Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche
Die Sex-, Drogen- und Selbstqual-Geschichten von R&B-Erneuerer The Weeknd gibt es jetzt endlich auf CD. Pinback schmeicheln sich ein, Benjamin Biolay rächt sich an Frankreichs Establishment - und die junge Sängerin Jack November begeistert mit Depressionen.
The Weeknd - "Trilogy"
(XO/Republic Records, Universal, bereits erschienen)
Die Trilogie, die auch Tesfayes beängstigende Cover-Version von "Dirty Diana", "D.D." genannt, enthält, wurde jetzt von Universal erstmals auf CD veröffentlicht - neu gemastert und mit drei Bonus-Songs ergänzt. Besser spät als nie, könnte man sagen. Andererseits passt "Trilogy" perfekt in ein Jahr, in dem mit Frank Ocean noch ein Underground-Erneuerer des R&B im Mainstream ankam und ebenso verblüffte. Sich über die Rückkopplungen zwischen Ocean und The Weeknd Gedanken zu machen, ob der Internet-Erfolg des einen den anderen erst zu einem Album wie "Channel Orange" ermutigte, ist müßig. Gegen die Sex-Talk-Radikalität, die Tesfaye in seinen Texten ausdrückt, ist Ocean mit seinen Sauf- und Drogen-Liedern "Novacane" oder "Crack Rock" allerdings ein biederer Beach Boy: Auf bisher unerhört verführerische Weise vermengt The Weeknd Hardcore-Porno und Drogen-Angeberei mit tiefgreifendem Selbsthass. Tesfaye, der sich lange Zeit nicht in der Öffentlichkeit zeigen wollte, keine Interviews gibt und mit Larmoyanz-Crooner Drake befreundet ist, wirkt aus der Ferne wie der verhasste Kampftrinker an der Bar, der mit seiner autoaggressiven Leidensnummer ein Girl nach dem anderen abschleppt. Hinter dem ganzen Gefühlsdusel und "Oh, tut mir leid, dass ich dir weh tue, du wusstest ja, dass du dich auf ein Wrack einlässt"-Gedöns verbirgt sich natürlich ein Narziss und Erz-Macho. Insofern sollte man sich auch von den gediegenen Soul- und Folk-Sounds und dem verführerischen Satinbettwäsche-Ambiente nicht täuschen lassen. Tesfaye ist genau der Sex-Wolf im Schafspelz, den dieses Musikgenre schon oft zum Star befördert hat, von Marvin Gaye über R.Kelly bis D'Angelo. (Gut, Drake ist die große Ausnahme, das ist wirklich ein wimp). Der in dieses Bild nicht so ganz passende Vergleich mit Michael Jackson stammt von einem begeisterten MTV-Moderator aus den USA. Er trifft insofern, als dass Tesfaye sich ebenso enigmatisch gibt und ebenso munter wie der verstorbene King of Pop mit Stilen und Genres experimentiert - und damit einen global attraktiven, transzendierenden Pop-Sound erschafft, allerdings für das 21. Jahrhundert. Weltruhm scheint garantiert. Nur über die Altersfreigabe muss man wohl noch mal reden. Aber machen wir uns nichts vor: Wahrscheinlich singt The Weeknd über nichts, was die Kids nicht jedes Wochenende erleben oder sich zumindest in ihre pipe dreams ausmalen: Sex, Booze and Coke mit den "Glass Table Girls". (8.8) Andreas Borcholte
Pinback - "Information Retrieved"
(Temporary Residence/Cargo, 16. November)
Benjamin Biolay - "Vengeance"
(Naïve/Indigo, bereits erscheinen)
Biolays neues Album (nach dem Soundtrack zum Film "Pourquoi tu pleures") heißt nun "Vengeance", also Rache, und das klingt zunächst nicht nach Versöhnung mit Nation und Massenpublikum. Doch Biolay ist viel zu eitel, um sich ausgerechnet jetzt zu verweigern, die Vergeltungs-Geste bleibt größtenteils Pose, er zeigt dafür umso trotziger, was er alles drauf hat: "Vengeance" enthält nicht nur die besten Songs, die Biolay seit Jahren geschrieben hat, er singt und spielt sie noch dazu so entspannt und lässig, als wäre ihm eine große Last genommen worden. Im engen Genre des Chansons bewegt sich das alles schon längst nicht mehr: Die Single "Aime mon amour" ist zeitgemäß mit Saxophon aufgepeppter Poprock, "Profite" ein sacht dahintreibendes, mit sehnenden Streichern garniertes Duett mit Superstar Vanessa Paradis - womit Biolay endgültig in den Fußstapfen seines großen, aber nicht selbstgewählten Vorbilds Gainsbourg angekommen sein dürfte. "Sous le lac gelé" (mit Gastgesang der gefeierten dänischen Designerin Gesa Hansen) zelebriert ebenso wie "Marlène Déconne" und das New-Order-Gedenkstück "L'Insigne Honneur" den späten Wave-Sound der Achtziger. "Confettis" ist ein weiteres, sprachlich sehr anzügliches Duett mit Australiens Songwriter-Darling Julia Stone; und im Titelstück trifft sich Biolay mit seinem britischen Geistesbruder Carl Bârat zur großen, elegischen Elektro-Ballade - ein pathetisches Sehnen nikotindurchtränkter Lebemänner nach dem Platz an der Sonne. Schlüsselstück aber ist das epische "Ne regrette rien", das von Piaf über Gainsbourg lakonischen Erzählstil einen Bogen in die Moderne schlägt: Die Gastvocals übernahm nämlich der junge Rapper Orelsan aus der Normandie, der 2009 mit seinem unflätigen Song "Sale pute" ("dreckige Nutte"), einer Abrechnung mit seiner untreuen Freundin, für einen Aufschrei in den Medien sorgte. Das alte enfant terrible übergibt an das neue - und haucht dem jungen Kollegen noch ein charmantes "Bereue nichts" hin. Serge wäre stolz. (7.9) Andreas Borcholte
Jack November - "Jack November EP"
(8mm Musik/Cargo, 16. November)
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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- Dienstag, 13.11.2012 – 16:07 Uhr
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- Die SPIEGEL-ONLINE-Musikkolumnisten legen auf: Jan Wigger bittet zum Tanz mit Indie, Pop und Electro an jedem dritten Samstag im Monat ("Pretty Things" im Grünen Jäger, Hamburg), Andreas Borcholte legt jeden ersten Samstag im Monat in der Kleinraumdisko Hamburg ("Bored to Death") auf und Thorsten Dörting ebenfalls in der Kleinraumdisko ("Fossils and Rituals, Metals and Monuments" (neu, alle zwei Monate am dritten Samstag des Monats; das nächste Mal am 17. August)).
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.
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