"Meine Schwester guckte mich an, erschrak und fragte mich, was los ist: Ist jemand gestorben!?" Amanda Mair lacht, wenn sie diese Geschichte erzählt. Nein, niemand war gestorben. Im Gegenteil: Der Anruf, den der damals 16 Jahre alte Teenager aus Stockholm beim Familien-Shopping in einer H&M-Filiale bekam, war vielleicht der Geburtsmoment einer Popstar-Karriere. Amanda Mair wurde von der "Washington Post" bereits mit Kate Bush verglichen, sie gilt als einer der großen Pop-Geheimtipps des Jahres. Ihr Debütalbum ist vergangene Woche auch in Deutschland erschienen.
"Ich war einfach nur schockiert und muss sehr blass ausgesehen haben", sagt Mair beim Interview in einem Berliner Hotel. Unverhofft angerufen hatte Mairs Bekannter Tom Steffensen, der beim kleinen, aber berühmten schwedischen Independent-Plattenlabel Labrador Records (u.a. Pelle Carleberg, Sambassador) arbeitet.
Zusammen mit Tom, damals der Boyfriend einer ihrer beiden älteren Schwestern, hatte Amanda zwei Jahre zuvor einige Coverversionen im Studio aufgenommen, darunter Leonard Cohens "Hallelujah" und Elton Johns "Your Song". Die 14-Jährige Amanda hatte dabei keine großen Hintergedanken. Zwar spielte sie Piano, Gitarre und Bass und besucht eine speziell für angehende Musiker ausgerichtete Schule. Aber die Demos dienten zunächst einem ganz privaten Zweck: Sie waren als Geburtstagsgeschenk für Mairs Großmutter gedacht.
"Ich konnte mit dem Vergleich gar nicht so viel anfangen, weil ich nur einen Song von ihr kannte", erzählt sie verlegen. "Ich habe mir dann erstmal ein paar Sachen im Internet angehört. Phantastisch! Aber warum ich mit ihr verglichen werde, weiß ich immer noch nicht so genau." Im Videoclip zu ihrer Single "Sense" spielt sie mit dieser jugendlichen Geschichtsvergessenheit, indem sie, wie einst Bob Dylan, verschiedene Pappschilder in die Kamera hält. Auf einem steht "The future is me", ein anderes lautet "Who is Kate Bush?", gefolgt von "I prefer Spice Girls".
Befremdlich findet sie es auch, wenn sie plötzlich mit Journalisten aus aller Welt ausschließlich über sich selbst reden muss. "Das erste Interview des Tages ist immer das Schlimmste: Ich habe dann immer das Gefühl, ich kriege kein Wort Englisch heraus." Auf der Bühne jedoch verschwindet plötzlich die Aufregung über ihren überraschenden Lebenswandel, das flaue Gefühl, im Zeitraffer zu sein: "Live zu spielen, ist das Beste, darum geht es ja eigentlich beim Musikmachen."
"It doesn't make sense", das ist nicht nur eine Zeile in "Sense", es ist auch der Titel eines Fototagebuchs, das Amanda Mair auf ihrer Facebook-Seite regelmäßig mit Bildern von Auftritten und Presseterminen ergänzt: Lissabon, Paris, München, London, Berlin - ein sehr aufregendes Leben für einen Teenager, der eben noch ohne großen Zukunftsentwurf zur Schule ging und im Sommer manchmal mit Freunden oder Jungs auf dem Skinnarviksberget, einem malerisch gelegenen Hügel in Stockholm, herumhing.
Spätestens auf der Bühne erinnert Amanda Mair sich dann aber wieder daran, warum das doch alles einen Sinn ergibt. "Viele Schulfreunde von mir wissen ganz genau, was sie studieren sollen, welchen Job sie haben wollen. Das Einzige, wofür ich mich wirklich immer interessiert habe, ist Musik."
Die letzten Sommer hat Amanda Mair noch in einer der beiden Konditoreien ihres aus Österreich stammenden Vaters gejobbt. Dieses Jahr könnte ihr bezauberndes Debütalbum das sein, was Boy im vergangenen war: Ein sympathischer Überraschungshit mit Nachhall. Wenn sich der Trubel etwas gelegt hat, will Mair anfangen, ihre eigenen Songs zu schreiben. Wovon sie handeln werden, weiß sie noch nicht. Es wird vermutlich genug zu erzählen geben.
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