"Aida"-Premiere: Die Kriege sind ein seltsames Spiel

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In Giuseppe Verdis "Aida" herrscht Krieg - zwischen Menschen, Völkern und Idealen. Guy Joosten inszenierte jetzt die Superoper in Hamburg als privates Scharmützel gehetzter Individuen. Und bei denen dreht sich auch noch alles ums Bett.

"Aida", die Oper der Opern: Hat man als ambitionierter Regisseur bei den politischen und sozialen Implikationen des Stoffs eine reelle Chance? Giuseppe Verdi hat dazu so pralle Arien, Ensembles und Chorstücke komponiert, da zerplatzt manche Inszenierungsidee einfach an der Wucht der Musik. Der Niederländer Guy Joosten, ein routinierter und international erfolgreicher Regisseur, trat in seiner neuen Hamburger Inszenierung eine elegante Flucht nach vorn an: Er positionierte seine junge, kraftvolle Titelrollen-Sopranistin Latonia Moore inmitten einer pastellfarbenen Partygesellschaft, die mit so einer aufrechten Liebenden rein gar nichts anfangen kann.

"Aida" goes "Fledermaus" hieß es also an der hanseatischen Staatsoper, und "Prost!" von Anfang an. Amneris, sozial bestens gestellte ägyptische Königstochter, hat denn in diesem Fun-Ambiente auch ein markantes Alkoholproblem. Keine Szene ohne Drink, keine Arie ohne keckes Mähnenschütteln. Uma Thurman in "Pulp Fiction" ist nichts dagegen. Ein Ausbund an drogengesteuerter Lebensfreude, gar nicht mal unsympathisch und dabei sexy. Nur eben keine Frau für einen aufrechten Kämpfer wie Radamès, der als ägyptischer Feldherr die Äthiopier in die Knie zwingt. Das alles endet im Ornament: Krieg und Verwundete werden Staffage für Events und Fotos, die ägyptische Society lässt sich von ein paar zerlumpten Opfern die Fete nicht verderben. Kriege sind halt auch nur ein seltsames Spiel.

Die neue Hamburger Inszenierung von Verdis Festoper stülpt das plakative Drama, das man natürlich hochpolitisch nehmen kann (wie die letzte Inszenierung von John Dew an der Staatsoper zeigte) vom Kampf der Völker ins Private um - gekämpft wird zuerst um Liebe, Sex und Herrschaft, was natürlich ebenso kriegerisch wie ein Waffengang sein kann. Ein Bett mitten auf der Bühne symbolisiert diesen Aspekt fast während der gesamten Inszenierung. Etwas bescheiden über knappe drei Stunden, aber umspielt von einem tanzenden Bühnenbild und cleverem Licht - auch so kann man's machen.

Die Gesellschaft als natürlicher Kriegsschauplatz: Das drängt sich stets als solide Option auf. Gut, wenn dem Regisseur ein Bühnenbildner wie Johannes Leiacker zur Seite steht, der die Wände seines variablen und sehr beweglichen Bühnenraums ausdrucksstark mit Ameisen-Anmutungen im Stil der Documenta-Installationen von Peter Kogler ausstattet - Referenz an die alles reinigende Rache der Natur und ordnenden Göttlichkeit. Die Insekten sind überall, sogar schon in der Gruft, in der Radamès und Aida am Ende sterben.

Dramatischer Fluss und optischer Sog ergänzen sich perfekt

Diese sich ständig verändernde Bühne wirkt als Designer-Pyramide wie eine sich langsam schließende Falle, die sich im Handlungsverlauf immer mehr vertieft und mit mathematischen Lichtprojektionen die Illusion des optischen Sogs perfekt als Verstärkung des dramatischen Flusses nutzt. Als das Liebespaar auf seinen Tod wartet, flieht der Blick des Zuschauers in eine sich verengende Raumestiefe - zusammen mit der raffinierten Lichtregie ein anrührendes und intensives Bild, dicht entlang der Musik gedacht.

Stimmlich überzeugte an diesem Abend vor allem die jugendliche Aida der hochtalentierten Texanerin Latonia Moore, die in ihrem Rollendebüt voll überzeugen konnte und sowohl mit sicheren Höhen wie dramatischer Stimmführung begeisterte. Ihre Widersacherin Laura Brioli als Amneris bot einen etwas engen gutturalen Mezzosopran, der nicht immer ideal ausgeformt klang.

Großen Beifall sammelte als Aida-Vater Amonasro hingegen der polnische Bariton Andrjez Dobber ein, dessen voluminöse und kultivierte Stimme jede seiner Szenen beherrschte und mit der er die Details seiner Figur optimal gestalten konnte. Franco Farinas Radamès begann mit der Hit-Arie "Celeste Aida" sehr verhalten, steigerte sich aber ansehnlich zu einer sauberen, wenn auch nicht herausragenden Leistung. Bestes hingegen bot der junge italienische Dirigent Carlo Montanaro, der in diesem ersten Hamburg-Gastspiel mit feiner Disposition und exzellentem Klangpointen viel aus den Philharmonikern herausholte - der Mann muss wiederkommen!

Regisseur Guy Joosten hatte bereits mit seiner gewagten, weil ironischen "La Bohème" in Hamburg erfolgreich debütiert, und diese schlüssige, über streckenweise etwas leichtgewichtige "Aida" könnte sich ebenso zum Dauerbrenner entwickeln. Im Zuge der von Opernchefin Simone Young offenbar gewünschten Solidität ohne provokatorische Spitzen beste, wenn auch risikofreie Wahl.


Aida. Hamburgische Staatsoper. Weitere Aufführungen am 19., 22., 25., 28. Mai, 2., 5., 10. Juni 2010.

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