Agitprop-Sängerin M.I.A. Lady Anti-Gaga

Ihre Musik klingt wie ein Soundtrack zum Amoklaufen: Mit provokant-politischen Texten wurde M.I.A zum erfolgreichen Anti-Popstar. Zur Veröffentlichung ihres neuen Albums gerät die reich verheiratete Wahl-Amerikanerin aber in eine Glaubwürdigkeitskrise.

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Mathangi "Maya" Arulpragasam ist es gewohnt, sich mit Goliath anzulegen. Seit Monaten führt sie einen Kleinkrieg gegen die mächtige "New York Times". Weil die Zeitung ihr vom Bürgerkrieg zerrüttetes Heimatland Sri Lanka in ihrer Reisebeilage als "best place to travel" bezeichnete, veröffentlichte sie einen Tag später einen bitterbösen Song namens "Space Odyssey" über Twitter, der das Stück harsch kritisierte.

"Das Problem ist, dass politische Berichterstattung in Sri Lanka vom Staat behindert wird, während auf der anderen Seite Journalisten in Luxus-Resorts eingeladen werden, damit sie dann möglichst jubelnd über die touristischen Attraktionen schreiben", behauptet Arulpragasam im Interview mit SPIEGEL ONLINE und drückt ihren Unmut darüber aus, dass eine "Institution wie die 'New York Times'" bei so etwas mitmache.

Ihrem Ärger darüber öffentlich Luft zu machen, das ist so ihre Art. Und mit ebenso natürlicher Paranoia vermutet sie nun eine Kampagne der "Times" gegen ihre Person. Ende Mai erschien in der Magazinbeilage der Zeitung ein mehrseitiges Porträt der Journalistin Lynn Hirschberg über M.I.A., in dem der seit ihrem Debütalbum "Arular" (2005) als engagierter Anti-Popstar gefeierten Sängerin politische Naivität und Karriere-Kalkül unterstellt wird. M.I.A. sei kein echter politischer Musik-Act, sondern ein bewusst provokantes, auf Erfolg und maximale Aufmerksamkeit gerichtetes Pop-Projekt.

Arulpragasam wehrte sich erneut mit den Mitteln der Massenkommunikation und legte auf ihrer Website mittels Passagen des von ihr mitgeschnittenen Interviews dar, dass Hirschberg manche ihrer Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen habe. Dazu veröffentlichte sie die Handynummer der Journalistin - Guerilla-Krieg 2.0. Die "New York Times" musste zugeben, dass fahrlässig zitiert wurde und druckte schließlich eine Korrektur.

Symbolfigur für einen globalisierten Sound

Ein Sieg? Nicht für M.I.A., sie kocht jetzt erst recht vor Wut: "Das Problem ist, dass die 'New York Times' zusammen mit allen anderen großen Medien sich an dem Geschäft beteiligen, Leuten Angst einzujagen, und das hat haufenweise Leute, auch Künstler, zum Schweigen gebracht. Jeder lebt mit dieser verdammten Riesenangst, etwas Falsches zu sagen. Denn wenn du etwas Falsches sagst, wirst du von der Gesellschaft geächtet und auf der Straße angespuckt. Es ist das Ende deiner Karriere, deines Lebens! Und das Ergebnis ist, dass sie uns so lange so viel Angst eingejagt haben, dass niemand sich mehr traut, für irgendetwas zu stehen."

Bei M.I.A. geht es aber nun genau darum: Für globale Gerechtigkeit einzustehen. Mit provozierenden Thesen und Songzeilen ("Like PLO, I don't surrender") aufzurütteln, ein Bewusstsein schaffen für Rassismus und die Missstände in der Dritten Welt, wenn nötig, sogar für die inneren Konflikte islamistischer Terroristen. Maya Arulpragasam ist die Tochter eines tamilischen Freiheitskämpfers, der einer Vorläufergruppe der berüchtigten Tamil Tigers angehörte. Noch heute hält sie vehement an der umstrittenen These fest, dass die Regierungstruppen einen Genozid an der tamilischen Minderheit verüben. Als der Bürgerkrieg in Sri Lanka Mitte der Achtziger zu eskalieren drohte, floh Mayas Mutter mit ihren kleinen Kindern nach London. Maya lernte Englisch, kam bald mit westlicher Popkultur in Berührung und studierte schließlich Film- und Videokunst. Auch mit Mode und Design experimentierte Arulpragasam in den Neunzigern, schon damals flossen politische Motive in ihren Stil ein.

Die kanadische Electroclash-Künstlerin Peaches ermunterte M.I.A. dazu, sich in der Kunstform zu versuchen, die ihr eigentlich am fernsten lag: Musik. Vielleicht war es die unbedarfte, instinktive Herangehensweise, die zum sofortigen Erfolg führte: Gleich ihre erste Single "Galang", ein kruder, lauter Mix aus Elektro, Dancehall und Ethnobeat, sorgte 2003 für Aufmerksamkeit in der Szene. Mit ihren beiden Alben "Arular" und "Kala", ihrem Vater und ihrer Mutter gewidmet, stieg sie schnell zum Kritikerliebling auf und wurde zur Symbolfigur für einen globalisierten Sound, der die Rhythmen der Dritten Welt mit den vertrackten Dancefloor-Standards der westlichen Welt vereinte - und in schläfrig-monoton dahingerappten Texten allerlei politische Brandbomben zündete. Die kritische, salonlinke Bohème der europäischen Großstädte hatte ihre Lady Anti-Gaga gefunden und ins Herz geschlossen.

Für Gott oder für das Gesetz?

Auch auf ihrem dritten Album "Maya", das diese Woche erschienen ist, bleibt sie ihrem Stil treu: Brutale Elektroklänge, die eher an Störfeuer als an Musik erinnern, krachen über Texte wie "Lovealot", in denen sie die Geschichte der jungen "Schwarzen Witwe" Dzhennet Abdurakh-Manova nacherzählt, die die polizeiliche Tötung ihres Ehemanns, einem islamistischen Terroristen, mit einem Selbstmordanschlag in der Moskauer U-Bahn ahndete: "I really love a lot" singt M.I.A. im Refrain, die letzten Silben so dahingehaucht, dass man entweder "love the law" oder "love Allah" heraushören kann: Für Gott oder für das Gesetz? Gewissenskonflikte aus den Spannungsfeldern extremistischer Biografien. Im Vorwege der Album-Veröffentlichung sorgte bereits der bewusst auf Schockeffekte setzende, von Romain Gavras (Justices "Stress") gedrehte Videoclip zur Single "Born Free" für Aufsehen und einem Verbot auf dem Videoportal YouTube. Auch der Anti-"Times"-Song ist als "Space" in einer neuen Version auf dem Album enthalten.

Doch durch das kontroverse Hirschberg-Porträt und die Tatsache, dass die 34-Jährige, die im vergangenen Jahr hochschwanger bei der Grammy-Verleihung auftrat, inzwischen Ehefrau des Sohnes des Warner-Music-CEOs Edgar Bronfman ist und im schicken kalifornischen Reichenvorort Brentwood wohnt, kommen vor allem in den US-Medien Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit auf. Arulpragasam nimmt das ausnahmsweise gelassen: "Ich fühle mich nicht missverstanden. Missverständnisse sind gut, die führen zumindest zu Diskussionen."

Womit die Presse nicht umgehen könne, sei ihre Andersartigkeit, sagt sie: "Ich weiß selber nicht so genau, was ich bin, denn ich habe niemanden, mit dem ich mich vergleichen kann. Da gibt es keine indische Sängerin, von der ich sagen könnte: Oh, ich will so sein wie die. Gleichzeitig existiere ich in den westlichen Medien, und die sind es nicht gewohnt, dass eines dieser namenlosen Flüchtlingsgesichter, das sie aus den Nachrichten kennen, plötzlich ein Individuum ist, zum Popstar wird und sagt: Hey, ich kann für mich selbst sprechen, weil ich eure verfickte Sprache gelernt habe! Das kriegen die in ihren Köpfen nicht hin."

Über Jahre hinweg seien es BBC-Journalisten oder global anerkannte Gutmenschen wie Bono oder Bob Geldof gewesen, die im Westen als Anwälte und Sprecher der Dritten Welt akzeptiert wurden. Nun gebe es plötzlich eine Person wie sie, die ihre Armuts- und Entwurzelungsgeschichte selbst erzählen kann. "Aber Individualität und Kunst gehen eben nicht zusammen mit so einer Person aus dem Flüchtlingscamp, das entspricht nicht den Gewohnheiten."

"Die ist ja wie wir!"

So sei letztlich auch das zwiespältige Porträt in der "New York Times" zu erklären, meint sie: "Die wollten mich unbedingt aufs Cover nehmen, eine braune Person, um zu demonstrieren, wie weltoffen sie sind. Aber drinnen haben sie dann behauptet, ich stehe für nichts, weil ich Fritten mit Trüffelgeschmack esse, Timberland-Schuhe trage und in poshen Hotels herumhänge: Die ist ja gar nicht wie diese fremden Anderen, die ist ja wie wir! Im Grunde haben die mich amerikanisiert. Das ist okay für mich, ich hab' damit kein Problem, aber sie sollen mir nicht meine Andersartigkeit rauben."

Aber ist es nicht letztlich doch ein Gegensatz, in ihrer Musik für die Armen, Prekarisierten und Kriminalisierten einzutreten - und gleichzeitig Teil des amerikanischen Entertainment-Establishments zu werden? Erstarrt dann nicht die politische Agitation zum Radikal-Chic? M.I.A. wird wieder etwas wütender: "Wer das sagt, soll sich doch lieber freuen, dass ich meine Musik nicht an eine Coca-Cola-Werbung verkaufen muss, um zu überleben. Ich muss das zum Glück nicht machen, ich kann meinen reichen Ehemann anpumpen." Die Leute versuchten ständig, zwischen ihrer Person und ihrer Musik zu trennen: "Wenn du ein Popstar sein willst, halt die Klappe und sei ein Popstar, sagen die. Du hast anscheinend nicht das Recht, über etwas zu diskutieren, wenn du ein Star bist. Für mich bedeutet Erfolg aber genau das Gegenteil, nämlich in der Lage zu sein, für eine Sache einzustehen. Ich will das Recht haben, meine Geschichte zu erzählen, egal wo ich lebe und wen ich geheiratet habe."

So wird M.I.A.s Kampf gegen die Medien wohl noch einige Zeit weiter gehen. Die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich für die Belange der Dritten Welt generieren wollte, konzentriert sich inzwischen fast vollständig auf ihre Person - ein altes, vielleicht unlösbares Problem des Pop-Geschäfts. Aber mit solchen Sisyphus-Aufgaben kennt sich Maya Arulpragasam ja gut aus. Da ist sie ganz in ihrem Element. Und vielleicht genießt sie das sogar ein bisschen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
mark anton, 10.07.2010
1. Mit dieser Mache will sie nur Kohle machen, ansonsten keine Interessen
unsere Gesellschaft ist reduziert auf Profit machen, im Kleinen wie im Grossen. Moral, Ethik, Sitten sind laengst auf der Strecke geblieben. Die Jugend mit ihrer Popkultur, ist leider auf einen allgemeinen Abwaertstripp begriffen, Ausnahmen bestaetigen die Regel.
Knighter 10.07.2010
2. recherche fehler?
nicht der ehemann dieser frau ist ceo von warner, sondern dessen vater...
rocknruelps 11.07.2010
3. Na klar ist das ein Fehler...
Zitat von Knighternicht der ehemann dieser frau ist ceo von warner, sondern dessen vater...
siehe http://www.wmg.com/management Mieser Job.
Wintermute 11.07.2010
4. Nichts Neues im Paradiesvogelland...
Zitat von mark antonunsere Gesellschaft ist reduziert auf Profit machen, im Kleinen wie im Grossen. Moral, Ethik, Sitten sind laengst auf der Strecke geblieben. Die Jugend mit ihrer Popkultur, ist leider auf einen allgemeinen Abwaertstripp begriffen, Ausnahmen bestaetigen die Regel.
Nichts für ungut, aber: Gähn. Die Melodie, die Sie da singen, ist Jahrtausende alt: nächste Generation = böse, faul, degeneriert, ziellos, kriegt nichts mehr gebacken, Untergang des Abendlandes etc. In gut sichtbaren Einzelfällen trifft das natürlich immer mal wieder zu. Aber auch meine Generation hatte nihilistische Zyniker (Popper) neben engagierten, Dinge ändern wollenden Naiven (= die frühen Grünen). Irgendwann sitzen die alle nebeneinander in Ämtern und Vorständen und wiederholen das langweilige Lied, das auch ihnen schon vorgesungen wurde (siehe oben). Vorher: Die Mods der Sechziger, Oscar Wilde und seine Anhänger, der junge Werther ... Auflehnung ist das Echolot des Heranwachsenden. Dass sie nicht immer sinnstiftend und stilsicher ist, ist ein anderes Thema. Und Popkultur ist genau das: ein Schrei, dessen Echo der Schreiende genießt. Ideen ausprobieren und über ihre Wirkung Unbehagen beim Establishment erzeugen. Wenn das Establishment gerade kuschlig-liberal drauf ist, gibt es eben Rammstein auf die Ohren; wenn es kantig daher kommt, werden alte Hippie- und Systemverweigerer-Schablonen herausgekramt. Hauptsache *anders*. Funktioniert immer. Generiert Umsatz, erzeugt Adrenalinausbrüche und Zivilisationsmelancholie bei denen, die sowieso nicht kaufen würde, und Presse sowie Künstler freuen sich. In dem Moment, wo Sie sich über den Sittenverfall mokieren, sind Sie bereits Teil des Spiels. Und das wird auch in hundert Jahren noch funktionieren.
VPolitologeV, 11.07.2010
5. Naja...
Zitat von mark antonunsere Gesellschaft ist reduziert auf Profit machen, im Kleinen wie im Grossen. Moral, Ethik, Sitten sind laengst auf der Strecke geblieben. Die Jugend mit ihrer Popkultur, ist leider auf einen allgemeinen Abwaertstripp begriffen, Ausnahmen bestaetigen die Regel.
Dann kann man gleich alles sein lassen - die Alten im Establishment, die Jugend eh blöde, kompletter Nihilismus und Geld machen. Egal wer, man kann ihn/sie da reindrücken. Ich bezweifle, daß diese Haltung mehr ist als Resignation.
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