Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Über-Produzent Giorgio Moroder will nicht vom Feuilleton verehrt werden, er will Hits, verdammt noch mal! Babymetal machen Heavy Kinderkram, Zhala ist die neue Robyn und Leon Bridges der neue Sam Cooke.

Von und


Giorgio Moroder - "Déjà-vu"
(RCA/Sony, seit 12 Juni)

"My name is Giovanni Giorgio, but everybody calls me Giorgio", ließen Daft Punk ihren großen Produzentenhelden aus den Siebzigerjahren in einer Hommage auf ihrem meisterlichen Album "Random Access Memories" sagen - und besiegelten damit 2013 endgültig die Wiederentdeckung von Giorgio Moroder. Der Mann hatte die Popmusik revolutioniert, vor allem mit seinen Produktionen für Donna Summer, er hatte Disco elektronisch gemacht, er hatte die Formel gefunden, die bis heute die Dance Music prägt. Und doch hatte er als Innovator immer im Schatten gestanden - von Leuten wie Kraftwerk zum Beispiel. Nun verneigte sich endlich, zusammen mit Daft Punk, die ganze Szene vor dem Südtiroler.

Das perfekte nächste Kapitel wäre gewesen, wenn Moroder es jetzt noch einmal allen gezeigt hätte. Wenn er auf radikale, zeitgemäße Form angeknüpft hätte an seine Soloalben aus den Siebzigern, "From Here to Eternity" etwa, mit seinem Proto-House-Sound. Oder an seinen hypnotischen "Midnight Express"-Soundtrack. Daraus zitierte sich Moroder selbst, im ersten Vorboten zu dem Album, das er dann tatsächlich machte: Eine seiner typischen Arpeggio-Synthie-Bassfiguren eröffnet "74 Is the New 24", hier spielt einer mit seinem Werk.

Doch leider: So schön gehen die wahren Geschichten eben selten aus - das Album klingt ganz anders. Mit großem Budget und besten Plattenfirmenkontakten wurden prominente Gastsängerinnen herangeschafft, von Kylie Minogue über Sia bis zu Charli XCX. Moroder wollte es offensichtlich wirklich noch einmal allen zeigen - aber nicht als Innovator, sondern als Hitmacher. Also knallen seine Produktionen so arg und unsubtil wie all das, was David Guetta oder Avicii so abliefern. Die ersten Kritiken zum Album - verheerend: "Moroder kehrt auf den Dancefloor zurück mit der Grazie eines Großvaters, der sich auf eine Teenagerparty einschleicht", lästerte zum Beispiel der "Daily Telegraph" aus England.

Das allerdings erzählt dann auch wieder eine zu simple Geschichte, die vom starrsinnigen Alten. Ja, es gibt hier Hits auf Krampf, wie die triste "Tom's Diner"-Version (im Original von Suzanne Vega) mit einer extrem roboterhaften Britney Spears. Aber vieles ist auch vollkommen akzeptable Musik für die Jugendradio-Rotation, funktionaler Pop, dessen Subtilitäten in Details stecken - in den schönen Disco-Streichern von "Right Here, Right Now", im kurzen Auftauchen des Moroder'schen Markenzeichen-Synthiebass hier und da, in seinen Vocoder-Einschüben, wie bei "Wildstar".

Man darf nicht vergessen, dass Giorgio Moroder seine Ideen stets als Mittel zum Zweck entwickelte und nicht aus einer Avantgarde-Haltung heraus. Wenn der Zweck war, dass der Labelboss länger tanzen kann, gab es eben eine 17-Minuten-Version mit durchgängigem Beat, wie 1975 bei "Love to Love You Baby". Als Disco out war, fügte er eben Gitarren zu den Dance-Beats hinzu, wie 1980 bei Blondies "Call Me". Wenn die Olympia-Veranstalter etwas zum massenhaften Armeschwenken in bunten Kostümen suchten, komponierte er 1988 eben eine Schunkelmelodie wie "Hand in Hand". Geschmackssicherheit war nie Moroders erstes Anliegen.

Wenn es heute also Brüche und Steigerungen und Trommelwirbel auf die Zwölf sein sollen, dann bekommt man das von Moroder - so tickt er, als Pop-Mann, und deswegen muss man "Déjà Vu" respektieren. Hits zu schaffen, war ihm wichtiger als die Chance, einem gesetzteren Albumpublikum zu imponieren, das sich vielleicht zum ersten Mal in größerer Zahl für ihn interessierte. (6.0) Felix Bayer

Giorgio Moroder- "Déjá Vu" (Album Megamix)

Déjà vu (Album Megamix) von Giorgio Moroder auf tape.tv.

Babymetal - "Babymetal"
(Earmusic/Edel, seit 29. Mai)

Die drei Teenager-Mädchen von Babymetal treiben gerade einen lustigen Sport auf ihrer Facebook-Seite: Mit wie vielen westlichen Metal-Göttern kann man sich wohl zusammen Selfie-mäßig ablichten lassen? Glenn Tipton von Judas Priest, Slipknot und Five Finger Death Punch waren schon dabei, das wären ja auch schon fast die wichtigsten. Es kommt Suzuka Nakamoto, Yui Mizuno und Moa Kikuchi alias Su-Metal, YuiMetal und MoaMetal, 15 bzw. 17 Jahre alt, natürlich zugute, dass sie so niedlich aussehen in ihren Fantasiekostümchen, die Samurai-Rüstung, Cheerleader-Rüschenröcke und Gothic-Warrior-Ästhetik vermengen.

Aber das hat natürlich Tradition und ist als "Kawaii" inzwischen fester Bestandteil der japanischen Alltagskultur. Kawaii-Künstler, so weit kann man verallgemeinern, folgen der Ästhetik der Unschuld und des Kindchenschemas, was in unterschiedlichste Bereiche wirkt, von Manga und Anime und der NSFW-Variante Hentai über Cosplay und TV-Soaps bis eben in die Popmusik.

Babymetal, die auf ihrem jetzt auch in Deutschland erhältlichen Debüt-Album von 2014 zum Beispiel lieblich über den furios-melodiösen Thrash-, Death-, Speed- und sonstigen Hart-Metal ihrer aus Männern bestehenden Band vom Jieper auf Schokolade singen ("Gimme Chocolate!"), sind also die Synthese aus zwei in Japan nachhaltig populären Genres: Heavy Kinderkram sozusagen.

Das sorgte für ein Millionenheer begeisterter Follower auf den einschlägigen Sozialkanälen und ebenso zahlreiche YouTube-Abrufe der lustigen, sehr aufwendig inszenierten Videoclips. Und, siehe Facebook-Selfies, sogar die furchterregenden Metaller selbst umarmen die kuriose Truppe aus Fernost als willkommenen Neuzugang (zynisch: Bloß nicht mit dem kaufkräftigen Japan-Publikum verscherzen).

Echten Unterhaltungswert bekommt "Babymetal" abseits seines kruden Novelty-Effekts immer dann, wenn die Band Genres durcheinandermischt, wie in "Megitsune" oder "Iine", wo sich zum Evanescence-Emo auch Eurotrash/Techno-Fetzen und HipHop-Passagen gesellen - oder in "Rondo of Nightmare", einem völlig überpumpten, sich selbst überschlagenden Opulenz-Irrsinn, das kurz vor der Kakophonie gerade noch mal die Kurve kriegt. Hits hingegen sind (neben "Gimme Chocolate!") das flotte "Head Bangeeeeerrrrr!!!!!" und "Babymetal Death", in dem die Boys den Bandnamen grunzend vorbuchstabieren und die Mädels süß akzentuiert mit "Bebymeddal Diss" (oder so) antworten. Also kurzum: Kawaii-Metal = Hipster-Alarm - und deswegen vielleicht ja endlich der große Durchbruch für J-Pop in Deutschland. Am 27. August spielen Babymetal im Berliner Huxley's. Schon jetzt eins der Konzerte des Jahres! (8.0) Andreas Borcholte

Babymetal - "Gimme Chocolate"

Gimme Chocolate!! von BABYMETAL auf tape.tv.

Zhala - "Zhala"
(Konichiwa/Caroline, seit 22. Mai)

Wie tanzt man eigentlich "Aerobic Lambada"? "Who gives a shit?", ruft Zhala wie aus weiter Ferne im gleichnamigen Song ihres Debüt-Albums: "Just dance for me. Dance, dance, dance!" Na gut, das geht dann auch kaum anders, denn "Zhala" ist, das klingt jetzt ein bisschen doof, eines dieser zum Zappeln animierenden Alben, denen man sich kaum entziehen kann, wenn man nur ein Fitzel Rhythmusgefühl hat. Und selbst wer das nicht besitzt, es gibt ja so Bewegungslegastheniker, würde spätestens in Minute zwei des Eröffnungsstücks "I'm in Love" anfangen, wacker gegen den Takt anzuklatschen.

Das liegt wahrscheinlich an einer Geheimzutat: Zhala Rifat, die bisher einzige Künstlerin, die auf Robyns Label Konichiwa veröffentlichen darf (außer Robyn selbst), ist Schwedin mit kurdischen Wurzeln. Ist ja klar, dass dann in den ansonsten skandinavisch-internationalen Elektro-Dancepop ein paar Brocken Folklore geraten. Die Kurden haben einen Killer-Volkstanz namens Halparke, der elegante Bewegungen zu rasanter Rhythmik verlangt, im Grunde heißt das: Cool und kontrolliert bleiben, während die Musik wie blöde um dich herumklöppelt. Ziemlich moderner Kram also, nicht nur weil auch Frauen Halparke tanzen dürfen, was ja eher unüblich ist in muslimischen Ländern.

Hakparke und andere kurdisch-vorderasiatischen Dinge sind also Bestandteil von Songs wie der psychedelischen Ballade "Prince in the Jungle" oder dem bereits von der gleichnamigen EP bekannten "Prophet". Nun ist Techno meets Tradition nicht das allerneueste Pop-Konzept, und aus manchen Songs auf "Zhala" liest man die Handschrift Robyns etwas zu deutlich heraus, auch wenn man sich natürlich nicht beklagen sollte, wenn man mehr von dieser verknappten Ware bekommt. Zhalas Klangwelt ist jedoch dunkler und tiefsinniger, die Musik eher sphärisch als euphorisch, und sehr gerne wüsste man, was genau sie Songs wie "Me and My Borderline Friend in Trance" oder "Horoscope" singt. Nur leider verweht Zhalas Gesang immer wieder unter den Schichtungen und Verzerrungen der Produktion, was aber natürlich alles noch mysteriöser und exotischer macht. Also, was soll's: Tanzen, tanzen, tanzen. (7.5) Andreas Borcholte

Zhala - "Holy Bubbles"

Holy Bubbles von Zhala auf tape.tv.

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Leon Bridges - "Coming Home"
(Columbia/Sony, ab 19. Juni)

Schon verblüffend, diese Imitationskunst: Sollte Regisseur Carl Franklin noch immer einen geeigneten Hauptdarsteller für seinen geplanten Film über den 1964 verstorbenen Soul-Sänger Sam Cooke suchen, Leon Bridges wäre sein Mann. Über die schauspielerischen Fähigkeiten des 25-Jährigen aus Fort Worth weiß man nichts, aber singen wie Cooke? Kann er.

Das bewies er nicht nur mit Coverversionen von "Chain Gang" und anderen Cooke-Klassikern, sondern auch mit seiner Debüt-Single "Coming Home", die prompt zum Überraschungsohrwurm in Coffee-Shops und US-Radiostationen wurde. Kein Wunder: Der süße Gospel-Soul, den Cooke und Kollegen wie Jackie Wilson, Ben E. King oder Percy Sledge Ende der Fünfziger aus den Playlisten der schwarzen Radiostationen in den weißen Mainstream hinein croonten, feierte schon öfter kleine Comebacks, zuletzt in den Achtzigern mit Jeans-Werbespots.

Mit dieser Kommerzialisierung war die Musik dann allerdings auch ihres historischen Kontextes beraubt, denn statt um ein nostalgisches Wohlgefühl für den Erwerb blauer Denim-Hosen zu erzeugen, ging es im Soul der frühen Sechziger abseits Liebesleid und Frömmelei auch um ein Bewusstsein für den Rassismus gegen Afroamerikaner und ihren Kampf um Bürgerrechte.

Also heute gerade wieder brandaktuelle Themen, die man daher auf dem hübsch retro-designten Debüt-Album von Leon Bridges, der sich visuell wie musikalisch an Sam Cooke und seiner Zeit orientiert, vermissen könnte - gäbe es nicht das ganz weit aufmachende, zwischen Moses und Mississippi verbindende, nach Redemption für die Sünden der Vergangenheit sehnende Schlussstück "River", ein Gospel-Monster, mit dem sich Bridges als Hoffnungsträger für die Zukunft empfiehlt.

Der Rest der Platte minus "Coming Home"? Kuscheliger, edel und analog produzierter, Starbucks-gerechter Rhythm, Blues und Soul, der authentisch nach jener Zeit vor 1965 klingt, als die Sixties noch ein klein wenig Unschuld heucheln konnten. (6.9) Andreas Borcholte

Leon Bridges - "Better Man"

Better Man von Leon Bridges auf tape.tv.

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
angst+money 18.06.2015
1.
Sehr nachhaltig wird das vermutlich nicht werden mit Babymetal, das kann sich auf Dauer vermutlich keiner anhören. Aber im Moment ist's wirklich sehr lustig.
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