Zum Tode von Almut Klotz: Warum nette Mädchen niemals glücklich werden

Von Felix Bayer

Almut Klotz (im Hintergrund Partner Dabeler) : Gütige Monarchin des Popchors Zur Großansicht
Robin Hinsch

Almut Klotz (im Hintergrund Partner Dabeler) : Gütige Monarchin des Popchors

Zu gut, zu früh, zu sympathisch: Wenn die Lassie Singers Popstars geworden wären, wäre deutscher Pop liebenswerter gewesen. Weil sie es nicht wurden, gründete Almut Klotz einen Chor, eine Bar, ein Label, schrieb und musizierte bis zuletzt. Nun ist die Alleskönnerin mit 50 Jahren gestorben.

Wahrscheinlich gab es ihn wirklich, diesen einen Moment, an dem klar war, dass das nichts werden würde mit den Lassie Singers als Popstars: Mit ihrem dritten Album waren sie zu Gast bei einer Late-Night-Show. 1995 muss das gewesen sein, bei Koschwitz oder Gottschalk, Harald Schmidt hatte wohl noch nicht angefangen. Wenn die Erinnerung nicht trügt, wurde da fast nur über FJ Krüger gesprochen, und nicht darüber, wie Almut Klotz und Christiane Rösinger den deutschen Pop gerade erneuerten.

FJ Krüger, das war der ehemalige Gitarrist von Ideal, den Almut Klotz und Christiane Rösinger mit ins Boot geholt hatten, in einem Akt der Verzweiflung womöglich, um einen rockigeren, vermeintlich zugänglicheren Sound zu schaffen. Damit endlich die Menschen da draußen mitbekämen, dass es da in Berlin diese Band gab, die sich dem ach so optimistischen Lebensgefühl, wie es Anfang der Neunziger propagiert wurde, ebenso widersetzten wie einem auf Niedlichkeit gebürsteten Frauenbild.

2003 machte ein Auftritt bei der "Harald Schmidt Show" schlagartig eine Band bekannt, die ein alternatives Lebensgefühl vertrat: Wir sind Helden. Deren Sängerin Judith Holofernes freute sich anfangs sehr über Vergleiche mit den Lassie Singers. Waren diese einfach zu früh dran?

Berlin grüßt Hamburg

Almut Klotz zog 1985 aus dem Badischen nach Berlin, was damals noch ganz klar West-Berlin bedeutete. In Kreuzberg fand sie ihre Nische im Umfeld des Szenetreffpunkts Fischbüro, wo sich auch Christiane Rösinger betätigte. Zusammen mit Funny van Dannen gründeten Rösinger und Klotz die Lassie Singers, wobei van Dannen sich bald darauf als humoristischer Singer/Songwriter selbständigmachte.

In Pyjamas mit einem Muster aus Collie-Bildern traten die Sängerinnen und ihre Begleitmusiker anfangs auf und sangen mit quirliger Energie Lieder wie "Warum nette Mädchen niemals glücklich werden können" oder "Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht", aber auch eine beschwingte Version des Songs "Das letzte Biest am Himmel" von ihren Kollegen aus Mauerstadtzeiten, den Einstürzenden Neubauten. Lange bevor deutscher Schlager von Witzfiguren revivalt wurde, nahmen die Lassie Singers ironisch und doch liebevoll Schlagereinflüsse auf.

Das zweite Album entstand zur Hochzeit der "Hamburger Schule" um Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder Huah! in der Hansestadt, wo bis heute die Tourneehymne "Hamburg" sehr geschätzt wird. Der dortigen Szene setzten Klotz und Rösinger in den Texten einerseits ein Denkmal, zeichneten sie aber zugleich bereits als ziemlichen Jungsverein, worüber Jahre später sogar ein Interviewbuch erschien.

Nach dem missglückten Brechstangenversuch mit FJ Krüger und einem vierten, schön verschrammelten Album lösten sich die Lassie Singers 1998 mit einer Tournee unter dem Motto "Time to say Tschüss" auf.

"Reiz der gütigen Monarchie"

Klotz und Rösinger machten sich derweil als Club-Veranstalterinnen mit der Flittchenbar verdient, aus der später auch das Plattenlabel Flittchen Records entstand. In der Bar trat Almut Klotz auch als Chorleiterin auf: Mit dem Popchor Berlin führte sie Songs von David Bowie oder Daft Punk mit 30 Stimmen auf. Die singenden Bohemiens lernten dabei Klotz zufolge "den entzückenden Reiz der Arbeitsteilung und der gütigen Monarchie" kennen.

Auf den Straßen von Berlin entdeckte Almut Klotz den Straßenmusiker Maximilian Hecker und forderte ihn auf, mit ihr und dem Künstler Jim Avignon die Band Maxi unter Menschen zu gründen. Sie hielt nicht lange, Hecker strebte die Solokarriere als empfindsamer Songwriter an, mit einigem Erfolg in Ostasien.

Für die "taz" und die "Berliner Zeitung" lieferte Almut Klotz Kolumnen aus dem Alltagsleben. In einer schrieb sie über die Nachteile des Älterwerdens, so gebe es eine "wahnsinnig lange Durststrecke der jugendlich Leichtsinnigen, bis sie die komische Alte sein kann". Am Rande klang oft mit, wie prekär das Künstlerinnenleben sein kann. Dennoch lehnte sie die Forderung nach einem staatlichen Grundeinkommen ab: "Den Staat wie einen Papi aufzufordern, dieses und jenes für einen zu regeln, lehne ich ab. Ich will, dass mich der Staat so sehr wie möglich in Ruhe lässt."

Zusammen mit dem Hamburger Musiker Reverend Chr. Dabeler veröffentlichte sie zwei Bücher, eine "Art Poproman" ("taz") und einen Erzählungsband. Dabeler war auch privat ihr Partner; eine Fotodokumentation auf der Website des Ladens Hanseplatte zeigt, wie ihr gemeinsames Leben in Hamburg-Ottensen aussah. Das Duo nahm zwei Alben auf. Das zweite, "Lass die Lady rein", hätte ursprünglich im Juli erscheinen sollen. Der Veröffentlichungstermin musste verschoben werden, und nun hat Almut Klotz das Erscheinen der Platte nicht mehr erleben können.

Die "taz" meldete, dass Almut Klotz Donnerstagnacht einem Krebsleiden erlegen sei. Das Plattenlabel Staatsakt Records, auf dem "Lass die Lady rein" am Freitag erscheint, hat inzwischen den Tod der Sängerin bestätigt. Almut Klotz wurde 50 Jahre alt.

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