Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Finden Sie das Zitat! Foxygen veranstalten auf ihrem wahnsinnigen Debüt-Album ein Sixties-Ratespiel. Everything Everything schalten einen Gang zurück. Adam Green und Binki Shapiro spielen "Nancy & Lee" nach - und Naked Lunch haben ein paar Trauermärsche parat.

Foxygen - "We Are The 21st Century Ambassadors of Peace & Magic"
(Jagjaguwar/Cargo, bereits erschienen)

So viel Mumm muss man erstmal haben: Vor zwei Jahren marschierten Sam France und Jonathan Rado, zwei Musiker aus Kalifornien, die in dieser Kaschemme auf der Lower East Side so gar nichts verloren hatten, nach dessen Auftritt zu ihrem Idol Richard Swift (u.a. Mynabirds, The Shins) und drückten ihm ihre selbstgebrannte und -produzierte EP "Take The Kids Off Broadway" in die Hand. Und was machte Swift, der Fuchs? Schmiss das Ding nicht einfach in den Mülleimer, sondern hörte sich den Kram an. Ein Jahr später hatte er das Debüt-Album der Kids fertig produziert, was nun unter dem vollmundigen Titel "We Are The 21st Century Ambassadors of Peace & Magic" für eines der ersten echten Musik-Highlights des Jahres sorgt. Warum das? Weil France und Rado, die schon seit Highschool-Zeiten zusammen Musik machen und eine erlesene Plattensammlung besitzen, nicht nur kompetent zahlreiche Sixties-Vorbilder zitieren, sondern das Ursprungsmaterial so gut beherrschen, dass dabei etwas Eigenes (und total Wahnsinniges) entsteht. The Kinks, das deutet bereits der Albumtitel an, standen hier Pate, doch mit Foxygen wird es erst richtig "kinky", wenn "We Are The Village Green Preservation Society" munter mit alten Velvet-Underground-Harmonien, Beatles-Pop und Siebziger-Stones (und noch viel, viel mehr) verrührt wird. Es empfiehlt sich dringend, diese Platte sehr oft zu hören, weil man die ganzen lustigen Hommagen und Zitate gar nicht mitkriegt, wenn man auch noch auf die lustig, launig dahingeworfenen Texte achtet: "I left my love in San Francisco (That's okay, I was bored anyway/ I left my love in a field (That's okay, I was born in L.A.)", so geht der Call-and-Response-Refrain im Scott-Mckenzie-Update "San Francisco", und selbst wenn das ein Insider-Witz ist, den keiner versteht, der nicht von der Westküste kommt, muss man doch vor lauter Faux-Naivität schmunzeln. Im "Wild Horses"-Remake "No Destruction", das France mit Lou-Reed-Lakonie singt, findet sich die schönste Zeile des Albums: "There's no need to be an asshole/ You're not in Brooklyn anymore". 2013 ist das Jahr, in dem die Westküste, allen voran die Bay-Area-Szene um Ty Segall und Mike Donovan, die Deutungshoheit im US-Rock zurückerobert. Und Foxygen, das unglaublichste Duo seit Ween, mischen dabei ganz vorne mit. (8.5) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Adam Green & Binki Shapiro - "Adam Green & Binki Shapiro"
(Concord/Universal, bereits erschienen)

Okay, zwei Dinge: Erstens sollte man dieser Platte allein schon deshalb sein Herz schenken, weil Adam Greens Duett-Partnerin (auch bekannt aus vergangenen amourösen Verstrickungen mit Strokes-Schlagzeuger Fab Moretti und der mäßig erfolgreichen Freizeitband Little Joy) Binki Shapiro heißt. Wer einen solchen Namen trägt, verletzt dich nie, stellt dich nicht vor vollendete Tatsachen und schaut mit dir um elf Uhr nachts Godards Schattenspiel "Elf Uhr nachts". Zweitens hoffe ich leise, dass die Namen Nancy Sinatra und Lee Hazlewood so dermaßen oft in den Rezensionen zu "Adam Green & Binki Shapiro" genannt werden, dass deutsche Umsonstzeitschriften in Zukunft endlich "Lee Hazlewood" statt "Lee Hazelwood" schreiben, und sich bei der Gelegenheit auch gleich ein paar alte Hazlewood-LPs außer "Nancy & Lee" bei der Arbeit anhören, zum Beispiel "Love And Other Crimes", "13" oder "Cowboy In Sweden". Was das mit Binki Shapiro (herbe Schönheit, gütig, scharfzüngig) und Adam Green (albern, begabt, liebesbedürftig, und bitte schauen Sie sich bloß nicht "The Wrong Ferrari" an!) zu tun hat, wird schnell offensichtlich: Das phantastische "Here I Am", "Pity Love" und "What's The Reward" stellen recht erfolgreich das reiche Jahr 1968 nach, in dem "Nancy & Lee" als blasser Schatten über die Wolken zog. Bemerkenswert innovativ ist das sicher nicht, aber wenn man, so wie ich, gerade täglich Toto hört, kennt man sich mit den reaktionären Mächten ja bestens aus. (6.9) Jan Wigger

Adam Green & Binki Shapiro - "Just To Make Me Feel Good"
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Everything Everything - "Arc"
(RCA/Sony, bereits erschienen)

Bevor jetzt alle in (wahrscheinlich) unberechtigte Jubelstürme über das neue Foals-Album ausbrechen: Hier ist eine Band, die weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Zumindest hierzulande. In ihrer Heimat Großbritannien sind die Jungs aus Manchester, deren zungenbrechenden Namen man komfortabel mit EE abkürzen kann, bereits seit ihrem Debüt-Album "Man Alive" (2010) ein Thema, mit ihrer nun weitaus zugänglicheren zweiten Platte haben sie es in die britischen Top Ten geschafft. Normalerweise würde man jetzt sagen: Na toll, haben sie sich also dem Pop-Mainstream (besser: der Langweilerei) angepasst, dann klappt's auch mit den Verkäufen. Doch ganz so einfach ist diese ansonsten oft stimmige Rechnung dann doch nicht. Richtig ist, dass Sänger und Texter Jonathan Higgs nicht mehr so kräftig auf die Tube drückt, wenn es darum geht, möglichst viele Ideen in einen einzigen Song zu stopfen. "Every song was kind of 'woo-ah-woo' and I got tired of it", sagte Higgs der BBC und gab sich ebenso selbstkritisch, was das neue Material betrifft: Eigentlich sei ihnen nur ein einziger Song richtig gut gelungen, meinte er, und zwar "Duet", so etwas wie eine Ballade, die in Struktur und Pop-Brillanz an "Eleanor Rigby" erinnern soll. Das klappt so mittelgut, denn in den Songs von EE passiert eben immer noch zu viel, als dass ein reiner Pophit dabei rauskommen könnte. Was schon wieder zeitgeistig genug für den Massengeschmack ist. Das Album beginnt mit drei Songs, die man als nachhaltige "Hier sind wir"-Geste deuten könnte: "Cough Cough" handelt vom Elend des Kapitalismus und klingt, als hätten sich Battles mit den leider verschwundenen Soul Coughing (no pun intended) zusammengetan. "Kemosabe", der Hit, wenn man so will, kreuzt die R&B-Fröhlichkeit von Maroon 5 mit strengem Math Rock und Polyrhythmen, und "Torso Of The Week" schließlich, ebenfalls eine eher konsumkritische Hymne, vermählt späte Faith No More mit Coldplay und jenem Fusion-Funk, der das Debüt über weite Strecken dominierte. Im hinteren Teil der Platte wird es mit R&B-Crossovern wie "Arc", "Armourland" und "Radiant" etwas entspannter, leider aber auch zerfaserter, bis "The Peaks" schließlich klar macht, wie viel Huldigung EE den Übervorbildern Radiohead immer noch entgegenbringen. Ein klassisches zweites Album also, auf dem viel ausprobiert wird und - analog zu den mit Existenzangst beladenen Texten, noch nichts definitiv ist. Und das ist ausnahmsweise mal nicht unausgegoren zu nennen, sondern interessant. (6.8) Andreas Borcholte

Everything Everything - "Kemosabe"
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Naked Lunch - "All Is Fever"
(Tapete/Indigo, 1. Februar)

Aus dem Land der Selbstmörder und der süßen Verschwendung grüßen einmal mehr Naked Lunch: Mit Klagenfurts Beitrag zum zärtlichen, haltlosen, Welten verschlingenden Pop der kalten Tage. Wie kann man ein gutes Leben führen inmitten von Regenfluten, Beerdigungen, Abschieden, einsamen Wiedergängern und alten Gespenstern? Wie trotzdem die Welt umarmen, die Fäuste oben halten und angstvoll "Mehr Licht" flüstern? Naked Lunch haben "Instant Karma! (We All Shine On)" gehört, aber auch die Pet Shop Boys und den guten, wachsbleichen Wave und Goth ("At The Lovecourt"). Nach der wundervollen Stimmenverwirrung "This Atom Heart Of Ours" (der Track, nicht das Album!) gibt es hier mit "Dreaming Hiroshima" und "The Funeral" erneut zwei Trauermärsche, die kurz, ganz kurz die Grenzen zur Ewigkeit überschreiten. Ja, die Texte sind nicht sehr elaboriert oder verschachtelt, doch haben wir es hier mit der einfachen, klaren Sprache des Herzens zu tun, die zu Oliver Welters wohlig leierndem Leidensgesang passt wie nichts anderes. "Keep it hardcore/ Keep it real/ Keep it left/ And please keep your will/ Like a hammer/ Like a bullet/ Like a bomb." Hat Schnitzler nicht gesagt, Sicherheit sei nirgends? Wenn das so ist, werfen wir die schweren Schlüssel und die Lasten der Erziehung jetzt ab und gehen ins Wasser. Kein Tod, nur der Anfang von etwas. (7.0) Jan Wigger

Naked Lunch - "The Sun"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 9 Beiträge
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1. optional
ahso 29.01.2013
Wie lange wird es dauern, bis das rote Dreieck auf dem Cover verboten wird?
2. Am 18.02.2013
blackball 29.01.2013
erscheint das neue Exit Calm Album. Das wäre mal ein Bericht wert ... http://www.lastfm.de/music/Exit Calm/Exit Calm
3. Schade:
pedalsteel 29.01.2013
8.5 ist noch eine Spur deplazierter als 8.4 in Pitchfork. Um nicht missverstanden zu werden: diese Musik ist in Ordnung, aber man sollte sie nicht überbewerten. Twins von Ty Segall ist da wahrhaftig in einer anderen Liga. Lady from Shanghai von Pere Ubu oder die Doppel-LP von Raime, das ist interessant. Und bitte jetzt den Knüppel steckenlassen von wegen Humor und Ironie blablablabla nicht verstanden und einfach nicht gemerkt. Des Kaisers neue Kleider. Am Jahresende werden sie vergessen sein.
4. Schade:
pedalsteel 29.01.2013
8.5 ist noch eine Spur deplazierter als 8.4 in Pitchfork. Um nicht missverstanden zu werden: diese Musik ist in Ordnung, aber man sollte sie nicht überbewerten. Twins von Ty Segall ist da wahrhaftig in einer anderen Liga. Lady from Shanghai von Pere Ubu oder die Doppel-LP von Raime, das ist interessant. Und bitte jetzt den Knüppel steckenlassen von wegen Humor und Ironie blablablabla nicht verstanden und einfach nicht gemerkt. Des Kaisers neue Kleider. Am Jahresende werden sie vergessen sein.
5. Simfy
carstens_86 29.01.2013
Wird es eine wöchentlich aktualisierte Playlist auch demnächst für Simfy-User geben?
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