Album-Premiere Gregory Porter Und dann flippten die Leute aus

Er ist ein Zwei-Meter-Mann mit Händen wie ein Boxer - und auch als Musiker ein Koloss. Gregory Porter gilt als Heilsbringer des Jazz, seine Songs sind Smash-Hits, seine mächtige Stimme erinnert an Größen wie Barry White. Aber hören Sie selbst: das Album "Liquid Spirit" hier in der Vorab-Premiere.

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Normalerweise sind das keine Kategorien, in denen der gewöhnliche Jazzhörer denkt: Superstar, Superhit, Rekordverkäufe, all solche Begriffe sind ihm eher suspekt, ja wecken sogar Misstrauen. Bei Gregory Porter ist das anders. Bei ihm treffen sie zu, und alle freuen sich darüber. Da ist endlich mal wieder einer, der all diese Prädikate wirklich verdient, nicht weil er von der Musikindustrie zum Superstar mit Superhits gemacht wurde, sondern weil er etwas kann.

Er singt, als wären Isaac Hayes oder Barry White wieder auferstanden, als hätte Bill Withers seine Stimme geschult - so herrlich sein Blues-Bariton, der sofort jeden Raum ausfüllt. Die Songs - eingängig, aber nicht unterkomplex; die Band - groovy, aber nicht beliebig. Auf dem Kopf trägt Porter immer einen Hut, die Ohren immer bedeckt mit einem Tuch - keiner weiß, warum, er ist ein Hüne, ein Zwei-Meter-Mann mit einem Handschlag wie ein Boxer.

Neben allem Können umgibt ihn auch eine geheimnisvolle Aura. Seit 2010 erst ist der 42-Jährige in der Szene. Gefeiert wird er wie der Heilsbringer des Jazz. Zwei Alben hat er bislang veröffentlicht, zwei Grammy-Nominierungen hat er dafür eingeheimst. In dieser Woche erscheint das dritte, "Liquid Spirit", bei Blue Note, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es diesmal tatsächlich mit der Auszeichnung klappt.

Porter setzt ein, das Publikum flippt aus

Stadtplaner wollte er werden, vor allem, um seiner sterbenden Mutter zu demonstrieren, dass er gewillt ist, etwas Vernünftiges zu tun. Footballspieler wollte er auch werden, doch eine Schulterverletzung zwang ihn, den Plan aufzugeben. Porter verdingte sich als Revuesänger - das kannte er, weil er gelegentlich bei seiner Mutter im Gospelchor auftrat. Er hatte Talent, schrieb eigene Songs, wurde von Kamau Kenyatta, einem Musikdozenten der Uni San Diego, gefördert. Von ihm wurde er eingeladen, an einem Album des Flötisten Hubert Laws mitzuarbeiten - eine Initialzündung, kam Porter doch damit zum ersten Mal mit einem Musiker von Rang in Berührung.

Vor allem seine Vielseitigkeit macht Porter zum überzeugenden Künstler. Er kann alles: Scat-Gesang, Duo-Aufnahmen, bei denen er sich nur vom Piano begleiten lässt, komplette Solo-Einlagen, treibende Sextett-Besetzungen oder riesige Orchester - und immer ist es die Stimme, die sofort berührt. Vor kurzem trat er mit der jungen amerikanischen Sängerkollegin Gretchen Parlato auf, deren Stimme zart, fein und zerbrechlich klingt. Das niederländische Metropol-Orkest stimmte ihren Song "Better Than" an, sie sang das Intro, es war schon magisch genug, dann setzte Porters mächtiger Bariton ein, und das Publikum flippte aus.

Bei Jazzfestivals ist er mittlerweile Kartenverkaufsgarant. "Liquid Spirit" wird das alles nur noch befördern. Produziert hat das Album wieder Kamau Kenyatta, inzwischen ein Freund. Es bietet die gesamte Bandbreite: Standards wie "I Fall in Love too Easily" genauso wie den wütenden Protestsong "Free" oder selbstverfasste Balladen wie "Hey Laura", ein Song, der das Potential hat, sogar im Radio zum Smash-Hit zu werden.

Die größte Botschaft aber enthält der Titelsong "Liquid-Spirit", ein funky Stück, in dem der Sänger antreibend in die Hände klatscht und ein Bläsersatz schneidende Riffs im Hintergrund spielt. Der Text soll eine Metapher sein, sagt Porter, die Leute seien durstig nach guter Musik, im Text heißt es: "Un-reroute the river / let the dam water be - there are some people down the way who are thirsty / so let the liquid spirit free. The people are thirsty 'cause of man's unnatural hand / watch what happens when the people catch wind of water hitting the banks, that hard dry land".

Die Menschen, sagt Porter, sehnen sich nach tiefgründiger Musik, nach geerdeter Kultur und echtem Ausdruck. Zumindest gibt sich Porter mit "Liquid Spirit" große Mühe, all das einzulösen. Hören Sie selbst:

Gregory Porter - Prelistening
Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!
Gregory Porter - "Liquid Spirit" hier hören.


Vom 14. bis zum 25. November kommt Gregory Porter zusammen mit der Sängerin Lizz Wright auf Deutschland-Tournee. Hier die Termine.



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
kultur-manic 27.08.2013
1. Auch live ein super Sänger
Habe Gregory Porter vor zwei Jahren auf dem Elbjazz mit Klaus Doldingers Passport und Nicola Conte gesehen! Wow!!! Unvergesslich! Auch ein toller Typ siehe Interview: http://www.kultur-port.de/index.php/kunst-kultur-webtv/3288-webtv-elbjazz-festival-lounge-2011.html?start=10
Wolffpack 27.08.2013
2. ...
Zitat von sysopUniversal MusicEr ist ein Zwei-Meter-Mann mit Händen wie ein Boxer - und auch als Musiker ein Koloss. Gregory Porter gilt als Heilsbringer des Jazz, seine Songs sind Smash Hits, seine mächtige Stimme erinnert an Größen wie Barry White. Aber hören Sie selbst: das Album "Liquid Spirit" hier in der Vorab-Premiere. http://www.spiegel.de/kultur/musik/album-premiere-liquid-spirit-von-jazz-star-gregory-porter-a-918605.html
Hat mich (vom Text und der Art des Gesangs her) an ältere Disneylieder erinnert. Aber singen kann er.
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