Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Tegan and Sara wandeln sich von Indie-Musen zu Radiopop-Powerfrauen. Eels-Chef Mark Oliver Everett betreibt sehr rührend Selbsttherapie. Veronica Falls beflügeln Nostalgiker - und Ron Sexsmith hat doch noch ein großes Spätwerk auf Lager.

Tegan and Sara - "Heartthrob"
(Warner, 8. Februar)

"Here comes the heat before we meet a little closer/ All I dream of lately is how to get you underneath me", mit solchen expliziten Zeilen und einem treibenden Retro-Synthpop-Sound irgendwo zwischen späten Heart und früher Shania Twain eröffnet "Closer", der vielleicht erstaunlichste Popsong dieses noch jungen Jahres. Erstaunlich nicht wegen seiner für europäische Verhältnisse milden Sexualität, sondern weil die Schöpfer dieses Smash-Hits Tegan und Sara Quin sind. Die Schwestern aus Kanada haben sich in den letzten zehn Jahren einen Namen in der Indie-Szene gemacht - und galten bisher für Szene-Teenager als coole Alternative zum Mainstream-Radiopop. Die popwilligen Refrains, die Cyndi Lauper ebenso wie Madonnas Frühwerk oder Giorgio Moroders Soundtracks zelebrieren, waren allerdings immer schon vorhanden. Ein Song wie "Closer" unterscheidet sich nicht sehr von "You Went Away" von "If It Was You" (2007) oder "Don't Rush" von "Sainthood" (2009), den letzten Studio-Alben des Duos. Insofern ist "Heartthrob", was Teenieschwarm oder Herzklopfen heißen kann, kein so radikaler Bruch wie manch empörter Fan vermuten könnte, es ist die konsequente Weiterentwicklung des Pop-Songwritings der Schwestern - und vielleicht sogar eine Art Befreiungsschlag. Denn mit Hilfe des Produzenten und Songwriters Greg Kurstin (Ke$ha, Lily Allen, Pink, Kelly Clarkson) sprengen Tegan and Sara alle Codes des engen Indie-Regelwerks zugunsten eines Albums, das zur Hälfte aus Pophits für ein Massenpublikum besteht: Neben "Closer" haben "Goodbye, Goodbye", die Ballade "I Was A Fool", "Drove Me Wild" oder das Corrs-artige "Love They Say" allemal das Zeug, das internationale Formatradio zu bedudeln - und zwar mit einem zeitgeistigen Achtziger-Flair, der auf vordergründig naives Songwriting setzt statt auf die vertrackten R&B-Beats und Bombast-Orgien von Rihanna und Kolleginnen. In den Texten wird so ungefiltert geschmachtet und Teenager-Phantasien nachgehangen, dass man nicht glauben mag, dass hier zwei Frauen über 30 am Werk sind. Aber vielleicht ist es gerade der Abstand des Alters, der die beiden befähigt, die Gefühle eines ersten heftigen "Crushs" mit angemessener Heftigkeit in Worte zu fassen. "Heartthrob" feiert die vermeintliche Unschuld einer Zeit, die Tegan and Sara nur aus Filmen und Erzählungen oder von alten, geliebten Platten kennen: Damals, als es noch ganz natürlich, nicht camp war, zu "Time After Time" zu schwelgen, zu "Flashdance" zu tanzen oder bei "St. Elmo's Fire" eine Träne ins Taschentuch zu wischen. Tegan and Sara stellen sich damit in eine Reihe mit anderen jungen Frauen wie La Roux oder Robyn, die den Mut haben, diese alte Gefühlspower zu entfachen. Achtung, ironiefreie Zone! (7.9) Andreas Borcholte

Tegan and Sara - "Closer"
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Eels - "Wonderful, Glorious"
(E Works/Cooperative/Universal, bereits erschienen)

Und so geht sie munter weiter, die lange Selbsttherapie des Mark Oliver Everett alias E: "Wonderful, Glorious" setzt da an, wo "Tomorrow Morning" vor zwei Jahren aufhörte, bei einem zarten Optimismus, der sich inzwischen zu handfester Hoffnung ausgewachsen hat. Das merkt man nicht nur den kernigeren, von Zierrat befreiten Arrangements der Musik an, das entnimmt man vor allem Everetts Texten: "Nobody listens to a whispering fool/ Are you listening? I didn't think so/… I've had enough of being complacent/ I've had enough of being a mouse/ I'll no longer keep my mouth shut", so eröffnet er das Album mit "Bombs Away", einem nervösen, knisternden, knarrenden Geholper, das im straighten Rock-Riff des zweiten Songs "Kinda Fuzzy" eine klarere Richtung bekommt: "I'm feeling kinda fuzzy, but you know I'm alright" heißt es da recht überschwänglich, "the future looks bright/ Don't mess with me I'm up for the fight". All diese Selbstbeschwörungen klingen manchmal tatsächlich, als hätte Everett sie aus einem Buch für Selbsthilfe abgeschrieben, zum Beispiel wenn er sich schlicht ein "New Alphabet" verordnet, wenn die Welt mal wieder keinen Sinn zu haben scheint. Die große Kunst dieses nachhaltig bemerkenswerten Songwriters besteht darin, solche Floskeln wie Poesie wirken zu lassen, lakonisch und brüchig vorgetragen, dass man stets zwischen Umarmen und Schulterklopfen schwankt. Everett ist über die Jahre, seit er einst als "Beautiful Freak" die Alternativ-Pop-Bühne betrat, zu einem Wegbegleiter geworden, einem alten Kumpel, der einem alle paar Jahre einen Brief schreibt, ein Update über seinen Gemütszustand. Inzwischen hat er all das familiäre und amouröse Leid, das ihm im Verlauf der letzten 15 Jahre widerfahren ist, als Teil seines Charakters akzeptiert, wie er in "Accident Prone" erklärt. Gleichzeitig demonstrieren berührende Liebeserklärungen wie "True Original" und "You're My Friend", dass Everett in einem sicheren Hafen verlässlicher Gefühle angekommen ist, was durchaus das Herz wärmt. Das lässt Raum für amüsante musikalische Experimente: "Peach Blossom", noch so ein Song gewordenes Motivationstraining, kommt aggressiv wie eine bessere White-Stripes-Nummer daher, "On The Ropes", ein bezauberndes Boxer-Gleichnis ("I'm a man who always copes"), erinnert an Bill Callahan, und das Titelstück schließlich überrascht mit purem Disco-Groove. Wundersam und glorios, wahrhaftig. (7.6) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Veronica Falls - "Waiting For Something To Happen"
(Bella Union/Cooperative/Universal, bereits erschienen)

Ja doch, "Teenage" wird auch im Dezember 2013 noch zu den schönsten, sentimentalsten und zartfühlendsten Stücken des Jahres zählen, und nein, man möchte gar nicht näher auf den Text achten, will gar nicht herausfinden, ob hier auf eine Freundschaft, eine Beziehung oder beides verwiesen wird: "Driving late at night/ I let you listen to the music you like/ Then I drop you home." Um welche Musik es sich hier handeln könnte, ist wie schon beim ziemlich fulminanten Debüt "Veronica Falls" evident: "Waiting For Something To Happen" rühmt die versunkenen Tage von C 86 und die Nächte des frühen Twee-Pop, die jungen R.E.M., Felt, Pavement, Field Mice und Talulah Gosh, was auch heißt, dass aus "Broken Toy", "Waiting For Something To Happen" und "Everybody's Changing" der pure Liebreiz springt und man die meist auf sehr ökonomische Art und Weise dahingeschrammelten heart songs ganz automatisch mit Gefühlen verbindet, die man nicht festhalten konnte, die in den Spalten und Ritzen der formativen Jahre verschwunden sind, ohne Abdankung, ohne Abschied. Wer noch nicht nostalgisch ist, der wird es hier werden, und wer noch etwas Geld in den alten, umgenähten Jackentaschen findet, der gehe nicht über Los, sondern auf der Stelle in den letzten echten Plattenladen der Stadt und verlange "Waiting For Something To Happen". Until the fools get wise. (7.3) Jan Wigger

Veronica Falls - "Teenage"
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Ron Sexsmith - "Forever Endeavour"
(Cooking Vinyl/Indigo, bereits erschienen)

Auch in den letzten Jahren erschienen die Studioalben des alten Kindes Ron Sexsmith in aller Regelmäßigkeit. Und doch muss ich zugeben, dass meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit für die traurigen, hoffnungsvollen Kurzgeschichten des bekümmerten Kanadiers mit "Time Being" von 2006 ein Ende fand. Ich hoffte nicht mehr darauf, dass Sexsmith die Höhen seiner einsamen Sternstunde "Retriever" noch einmal erreicht oder auch nur an die gleich dahinter folgenden "Cobblestone Runway" und "Whereabouts" anschließt - Sexsmiths Karriere war für mich beendet. Doch weil selbst so unvereinbare Künstler wie Bad Religion ("True North") oder Randy Newman ("Bad Love") das eine, große Spätwerk noch in sich trugen, tut dies auch Ron Sexsmith: "Forever Endeavour" ist die einerseits vollkommen unspektakuläre, andererseits beinahe makellose Songsammlung des einstigen Wunderschülers: "Blind Eye" (!), "Nowhere Is", "Back Of My Hand", alles Lieder für den kleinen, aber ewigen Songkanon, den man irgendwann in einer Bibliothek in Saskatchewan finden wird, so vergilbt und verblasst wie Urlaubserinnerungen mit der allerersten Freundin. Und während Gott noch beim Fischen ist, gräbt Sexsmith vergeblich nach der letzten Hoffnung: "Nowhere to go but down/ When you thought it could not go lower/ Down/ As if under some old lawn mower/ Life's been running you over." Ach so, ja: Glückwunsch zum wieder mal furchtbaren Cover! (8.3) Jan Wigger

Ron Sexsmith - "Snake Road (lyric video)
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Na,
zdophers 05.02.2013
die neue my bloody valentine nicht mehr rechtzeitig bekommen?
2. mbv
per.roentved 05.02.2013
doch, haben sie. Sogar ein eigener Artikel haben sie der Scheibe spendiert.
3.
davornestehtneampel 05.02.2013
Zitat von per.roentvedSogar ein eigener Artikel haben sie der Scheibe spendiert.
Und wohlweißlich ohne die Möglichkeit, diese überkandidelte grandiose Fehleinschätzung einer abgrundtief belanglosen Platte zu kommentieren...
4. Hoppla
zdophers 06.02.2013
@per.roentved: peinlich. Ist mir total entgangen. @davornestehtneampel: dann passen Sie mal auf, dass sie nicht bei rot gehen. Aber bezüglich Ihrer Meinung zur "m b v", die können sie ja auch hier kommentieren. Oder war das schon alles? Ich decke mich jetzt schon seit 2 tagen mit dem Album zu und bin begeistert. "Loveless" ist natürlich einmalig. Aber trösten Sie sich. Mit Ihrer eigenen Fehleinschätzung zu dieser Platte befinden Sie sich in wirklich allerbester Gesellschaft: Meiner reizenden Freundin ;-)
5. pfft.....
dudelsackgesicht 06.02.2013
Zitat von davornestehtneampelUnd wohlweißlich ohne die Möglichkeit, diese überkandidelte grandiose Fehleinschätzung einer abgrundtief belanglosen Platte zu kommentieren...
was für ein absoluter quatsch. bitte nennen Sie mir eine aktuelle rockscheibe, die im ansatz so gut ist.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 06
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Tegan and Sara: Heartthrob

    2. Tocotronic: Wie wir leben wollen

    3. Phosphorescent: Muchacho

    4. Foxygen: San Francisco (Track)

    5. Foxygen: No Destruction (Track)

    6. Eels: Kinda Fuzzy (Track)

    7. Kate Boy: Northern Lights (Track)

    8. Chelsea Light Moving: Heavenmetal (Track)

    9. Miss Kittin: Calling From The Stars

    10. Kurt Vile: KV Crimes (Track)


Jan Wiggers Playlist KW 06
  • Jens Ressing

    1. Fleetwood Mac: Rumours

    2. Aztec Camera: Frestonia

    3. Christopher Owens: Lysandre

    4. Eagles: Hotel California

    5. Cam Archer: Wild Tigers I Have Known

    6. François Ozon: Under The Sand

    7. Béla Tarr: The Turin Horse

    8. Greta Gerwig: The Dish & The Spoon

    9. Greta Gerwig: Baghead

    10. Greta Gerwig: Hannah Takes The Stairs

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.