Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Die Sex-, Drogen- und Selbstqual-Geschichten von R&B-Erneuerer The Weeknd gibt es jetzt endlich auf CD. Pinback schmeicheln sich ein, Benjamin Biolay rächt sich an Frankreichs Establishment - und die junge Sängerin Jack November begeistert mit Depressionen.

The Weeknd - "Trilogy"
(XO/Republic Records, Universal, bereits erschienen)

"Bring your love baby/ I can bring my shame/ Bring the drugs baby/ I can bring my pain/ I got my heart right here, I got my scars right here/ Bring the cups baby/ I can bring the drink/ Bring your body baby/ I can bring you fame", so stellte sich Abel Tesfaye im Frühjahr 2011 in seinem Track "Wicked Games" vor. Und zur Veröffentlichung seines ersten Mixtapes "House Of Balloons" twitterte er ganz unbescheiden: "Follow the new king". Da wusste man noch nicht, dass sich der Kanadier Tesfaye hinter dem merkwürdig verkürzten Titel The Weeknd verbarg. Man wusste nur: Da singt einer wie Michael Jackson, er singt über Drogen, Partys und Sex mit einer Abgründigkeit wie kein anderer - und er transportiert das Genre R&B irgendwie in eine neue Dimension. Zwei weitere Mixtapes folgten im Abstand weniger Monate: das selbstzerfleischende "Thursday" und schließlich "Echoes Of Silence", das den beklemmenden Track "Initiation" enthielt, die kaum verhohlene Aufforderung an ein Partymädchen, bei einem Gangbang mitzumachen: "I got a test for you/ You say you want my heart/ Well baby you can have it all/ There's just something that I need from you/ Is to meet my boys". Im Klartext: Wenn du mein Herz gewinnen willst, musst du erstmal meine Freunde beglücken. Hier, nimm was von dem guten Gras und trink den teuren Cognac, dann wird das schon. All das auf einem düster treibenden Beat zwischen Science-Fiction-Dubstep und Industrial Rock.

Die Trilogie, die auch Tesfayes beängstigende Cover-Version von "Dirty Diana", "D.D." genannt, enthält, wurde jetzt von Universal erstmals auf CD veröffentlicht - neu gemastert und mit drei Bonus-Songs ergänzt. Besser spät als nie, könnte man sagen. Andererseits passt "Trilogy" perfekt in ein Jahr, in dem mit Frank Ocean noch ein Underground-Erneuerer des R&B im Mainstream ankam und ebenso verblüffte. Sich über die Rückkopplungen zwischen Ocean und The Weeknd Gedanken zu machen, ob der Internet-Erfolg des einen den anderen erst zu einem Album wie "Channel Orange" ermutigte, ist müßig. Gegen die Sex-Talk-Radikalität, die Tesfaye in seinen Texten ausdrückt, ist Ocean mit seinen Sauf- und Drogen-Liedern "Novacane" oder "Crack Rock" allerdings ein biederer Beach Boy: Auf bisher unerhört verführerische Weise vermengt The Weeknd Hardcore-Porno und Drogen-Angeberei mit tiefgreifendem Selbsthass. Tesfaye, der sich lange Zeit nicht in der Öffentlichkeit zeigen wollte, keine Interviews gibt und mit Larmoyanz-Crooner Drake befreundet ist, wirkt aus der Ferne wie der verhasste Kampftrinker an der Bar, der mit seiner autoaggressiven Leidensnummer ein Girl nach dem anderen abschleppt. Hinter dem ganzen Gefühlsdusel und "Oh, tut mir leid, dass ich dir weh tue, du wusstest ja, dass du dich auf ein Wrack einlässt"-Gedöns verbirgt sich natürlich ein Narziss und Erz-Macho. Insofern sollte man sich auch von den gediegenen Soul- und Folk-Sounds und dem verführerischen Satinbettwäsche-Ambiente nicht täuschen lassen. Tesfaye ist genau der Sex-Wolf im Schafspelz, den dieses Musikgenre schon oft zum Star befördert hat, von Marvin Gaye über R.Kelly bis D'Angelo. (Gut, Drake ist die große Ausnahme, das ist wirklich ein wimp). Der in dieses Bild nicht so ganz passende Vergleich mit Michael Jackson stammt von einem begeisterten MTV-Moderator aus den USA. Er trifft insofern, als dass Tesfaye sich ebenso enigmatisch gibt und ebenso munter wie der verstorbene King of Pop mit Stilen und Genres experimentiert - und damit einen global attraktiven, transzendierenden Pop-Sound erschafft, allerdings für das 21. Jahrhundert. Weltruhm scheint garantiert. Nur über die Altersfreigabe muss man wohl noch mal reden. Aber machen wir uns nichts vor: Wahrscheinlich singt The Weeknd über nichts, was die Kids nicht jedes Wochenende erleben oder sich zumindest in ihre pipe dreams ausmalen: Sex, Booze and Coke mit den "Glass Table Girls". (8.8) Andreas Borcholte

The Weeknd - "Wicked Games"
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Pinback - "Information Retrieved"
(Temporary Residence/Cargo, 16. November)

Merkwürdige Meteoriteneinschläge, Messer in den Köpfen, zersplitternde Gewissheiten, das Leben als Welt aus Schutt und Lärm: Das mit Pinback eng verwandte Großereignis Three Mile Pilot zertrümmerte jegliche Hoffnung, die man als Hörer noch haben konnte, ganz direkt und mitleidslos: Listen everyone, die Straße der Verdammnis ist erreicht, wir sind am Ende, bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Pinback dagegen schmeicheln sich ein, haben noch Aussichten (aber kein Gedächtnis, wie der Pazifik), versuchen der Traurigkeit mit einem chirurgischen Eingriff wie "Information Retrieved" beizukommen: Kleinteilige, ökonomisch konstruierte Songs, wie von Wissenschaftlern erdachte jigsaw puzzles (nennt es "Indie", mir egal), die sich nach wie vor zwischen purem Realismus und gesunder Skepsis bewegen: "We can't keep the storm from settling in/ We can't rescue you/ Hopeless/ We can't do anything to help/ One to fix you/ One to take you on/ One to heal you/ One to lead you on." Und noch während die wunderbaren "Proceed To Memory" und "Sediment" langsam zerfasern und zerfließen, denkt man stumm darüber nach, dass im zwar leidlich komischen, doch selten nützlichen Handbuch "Feminist Ryan Gosling: Feminist Theory From Your Favorite Sensitive Movie Dude" das alles entscheidende Zitat fehlt: "I think there are two ways you can see the world: You either see the sadness that's behind everything or you choose to keep it all out." Happiness in slavery. (7.0) Jan Wigger

Benjamin Biolay - "Vengeance"
(Naïve/Indigo, bereits erscheinen)

Die bisher indigniert zurückgewiesene Einladung in den Élysée-Palast könnte der überzeugte Sozialist Benjamin Biolay jetzt eigentlich mal annehmen, nachdem Nicolas Sarkozy von François Hollande abgelöst wurde. Aber so weit ist die Integration des gerne als enfant terrible bezeichneten Sängers, Songschreibers und Produzenten ins französische Establishment dann wohl doch noch nicht gediehen. Auf die Gefahr hin, Sie zu langweilen, weil Sie a) sich entweder partout nicht für Musik aus Frankreich interessieren oder b) einer der wenigen Interessierten in Deutschland sind: Benjamin Biolay ist eine der wichtigsten Figuren der Musikszene unseres freundschaftlich verbundenen Nachbarlandes. Seit er 2000 dem legendären karibischen Chansonnier Henri Salvador zum späten Comeback verhalf und sein grandioses Debüt-Album "Rose Kennedy" nachschob, hat er sich um den Erhalt und die Revitalisierung des französischen Schlagers bemüht. Kaum ein Nachwuchs-Künstler der nouvelle chanson genannten Bewegung kam in den vergangenen zehn Jahren an dem Dandy vorbei, der aus Snobismus ein Stilprinzip gemacht hat. Eigentlich hätten die Franzosen ihn dafür lieben müssen, auch für die arrogante Attitüde, die ihnen den Spiegel vorhielt. Doch bis zum überraschenderweise umjubelten Doppel-Album "La superbe" (2009) verband das Volk mit seinem wichtigsten musikalischen Erneuerer eine schwelende Hassliebe, die sich auch noch in freudiger Lästerei entlud, als Biolays Ehe mit Promi-Tochter Chiara Mastroianni nach nur drei Jahren krachend und in aller Öffentlichkeit scheiterte. Mit dem Bewältigungsalbum "La superbe" umarmte man ihn dann schließlich, wählte das Album zum besten des Jahres und sorgte für ausverkaufte Konzerte.

Biolays neues Album (nach dem Soundtrack zum Film "Pourquoi tu pleures") heißt nun "Vengeance", also Rache, und das klingt zunächst nicht nach Versöhnung mit Nation und Massenpublikum. Doch Biolay ist viel zu eitel, um sich ausgerechnet jetzt zu verweigern, die Vergeltungs-Geste bleibt größtenteils Pose, er zeigt dafür umso trotziger, was er alles drauf hat: "Vengeance" enthält nicht nur die besten Songs, die Biolay seit Jahren geschrieben hat, er singt und spielt sie noch dazu so entspannt und lässig, als wäre ihm eine große Last genommen worden. Im engen Genre des Chansons bewegt sich das alles schon längst nicht mehr: Die Single "Aime mon amour" ist zeitgemäß mit Saxophon aufgepeppter Poprock, "Profite" ein sacht dahintreibendes, mit sehnenden Streichern garniertes Duett mit Superstar Vanessa Paradis - womit Biolay endgültig in den Fußstapfen seines großen, aber nicht selbstgewählten Vorbilds Gainsbourg angekommen sein dürfte. "Sous le lac gelé" (mit Gastgesang der gefeierten dänischen Designerin Gesa Hansen) zelebriert ebenso wie "Marlène Déconne" und das New-Order-Gedenkstück "L'Insigne Honneur" den späten Wave-Sound der Achtziger. "Confettis" ist ein weiteres, sprachlich sehr anzügliches Duett mit Australiens Songwriter-Darling Julia Stone; und im Titelstück trifft sich Biolay mit seinem britischen Geistesbruder Carl Bârat zur großen, elegischen Elektro-Ballade - ein pathetisches Sehnen nikotindurchtränkter Lebemänner nach dem Platz an der Sonne. Schlüsselstück aber ist das epische "Ne regrette rien", das von Piaf über Gainsbourg lakonischen Erzählstil einen Bogen in die Moderne schlägt: Die Gastvocals übernahm nämlich der junge Rapper Orelsan aus der Normandie, der 2009 mit seinem unflätigen Song "Sale pute" ("dreckige Nutte"), einer Abrechnung mit seiner untreuen Freundin, für einen Aufschrei in den Medien sorgte. Das alte enfant terrible übergibt an das neue - und haucht dem jungen Kollegen noch ein charmantes "Bereue nichts" hin. Serge wäre stolz. (7.9) Andreas Borcholte

Benjamin Biolay - "Aime Mon Amour"
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Jack November - "Jack November EP"
(8mm Musik/Cargo, 16. November)

Natürlich ist das Harmonium das ultimative Drone-Instrument! Daniela Moos, die dieser Tage ihren 23. Geburtstag feiern dürfte, weil sie, wie im Künstlernamen verarbeitet, im November geboren wurde, entlockt dem Stand-Akkordeon ein derart geisterhaftes Dräuen und Dröhnen, dass es draußen gleich noch eine Schattierung grauer und herbstlicher zu werden scheint, wenn man die fünf Stücke ihrer Debüt-EP hört und dabei aus dem Fenster sieht, in dieses milchige, schattenlose, nasskalte Nichts, das sich Übergangszeit nennt. Moos stammt aus einem Provinznest in Hessen, was schon mal die inhärente Todessehnsucht und Depression erklärt, die sich durch sanft auf und ab wogende Songs wie "Not Light" oder "Reverse" zieht. Das Harmonium hat sie sich natürlich bei Vorbild und Warhol-Muse Nico abgeguckt, wie sie es einsetzt, ist jedoch unerhört. Moos haucht mehr als dass sie singt, viel Hall liegt auf ihrem entrückten Trauergesang. In "Anglesite" werden die Harmonium-Flächen von elektronischem Klingklang und Piano-Tupfern unterbrochen, "Endless Layers" ist ein Mantra über einer dunklen Hymne an den Suizid: "I sing along", klagt Moos über Klangflächen, die Nebelschwaden in schattigen Wäldern evozieren, über denen eine ferne Sonne kraftlos aufgeht. "Moonsorrow", von N.U. Unruh auf der Stahltrommel begleitet", ist das beste Stück auf dieser EP: Wie ein grausames Uhrwerk schieben sich Gitarrenriff, fernes Computergrollen und irrlichternde Industrie-Geräusche zu einem Maschinensound zusammen, der wohl die Tristesse des Alltags illustrieren soll. "But I keep going on", singt Moos dazu in ihrem schwermütigen Singsang - das Leben, it's a drag. Ihr erstes Konzert spielte Jack November übrigens auf Einladung von Anja Plaschg im Vorprogramm von Soap&Skin. Verwandte verwundete Seelen. (6.9) Andreas Borcholte

Jack November - "Moonsorrow"
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Best Of "Abgehört"

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1. optional
laserbauch 13.11.2012
"initiation" von The Weenkd ist wirklich großartig. ganz, ganz böser r'n'b, super
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Jan Wiggers Playlist KW 46
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.