Alice Cooper wird 60 Der nette Horror-Rocker von nebenan

Er gilt als Erfinder des Schockrocks, hat mit blutrünstigen Shows Generationen von Eltern entsetzt und Millionen Rockfans elektrisiert: Alice Cooper wird 60. Inzwischen golft der Rocker wie ein Profi, sammelt Spenden und geht sonntags in die Kirche.

Von


Es ist eine dieser Jubiläumsmeldungen, die ein seltsames Gefühl der Überraschung erzeugen - darüber, dass ein irgendwie altersloser Mensch eben doch ein Alter besitzt: Alice Cooper wird am morgigen Montag 60 Jahre alt. Wir wollen an dieser Stelle nicht behaupten, er feiere seinen Geburtstag. Wer weiß das schon? Dem Mann wurde in Sachen Feiern schließlich schon einiges unterstellt, von der Orgie bis zur schwarzen Messe.

Immerhin gehört Alice Cooper zu den Erfindern des Schockrock-Genres: 1969, im Jahr des Woodstock-Festivals, veröffentlichte er sein erstes Album. Während andere von Liebe statt Krieg sangen, schminkte er sich wie ein Zombie, verspritzte auf der Bühne literweise Kunstblut und ließ sich während seiner Shows mit der Guillotine köpfen.

Fast 40 Jahre erfolgreich im Musikgeschäft

In den knapp 40 Jahren danach hat Alice Cooper, der 1948 als Vincent Damon Furnier in der US-Autostadt Detroit zur Welt kam, im Hardrock-Geschäft kontinuierlich mitgemischt. Schon als Schüler gründete er seine erste Band, die nach mehreren Namenswechseln in Alice Cooper umbenannt wurde. 1974 nahm Furnier den Namen auch offiziell selbst an. Er soll angeblich vorher einer Frau gehört haben, die im 17. Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen endete und als Vincent Furnier wiedergeboren wurde.

Seit 1969 haben die Band und der Sänger Alice Cooper nicht weniger als 24 Studio-Alben veröffentlicht und unzählige Konzerte gespielt. Insbesondere seine wilde Live-Show hat Cooper weit über die Hardrock- und Heavy-Metal-Szene hinaus berühmt gemacht. Das US-Bürgertum reagierte erwartungsgemäß angewidert und schockiert - so sehr, dass auch andere Musiker die Bühnen-Horrorshow als Erfolgsrezept erkannten und fleißig kopierten.

Eine ganze Kohorte von Rock- und Metalbands von Kiss über W.A.S.P. bis hin zu Marylin Manson hätte es ohne Alice Cooper wohl so nicht gegeben. Mitte der achtziger Jahre wurde der Trend so stark, dass konservative Kreise in den USA den "Parents Music Resource Center" (PMRC) eröffneten - angeführt von Tipper Gore, der Ehefrau des späteren US-Vizepräsidenten und heutigen Friedensnobelpreisträgers Al Gore. Die Gründung der Zensurstelle durch Gore und andere Frauen einflussreicher Männer war aus deren Sicht ein Erfolg. Das sichtbarste Zeichen war der sogenannte "Tipper Sticker" - der Aufkleber mit dem Hinweis "Parental Advisory: Explicit Lyrics". Prangte er auf einer CD, führte das meist dazu, dass die Scheibe von Musikläden und Supermarktketten boykottiert wurde.

Auftritt in der Muppet-Show

Dem Erfolg der harten Gitarrenmusik tat das keinen Abbruch, weder bei den Plattenverkäufen noch bei den Live-Konzerten. Je mehr Stadtverwaltungen Coopers Konzerte verboten, desto öfter spielte er vor ausverkauften Rängen.

Was die konservativen Kritiker schon vor 30 Jahren übersehen haben und bis heute gern ausblenden: Im Unterschied zu den wenigen echten Satanisten unter den Rock- und Metalmusikern sind Schockrocker vom Zuschnitt eines Alice Cooper meist diejenigen, die ihr Tun am wenigsten ernst nehmen. Bei Cooper selbst lässt sich das beispielsweise - aber nicht nur - daran ablesen, dass er schon 1978 als Gaststar in der Muppet-Show aufgetreten ist. Dass er Kermit die Schenkel amputiert oder Miss Piggy geschlachtet hätte, ist nicht überliefert.

Stattdessen wurde Cooper gar zum überzeugten Christen, als er Mitte der Achtziger nach langen Jahren der Sucht endlich vom Alkohol loskam. "Ich war mein ganzes Leben Alkoholiker, aber all die Autos, Häuser, Frauen, Drogen - am Ende bleibt dir nichts", sagte er. "Ich trinke nicht mehr, und in der Kirche habe ich gefunden, worum es geht: unsere Beziehung zu Gott."

Ob es nun an Gott lag oder nicht, in den späten achtziger Jahren konnte Alice Cooper wieder an frühere Erfolge anknüpfen. Das Album "Trash" und der darauf enthaltene Hit "Poison" machten ihn 1989 erneut weltweit berühmt, diesmal bei einer neuen Generation von Fans. Eine Folge war sein zur Kultszene gewordener Auftritt im Kinofilm "Wayne's World" von 1992, in dem die beiden Hauptdarsteller vor ihm auf die Knie fielen und "Wir sind nicht würdig!" stammelten. Das Video zu "Poison" ist inzwischen bei YouTube zu sehen. Trotz, oder vielleicht auch wegen seiner heute unfreiwillig komischen Bildersprache - Rocker mit Spandexhosen und ventilatordurchwehter Haarpracht - wurde es dort knapp 1,8 Millionen Mal abgerufen.

"Ich halte mich an Mick Jagger"

Ans Aufhören denkt Cooper, der seit dem Jahr 2000 regelmäßig mit seiner 26-jährigen Tochter Calico auf der Bühne steht, noch lange nicht. "Ich halte mich an Mick Jagger", sagte er einmal. "Der ist sechs Jahre älter als ich. Wenn der in Ruhestand geht, habe ich immer noch sechs Jahre vor mir." Mit seinem 2005 erschienenen Album "Dirty Diamonds" tourte Cooper fast zwei Jahre rund um die Welt. In Deutschland stand er zuletzt 2006 unter anderem in Berlin, Kiel, München, Nürnberg und Wetzlar mit Deep Purple auf der Bühne.

Schockiert haben die Konzerte freilich niemanden - zumal Cooper inzwischen längst im Establishment angekommen ist. 2004 etwa erhielt er von der christlich-liberalen Grand Canyon University in Phoenix (US-Bundesstaat Arizona) den Ehrentitel "Doctor of Music". Angeblich geht er jeden Sonntagmorgen in die Kirche, und er ist Vorsitzender der christlichen "Solid Rock Foundation". Auch sein größtes Hobby, das Golfspielen, lässt sich nur schwer mit dem Kunstblut verspritzenden Bühnenschreck vereinbaren. Mit seinem Handicap von 5 könnte er jederzeit Profi-Golfer werden.

Wie sehr der Schockrock heutzutage vom Mainstream vereinnahmt ist, lässt sich auch daran erkennen, dass die finnische Band Lordi mit einer Grusel-Show den Eurovision Song Contest 2006 gewinnen konnte. Wer zu Alice Coopers wilden Zeiten als Hardrocker bei diesem Hochamt musikalischen Spießer-Trashs mitgespielt hätte, der hätte seine E-Gitarre - symbolhaft für seine musikalische Karriere - gleich mit dem Hals voran unter Coopers Guillotine legen können.

Mit Material von dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.