Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Julia Holter ist ein Engel, keine Frage. Money suchen nach Wegen in den Himmel, jedenfalls wollen sie raus aus unserer Welt. Travis leben noch immer, was ein Glück ist. Der Alleskönner Harry Nilsson hingegen ist tot, doch wir hören seine Stimme aus der Ferne.

Von und Jan Wigger


Julia Holter - "Loud City Song"
(Domino/Goodtogo, ab 16. August)

Wenn man Julia Holter einmal live erlebt hat, zum Beispiel neulich im verwelkten Theaterambiente des Heimathafen Neukölln, und sich nicht traute zu atmen, weil man kaum hören konnte, was sie so schüchtern und leise ansagte, so dass ihre Botschaften wohl für immer ein Geheimnis bleiben werden, dann kann man sich kaum vorstellen, dass die 28-jährige Diplom-Musikerin von Zeit zu Zeit in South Central Los Angeles als Pro-Bono-Dozentin für prekarisierte Kids arbeitet, so weltfremd, fast entrückt, wirkte sie.

"Loud City Song" ist das dritte Album der Amerikanerin, die zu den aufregendsten Newcomerinnen der vergangenen Jahre gehört. Ihr letztes, "Ekstasis", war Bestandteil der meisten Jahresbestenlisten, obwohl es sich sperrig und verkopft jeder Pop-Zugänglichkeit verwehrte. Dennoch strömt so viel Intimität und Schönheit aus der zumeist im Schlafzimmer komponierten, also wahrhaftig "Kammermusik" zu nennenden Klangwelt Holters, dass man die Metaebene (griechische Philosophie clasht mit zeitgenössischer amerikanischer Poesie) getrost vernachlässigen konnte. "Loud City Song" löst sich nun von der Antike und wendet sich, mit Band in einem richtigen Studio aufgenommen, moderneren Themen zu. Die meisten Songs wurden inspiriert durch die berühmte Filmversion des Colette-Romans "Gigi" mit Leslie Caron, die Holter als Kind sah. Die Geschichte der designierten Kurtisane, die das Herz eines zynischen Pariser Lebemanns erobert und damit zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft wird, dient Holter als Blaupause für sparsam, aber eindrucksvoll instrumentierte Meditationen über den Celebrity-Wahn in ihrer Heimat L.A. Gleich zwei Songs, "Maxim's I" und "Maxim's II" beziehen sich auf eine Schlüsselszene des Films in dem Pariser Nobelrestaurant. Eingerahmt wird diese soziale Coming-of-Age-Story von zwei wundervollen Ambient-Stücken, "The World" und "City Appearing", in denen es vielleicht Holter selbst ist, die frühmorgens oder spätnachts mit dem großen, von der Mutter geerbten Sonnenhut durch die Straßen der Glamour-Metropole streift, wenn die Ampeln rhythmisch über dem glänzenden Asphalt der leeren Boulevards blinken. Autobiografisch seien ihre Lieder nicht, betont Holter stets, und doch erlebte sie vor allem in den vergangenen Monaten die Vereinnahmung durch die Medien, wurde selbst Teil einer Berühmtheitskultur - und fragte sich wahrscheinlich mehr als einmal, ob sie darin zu verschwinden droht.

So ist "Loud City Song" ein Album über die Suche nach dem Alleinsein in einer Stadt voller Menschen, durchwoben mit sehnenden, zu tragischen Gesten schwellenden Bläsern, geisternden Pianoklängen, Field Recordings von Straßenlärm und düster waberndem Saxofon-Gebräu - das in dem Paranoia erzeugenden, grandiosen Kirmes-Taumel von "Horns Surrounding Me" kulminiert. Ein existentialistischer Trip, der kaum mit aktueller Musik zu vergleichen ist. Laurie Anderson und John Cage, Morphine und Chet Baker, Joanna Newsom und Kate Bush, das wären wohl die Referenzen. Aber in Wahrheit bleibt Julia Holter unfassbar in ihrer Art, selbst zupackende, beschwingte Popsongs wie "This Is A True Heart" als ätherische, flüchtige Verwehungen zu gestalten. Ein himmlisches Wesen aus der Stadt der Dimestore-Engel. (8.4) Andreas Borcholte

Julia Holter - "In the Green Wild"
Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!
"In the Green Wild"-Videoclip von Julia Holter auf tape.tv ansehen

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei
Nilsson - "The RCA Albums Collection"
(Sony Music, seit 26. Juli)

Die meisten Texte über Harry Nilsson (und hier ist noch so einer) beginnen mit der Feststellung, dass er seine beiden größten (und manche sagen: einzigen) Superhits nicht selbst geschrieben habe. "Without You" ist von Badfinger, "Everybody's Talkin'" vom großen Fred Neil. Meine ersten Nilsson-Alben kaufte ich mir ihrer Namen wegen: "Knnillssonn", "Nilsson Schmilsson" und "A Little Touch Of Schmilsson In The Night". Viele Jahre später erklärte Joanna Newsom "Aerial Ballet", "Aerial Pandemonium Ballet" und "Pandemonium Shadow Show" für bedeutsam, weshalb ich mir auch diese Platten kaufte und das phantastische "1941" entdeckte. Auch Jesse Lee Kincaids "She Sang Hymns Out Of Tune", von Nilsson auf die gefühlstiefste Art und Weise intoniert, begleitet mich bis heute. Harry war ein unglaublicher Sänger, aber er war auch ein Suffkopp, dessen Idee, mit John Lennon anderthalb Jahre lang durchzufeiern, zwar brillant war, aber zu nichts Gutem führen konnte. Die von Lennon produzierte LP "Pussy Cats" litt nicht allzu sehr unter der Zecherei - auch wenn vielerorts anderes behauptet wurde. Weil Nilsson auch eine Knalltüte war, rülpste er in "At My Front Door", nahm bizarre Zwischenspiele und zwischendurch auch mal Quatsch auf oder schmiss mehrere Beatles-Songs zu einem staunenswerten Medley zusammen. Auf "Nilsson Sings Newman" spielt Randy Newman Klavier, während Harry Nilsson "Love Story", "Dayton, Ohio 1903" und "Living Without You" interpretiert, als hätte er alles genau so erlebt: "Nothing's gonna happen / Nothing's gonna change / It's so hard living without you." Dass Nilsson nicht bekannter wurde, lag auch daran, dass er alles konnte und dies auch zeigen wollte: Viele Platten in kurzer Zeit, viele musikalische Präferenzen und Bestrebungen - wer Harry Edward Nilsson III einordnen, einsortieren wollte, scheiterte grandios. Auf dem Cover von "Nilsson Schmilsson" sieht man den Schlingel noch einmal mit Brian-Wilson-Bademantel vor dem Kühlschrank. Sein Herz hat das leider nicht gerettet. 14 Nilsson-Alben aus den Jahren 1967 bis 1977, dazu Bonuskram und drei CDs mit Session-Outtakes gibt es nun in der Box: By all means necessary. (8.5) Jan Wigger

ANZEIGE CD kaufen bei
Money - "The Shadow Of Heaven"
(Bella Union / PIAS / Cooperative, ab 23. August)

"Check das mal, ist so was wie James Blake!" Dieser mehr als abenteuerliche Versuch eines Bekannten, mir unbemerkt "The Shadow Of Heaven" unterzujubeln, konnte nur scheitern, da ich kaum etwas unangenehmer finde, als mir freiwillig Blakes Gewinsel anhören zu müssen (okay, vielleicht noch Blutabnahme, but that's a given). Als ich mich ein paar Wochen später doch noch mit Money beschäftigte, hatte ich in keinster Weise Blake im Kopf, auch nicht Antony Hegarty, höchstens eine dieser langsam immer bleicher werdenden Damon-Albarn-Balladen (hier: "Goodnight London", "Letter To Yesterday"), Religionen, Spiritualität und sprechende Bäume. Wie Jamie Lee, Charlie Cocksedge, Billy Byron und Scott Beaman aus Manchester wohl aussehen könnten? Ich dachte an Harvey Keitels Christus-Vision in "Bad Lieutenant", an Atom Egoyans Nachtclub "Exotica", in dem Phantasie und Realität zusammenfallen - aber auch an andere Situationen, die Money mit ihrer unbestimmten, nur schwer einer Zeit zuzuordnenden Musik untermalen könnten. "Every girl I ever loved", "Every boy I ever loved", "Hold me forever", "Strange, strange water hits the ground" - alles bereitet auf letzte Erledigungen und Erkundungen vor, denn hier wollen Money nicht bleiben, hier gehören sie, auch wenn ab und an mal eine Joy-Division-Basslinie oder ein weltliches Flehen auftaucht, nicht hin. Glauben Sie dieses eine Mal dem Info-Schreiben: "It's an album full of yearning and soul-searching, a voyage of (non-) discovery that only ends up finding itself and the sheer, aching beauty of questions asked in full knowledge of their own answerlessness." Und dass Money im CD-Regal gleich neben Damon Albarns Monkey stehen, ist ja wohl der beste Gag des Sommers. (7.4) Jan Wigger

ANZEIGE CD kaufen bei
Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Travis - "Where You Stand"
(Red Telephone Box / Kobalt Label Services / Rough Trade, ab 16. August)

Fünf Jahre waren Travis - abgesehen von Fran Healys untergegangenem Solo-Debüt "Wreckorder" - verschwunden, doch die Zeit, als das schottische Überempfindlichkeitskommando mit Güte und höflichen Umgangsformen die Welt regierte, scheint noch viel, viel länger vergangen zu sein. Was mag Healey, ein Sensibilist und Flaneur der alten Art, wohl von Animal Collective, MGMT und Mount Kimbie halten? Es ist keine Beleidigung, festzustellen, dass Travis im Jahr 2013 nicht sehr anders klingen als vorher auch, wobei schmerzhaft gut gelungene Alben wie "The Man Who" oder "The Invisible Band" damals viel mächtiger, kathedralenhafter nachhallten. "Where You Stand" überrascht den Skeptiker und erfreut den Fan: "A Different Room", "On My Wall", "Moving" und "Reminder" - gänzlich zufriedenstellende Travis-Ware, zu der man getrost die Uhr abstellen kann (denn Zeit existiert, wir erinnern uns, nur auf unserem Handgelenk), dazu eine groß gedachte Piano-Ballade ("The Big Screen") und das äußerst bemerkenswerte "New Shoes", das sich gewandt Hip-Hop-, Trip-Hop- und Soul-Pop-Themen annähert, ohne dass man jemals das Gefühl hätte, dieser Song sei lediglich deshalb entstanden, um Ungläubige in Erstaunen zu versetzen. Die Kardinalfrage ist: Brauchen wir Travis wirklich noch? Ich bin uncool genug, um ganz generös mit "Ja" zu antworten. (7.1) Jan Wigger

Travis - "Movin"
Mehr Videos von Travis gibt es hier auf tape.tv!
"Movin"-Videoclip von Travis auf tape.tv ansehen

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.