Alfred Brendel wird 85 Spiel beim Abschied leise Beethoven

Der Pianist Alfred Brendel prägte das klassische Klavierspiel über rund 50 Jahre. Seit einem Hörsturz kann er nicht mehr spielen, aber er analysiert die Musik und ihre Rezeption weiterhin genau. Ein Besuch beim philosophierenden Wahl-Londoner.

Aus London berichtet

Universal Music/ DECCA/ Benjamin Ealovega

Wer im Stadtteil Hampstead lebt, der erlebt London von seiner besten Seite: Große, mittlere und kleine Häuser säumen enge Straßen, nicht zu schick, nicht zu lässig, gediegen urban. Der große Park Hampstead Heath liegt in der Nähe, und die U-Bahn fährt nicht lange ins West End, wo Theater, Klassik und Pop stattfinden. Alles wirkt entspannt und dennoch geschäftig, kein Stress, aber auch keine verschlafene Idylle. Understatement pur.

Genau hier lebt der Pianist, Schriftsteller und Dozent Alfred Brendel, der am 5. Januar 85 Jahre alt wird. Seit mehr als 40 Jahren pflegt der Österreicher die Liebe zu seiner englischen Wahlheimat: "Es ist das Gefühl, in einer möglichst kosmopolitischen Stadt zu sein, mit fehlender Neigung zum Fanatismus, mit einer philosophischen Tradition, die am Idealismus vorbeiging - mit Selbstironie und Sinn für Nonsens." Eine inspirierende Atmosphäre, die ihn auch Schicksalsschläge leichter ertragen lässt.

Seit seinem Hörsturz im Jahre 2012 kann Alfred Brendel Musik nicht mehr so präzise und differenziert wahrnehmen, wie es für ihn als Künstler unabdingbar ist. Daher konzentriert er sich seither auf seine Autoren- und Vortragstätigkeit. Dennoch steht oft ein Flügel neben ihm auf der Bühne, für musikalische Beispiele und pianistische Pointen.

Wegen des Hör-Handicaps geht er nur noch selten in Konzerte, ihm fehlt bei der akustischen Analyse gerade Neuer Musik die Genauigkeit. Überhaupt interessiert ihn derzeit die Avantgarde sehr: Brendels aktuelles Wunschkonzert wäre etwa ein Programm aus Mauricio Kagels "Zehn Märsche, um den Sieg zu verfehlen", György Ligetis "Aventures et Nouvelles Aventures" und eine Auswahl von Luciano Berios "Sequenze". Ein sportlicher Parcours für einen, der als Beethoven- und Schubert-Experte schon zu Lebzeiten zum Denkmal maßgeblicher Klavierkunst wurde.

"Ich mag keine Häppchen"

Vergleiche fallen heute leicht, auf YouTube gibt es perfektes Klavierspiel in nahezu grenzenloser Fülle. Erlebt Alfred Brendel diese allzeitige Verfügbarkeit der Vollendung mit gemischten Gefühlen? "Ich mag keine Häppchen, im Gegensatz zu vielen musikalischen Laien. Ich kenne namhafte Musiker, die sich für YouTube begeistern. Aber für viele ist die Tatsache, dass dort irgendwelche beliebigen, vom Künstler nicht abgesegnete Aufführungen zu finden sind, erschreckend."

Es kommt heute nur fast kein prominenter, populärer Künstler mehr an dieser unfreiwilligen Omnipräsenz vorbei: Natürlich gibt es auch von Brendel bei YouTube eine Menge zu sehen und zu hören, aber das meiste davon dürfte den Maestro nicht in Rage versetzen: Mit vielen Clips unterschiedlichster Länge, manche davon zweifellos mit offiziellem Charakter, können sich vor allem Brendel-Novizen ein Bild von den verschiedenen Talenten des Künstlers machen, wenn auch klanglich nicht immer auf höchstem Niveau.

Dann schon lieber die inzwischen klassische, beinahe altmodische CD. Gerade erschien eine - natürlich vom Pianisten abgesegnete - Komplett-Edition seiner Einspielungen für Philips. Satte 114 Scheiben dokumentieren Brendels Produktivität, aber auch seine Akribie. Sicher sind mehrere Aufnahmen aller 32 Beethoven-Sonaten für Brendel-Beginner etwas zu viel des Guten, aber in ihrer Gesamtheit zeugen die Aufnahmen von einer Künstlerpersönlichkeit, die die europäische klassische Klaviermusik umfassend und maßgeblich interpretiert hat.

Perfektion ist nicht alles

Dieses fleißige Wirken machte Brendel nicht zum einsamen Streiter, er kümmerte sich stets um den Nachwuchs. Dazu war London kein schlechter Stützpunkt. Der lebendige Austausch zwischen zeitgenössischer Musik und durchaus geliebter Tradition lässt alles gelten, nur keine Langeweile. Das gilt auch für Klassik, mit der die Londoner sehr unkompliziert umgehen. Brendel schätzt auch das sehr. Und sein Sinn für das Außergewöhnliche blieb hier scharf.

Inzwischen hat sein enorm talentierter Schützling Kit Armstrong aus Kalifornien den Sprung in die erste Reihe der jungen Klaviervirtuosen geschafft. Und die beiden haben weiterhin Kontakt. "Es freut mich, dass Kit Armstrong noch manchmal zu mir kommt. Selbst bei ihm gibt es immer noch etwas zu sagen. Ich beobachte seine Entwicklung mit Vergnügen", sagt Brendel voller Genugtuung - bestätigen doch die Reaktionen auf Armstrongs jüngste Konzerttournee die Einschätzung seines Lehrers ("die größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin") in sehr überzeugender Weise.

Das Streben nach musikalischer und technischer Unfehlbarkeit war für Alfred Brendel selbst keine ursächliche Triebfeder. "Ich war nie ein Perfektionist, aber auch kein Musiker, der sich mit geschlossenen Augen dem Zufall übertrug", erklärt er. "Einige der eindrucksvollsten Konzerte, die ich gehört habe, waren nicht 'perfekt'."

Für viele Klassikfans grenzte aber gerade Brendels Beethoven-Spiel an die Makellosigkeit. Die Mitte zwischen technischer Brillanz - Alfred Brendels Virtuosität wies ihn auch als Liszt-Autorität aus - und analytischer Gestaltungshoheit prägten auch seinen Zugriff auf Beethovens orchestrale Großwerke wie die fünf Klavierkonzerte.

Fast noch jugendlich schwungvoll gelang seine Einspielung mit dem niederländischen Dirigenten Bernhard Haitink und dem London Philharmonic Orchestra von 1976. Die ist für Brendel noch in lebhafter Erinnerung: "Ich bewundere Haitink sehr. Doch waren wir beide damals halb so alt, und ich konnte seither mit anderen Dirigenten gründlicher an den Werken arbeiten." Gründlichkeit erfordert vor allem Organisation, was nie ein Problem für Alfred Brendel darstellte. "Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zur Zeit - zur Arbeitszeit und zur Entspannung. Meine Arbeit war nie manisch. Aber da ich spielte, reiste und schrieb, war die Tagesroutine flexibel."

Bewunderung für "El Sistema"

Bei seiner Vortragstätigkeit greift Alfred Brendel nicht allein auf eigene Interpretationen zurück, er möchte auch große Leistungen vor dem Vergessen bewahren. "Was ich jungen Pianisten mit Kommentaren vorspiele, sind die allerbesten Aufnahmen von Edwin Fischer, Alfred Cortot und Wilhelm Kempff. Ich finde immer wieder, dass junge Leute sich ältere Aufnahmen kaum mehr anhören, und wenn, dann als Kuriositäten aus grauer Vorzeit."

Wie viele andere Künstler betrachtet auch Brendel die Dezimierung des Musikunterrichts an vielen Schulen mit Sorge. Demgegenüber bewundert er das venezolanische Modell des staatlich garantierten Musikunterrichts für Kinder, bekannt als das 1975 von José Antonio Abreu begründete "El Sistema", aus dem als Galionsfigur der international gefeierte Dirigent Gustavo Dudamel hervorgegangen ist.

Zu einem künstlerischen Zusammentreffen mit Dudamel wird es wohl nicht mehr kommen, denn Alfred Brendel hat sich ja von seinem Flügel und seinem Beethoven-Spiel verabschiedet. Es war ein leises, privates Goodbye in seinem Haus, nicht in der Öffentlichkeit, und er gestaltete es ganz für sich selbst mit dem langsamen Satz aus Beethovens "großer" Klaviersonate op. 106 "für das Hammerklavier". Kein eitles technisches Feuerwerk also, sondern ein Adagio "con molto sentimento". Ein Abschied im Einklang mit Brendels geliebtem Stadtteil Hampstead: höchste Komplexität mit leichter Hand, ein standesgemäßer Abschluss. Ein typischer Brendel eben.

Anzeige
  • Alfred Brendel:
    Complete Philips Recordings

    Decca (Universal Music); Box-Set 114 CDs; Limited Edition; 209,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
El pato clavado 04.01.2016
1. Happy Birthday,Herr Brendel
Sie konnten Klavierspielen, was man so da nach Ihnen hört , zum Teil nicht des Lauschens wert
hhorbach 04.01.2016
2. Danke...
...für so viele schöne Stunden zuhause vor der Anlage oder z.b. Beim Abschiedskonzert in Baden Baden. Es gibt inzwischen viele gute Pianisten, aber wenige universalgenies wie AB. Alle Musik war/ist immer sehr fein bis überragend gespielt, keine (mir bekannten Ausrutscher), tolle Intonation (Mozart) und ruhig (aber immer gespannt ) perlende Läufe (Schubert). Einzig mit dem Liszt bin ich nie so recht warm geworden. Obwohl AB ebenso wie Bernstein das 'sportive Element ' in der Musik durchaus in den Vordergrund stellen konnte. Das früher manchmal abfällig kommentierte grimassieren unter der Anspannung kommt einem in Zeiten der Show-Gesichter eines Lang Lang im Nachhinein geradezu authentisch vor. Danke und happy Birthday!
Here Fido 08.01.2016
3. Perfekte Abschiedsmusik
Das Adagio Sostenuto aus op. 106 ist die perfekte Abschiedsmusik für einen Pianisten. Einer der schönsten Klaviersätze überhaupt. Ich bin nie ein großer Brendel Fan gewesen, aber die Person Brendel ist mir sympathisch. Ich empfehle die großartige Doku-DVD "Set the piano stool on fire", die die Zusammenarbeit von Brendel mit Kit Armstrong zeigt.
tobias97 16.01.2016
4. Kit Arstrong
Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass Armstrong zur ersten Reihe der Pianisten gehört. Natürlich, er hat schon grosse Konzerte gegeben. Aber Sokolov,Trifonov,Grimaud etc. spielen in einer ganz anderen Liga.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.