Albrecht Mayer Willkommen im musikalischen Fundbüro

Rokoko-Komponisten hat Albrecht Mayer wiederentdeckt. Der Solo-Oboist Ramón Ortega Quero verlässt sich auf Bach, interpretiert den Altmeister aber mit entfesselter Spielfreude.

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Harald Hoffmann/ DG

Kinder, schafft Neues! Das verlangte schon 1852 Richard Wagner, und er geißelte damit wohlfeile Bearbeitungen bereits bekannter Werke. Nun kann niemand dem verdienten Oboen-Virtuosen Albrecht Mayer eine von ihm initiierte Versionen-Flut für sein Instrument vorwerfen, auch hat er weder Stücke von Chuck Berry noch Elton John verbarockt.

Mayer entdeckt vielmehr interessante, aber kaum bekannte Komponisten wie Hoffmeister, Lebrun, Kozeluh oder Fiala wieder. Alle vier irgendwie Mozartianer, Haydn-Fans und Diener des Rokoko-Wohlklangs, doch mit Ideen und schon frühromantischer Entdeckerlust. Die Konzerte, die Mayer nach intensiver Recherche für sein neues Album "Lost and Found" (ab 13. Februar) eingespielt hat, sind es allesamt wert - und sie bezaubern auch Menschen ohne musikwissenschaftliche Expertise. Willkommen im Fundbüro!

Allein die Spieltechnik Mayers fasziniert wie stets: Auch wenn er mal die Oboe mit dem verwandten Englischhorn vertauscht und in Joseph Fialas (1748-1816) C-Dur-Konzert die explosiven Solo-Passagen trocken und sonor sprechen lässt, besticht doch immer die Eleganz und Reinheit seines Tons. Komponist Fiala stammte aus Böhmen, traf Mozart in München und arbeitete dann in Salzburg als Oboist in erzbischöflichen Diensten. Dem tenoralen Ton des Englischhorns widmeten damals nur wenige Komponisten Solowerke; ein Fehler, wie die Ausdrucksvielfalt und biegsame Melodienfülle beweisen, die Fiala sich für sein Instrument einfallen ließ.

Explosives fürs Englischhorn

Ganz traditionell jedoch beginnt Mayer seine CD mit dem stringenten Oboenkonzert von Franz Anton Hofmeister, dessen griffig-mozartische Themen und klare Struktur so etwas wie die Popmusik seiner Zeit darstellen. Mitsummen erlaubt! Für diesen animierenden Sound braucht es natürlich die makellose Mayer-Technik, die Tongirlanden scheinbar mühelos drapiert. Ein pures Hörvergnügen bis zum knackigen Rondo, woran Mayers exzellente Begleitcombo, die Kammerakademie Potsdam, auch ihren Anteil hat.

Das 2001 gegründete Ensemble versucht eine Mixtur aus historischem und modernem Spiel, setzt auf Mannschaftsgeist und uneitles Miteinander. Unter ihrem Leiter Antonello Manacorda (seit 2010 im Amt) spielten die Musiker bereits mit dem Flötenstar Emmanuel Pahud, dem jungen Mandolinenvirtuosen Avi Avital oder Sergio Azzolini (Fagott) sehr unterschiedliche Programme ein. Abrecht Mayer, der die Aufnahmen für "Lost and Found" auch als Dirigent leitete, fand in der Potsdamer Crew selbstbewusste Partner, denen die Entdeckungen offenbar ebenso viel Spaß bereiteten wie dem Maestro.

Popmusik und Mannschaftsgeist

Gemeinsam entfachen sie ein lyrisches Feuer auch beim dezenten g-Moll-Konzert von Ludwig August Lebrun (1752-1790), das aus einem Zyklus von sechs Konzerten stammt, die erst nach dem Tode des seinerzeit in Europa berühmten Oboen-Virtuosen Lebrun erschienen. Fast begrüßt er in diesen Stücken schon die heraufdämmernde Romantik mit ihren Stimmungswechseln und Abgründen, auch er ein innovativer Meister in Mozarts Geist. Hier kann Albrecht Mayer neben Technik und Tongebung mit seinem Sinn für Proportionen und Gestaltung glänzen, der gerade die scheinbar leichten Kleinode nicht interpretatorisch überreizt und sie schlank und schlicht darreicht und damit den Reiz noch erhöht.

Grandioses vom Mann aus Granada

Albrecht Mayers jüngerer Kollege Ramón Ortega Quero (geboren 1988 in Granada) verlässt sich bei seinem neuen Album lieber, wie schon Mayer 2003, auf einen bewährten Namen: Johann Sebastian Bach. Zwar hatte der Meister wenig explizite Oboenkonzerte komponiert, aber seine Werke für Flöte zum Beispiel lassen sich problemlos umarbeiten. Quero geht auf "J. S. Bach - Oboe Sonatas", die Ende Februar erscheint, souverän und spielfreudig mit diesem Material wie bei BWV 997 und 1034 für Oboe und Cembalo bzw. Laute um, fast trompetenartig kraftvoll setzt er sein Instrument ein.

Sehr reizvoll gelang auch das Duett mit seiner Frau Tamar Inbar. Aus dem Flötendoppel wurde so ein flottes Oboen-Duo, ergänzt durch Cello und Cembalo (BWV 1039). Das Münchner Weltklasse-Orchester des Bayerischen Rundfunks kann sich glücklich schätzen, einen Solisten wie Quero in seiner Truppe zu haben, der mit seinem eigenen Stil inzwischen zu einem Star avanciert ist.

Spannungsvoll und präzise übernimmt Quero in BWV 1029 den Part der Viola da Gamba, als wäre das geradlinige g-Moll-Konzert genau für ihn und sein Instrument geschrieben worden. Den seidigen Gambenton überträgt Quero kantenlos auf sein Instrument: Damit schafft er dann doch wieder etwas Neues - sogar Richard Wagner wäre wohl zufrieden.


Albrecht Mayer: "Lost and Found." Kammerakademie Potsdam. Deutsche Grammophon/Universal. 17,99 Euro. Erscheint am 13. Februar 2015.

J. S. Bach: "Oboe Sonatas." Ramón Ortega Quero, Oboe u.a. Berlin Classics/edel; 18,99 Euro. Erscheint am 27. Februar 2015.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Timo Schöber 11.02.2015
1.
Klingt sauber in der Komposition und man kann viel von Joseph Haydn erkennen, wenn man zwischen die Töne hört. Gefällt mir.
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