"Pop-Kultur"-Festival in Berlin Der Lärm der anderen

Gegenveranstaltung, Streubewegung, Lautstärkestress: Nach wackeligem Start entwickelte sich das Berliner "Pop-Kultur"-Festival durch Skinny Girl Diet, Selda Bagcan und Abra zur furiosen weiblichen Leistungsschau.

Pop-Kultur/ Mat Robinson

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Pop ist immer auch ein Verdrängungswettbewerb, das musste die US-Künstlerin SassyBlack gleich am ersten Abend der zweiten Berliner "Pop-Kultur" feststellen. Die junge Musikerin war in den mittleren der drei Aufführungsräume des alternativen Veranstaltungszentrums "Schwuz" gebucht worden, das die Festivalleitung zur Basis ihres dreitätigen Festivals erkoren hatten.

Während SassyBlack nun also auf ihrem Laptop minimalistische R&B-Beats und ein paar Pop-Klassiker-Samples (unter anderem von N'Sync) abspielte und dazu kecke Texte über das Lebensgefühl schwarzer Frauen in Amerika rappte, lärmte aus dem größeren Nebenraum ihr Chicagoer Kollege Ezra Furman mit seiner exaltiert-queeren Rockshow - was dank mangelnder Schallisolierung und eklatanter Lautstärkedifferenz der beiden Stilistiken zu unangenehmen Störgeräuschen führte.

SassyBlack jedoch, deren stämmige Frohnatur entzückend mit ihren zarten Gesängen kontrastiert, nahm den organisatorischen Fauxpas wie auch die im Gegensatz zu Furman spärliche Besucherfrequenz ihres Auftritts mit Souveränität und zog ihr Set mit einigen ironischen Seitenhieben auf das Dröhnen von Nebenan konsequent durch. Aus dem anfänglichen Mitleid für die tolle Künstlerin wurde schnell uneingeschränkte Bewunderung für diese coole Selbstbehauptung.

Ums Behaupten und Integrieren ging es auch für das im vergangenen Jahr vom Berliner Senat initiierte Festival selbst, das sich nach seinem gelungenen Start im coolen Techno-Club Berghain für die zweite Ausgabe eine neue Bleibe suchen musste. Das verantwortliche Musicboard unter der Leitung von Katja Lucker entschied sich schließlich für eine Verlagerung nach Neukölln, das zurzeit zwischen sozial schwachem Problemkiez und teilgentrifiziertem In-Viertel schwankt, was es für lokale und externe Beobachter zu einem der spannendsten Areale der Stadt macht.

Kurt Cobains Feuerzeug

Einen geschlossenen Ort wie das Berghain bietet Neukölln jedoch nicht, daher musste ein dezentrales Konzept her, was mehrere Veranstaltungsorte beinhaltete, vom Konzerttempel "Huxley's Neue Welt" an der Hasenheide, bis zum "Heimathafen" und "Passage-Kino" an der Karl-Marx-Straße. Das führte zu längeren Laufwegen zwischen den einzelnen Modulen des Festival-Programms und gleich am ersten Abend zu einer ungewollten Streubewegung, die Bürgermeister Michael Müller wohl nicht gemeint hatte, als er in seiner beherzten Eröffnungsrede Berlin als "Stadt der Freiheit" lobte.

Da man zusehen musste, es noch rechtzeitig zum Eröffnungskonzert des deutschen Elektronik-Popnachwüchslers Roosevelt ins "Huxley's" zu schaffen, nahm sich das anwesende Branchen-, Kritiker- und Szenevölkchen die Freiheit, das dem "Schwuz" benachbarte "Vollgutlager" schnell wieder zu verlassen.

Das schuf nicht nur den Eindruck eines eher schleppenden, spärlich besuchten Auftakts, es verhinderte für viele Gäste auch die Auseinandersetzung mit der humorigen Ausstellung von Pop-Artefakten des Londoner Illustrators und "Pop-Kultur"-Artdirektors Scott King, zu der unter anderem ein pinkes Billigfeuerzeug gehörte, das Kurt Cobain ihm einst im längst vergessenen Berliner Club "Ecstasy" von der Bühne aus zugeworfen hat. Angeblich.

Man lief viel an diesem ersten "Pop-Kultur"-Abend in den Straßen von Neukölln, aber nicht alles lief rund. Der von der freien Szene als künstlerisches Refugium reklamierte Bezirk schien sich gegen den Zuzug des Festivals verschworen zu haben. Das mit Staatsgeldern (rund 700.000 Euro pro Jahr) ausgestattete Prestige-Event provozierte den DJ und Konzertbooker Anton Teichmann dazu, mit einigen lokalen Musikern und Mitstreitern eine "Protestival" genannte Gegenveranstaltung namens "Off-Kultur" zu starten, die parallel zur "Pop-Kultur" in Neuköllner Kneipen und Klubs stattfand. Teichmanns Argument: Das Musicboard schmücke sich mit der hippen Marke Neukölln, vernachlässige aber mit seiner weitgehend internationalen Ausrichtung die dort arbeitetenden Künstler.

Wer verdient an Neukölln?

"Pop-Kultur"-Kurator Christian Morin zeigte sich über die ideologische Attacke gegen die Vereinnahmung Neuköllns durch staatlich subventionierte Events eher amüsiert und verwies darauf, dass einige der "Off-Kultur"-Acts, darunter die Band Fenster, im vergangenen Jahr bei der "Pop-Kultur" aufgetreten seien und Teichmann selbst lange Jahre im vom Bund initiierten Förderprojekt "Initiative Musik" tätig war.

Die künstliche Kontroverse sorgte immerhin für eine erhöhte Berichterstattung in der Lokalpresse und nützte so beiden Parteien. Und der musikinteressierte Festivalbesucher konnte sich über noch mehr interessante Konzerte freuen. Sollte die "Pop-Kultur" in Neukölln bleiben, empfiehlt sich fürs kommende Jahr vielleicht eine friedliche Koexistenz, wenn nicht Kooperation, denn über Teichmanns Argument, dass der Anteil originär Berliner "Pop-Kultur"-Künstler dieses Mal geringer war, lässt sich durchaus diskutieren.

Wobei sich natürlich die Frage stellt, wer heute noch ein originär Berliner Künstler ist. Gerade Neukölln wurde in den vergangenen Jahren zum Stützpunkt vieler internationaler Musiker, die Berlin als ihre Heimat betrachten. Wohl nicht umsonst war das Programm der "Off-Kultur" auf der zugehörigen Website in Englisch verfasst. Eigentlich sollte die kreative Weltstadt Berlin doch über nickelige Verteilungs- und Distinktionskämpfe erhaben sein.

Zumal die "Pop-Kultur" bereits am zweiten Abend ihre Integrations-Probleme überwunden zu haben schien. Die türkische Prog-Rock-Veteranin Selda Bacan begeisterte im "Huxley's" ein ethnisch bunt gemischtes Publikum, die israelische Girlband A-Wa groovte parallel ebenfalls mit nahöstlicher Ästhetik, und im "Passage"-Kino machten sich die aus Kuwait stammende Wahlberlinerin Fatima al Qadiri und die Künstlerin Juliana Huxtable in einem Panel Gedanken darüber, wie elektronische Musik nonverbal Botschaften verbreiten kann.

In einem herrlich abgeranzten Club namens "Keller" sorgte derweil die aus der Bronx stammende Band Show Me The Body für Furore. Das Trio vermengt Hardcore aus den frühen Neunzigern zu einem wütenden Energiebündel, das gleichermaßen an Fugazi und Body Count erinnert. Danach spielte das aus London eingereiste Frauentrio Skinny Girl Diet eine lärmende Neo-Variante alter Riot-Grrrl-Tugenden mit Grunge-Melodien. Nicht sehr innovativ, das Ganze, aber ein willkommener Adrenalinschub.

Aber hatte man Gitarrenmusik nicht eigentlich schon zu den Akten gelegt? Schlägt nicht gerade die Stunde der selbstorgansierten, smarten, gendertranszendenten Elektro-Frauen, die den westlich-weiß definierten Rock'n'Roll-Kanon in die Sepia-Vergangenheit des 20. Jahrhunderts verweisen?

Am dritten "Pop-Kultur"-Tag zeigte sich dank der letztlich doch recht klugen Programmierung und Künstlerauswahl, dass der in steter Metamorphose befindliche Verdrängungs- und Verdauungsorganismus Pop eben doch keiner vereinfachenden Linearität unterzuordnen lässt. Im besten Fall entsteht ein Spannungsfeld verschiedener, miteinander interagierender Energiestärken.

Während also am Freitag einerseits Veteranen wie Rock-Kritiker Jon Savage und Punk-Pionier Richard Hell auf Panels über Vergangenes reflektierten und Ex-Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore als Quasi-Festival-Headliner und Publikumsmagnet das "Huxley's" rockte, traten mit dem britischen Duo LUH und der US-Band Algiers auch zwei Bands auf, die Rockmusik mit Pathos und politischer Attitüde in eine mögliche Zukunft des Genres transportieren.

Die Herrscherin der Nacht war jedoch die junge, aus Atlanta stammende R&B-Sängerin Abra (unlängst in unserer Abgehört-Rubrik gefeiert). Nur mit Laptop, in die Achtziger verweisenden Hi-NRG-Beats und sehr lässigen Tanz-Moves ausgestattet, brachte Abra eben jenen kleinen, jetzt bis zum Anschlag gefüllten "Schwuz"-Raum zum Kochen, in dem zwei Tage zuvor noch SassyBlack zu kämpfen hatte.

Diesmal spielte nebenan die durchaus anständige Brandenburger Post-Goth-Truppe Diät, deren herüberwabernder Gitarrendonner aber die allgemeine Abra-Ekstase nicht weiter stören konnte. Nächstes Mal dann vielleicht einfach mal die Räume tauschen.

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Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Anton Teichmann 03.09.2016
1.
warum die Tatsache, dass ich bei der Initiative Musik gearbeitet habe, meine Kritik delegitimieren soll, verstehe ich nicht ganz, offenbart aber die Art und Weise wie von offizieller Seite mit unserer Kritik umgegangen wird. Wer also schon mal Fördergeld bekommen hat (was von uns im Übrigens nie verschwiegen wurde) und anscheinend auch, wer in Fördereinrichtungen gearbeitet hat, soll ruhig sein. Dass ich kein DJ und Konzertbooker sondern hauptsächlich als Labelmacher und Künstlermanager aktiv bin - geschenkt. Zeigt aber, dass man auch ruhig mit uns und nicht nur mit den FestivalmacherInnen hätte reden können. Dann wäre vielleicht auch klargeworden, dass wir selbst das ganze nie "Protestival" genannt haben. Das war das Groove-Magazin.
aborcholte 03.09.2016
2.
Lieber Anton Teichmann, da haben wir uns missverstanden: Ich will gar nichts delegitimieren, sondern schreibe im Gegenteil ja auch, dass man über gewissen Punkte diskutieren könnte und meiner Meinung nach auch sollte. Aber nicht, wiederum meine Meinung, auf ideologischer Ebene über den Sinn oder Unsinn von Staatsgeldern zur Popförderung, von der schon viele Berliner Künstler profitiert haben. Ihre Arbeit in der Initiative Musik zu erwähnen, gehört für mich zur nötigen Transparenz, damit eigne ich mir die Haltung der Pop-Kultur zu Ihrer Kritik noch lange nicht an. Und habe auch nicht geschrieben, dass der Begriff "Protestival" von Ihnen stammt, das war vielleicht etwas zu verkürzt. Reden sollten wir alle mehr miteinander, das finde ich auch!
jedenmorgengutelaune 04.09.2016
3. wie süß
Wie süß, aborcholte, erst einen Artikel zu verfassen, dessen Tonfall die eigenen Sympathien für das wirtschaftlich hochgepimpte "Pop-Kultur"-Festival deutlich wiedergibt – die "sich nicht angeeignete" Meinung des Kurators über den Gegenveranstalter wird gar ausführlich zitiert –, und dann zurückrudern, sobald der verarmte Gegenveranstalter wutschnaubend an die Tür klopft. An Ihrem abschließenden Fazit lässt sich indes nicht rütteln: Reden, Hände reichen, umarmen, Harmonie und nicht vergessen, die Räume zu tauschen.
Anton Teichmann 04.09.2016
4.
Vielen Dank für die Antwort, Andreas. Im Zuge der Transparenzoffensive, dann bitte auch angeben, dass der zitierte Herr Morin sowohl Inhaber einer Bookingagentur als auch gleichzeitig Leiter des Musikprogramms der Volksbühne ist.
jpm 05.09.2016
5.
Schade, dass wieder nur einseitig über Musikthemen im Spiegel informiert wird. Das Musicboard sollte doch eigentlich die Musikwirtschaft in Berlin unterstützen und nicht mit einem eigenen Festival Konkurrenz schaffen. Auch das musikalische Programm ist weder zeitgemäß noch ansprechend... da wird nicht's Neues geschaffen, sondern nur die Arbeit vieler kleiner Organisatoren, Agenturen kopiert. Ich halte es da wie Herr Seliger im Musikexpress ( https://www.musikexpress.de/zahnlos-uninspiriert-provinziell-berthold-seliger-ueber-pop-kultur-in-berlin-655369/ ), er hat das erkannt: uninspiriert und langweilig ist das. Und mal ganz ehrlich: 700.000 € ??? Was haben die damit gemacht? Andere Musikprojekte/Festivals erhalten bei weitem nicht so viel: http://www.hauptstadtkulturfonds.berlin.de/index.php?id=22&tx_hkfmgr_projectmanager[category]=22&cHash=cab9113aef23e1d16547bf66d1c120a1 ), beim Musicboard fehlt dazu leider auch die Transparenz zu den Fördersummen: ( http://www.musicboard-berlin.de/wp-content/uploads/2016/03/Projektuebersicht_Festivalfoerderung_2016.pdf ).
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