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23. Februar 2013, 09:10 Uhr

Schubert-Interpretationen

Hier herrscht der Erlkönig

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Jugendliches Feuer, Freude am Risiko, Lust am Können! Oder gewichtiger Ernst? Der Pianist Alexander Krichel und der Sänger Matthias Goerne zeigen mit ihren neuen Alben, wie unterschiedlich man Schubert verstehen kann.

Mutig, wie sich der 23-jährige Pianist Alexander Krichel in Franz Schuberts "Erlkönig" stürzt! Und das auch noch live. Franz Liszts Bearbeitung des Liedklassikers kann Tasten-Virtuosen ebenso das Fürchten lehren wie die nächtlichen Visionen dem todgeweihten Kind im Goethe-Gedicht. Was der Nachwuchsstar an diesem, nun auf CD veröffentlichten, Konzertabend im kleinen Hamburger Lichtwark-Saal zelebriert, sprüht vor jugendlichem Feuer, Risikofreude und Lust am Können. Krichel muss aber auch sofort Brillanz beweisen - er hat sein erstes Album beim Major Sony Music am Start. Da muss es von Beginn an krachen, auch im nervösen Klassikmarkt wird heute nicht lange gefackelt.

"Frühlingsnacht" heißt die raffinierte CD, und sie präsentiert keine Stücke aus dem Kanon zwischen Beethoven, Brahms oder Chopin, die man sonst von Tasten-Jungspunden als Talent-Ausweis erwartet. Alexander Krichel liefert ein griffiges Konzeptalbum ab. Er bietet die Liszt-Bearbeitungen der Lieder von Schumann und Schubert, aber auch die schwärmerischen "Lieder ohne Worte", sowie die glanzvollen und vertrackten "Variations sérieuses" von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Ein Horowitz-Lächeln auf dem Gesicht

Keine Frage, der 1989 in Hamburg geborene Pianist ist ein echter Performer, der innige Behutsamkeit im Konzert mit draufgängerischem Zugriff kombinieren kann. Einige Preise zeugen bereits von seinem frühen Ruhm. Wie viel Witz und jugendlicher Charme ihm noch zur Verfügung stehen, hört man in der spitzfingrig perfekt zelebrierten Zugabe des "Rondo brillant" op. 62 von Carl Maria von Weber an: Da scheint der Flügel aufzublühen.

So charmant und durchgestylt Alexander Krichel seinen Schubert präsentiert, so ernst und gewichtig geht Bariton Matthias Goerne seit Jahren damit um. Franz Schuberts Werke prägen den Kanon, der für jeden Lieder-Sänger bindend ist. Zusammen mit Christian Gerhaher (Bariton) und Daniel Behle (Tenor) gehört Goerne zum heimatlichen Spitzentrio der Interpreten, wenn auch Jonas Kaufmann mit einer sehr schönen "Müllerin"-CD diesbezüglich ebenfalls Ambitionen angemeldet hat. Doch Goernes derzeit laufender Schubert-Zyklus bildet eine Klasse für sich. "Erlkönig" heißt seine aktuelle Aufnahme, sie könnte als Einstiegs-Empfehlung für alle gelten, die sich Schuberts Liederkosmos mit einer aktuellen Interpretation nähern wollen. Als siebente Folge seines Schubert-Liederzyklus (der 2008 begonnen wurde und auf zwölf CDs angelegt ist) kann so etwas wie ein Bergfest gefeiert werden: Nie klang Goerne reifer, selbstbewusster und dennoch völlig intim und uneitel als Botschafter der Schubert-Musik.

Eintauchen in Schuberts Lieder

Goerne pflegt einen leisen, aber intensiven Gesangsstil. Seine klare, fast hypnotische Diktion erscheint wie ein Eintauchen in den Text, ein Herausschälen von Bedeutungsnuancen, immer dicht an den musikalischen Spannungsbögen. Es macht Spaß, Matthias Goerne auf seinem sehr persönlichen Schubert-Trip zu folgen - vor allem, wenn auf der CD neben dem "Erlkönig" in der originalen Schubertversion so populäre Renner wie die "Forelle" oder das Lied "An den Mond" vertreten sind. Goerne gelingt das Kunststück, dem vermeintlich Bekannten neue Aspekte abzugewinnen. Natürlich hat er wie beinahe alle Liederspezialisten von Dietrich Fischer-Dieskau gelernt, hat aber dessen Strenge zugunsten einer weichen, geschmeidigen Intonation und beschwörenden stimmlichen Geste hinter sich gelassen.

Ließ Goerne sich bislang bei seinen Schubert-Aufnahmen von wechselnden Klavierpartnern wie Elisabeth Leonskaja, Christoph Eschenbach oder Ingo Metzmacher inspirieren, erwies sich diesmal der Schweizer Pianist Andreas Haeflinger als gute Wahl: Sein nobler und warmer Ton harmoniert bestens mit Goernes Ausdruck. Dazu verfügt Haeflinger, als Solist international gefragt, auch über die nötigen technischen Reserven, um zu jeder Zeit leicht, federnd und überlegen zu klingen.


CDs:
Alexander Krichel: Frühlingsnacht - Werke Mendelssohn, Schubert/Liszt, Schumann u.a. Sony Classical, 13,99 Euro.
Franz Schubert: Erlkönig. Mit Matthias Goerne, Bariton, Andreas Haeflinger,Klavier; Harmonia Mundi; 16,99 Euro.

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