
kennengelernt? Wie zynisch ist denn das? Ein Verwandter, junger arbeitsloser Volkswirtschaftler, hatte eine Zeit für Maschmeyer gearbeitet. Eines Tages rief er mich an und erzählte mir, er habe diese Arbeit gekündigt, weil er lieber kellnert, als weiter Rentner und andere Kleinanleger um ihre Ersparnisse zu betrügen. Er sagte fast wörtlich zu mir, wenn ich vor den Leuten sitze und weiss, sie werden ihr ganzes Erspartes verlieren, wenn sie sich auf diese Verträge einlassen, dann schäme ich mich vor mir selbst. Mein Verwandter hat inzwischen gottseidank Arbeit für die er sich nicht schämen muss. Schämen sollten sich aber diejenigen, die in einem Interview solche Plattheiten und Unverschämtheiten von sich geben.
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