Alternativ-Sounds für Kinder Leck mich, Lillifee!

Sie können die CDs von Benjamin Blümchen und Prinzessin Lillifee nicht mehr ertragen und würden Rolf Zuckowski am liebsten erwürgen? Ruhig Blut! Für coole Alternativen im Kinderzimmer soll jetzt der Sampler "Tonangeberei" sorgen.

Von Thomas Winkler


Kinder können ganz schön wehtun. Das beginnt schon bei der Geburt, wird aber fast noch schlimmer, wenn man morgens auf dem Weg zum Windelwechseln schlaftrunken auf einen Lego-Stein tritt, der sich fies in die nackte Sohle bohrt. Kurz vorm Selbstmord steht der Erwachsene schließlich, wenn aus dem Kinderzimmer ohne Unterlass Rolf Zuckowski oder Benjamin Blümchen dröhnen. Tö-Röö, gemeiner kann der Sound in der Hölle auch nicht sein.

"Tonangeberei"-Sampler: Blumfeld für Kids

"Tonangeberei"-Sampler: Blumfeld für Kids

Dass es auch anders geht, beweist "Tonangeberei", ein Sampler mit "Songs für jedes Alter ab 3". Zusammengestellt hat die CD Bernadette Hengst, die "Grande Dame der Hamburger Schule" ("taz"), einst Frontfrau von Die Braut haut ins Auge, heute als La Hengst solo unterwegs - und vor allem Mutter von Ella Mae.

Ella wird vier Jahre alt im Juni, aber vorher hat sie der Erziehungsberechtigten geholfen, "Tonangeberei" zusammenzustellen. "Ich habe ihr die Lieder immer wieder vorgespielt", erzählt die 40-jährige Hengst in ihrer Berliner Küche, "um zu sehen, wie sie reagiert". Dann hat Ella Mae sich entschieden - für Lieder von Chicks On Speed und Rocko Schamoni, von Helge Schneider und Stereo Total, von den lange schon nicht mehr existenten Lassie Singers und vom begnadeten Schweizer Grummler GUZ, der sonst bei den Aeronauten singt.

Ein Song von Mama ist natürlich auch mit drauf, und eins von ihrem alten Mitstreiter Knarf Rellöm, mit dem Hengst einst bei Huah zusammen spielte. Selbst Blumfeld sind vertreten mit ihrer Version von Hanns Dieter Hüschs "Abendlied". Musik eben, die es wagt, dem Hörer, sei er auch noch so klein, auch hintergründigen Humor und Ironie zuzumuten.

Dass Hengst nahezu ausschließlich Interpreten versammelt hat, die eher der Alternativ-Kultur zuzuordnen sind, ist kein Zufall. "Tonangeberei" ist eine CD, die bislang hilflose Eltern ihren Kindern in die Boombox stecken können, um die Quälerei aus dem Kinderzimmer für zumindest eine gute Stunde mal auszusetzen. Aber sie ist, obwohl die ausgewählten Songs, so Hengst, "ausdrücklich nicht pädagogisch" sind, auch ein Statement. Ein Statement gegen "Disney-Zeugs und Prinzessinnen-Scheißdreck, alles was mit erhobenem Zeigefinger daher kommt und sich dabei an den musikalischen Mainstream anbiedert".

Tatsächlich ist Musik für Kinder längst zu einem einträglichen Geschäft geworden. Neben den wenigen Stars des Genres wie Rolf Zuckowski oder Vader Abraham beherrscht vor allem namenlose Massenware den Markt. Ob Klassiker wie Beethoven oder Popmusik aus allen verfügbaren Epochen, alles wird in keimfrei sauberen Versionen für Kinder neu eingespielt. Punkrock-Hits werden zu Einschlafmusik für Babys umfunktioniert, der eigentlich schon kindgerechte Mozart noch einmal weiter versüßt, und selbst die Beatles, bekanntermaßen die besten Freunde schon der Allerkleinsten, werden bis zur Unkenntlichkeit weichgespült.

"Warum", fragt Hengst, "warum muss es da verschiedene Sichtweisen geben? Es gibt Musik, die Erwachsenen gefällt und auch Kindern gefallen kann. Es gibt Musik, die ist zwar nicht ausdrücklich für Kinder gemacht, aber ist für sie trotzdem verständlich. Aber, das ist wichtig, dazu darf man sich nicht verstellen und als 40-jähriger, abgehalfterter Rocker den Clown spielen."

Doch das genau ist das Problem. Wie das Kinderkino hierzulande oft zum Auffangbecken für gescheiterte Filmarbeiter wird, so widmen sich auch der Beschallung der Jüngsten oft ausgerechnet jene, denen die Älteren nicht mehr zuhören wollen. Weil Kinder und ihre Bedürfnisse in diesem Land nicht erst genommen werden, verspricht es auch kein Renommee, Unterhaltung für sie zu produzieren. Dass die Verschmähten dann auch noch Zynismus entwickeln, wenn sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen mit Arbeit für eine Zielgruppe, deren Bedürfnisse ihnen kein Anliegen sind, ist kein Wunder.

Überhaupt, ein weiteres Problem besteht darin, dass die Zielgruppe der Kleinsten zu zersplittert ist, um wirklich attraktiv zu sein und Talente anzulocken. Bevor ein Kind eigenständige Kaufkraft entwickelt und als Kunde in Frage kommt, hat es meist schon sein Interesse für Boygroups und ähnlich seichten Pop entwickelt, also eigens von der Musikindustrie für Teenager entwickelte Produkte. Kleinere Kinder aber müssen vorlieb nehmen mit dem, was Erwachsene für "kindgerecht" halten.

Das aber ändert sich langsam, hat Hengst festgestellt. Zuerst beim Zusammenstellen der CD, für die sie Freigaben für alle Songs bekommen hat, die sie wollte. "Mittlerweile", erzählt sie, "haben ja fast alle Hamburger Musiker Kinder" - und damit auch Verständnis für die dringende Notwendigkeit einer solchen Kompilation. Das Interesse an der Platte, sagt sie, ist überraschend groß.

Mit der "Tonangeberei" glaubt Hengst, "einen Nerv getroffen" zu haben: "Heute bekommen auch Menschen in selbstgewählten prekären Lebensentwürfen Kinder, die vor zehn Jahren noch nicht mal an Nachwuchs gedacht hätten. Leute, die zwischen 30 und 40 sind und eine ganz andere musikalische Sozialisation haben als noch die Generation vor ihnen. Die nehmen ihre eigenen Bedürfnisse viel ernster und das geben sie natürlich auch an ihre Kinder weiter. Die halten es nicht aus, zehn Jahre mit Rolf Zuckowski durchs Leben zu gehen."

Das müssen sie, "Tonangeberei" sei Dank, nun ja auch nicht mehr. Allerdings, ein Paradigmenwechsel ist trotzdem noch nicht in Sicht. Es gibt nur erste Anzeichen: Unlängst wurde Rolf Zuckowski mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Das kann man als Aufforderung verstehen, noch viele Kinderplatten zu machen. Oder als ersten Schritt in den wohlverdienten Ruhestand.


"Tonangeberei - Songs für jedes Alter ab 3" (Trikont/Indigo)



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