Komponist Carl Nielsen Kein einfacher Typ

Für viele noch Neuland: Die Musik von Carl Nielsen hat bestenfalls Geheimtippstatus. Jetzt hat Alan Gilbert mit dem New York Philharmonic Orchestra seinen Nielsen-Zyklus auf CD vollendet. Zeit für ein Comeback des Komponisten-Genies.

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Simpel ist hier gar nichts - auch wenn Carl Nielsens sechste Symphonie den Beinamen "semplice" (einfach) trägt. Dänemarks genialer Komponist (1865-1931) verarbeitet eingängige Melodien so komplex und verwirrend, dass es eines Top-Orchesters wie den New Yorker Philharmonikern und ihres ambitionierten Pult-Chefs Alan Gilbert bedarf, um die Weiten des Nielsen-Kosmos zu erforschen.

Zu Nielsens Lebzeiten waren Kritiker wie Publikum bei der Kopenhagener Premiere der "Einfachen" überfordert, der ironische Widerspruch zwischen schlichten Themen und vertrackter Durchführung ließ viele ratlos. Ein Stigma: Bis heute erlebte die Sechste die wenigsten Aufführungen aller Nielsen-Symphonien - natürlich zu Unrecht. Auch das zeigt die New Yorker Neuaufnahme.

Genau genommen entstand Nielsens Sechste in der Bewegung: Die beiden ersten Sätze schrieb er ab 1924 auf Reisen zwischen Kopenhagen und der französischen Riviera, wo er auch mit dem Neutöner Arnold Schönberg zusammentraf. Es war eine kreative Zeit für Nielsen, voller Ideen und Projekte, sodass er seine letzte Symphonie erst ein Jahr später vollenden konnte. Die Uraufführung fand am 11. Dezember 1925 statt, doch den ersten Satz hatte er zuvor schon bei befreundeten Stockholmer Komponisten getestet. Ein reisender Künstler, stets bereit für neue Ideen und Eindrücke: So schuf Nielsen bis zuletzt stilistisch offene Werke.

Alles Beschauliche niederbrennen

Bei den New Yorker Philharmonikern weht der passende frische Wind für Nielsen: Der Geist des großen Abenteurers und Entdeckers Leonard Bernstein prägt offenbar bis heute das Spitzenorchester. Selbstbewusst und feinsinnig zugleich haben sich die New Yorker den Nielsen künstlerisch einverleibt. Jetzt ist der komplette Zyklus mit allen sechs Symphonien eingespielt.

Nielsens symphonisches Werk muss keine Vergleiche scheuen: Aus dem Erbe von Brahms und Schumann entwickelte er mit Mahler-Zutaten einen hochkomplexen Sound, experimentierte mit Arrangements und Klangwirkungen und sorgte mit harmonischer Experimentierfreude stets für Überraschungen. Dabei arbeitete er zukunftsorientiert - mit einer beinahe filmischen Dramaturgie.

Man höre nur das Adagio der fünften Symphonie, das aus einer idyllisch-romantischen Melodieführung plötzlich in knallige Percussion-Parts abstürzt, die alles Beschauliche in ätzender Schärfe niederbrennen - um anschließend den romantischen Faden wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen. Sicher darf man sich bei Nielsen nie fühlen. Es wird immer wieder getrommelt und gepfiffen, wenn die pure Schönheit zu sehr schillert.

Mit ungestümer Lust

Wie man gerade im Konzertsaal mit Nielsen begeistern kann, zeigte der junge südamerikanische Stardirigent Gustavo Dudamel - mit ungestümer Lust an der melodischen Fülle und schroffen Rhythmen. Denkbar, dass Alan Gilbert ein solches Dudamel-Konzert inspiriert hat, denn seine Einspielungen der Nielsen-Symphonien entstanden allesamt live in concert - in der New Yorker Avery Fisher Hall.

Die Freude der New Yorker Philharmoniker darüber, dass mit Gilbert seit 2009 zum ersten Mal ein Sohn der Stadt dem Elite-Orchester vorsteht, teilen sie oft und gern mit. Und gemessen an der elastischen Spielfreude, mit der die Musiker unter ihrem neuen Chef agieren, scheint sich dies neben seiner künstlerischen Qualifikation positiv auf die kreative Kraft des Ensembles auszuwirken. Da wird man mutig: Gerade mit einem immer noch unterschätzten Komponisten wie Nielsen zu glänzen, erfordert Repertoire-Witz. Es muss eben nicht immer der altbekannte Werkekanon sein; das verwöhnte New Yorker Publikum darf in Zeiten knapper Budgets und knauseriger Sponsoren schon mal überrascht werden.

Wenn der Verdi explodiert

Dazu liefert Gilbert den Background und das Können. Ausgebildet in Harvard und an der New Yorker Juilliard School eroberte er vor seiner Rückkehr in die Heimatstadt die europäische Konzert- und Opernszene, dann dirigierte er sich durch High-End-Stationen in den USA. Stets befasste sich Gilbert neben Mozart und Mahler auch mit zeitgenössischen Komponisten wie Christopher Rouse, Sebastian Currier und Wolfgang Rihm. Wenn es sein muss, kann er aber auch pompös: Gerade erschütterte er mit einer "Soundexplosion", wie die "New York Times" schreibt, in Gestalt von Verdis Requiem seine Konzerthalle im Lincoln Center. Manchmal darf es eben auch ein Kraftakt sein.


CD-Angaben:
Carl Nielsen: Symphony No. 5 / Symphony No. 6, "Sinfonia semplice". New York Philharmonic, Leitung: Alan Gilbert; Dacapo/Naxos; 17,99 Euro.



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Jan Dvorak 22.02.2015
1. Deutscher Neutöner?
Arnold Schönberg Deutscher? 1874 in Wien in eine jüdische Familie geboren, 1933 vor den Nazis in die USA emigriert, 1951 in Los Angeles gestorben. "Neutöner" (wer solch einen Begriff mag…) meinetwegen, aber "deutsch" ja doch eher nicht. Abgesehen davon: Nielsen ist schon gut. Kennen tu ich den von einer gelungen Einspielung von Salonen mit dem schwedischen Radiosymphonikern (alle 6 Symphonien, dazu weitere Werke), sehr empfehlenswert.
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