Regener: So wie Schwarzenegger oder Reagan? Ist völlig legitim - und bezeichnenderweise dann doch wieder keinem Recht. Da heißt es dann: Der doofe Schauspieler will Präsident werden? In der Politik wird der Künstler nur als Hofnarr geduldet, der die Ich-stell-mal-ein-paar-subversive-Fragen-Rolle spielt und Parolen absondert. Wenn's ernst wird, gilt er als peinlich.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie dann Leute wie Günter Grass?
Regener: Wenn er Wahlkampf macht, wechselt er das Fach - dann ist er Politiker. Und das ist völlig in Ordnung. Ich sage ja nicht, dass Künstler sich nicht politisch betätigen dürfen. Nur mit seiner Kunst hat das nichts zu tun. Wenn ich die "Blechtrommel" toll finde, muss ich deshalb wählen, was Günter Grass im Wahlkampf sagt? Das wäre doch mehr als dämlich. Oder darf ich keinesfalls wählen, was er empfiehlt, wenn ich seine Romane nicht so toll finde?
SPIEGEL ONLINE: Sicher nicht.
Regener: Eben. Ich kann seine Argumente überzeugend finden oder nicht. Die Romane sollte man da raushalten.
SPIEGEL ONLINE: Gedanken und Gefühle sauber getrennt - Sie beschreiben, wie Politik sein sollte. Aber Politik ist emotional.
Regener: Sicher. Der aufklärerische Ansatz versucht aber, das einzudämmen. Die Frage ist: Wollen wir den Politiker wählen, den wir am sympathischsten finden? Das ist unpolitisch, auch wenn es dauernd passiert. Die Leute sollen sich von Inhalten überzeugen lassen, Verantwortung übernehmen. Das kann kein Künstler erreichen. Und das ist auch nicht seine Aufgabe. Das ist die Aufgabe von Politikern.
SPIEGEL ONLINE: Der Bundestagswahlkampf wurde zwar nicht sehr sachlich, aber sicherlich sehr emotionslos geführt. Nicht die beste Strategie, um Wähler zu mobilisieren, oder?
Regener: Ich bin nicht sicher, ob die Wahlbeteiligung geringer sein wird als zuletzt. Eine gefestigte demokratische Gesellschaft dreht nun mal nicht total durch, nur weil eine Wahl ins Haus steht. Gelassenheit ist ja auch ein gewisser Wert. Man muss nicht alles aufpumpen zu einer Frage von Leben und Tod.
SPIEGEL ONLINE: Verwechseln Sie nicht Gelassenheit mit Lethargie?
Regener: Ich bin als Publikumsbeschimpfer nicht wahnsinnig gut. Ich habe auch keinen Bock, immer zu sagen, die Jugendlichen spielen nur Nintendo und die Alten plündern uns aus - dieser ganze Quark. Jeder weiß, dass alles komplexer ist.
SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Politikverdrossenheit?
Regener: Sehe ich nicht. Ich glaube sogar, dass relativ viele Leute zufrieden mit der Bundesregierung sind.
SPIEGEL ONLINE: Sie auch?
Regener: Ja und nein, das hängt vom Politikfeld ab. Ich war ja immer ein Fan von Peer Steinbrück, der ist pragmatisch, unaufgeregt. Ich habe Finanzminister immer bewundert - das sind in diesem Land schwer gebeutelte Menschen.
SPIEGEL ONLINE: Und er ist Norddeutscher - wie Sie.
Regener: Ja, aber er ist Hamburger. Ich bin Bremer.
SPIEGEL ONLINE: Hamburger hin, Bremer her: Wäre die SPD mit Steinbrück nicht besser gefahren?
Regener: Ach, eigentlich will ich auf solche Fragen gar nicht antworten. Ich bin ja nur so einer, der Lieder singt.
SPIEGEL ONLINE: Okay, anders: Die Umfragen legen ein Weiter-so nahe, mit Merkel als Kanzlerin.
Regener: Dann ist das halt so. Das sind Wahlen, und ihre Ergebnisse haben Gültigkeit. Man kann das ja mal respektieren. Ob mir das gefällt, ist eine andere Frage. Ich war in meinem Leben selten bei der Mehrheit dabei.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen Frau Merkel sympathisch?
Regener: Man sollte grundsätzlich Respekt für die Leute und ihre Arbeit haben. Und darum verbietet es sich, über Sachen zu reden wie: sympathisch, wirkt nett, sieht toll aus, kleidet sich gut. Dafür bin ich auch zu sehr Bremer. Über fremde Menschen so auf der persönlichen Ebene zu reden gehört sich nicht. Das sind ja nur Projektionen. Die Leute glauben auch, mich zu kennen. Ich mache Kunst, und die Leute ziehen daraus Rückschlüsse. Auch das sind nur Projektionen. Dieser Sven Regener existiert vielleicht nur in der Phantasie.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass auf einem Konzertplakat mal zu lesen war: Element of Crime mit Sänger Frank Lehmann?
Regener: Nein. Aber Journalisten haben mich schon Lehmann genannt. Wenn man sich weigert, sein Privatleben auszubreiten, denken die Leute eben bei jedem Wort: Der schreibt über sich. Mich schüchtert das ein, andere Künstler stehen ja auf diese Ganzkörper-Promo. Mir hilft da nur, das nicht persönlich zu nehmen. Abgesehen davon ist dieser biografische Ansatz natürlich beleidigend, weil er sagt: Du kannst dir nichts selbst ausdenken, du kannst nur abmalen, was du gerade erlebt hast.
SPIEGEL ONLINE: Was man Ihnen ja wirklich nicht vorwerfen kann. Auf Ihrem neuen Album findet sich die Textpassage "Wie viele Erdbeereise müsst ihr noch essen ...
Regener: Der Mensch! Es heißt: "Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen."
SPIEGEL ONLINE: Sorry, falsch zitiert.
Regener: Macht nichts, ich kann's ja auswendig: "Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, bevor er endlich einmal sagt, ich bin dafür, die böse Tat des Beinestellens zu unterlassen."
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie auf ein Wort wie Erdbeereise und solche Zeilen?
Regener: Mal abgesehen von der kleinen Hommage an Bob Dylan ist das kein großes Ding. Nicht zu feste Absichten beim Texten zu verfolgen, kein Kontrollfreak zu sein, sich selber zu überraschen. Das macht auch mehr Spaß, und man hat länger was davon. Wir müssen die Songs ja dann später noch sehr oft singen und spielen. Und natürlich hat das viel mit Klang zu tun. Zum Beispiel die Erdbeereise. Was für ein Wort! Jedenfalls ein sehr zweifelhafter Plural.
SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Songs arbeiten mit dem Motiv des Verlustes.
Regener: In der Liebe gibt's ja nur drei Möglichkeiten: Anfang, Mitte, Ende. Anfang und Ende sind sehr emotionale Momente, für Songs sehr gut. Die Mitte - wenn's also super läuft, oder auch so lala - ist für das Songschreiben nicht so ergiebig.
SPIEGEL ONLINE: Aber der Anfang vom Ende ist am interessantesten.
Regener: Mag sein, aber das verlangt nach Feinzeichnung, da muss man aufpassen... Wir schreiben ja keine Beziehungsratgeber oder so einen Quatsch.
SPIEGEL ONLINE: Melancholisch sind Ihre Lieder aber schon.
Regener: Ich kann das einfach ganz gut. Man könnte auch sagen: Das ist meine Kernkompetenz. Kernkompetenz... auch so ein bizarr doofes Wort.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie beim Texten schon an bizarr doofen Wörtern gescheitert?
Regener: Schnickschnack war schwierig, klappte aber doch. Letztens hatte ich noch so eins, was war das noch? Mich reizen unmögliche Wörter, die eigentlich nicht gehen und die ich so verwende, dass sie nicht mehr blöd klingen, sondern Spaß machen. So etwas wie Klingeltonatmo. Nein, das ist zu leicht. Wörter, die so richtig fad sind. Im Augenblick fällt mir keins ein….
SPIEGEL ONLINE: iPhone-Applikation?
Regener: Hm...
SPIEGEL ONLINE: Vollstreckungsbescheid?
Regener: Vollstreckungsbescheid ist stark.
SPIEGEL ONLINE: Wegen Vollstreckung?
Regener: Ja, das ist sehr Rock'n'Roll. Das hat Konnotationen von töten, Urteil vollstrecken, hinrichten. Starkes Wort. Ulrich Roski hat übrigens mal ein Lied gemacht, in dem Castrop-Rauxel vorkam, sein großer Hit, so ein Sechs-Minuten-Lied. Da dachte ich: Wie cool ist der denn?
SPIEGEL ONLINE: Also Ruhrpott. Wie wär's mit Oer-Erkenschwick?
Regener: Gibt's schon, ist einfach. Kabarettisten machen ja gerne mal Oer-Erkenschwick. Da steckt provinzielles Kleinbürgertum drin, da denkt jeder sofort, er weiß, wovon man redet.
SPIEGEL ONLINE: Und Gesetzliche Krankenversicherung?
Regener: Geht gar nicht. Nicht wegen Krankenversicherung, sondern wegen gesetzlich.
SPIEGEL ONLINE: Womit wir wieder bei der Politik wären. Haben Sie noch eine Wahlbotschaft an unsere Leser? Ab an die Urne?
Regener: Ha ha. Nun aber mal im Ernst: Jetzt haben diese Politsachen schon so viel Aufmerksamkeit, warum müssen die paar Musiker da auch noch mitrühren? Was wollt ihr mit uns verwirrten Amateuren? Hat euch Rudi Dutschke nicht gereicht?
Das Interview führten Andreas Borcholte und Thorsten Dörting
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