Sängerin Youn Sun Nah Diese Frau probiert echt alles

Metallica? Klar. Koreanische Volksmusik? Sicher. Und jetzt: Nine Inch Nails. Die Südkoreanerin Youn Sun Nah blieb einst in Paris, weil sie Chansons liebte und Jazz studierte. Heute ist sie ein Star und singt sich quer durch alle Genres. Was ihr neues Album "Lento" beweist. Hier zu hören. Exklusiv.

ACT / Sung Yull Nah

Sie wollte ihr Studium hinschmeißen, die Karriere als Sängerin aufgeben, noch bevor sie begonnen hatte. Youn Sun Nah lebte Mitte der neunziger Jahre in Paris. Und am CIM ("Centre d'Informations Musicales"), einer der ältesten Jazzschulen in Europa, lernte sie die Musik von Billie Holiday, Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan kennen. Sie hörte tiefe, kräftige, vom Leben gezeichnete Stimmen. Demütig ging sie, selbst eine eher zarte Erscheinung, zu ihrem Professor und gestand: Meine Entscheidung war falsch. Diese Musik passt nicht zu mir. Ich sollte zurück in meine Heimat. Zurück nach Südkorea.

Ihr Professor lachte sie aus, erinnert sich Youn Sun Nah. "Bist du verrückt?", habe er gesagt und ihr dringend dazu geraten, in Paris zu bleiben - und eine eigene Stimme zu finden. Er gab ihr CDs von europäischen Jazz-Musikern, und die junge Studentin fragte nach dem Hören ungläubig: "Das kann man Jazz nennen?" Ja, man kann.

Fast anderthalb Jahrzehnte später macht die gebürtige Koreanerin noch immer Musik, mit großem Erfolg vor allem in ihrer Wahlheimat Frankreich. Ihr Album "Same Girl" schaffte es dort 2011 auf Platz eins der Jazz-Charts und zugleich in die Pop-Charts, es erreichte Goldstatus. Im selben Jahr nahm man auch in Deutschland Notiz von ihr: Sie erhielt den Musikpreis Echo als beste internationale Jazz-Sängerin. Und nun erscheint ihr achtes Album "Lento" (bei SPIEGEL ONLINE komplett und exklusiv im Vorab-Stream), das diesen Erfolg wiederholen soll, besser noch übertrumpfen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Album "Lento" hier auf tape.tv anhören.

Wer "Lento" hört, dürfte - genau wie es Youn Sun Nah einst tat - fragen: "Das kann man Jazz nennen?" Man kann. Schließlich erscheint ihr Album auf dem Münchner Jazz-Label Act. Doch da spielt kein Klavier, es ertönen weder Trompete noch Saxofon, kein Besen wischt über eine Snare. Stattdessen: ein Akkordeon. Dessen Sound hat es Youn Sun Nah angetan: "Es ist so vielseitig", sagt sie, "mal klingt es wie eine Orgel, mal wie ein Synthesizer."

Mit 43 Jahren hat Youn Sun Nah ihre eigene Stimme längst gefunden, klingt mal sanft, mal kraftvoll, auch kratzig. Im Titeltrack interpretiert sie erstmals ein klassisches Klavierstück, es stammt vom russischen Komponisten Alexander Skrjabin. Das Piano des Originals wird dabei ersetzt durch die Gitarre des Schweden Ulf Wakenius, mit dem Youn Sun Nah seit fünf Jahren zusammenspielt. Mit der Musik sei es wie mit dem Essen, sagt sie: "Es ist besser, alles mal zu probieren - und sich nicht ausschließlich von Fleisch oder Fisch zu ernähren."

Zu Youn Sun Nahs Lust am Ausprobieren passen auch ihre Interpretationen bekannter Popsongs, die sich auf ihren Alben finden. Sie coverte schon Nat King Cole und Metallica, nun hat sie sich an "Hurt" von Nine Inch Nails gewagt, bekannt vor allem in der Version von Johnny Cash. Wakenius stimmte es nach dem Ende einer Probe an, aus Spaß. Youn Sun Nah gefiel die Intensität des Stücks, sie bat darum, es noch reduzierter zu spielen - und sang es ein.

Dass Youn Sun Nah beim Jazz landete, war eher Zufall. Sie zog 1995 nach Paris, um Literatur zu studieren und Chansons zu lernen. Das Land, in das sie ging, kannte sie nur aus dem Fernsehen - und vom Kassettenrekorder. Eine Lehrerin an der koreanischen Highschool hatte nach jeder Unterrichtsstunde ein Band in den Player geschoben, mit Musik von Edith Piaf und Yves Montand, Jacques Brel und Léo Ferré. Es klang anders als alles, was Youn Sun Nah aus dem heimischen Radio kannte, ungleich dramatischer. Sie wollte verstehen, worüber dort gesungen wurde.

"Jazz? Was ist das?"

Aus Faszination für die Sprache studierte sie französische Literatur - und verdiente ihr Geld anschließend bei einem Modeunternehmen. Ihr Vater ist zwar Dirigent, ihre Mutter klassische Sängerin, es war für Youn Sun Nah von Kindheit an also ganz natürlich, von Musik umgeben zu sein. Doch sie als Beruf zu begreifen, kam ihr lange Zeit nicht in den Sinn.

Das änderte sich erst, als sie in einem Musical mitsang, der koreanischen Version des Stücks "Linie 1". Sie fragte einen Freund, welche Art von Musik er ihr empfehlen würde. "Jazz", sagte er. Und Youn Sun Nah fragte: "Was ist das?" Ihr Freund antwortete: "Der Ursprung der Popmusik." Wenn sie Jazz lernen würde, so versprach er, könne sie alles singen.

Genau das scheint heute ihr Anspruch zu sein: alles zu singen.

In ihrer Heimat habe es jahrzehntelang nur wenige Einflüsse von außen gegeben, sagt Youn Sun Nah. Sie selbst lernte indische und afrikanische Musik erst in Paris kennen. Inzwischen hat sich Korea geöffnet, immer mehr internationale Popstars geben Konzerte in dem ostasiatischen Land, und mit dem "Jarasum" findet dort sogar ein Jazz-Festival statt.

Umgekehrt ist es Youn Sun Nah wichtig, die traditionelle Musik ihrer Heimat nach Europa zu bringen. So erklärt sich ein Stück wie "Arirang" auf ihrem neuen Album, ein koreanisches Volkslied. Es mutet sehr fremd an neben all den westlich geprägten Songs auf "Lento". Und fügt sich gerade sehr harmonisch ein in dieses Versuchslabor für die Ohren.


Youn Sun Nah: "Lento"; Audio-CD, Act; 13,52 Euro (bei Amazon erhältlich).



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
annoo 15.03.2013
1. Eine Entdeckung
Danke für den Tipp, was sie macht ist wirklich etwas Besonderes: http://www.youtube.com/watch?v=O2iGwIl-qig Tolle Stimme, interessante Erscheinung und eine gewagte Komposition - nicht jedermanns Sache aber durchaus erwähnenswert. Gut, dass Ihr Professor sie überredet hat, weiter zu machen...
tobiash 15.03.2013
2. Durchschnittlich,...
.... irgerndwie sogar langweilig!
DrStrang3love 15.03.2013
3.
Also, zu der Version von "Hurt" kann ich nur sagen: Meh. Gerade im Vergleich zu der Fassung von Johnny Cash blass und fast seelenlos. Die Sängerin rezitiert den Text, sie fühlt ihn nicht.
m.s.schneider 15.03.2013
4.
Zitat von DrStrang3loveAlso, zu der Version von "Hurt" kann ich nur sagen: Meh. Gerade im Vergleich zu der Fassung von Johnny Cash blass und fast seelenlos. Die Sängerin rezitiert den Text, sie fühlt ihn nicht.
Oh ja, das stimmt. Hurt ist ein Stück, das weh tut. Sie benutzt es, um zu zeigen, dass sie gut singen kann, technisch gesehen, aber leider ohne Verständnis für den Schmerz im Lied.
mr_von_der_muehle 15.03.2013
5.
Der erste Absatz hat mich schon etwas neugierig werden lassen. Eine südkoreanische Sängerin, die in Frankreich Jazz studiert? Aha!? Und sie singt Stücke von NIN? Ahaaaaa!? Nun, leider war die Spannung auch gleich verflogen, als ich gelesen hab, das doch wieder nur der Klischeevorzeigesong von NIN gecovert wird.
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