Aggro-Jahrzehnt Der Soundtrack von Hartz IV

Sido, Bushido, Mordio! Das HipHop-Label Aggro Berlin lieferte den Sound für Hartz-IV-Deutschland. Dann kam das Aus, doch was bleibt von der Aggro-Ästhetik der ablaufenden 2000er Jahre, vom virtuosen Mix aus Tabubrüchen und Gesellschaftskritik? Prollkitsch, Party-Rap - und "eine krasse Olle".

Von Daniel Haas

Florian Wörner

Popstars, die sich verkleiden, sind immer auch ein bisschen peinlich. Aber man gewöhnt sich an sie. In den Siebzigern gab es Kiss, in den Achtzigern Gwar, in den Neunzigern kam Marilyn Manson, und die Maskenfreaks von SlipKnot turnen bis heute über Plattencover und Bühnen. Im HipHop aber verkleidet man sich nicht. Man will real, das heißt authentisch sein.

Eine silberne Totenkopfmaske, das war so ziemlich das Dämlichste, was einem Rapper also einfallen konnte. Und das Genialste. Nicht nur, dass die glitzernde Visage ein schöner Kommentar zum Startum war - der Popheld als gruselige Projektion von Medien und ihren Zielgruppen -, sie markierte auch eine neue Ära: die Geburt des Deutsch-Rap aus dem Geiste des Comics.

Der Musiker hieß Sido, ausgedacht hatten ihn sich zwei Mittelschichtskreative namens Specter (Graffiti) und Spaiche (Breakdance). Gemeinsam mit Halil, dem Betreiber eines HipHop-Gebrauchtartikelladens machten sie den Maskenmann zum Superstar ihres 2001 gegründeten Labels Aggro Berlin.

Maske und Money

Das erste Album von Sido hieß konsequenterweise "Maske", es erschien 2004. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die aggressiven Hauptstädter schon einen ordentlichen Ruf erworben. Mit fetten, am US-HipHop orientierten Beats und kalkuliert provokanten Texten lieferten sie den Soundtrack zum Deutschland der Agenda 2010.

Als der damals eher Rap-Fans bekannte Bushido 2003 sein Album "Vom Bordstein bis zur Skyline" bei Aggro veröffentlichte, wurde gerade Hartz IV im Bundestag verabschiedet. Zu den verschärften Verhältnissen passten die Fantastischen Vier nicht mehr so richtig, auch die Wortakrobaten Olli Banjo, Curse oder Torch - alles exzellente Reimer - waren nicht mehrheitsfähig und schon gar nichts für den Top-Ten-Stapel bei Media Markt.

Bushido aber traf den Nerv der Zeit: Vorbereitet durch den Erfolg des amerikanischen Gangsta Rap, fasziniert vom Unterschichtentheater, wie es RTL 2 hartnäckig vermarktet, erkannten Jugendliche im Deutschtunesier den Entertainer der Stunde. Die Underdogs bekamen in Texten von kaltgemachten Huren und ausgeraubten Bonzen ihre Ressentiments bestätigt; die Mittelschichts-Kids konnten mit den Outlaw-Posen ihre Eltern schocken. Und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hatte endlich wieder was zum Indizieren.

Von Clown bis Hooligan

Mit Sido und seinen Mitstreitern wurde das Konzept 2004 dann perfektioniert und ausgebaut. Zwar wanderte Bushido im Streit zum Major-Label Universal ab, aber Specter und Spaiche hatten bereits genug Charaktere kreiert, um den große Aggro-Comic angemessen zu bebildern.

Für jeden Geschmack gab es eine Figur: Sido, den Rap-Clown, der es mit zotigen Texten ("Arschficksong") sowohl auf den Index als auch in die Walkmen der Zehnjährigen schaffte; Fler, der aussah, als hätte ihn sich Leni Riefenstahl nach einer Besichtigung der Berliner Rütli-Schule ausgedacht; der Afrodeutsche B-Tight, den man als hyperpotenten "Neger" vermarktete; Tony D, eine Mischung aus Nibelungen-Siegfried und Kategorie-C-Proll, veredelt mit dem Charme eines Psychiatriepatienten.

Sie alle brüskierten auf ihre Weise die Sittenwächter und beschäftigten die Journalisten. Politisch inkorrekt waren sie alle, die Affronts reichten von extremem Sexismus (Sido, B-Tight) bis zur Koketterie mit dem Faschismus. Als ein Album von Fler 2005 mit dem Slogan "Ab 1. Mai wird zurückgeschossen" beworben wurde, hatte selbst die eigentlich unkritische "Juice" genug. Das HipHop-Magazin verweigerte die Berichterstattung.

Der Lohn der Provokation

Mittlerweile ist man sich wieder wohlgesonnen, schon allein deshalb, weil ein Sido- oder Fler-Cover das Geschäft ankurbelt. Und weil man es bei Bushido und Sido heute mit Stars nach amerikanischem Zuschnitt zu tun hat: Ihre Songs passen in die Hitparaden, sie selbst sind zur Marke geworden, die in verschiedensten Sparten gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Berührungsängste mit dem Boulevard, die Furcht vor dem sogenannten Ausverkauf kennen die beiden nicht. Sido war Juror bei "Popstars", Bushido lässt sein Leben gerade von Bernd Eichinger verfilmen: Arrivierter kann man als Medienfigur kaum sein. Die anderen Aggro-Musiker sind weitgehend in der Versenkung verschwunden, ihr Image war nicht so diversifizierbar. Was kann man mit jemandem, der sich als "Nigger" inszeniert, auch anderes verkaufen als den kurzen Erregungsschub der jeweiligen Provokation?

Geblieben von der Ära Aggro Berlin sind also Bushido, der mittlerweile den alten Kampfgenossen Fler zu seinem Label Ersguterjunge geholt und mit ihm das Werk "Carlo Coxx Nutten 2" eingespielt hat. Konservative Fans, also solche, die immer noch den Rap von vor fünf Jahren hören wollen, können sich freuen: Es wird der Agenda - Ficken, Dealen, Pöbeln - nichts Neues hinzugefügt.

Bewegung am Katzentisch

Dann Sido, der mittlerweile klingt wie die musikalische Quersumme aus Silbermond und Thomas D. Das muss nicht schlecht sein, und es verkauft sich sicher auch ganz ausgezeichnet. Die Fortsetzung eines harten, die sozialen Brüche des Landes aufgreifenden HipHop, wie ihn der Rapper früher vertrat, müsste aber anders klingen.

Schließlich ist da Kitty Kat, die bei Aggro Berlin bis zur Auflösung des Labels im Mai 2009 am Katzentisch saß: Mit ihrer lasziven Stimme durfte sie ein paar Downtempo-Tracks bereichern, die eigene Platte kam aber nie. Zum Glück wurde sie von Universal übernommen und gefördert. HipHop ist auch bei ihrem Debütalbum "Miyo" eher Zitat als Stilhaltung, aber sie macht wenigstens schön deftigen Pop. Und sie weist über den Männercomic Aggro Berlin hinaus. "Ich bin eine krasse Olle", erklärt die Sängerin. "Ich habe eine Mission: Mädchen schauen zu mir auf."

Eine Sängerin, die vorzugsweise in Latexklamotten abgelichtet wird und Cat Woman als Vorbild nennt? Wirklich?

Andererseits: Verkleidungen sind zwar peinlich. Aber man gewöhnt sich an sie.

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Seite 1
freeze01 09.12.2009
1. will ja nicht mosern,...
...aber der werte Autor hätte zumindest ein wenig Sorgfalt walten lassen können: Gwar haben ganz bestimmt nicht schon in den 80er Jahren maskiert die Bühnen unsicher gemacht, sondern erst in den 90ern. Ändert sicher nichts an der Stoßrichtung des Artikels, aber so ein Lapsus ist schon ärgerlich und lässt ein wenig an der Fachkenntnis (ja, auch die gibt es in der Populärmusik) des Schreibers zweifeln.
frubi 09.12.2009
2. .
Zitat von sysopSido, Bushido, Mordio! Das HipHop-Label Aggro Berlin lieferte den Sound für Hartz-IV-Deutschland. Dann kam das Aus, doch was bleibt von der Aggro-Ästhetik der ablaufenden 2000er Jahre, vom virtuosen Mix aus Tabubrüchen und Gesellschaftskritik? Prollkitsch, Party-Rap - und "eine krasse Olle". http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,664832,00.html
In den ersten Jahren war es einfach guter Rap. Dann verflachte die ganze Kiste zu einem reinen Kommerz-Klamauk. Im Rap sind die besten Stücke (egal ob Alben, Ep`s oder einzelne Tracks) die Produkte, die am Anfang einer Karriere entstanden sind. Da sind die Künstler meist noch hungrig und die Industrie hat Sie noch nicht so verdorben. Ich persönlich bin bei Rap ein Fan von "realness". Es gab bezüglich dieses Themas schon ellenlange Diskussionen aber ich muss einem Künstler seine Texte auch abnehmen können. Es geht mir nicht darum, dass ein Künstler die Dinge getan hat, die er in seinen Texten beschreibt aber für mich könnte jemand wie z. B. Casper nicht über die selben Dinge rappen wie z. B. Azad. Bei Aggro Berlin ist dies jedes Jahr stärker zurückgegangen. Sido ist für mich das beste Beispiel. Seine Wandlung als Mensch ist ja wirklich lobenswert aber ich brauch mir von einem Künstler nicht den moralischen Zeigefinger zeigen lassen wenn dieser vor ein paar Jahren über Drogenkonsum und Analverkehr gerappt hat. Das kann jeder sehen wie er will aber ich mag es einfach lieber wenn ich von einem Künstler das bekomme was ich erwarte. Aggro Berlin hat mich definitiv über einen langen Zeitraum begleitet und ich hatte meinen Spaß daran. Die Jungs muss man für ihren Erfolg wirklich loben aber letztlich war es ein rein auf Kapital ausgelegtes Unternehmen. Dieser Gedanke werde ich im Bezug auf AB auch nicht los. Schade eigentlich.
lame77 09.12.2009
3. auch mosern will gelernt sein
Zitat von freeze01...aber der werte Autor hätte zumindest ein wenig Sorgfalt walten lassen können: Gwar haben ganz bestimmt nicht schon in den 80er Jahren maskiert die Bühnen unsicher gemacht, sondern erst in den 90ern. Ändert sicher nichts an der Stoßrichtung des Artikels, aber so ein Lapsus ist schon ärgerlich und lässt ein wenig an der Fachkenntnis (ja, auch die gibt es in der Populärmusik) des Schreibers zweifeln.
GWAR haben sich 1985 gegründet.
od1 09.12.2009
4. Musikpolitik
Musik hatte noch nie echten politischen Einfluss. Einfacher Grund: hat man es man es zum x-tem mal über den Plattenteller / die CD-Spindel / die Playlist genudelt, wird es langweilig, und mit der Verherrlichung der Musik gehen auch die Ideen unter. Übrig bleibt die schale Erinnerung an eine narzisstische Verwechslung von politischer Betroffenheit und hedonistischem Musikkonsum. Denn die Kaufkraft kommt - wie der Artikel richtig bemerkt - nicht aus der Unterschicht, sondern aus der Mittelschicht, und da will man es vor allem bequem - so oder so. Da lobe ich mir, wenn jemand ehrlicherweise Musik als reine Unterhaltung sieht. Und ganz vielleicht bekommt jemand, der niveauvoll unterhalten wird, irgendwann den Allerwertesten hoch und ändert mal ganz cool etwas in der täglichen Mensch-zu-Mensch-Politik. Denn eines Unterhaltungswertes bedarf das allseitige unfreundliche Miteinander am allermeisten.
herrtesla 09.12.2009
5. ... will mal mosern ...
Zitat von freeze01...aber der werte Autor hätte zumindest ein wenig Sorgfalt walten lassen können: Gwar haben ganz bestimmt nicht schon in den 80er Jahren maskiert die Bühnen unsicher gemacht, sondern erst in den 90ern. Ändert sicher nichts an der Stoßrichtung des Artikels, aber so ein Lapsus ist schon ärgerlich und lässt ein wenig an der Fachkenntnis (ja, auch die gibt es in der Populärmusik) des Schreibers zweifeln.
Das ist falsch. Gwar haben durchaus in den 80ern gearbeitet, auch wenn Sie sie da noch nicht gekannt haben. Ein wirklich minimales mini-Minimum an Recherche sollte eigentlich jeder, auch für nen irrelevanten Leserkommentar, betreiben. Das Internet hat an unreflektiertem Text, rausgetippt wie hochgekommen, wahrhaftig genug. Da muss man doch nicht noch die paar recherchierten Informationen, die sich finden lassen, kritisieren, einfach weil man was mal so falsch vor sich hinglaubt und nicht an sich halten kann.
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