Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Rihanna arbeitet die private Rückkehr zu ihrem Schlägertypen mit einem echten Rock'n'Roll-Album auf, King Dude brummelt fahle Liebeslieder, Prince Rama machen sich über die Ironie-Pose der Brooklyn-Hipster lustig - und A.C. Newman hat ein paar hübsche Songs auf seinem neuen Album.

Rihanna - "Unapologetic"
(DefJam/Universal, bereits erschienen)

Rock'n'Roll ist tot? Pah. Rock'n'Roll wird heute lediglich von Musikern verkörpert, die alles andere als Rockmusik machen. Wer wie ich am vergangenen Sonntag geschlagene drei Stunden im Berliner Nieselregen auf den Geheimauftritt von Rihanna gewartet hat und dann mit einer guten Stunde Dröhnung via Halb- und Vollplayback belohnt wurde, der weiß, wovon ich spreche. Rihanna ist der erfolgreichste und populärste Popstar der vergangenen Jahre, gegen den globalen R&B-Techno-Pop-Wumms der 24-jährigen Sängerin aus Barbados sind Lady Gaga und Justin Bieber nur Nischenprodukte. Dieser Status erlaubt ihr pure Rock'n'Roll-Gesten: Der Flieger aus Stockholm hatte drei Stunden Verspätung? Gut, dann müssen die Berliner eben auch drei Stunden warten, weil sich "RiRi" noch eine Locke drehen musste. 77 Fans und ein paar embeddete Medienvertreter durften sie diese Woche auf ihrer kostspieligen Mini-Clubtour an Bord einer Boeing 777 begleiten, goldene Champagner-Flaschen und echte Giveaway-Diamanten inklusive, schließlich heißt die neue Single ja "Diamonds" und ist schon wieder überall Nummer eins. Kostet alles ein Vermögen? Macht nichts, die Platten verkaufen sich gut, die Model-Karriere läuft, das Parfum ist ein Renner und Hollywood hatte auch schon eine kleine Rolle im Spektakel-Movie "Battleship" für sie im Angebot. Rihanna ist so mächtig, dass sie einfach mal so eben bestimmen kann, dass ihre neue, siebte Platte weltweit an einem Montag erscheint. Und alle so: Knirsch.

"Unapologetic" ist nun allerdings nicht die Nummer Billig geworden, mit der man nach dem David-Guetta/Calvin-Harris-Overkill der letzten Platte hätte rechnen können. Vielleicht ist es sogar Rihannas bestes Album. Aber nicht, weil es die meisten potentiellen Hits enthält, sondern weil sich die Rock'n'Roll-Geste auch in die Musik überträgt. "I'm prepared to die in the moment", singt sie gegen Ende in "Love Without Tragedy/Mother Mary". Vieles hier, von der vertrackten Ballade "What Now" bis zu "Get It Over With" ist düster, introspektiv und in Relation zum Humpta-Kosmos, in dem sie sich bewegt, recht verhalten. Wie sonst nur Singer/Songwriter widmet Rihanna das ganze Album ihrer wiedergefundenen Liebe zu Chris Brown, jenem Boyfriend und "Rude Boy", der sie 2009 zusammenschlug und nun wieder, unter Protest von Fans und Medien, ihr Lover ist. "Unapologetic", das heißt übersetzt sowohl "dreist" als auch "ungerührt", eine klare Ansage an alle, die sich in ihr Privatleben einmischen wollen, das sie selbst natürlich über Twitter mehrmals täglich selbst publik macht. Für alle, die den Kopf schütteln über die Frau, die zu ihrem Schläger zurückkehrt, hat Rihanna mit "Nobody's Business" eine fröhliche Uptempo-Nummer parat, die sie - bam! - mit Chris Brown im Duett singt: "You'll always be my boy, sing it to the world".

Vergeben und vergessen ist jedoch nicht alles, daher rührt wohl der nüchterne Tonfall, der viele ihrer neuen Lieder durchzieht: "Your love hit me to the core/ I was fine til you knocked me to the floor", singt Rihanna in "No Love Allowed", "I pray that love don't hit twice" heißt es in "Love Without Tragedy". Die reinen Dance-Tracks sind eher rar gesät auf dieser Platte. "Numb" ist eine dunkel funkelnde Reflexion über Partys, die man nur besinnungslos erträgt, gefolgt von "Pour It Up", noch so einem bedrohlich rollenden Testament der Einsamkeit im kalten Strobo-Flackern. "Jump", durchzogen von einem ins Abgründige verkehrte "Pony"-Zitat von D'Angelo, ist die Sex-geladene Floorfiller-Nummer, die man von Rihanna kennt, doch auch hier lauert die Beklemmung in jeder brutaler Beat-Attacke, jedem schneidenden Lasergeräusch, das die Produzenten (hier: Stargate) respektvoll hineingemischt haben. Das von Guetta angemessen hirnlos überproduzierte "Right Now" wirkt da wie ein Fremdkörper aus der "Talk That Talk"-Phase, die nun vorbei zu sein scheint.

Wie einst Marvin Gaye oder Bob Dylan nimmt sich Rihanna das Recht, ihre privaten Angelegenheiten und Unsicherheiten ("Stay") in ihrer Musik zu thematisieren, auf Albumlänge. Das ist ein Novum im aussagefreien Hochglanz-Pop unserer Zeit, selbst wenn man Lady Gagas sympathische Selbstermächtigungs-Phrasendrescherei in Rechnung zieht - und nur folgerichtig, wenn man anerkennt, wie eifrig und gekonnt sich gerade Rihanna der sozialen Medien als Inszenierungs-Plattform bedient. The bride stripped bare. (7.9) Andreas Borcholte

King Dude - "Burning Daylight"
(Ván/Soulfood, bereits erschienen)

Wer das kleine Schwarz-Weiß-Poster aus der Papphülle des "Burning Daylight"-Digipacks zieht, den Dude mit Töterinnen-Gitarre und schwarzer Gesichtsmaske sieht und den Gedanken an Death In June absichtlich verleugnet, ist ein Idiot. Dass TJ Cowgill "Nada!" und "But What Ends When The Symbols Shatter?" liebt, steht völlig außer Frage - hinzu kommen die ebenso bösen Sol Invictus und eher reguläre torchbearer des monochromen Folk: Cash, Cohen, Guthrie, Cave. "I drive my hearse in reverse/ Cuz I know when I die/ You suspect I'm the devil/ But I know you're mine": So geht der politisch saubere Cowgill, der nebenbei das Modelabel Actual Pain betreibt, auf eine Reise ohne Ziel. Man denkt an Marcel Carné, an verbotene Spiele und den jungen Fritz Lang, während King Dude, ein fahles Liebeslied brummelnd, vorantreibt: "And if I see that deputy he'd better run away, Barbara Anne/ Cuz I'll put this whole town in the ground if I have to, Barbara Anne." Von Fred Fassert und den Beach Boys trennt Cowgill nur ein einziger Buchstabe. Von "American Graffiti" eine ganze Galaxie. (7.0) Jan Wigger

Prince Rama - "Top Ten Hits Of The End Of The World"
(Paw Tracks/Indigo, bereits erschienen)

In der "New York Times" gab es unlängst einen interessanten Essay darüber, wie Ironie zum allgegenwärtigen Begleiter und Lebenshelfer der Generation Y geworden ist (Für alle Älteren: Das ist die Generation nach uns, die auch nichts gebacken kriegt, das aber augenzwinkernd mit Schnurrbärten, nostalgischer Instagram-Ästhetik und vielerlei Popkultur-Zitaten übertünchen will). Das ironische Zwinkern ist natürlich noch hohler als die Zudröhn- und Aussitz-Attitüde der X-Generation, aber irgendwas muss man ja anders machen, auch wenn nun wirklich alles schon mal anders gemacht worden zu sein scheint. Prince Rama, zwei Schwestern aus, natürlich, Brooklyn, haben nun die vorerst perfekteste Platte für diese Weigerung, irgendetwas ernst zu nehmen, geschaffen. Sie sieht aus wie eine dieser alten, furchtbar geschmacklosen Siebziger-Jahre-Compilations, auf denen oft Eruption und Boney M. zu finden waren, und enthält zehn Songs von Bands, die angeblich kurz vor dem Weltuntergang Stars waren. Prince Rama, die in einem Aschram groß geworden sind und schon zwei Platten mit orientalisch dengelndem Hipster-Gedöns veröffentlicht haben, wachsen hier über sich hinaus und "channeln" diese Bands. Da wären zum Beispiel die Guns of Dubai mit ihrem lässig rollendem DFA-Beat "Blade Of Austerity", offenbar ein Kommentar zum globalen Sparkurs. Oder die B-52's-Wiedergänger Nu Fighters mit ihrem Shoegaze-Loveshack "No Way Back". The Metaphysixxx zelebrieren kalten Achtziger-Wave mit "Exercise Ecstasy", Black Elk Speaks ziehen sich mit "Fire Sacrifice" in die verspielten Folklore-Welten von Coco Rosie zurück, Taohaus zitieren ganz unverblümt New Orders "Blue Monday" - und so weiter. Im Booklet haben sich die beiden Frauen im jeweils passenden Outfit und Ambiente ablichten lassen. Vor allem in der Mitte des Albums frönen die Schwestern noch zu oft ihrem Hare-Krishna-Erbe, aber dennoch gelangen ihnen ungewöhnlich eingängige Popsongs, die nicht nur die zurzeit gängigen Musikstile aus den Achtzigern und Neunzigern karikieren, sondern natürlich vor allem die aus Brooklyn, London oder Kanada stammenden Bands, die gerade mit deren Wiederaufbereitung Kasse machen und als cool gelten. Eine ambitionierte Doppel-Parodie also, die man von diesem versponnenen Underground-Duo nicht erwartet hatte. Wer Glück hatte, konnte Prince Rama mit ihrer extrovertierten Bühnenshow gerade als Support von Animal Collective sehen - auf deren Label Paw Tracks "Top Ten Hits Of The End Of The World" erschienen ist. Hinter dem lustigen Ironie-Spiel lauert freilich ein durchaus abgründiger Kulturkommentar: Wenn Pose und Hommage zum einzigen Inhalt werden, ist das Ende wohl wirklich nah. Und Prince Rama grooven auf dem Grab. (6.8) Andreas Borcholte

A.C. Newman - "Shut Down The Streets"
(Fire Records/Cargo, bereits erschienen)

Es ist kein Geheimnis, dass ich seit einigen Ewigkeiten alles von Neko Case und den New Pornographers links liegen lasse, wenn ein neues Destroyer-Album erscheint. Bei A.C. Newman war das anders, denn "On The Table", "The Cloud Prayer" und "The Town Halo" (alle enthalten auf "The Slow Wonder", 2004) zählen zu den größten Songs aus der milden, gnädigen Küstenmetropole Vancouver. Weil die letzte LP des mittlerweile in die Staaten ausgewanderten Songschreibers einer leisen Enttäuschung gleichkam, erfreut es mich umso mehr, dass "Shut Down The Streets" genau das Soft-Rock/Power-Pop-Großwerk zwischen Gordon Lightfoot, early Shins ("You Could Get Lost Out Here") und den Cars geworden ist, das Newman immer schon in sich hatte. Mit "There's Money In New Wave" wurde der gigantischste neue Song bereits recht bestrickend von Ina Simone & The Lonesome Thrones dekonstruiert (checkt YouTube oder euer Grammophon, liebe Leser!); nicht weniger hübsch sind "Hostages", "They Should Have Shut Down The Streets" und das lebenskluge "I'm Not Talking": "Until there's reason to think I have a shot at redemption…/ Until then, I'm not talking." Ein beliebter deutscher Meinungsmacher pries mir "Shut Down The Streets" (nach vermutlich zweimaligem Hören) mit den Worten "Ist nur ein einziges gutes Stück drauf" an. Wenn man das Jahr 2012 größtenteils mit dem Hören von Geräuschen verbracht hat: Agreed! (7.3) Jan Wigger

Best Of "Abgehört"

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Jump
chromakey 20.11.2012
..."Jump", durchzogen von einem ins Abgründige verkehrte "Pony"-Zitat von D'Angelo"... Nöh, "Ride my Pony" ist von Ginuwine, Timberland & Static Major. Gesungen von Ginuwine. D´Angelo ist was Anderes.
2. Ich erinnere mich ...
feixtel 21.11.2012
... an Rezessionen, die hier zahlreich besprochen, benotet, verachtet , etc. wurden. Bis jetzt lese ich nur eine "Reaktion". Liegt es am Leser oder dem Kritiker? Keine Ahnung ... aber diese Rezessionen haben mich jetzt auch nicht so interessiert. Liegt es am mir oder dem Kritiker? Fragen über Fragen :-) Gruß P.S. Michael Jackson war schon viel mehr Mainstream als "The Weeknd" von letzter Woche, dessen Album ich mir jetzt anhören konnte
3.
_oasis_ 21.11.2012
Zitat von feixtel... an Rezessionen, die hier zahlreich besprochen, benotet, verachtet , etc. wurden.
Möglicherweise erinnerst Du Dich (hoffentlich positiv *g*) an diesen Thread (http://forum.spiegel.de/f7/cds-der-woche-und-ihre-favoriten-1750.html). Mittlerweile ist aber das SpOn dazu übergegangen pro Abgehört-Erscheinung einen eigenständigen Thread zu eröffnen. Hoffe Dir mit dieser Auskunft weiter geholfen zu haben. Greetz!
4. Talentlos und überbewertet
friedenau 28.11.2012
Rihanna arbeitet die private Rückkehr zu ihrem Schlägertypen mit einem echten Rock'n'Roll-Album auf Diese Rezension passt hervorragend in die Bravo bzw. zu MTV/VIVA. Der Beitrag in Welt-Online der letzten Tage "Rihannas neues Album ist so fad wie Flugzeugessen" Um ihre CD 'Unapologetic' vorzustellen, flog Rihanna mit 200 Journalisten um die Welt. Zu berichten gab es davon relativ wenig – außer dass Rihanna in Paris frische Unterwäsche brauchte."..... trifft es wohl eher. Und "Numb" ist das schlechteste, was ich je von Em hörte. Mein Fazit zu Rihanna: talentlos, total überbewertet, schlecht angezogen.
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.