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27. Februar 2013, 12:25 Uhr

Album-Premiere Kate Nash

Ey, Typ - Finger weg von mir!

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Nachladen im Geschlechterkampf, Kate Nash hat Munition dabei! Der Britin gelang als Pop-Plappermaul mit Cockney-Akzent der Durchbruch, jetzt gibt die 25-Jährige das feministisch angehauchte Punk Girl. Hören Sie hier ihr neues Album "Girl Talk" komplett als Stream!

Man mag ja solche Kämpfernaturen. Die britischen Kritiker hatten damals, 2007, nicht viel Gutes über Kate Nashs Debüt zu sagen, für manche zählte "Made Of Bricks" gar zu den schlechtesten Platten des Jahres. Sie wurde trotzdem ein Charterfolg - und die Single "Foundations", ein gewitztes, wortreiches Sorgenlied über eine scheiternde Beziehung, wurde dank eifrigem Posten und Pushen der MySpace-Gemeinde (ja, die gab's damals noch) einer der Hits des Jahres in Großbritannien. Seitdem gilt Nash, 1987 in Harrow nördlich von London geboren, als schnodderiges kleines Schwesterchen von Popstar Lily Allen.

Ihr ausgeprägter (und sehr charmanter) Cockney-Akzent schaffte es damals sogar in eine Museumsausstellung über die Nutzung des Idioms unter Jugendlichen. Man könnte sich sogar aus dem Fenster lehnen und behaupten: Ohne Kate Nash hätte es das deutsche Frechdachs-Fräulein Lena Meyer-Landrut so nicht gegeben.

Auf ihrem zweiten Album überraschte Nash jedoch mit lärmigen, nicht durchgängig guten Songs im Stile von Motown-Girlgroups, was nicht unbedingt Großes für die Zukunft verhieß, obwohl sie mit "Do-Wah-Doo" noch einen Hit hatte. 2012 verschreckte sie dann ihre Fans mit der grandios-bedrohlichen Punkrock-Nummer "Underestimate The Girl", die sie nur im Netz veröffentlichte.

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Mit "Girl Talk", Kate Nashs drittem Album, das am 1. März erscheint, ist der Image-Wandel vom Plapperchen zur Punk-Göre nun vollzogen: Die roten Haare hat sie sich (auf der Toilette eines Denny's-Burgerladens, wie es heißt) schwarz mit hellen Strähnchen gefärbt, ihre Band sieht aus wie eine Mischung aus Bangles und Babes In Toyland. Sie selbst hat sich in guter alter Riot-Grrrrl-Manier auch für ihre Solo-Unternehmungen die Bassgitarre umgehängt, die sie sonst in der Punkband The Receders spielt - offenbar will sich Nash einen Platz unter Rockchick-Ikonen wie Kim Gordon oder Kim Deal erobern.

Ob dafür ein paar laute Töne und hingerotzte Songzeilen wie "Im a feminist/ And if that offends you/ Then fuck you" (im Album-Opener "All Talk") reichen werden, ist fraglich. Dennoch ist Nashs Spiel mit den Symbolen der weiblichen Rock'n'Roll-Selbstermächtigung grundsympathisch und wirkt nicht wie aus Marketinggründen antrainiert, sondern wie das Ergebnis eines ehrlichen Selbstfindungsprozesses. Sie habe sechs Jahre gebraucht, um die richtigen Musikerinnen für so ein Album zu finden und ebenso lange, um zu wissen, wer ihre wahren Freundinnen sind, sagte Nash in einem Interview. Und von Männern habe sie nach der aufreibenden Trennung von Cribs-Sänger Ryan Jarman erst einmal die Nase voll - was der Platte in manchen Momenten eine von Wut und Enttäuschung befeuerte Dringlichkeit verleiht, die nach all den Niedlichkeiten auf den ersten Alben undenkbar schien.

Allen vom Alltags-Sexismus genervten Mädels liefert sie jetzt zum Beispiel mit dem "Rap For Rejection" aggressive Geschlechterkampfmunition: Nur weil man gerade keinen Bock auf Sex hat, muss man ja nicht gleich als "stupid bitch", "filthy whore" oder Lesbe bezeichnet werden. Ein Lied, das getragene "Oh", schrieb sie zusammen mit ihrer Freundin Siobhan Malhotra, die kurze Zeit darauf an einer schweren Krankheit starb. Und der basslastige Psychobilly-Punksong "Death Proof" sei von einem ihrer Lieblingsfilme inspiriert worden, Quentin Tarantinos gleichnamiger Exploitation-Hommage.

Männer und ihre Phantasien spielen also andererseits immer noch eine Rolle in Nashs Gedankenwelt, was sehr schön in der poppigen Single "3AM" zu hören ist, die von einer schlaflosen Nacht und viel Grübelei über eine gerade zerbröselte Liebe handelt. Im zugehörigen Video drischt Nash eindrucksvoll tränenüberströmt auf einen Teddybär ein. Und im straighten Schrammelrocker "Conventional Girl" will sie den Jungs dann schon wieder weismachen, dass sie gar keine Zicke ist: "I'm sick of being the bitch that you think I am".

Bitch oder Babe? Egal. Kate Nash hat sich von einer lustigen Plaudertasche zur Songwriterin mit Botschaft gemausert - und sich den Stempel des One-Hit-Wonders mit Tränen und Bühnenschweiß abgewaschen. Nur der charmante Cockney-Akzent, der blieb bei ihrer beherzten Umarmung amerikanischer Punk-Tugenden auf der Strecke.

Mehr Plattenkritiken lesen? Hier geht's zur aktuellen Ausgabe unserer Kolumne "Abgehört - die wichtigsten CDs der Woche".

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