Pop-Entdeckung Amanda Mair: Plötzlich Prinzessin

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Danke, Oma! Die Schwedin Amanda Mair wurde entdeckt, weil sie Songs für ihre Großmutter aufnahm. Nun wird die 18-Jährige bereits mit Kate Bush und anderen Popgrößen verglichen. Zu Recht? Mal sehen. Am Sonntag singt sie auf dem Auf-den-Dächern-Festival von tape.tv und SPIEGEL ONLINE.

kjell b persson/ Sony Music

"Meine Schwester guckte mich an, erschrak und fragte mich, was los ist: Ist jemand gestorben!?" Amanda Mair lacht, wenn sie diese Geschichte erzählt. Nein, niemand war gestorben. Im Gegenteil: Der Anruf, den der damals 16 Jahre alte Teenager aus Stockholm beim Familien-Shopping in einer H&M-Filiale bekam, war vielleicht der Geburtsmoment einer Popstar-Karriere. Amanda Mair wurde von der "Washington Post" bereits mit Kate Bush verglichen, sie gilt als einer der großen Pop-Geheimtipps des Jahres. Ihr Debütalbum ist vergangene Woche auch in Deutschland erschienen.

"Ich war einfach nur schockiert und muss sehr blass ausgesehen haben", sagt Mair beim Interview in einem Berliner Hotel. Unverhofft angerufen hatte Mairs Bekannter Tom Steffensen, der beim kleinen, aber berühmten schwedischen Independent-Plattenlabel Labrador Records (u.a. Pelle Carleberg, Sambassador) arbeitet.

Zusammen mit Tom, damals der Boyfriend einer ihrer beiden älteren Schwestern, hatte Amanda zwei Jahre zuvor einige Coverversionen im Studio aufgenommen, darunter Leonard Cohens "Hallelujah" und Elton Johns "Your Song". Die 14-Jährige Amanda hatte dabei keine großen Hintergedanken. Zwar spielte sie Piano, Gitarre und Bass und besucht eine speziell für angehende Musiker ausgerichtete Schule. Aber die Demos dienten zunächst einem ganz privaten Zweck: Sie waren als Geburtstagsgeschenk für Mairs Großmutter gedacht.

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Das ADD-Festival 2012: Amanda Mair
Zwei Jahre später waren die Songs in die Hände von Labrador-Chef Johan Angergård gelangt, der das Mädchen mit der ausdrucksstarken Stimme unbedingt kennenlernen wollte. Begeistert bot er der unerfahrenen Sängerin einen Plattenvertrag an. Da Mair keine eigenen Songs hatte, stellte ihr Angergård unter anderem den renommierten Songwriter Philip Ekström zur Seite, Kopf der Band The Mary Onettes. So entstanden zehn sehr schöne Lieder über Liebesdinge; zwischen fröhlich und melancholisch changierende Popsongs und Balladen, wie man sie tagein, tagaus im Radio hört und nicht weiter beachten müsste, wenn Amanda Mair nicht mit ihrer hellen, leicht heiseren Stimme zum Zuhören zwingen würde. Man denkt an Vanessa Paradis und ihr Debüt, auch an den elegant-kühlen Elektropop von Moloko oder an Anna Ternheim, neben der Norwegerin Ana Brun eines von Mairs großen Vorbildern.

Und es steckt noch mehr in dieser Stimme: "House" zum Beispiel ist so ein Song, vorrangig am Piano gespielt, bei dem Mair tatsächlich ein ähnliches Klang- und Gefühlsspektrum auffächert wie Stevie Nicks bei Fleetwood Mac oder eben Sängerinnen-Übermutter Kate Bush.

"Ich konnte mit dem Vergleich gar nicht so viel anfangen, weil ich nur einen Song von ihr kannte", erzählt sie verlegen. "Ich habe mir dann erstmal ein paar Sachen im Internet angehört. Phantastisch! Aber warum ich mit ihr verglichen werde, weiß ich immer noch nicht so genau." Im Videoclip zu ihrer Single "Sense" spielt sie mit dieser jugendlichen Geschichtsvergessenheit, indem sie, wie einst Bob Dylan, verschiedene Pappschilder in die Kamera hält. Auf einem steht "The future is me", ein anderes lautet "Who is Kate Bush?", gefolgt von "I prefer Spice Girls".

Die Girlband habe sie früher viel gehört, sagt Mair, "of course". Einflussreich waren auch ihre Schwestern, die sie mit Norah Jones, Sophie Zelmanie, Melody Gardot und Coldplay bekannt machten. Und nun ist die 18-Jährige selbst kurz davor, eine kleine Größe der Popwelt zu werden. Wie fühlt sich das an? "Total komisch", lacht sie, "weird".

Befremdlich findet sie es auch, wenn sie plötzlich mit Journalisten aus aller Welt ausschließlich über sich selbst reden muss. "Das erste Interview des Tages ist immer das Schlimmste: Ich habe dann immer das Gefühl, ich kriege kein Wort Englisch heraus." Auf der Bühne jedoch verschwindet plötzlich die Aufregung über ihren überraschenden Lebenswandel, das flaue Gefühl, im Zeitraffer zu sein: "Live zu spielen, ist das Beste, darum geht es ja eigentlich beim Musikmachen."

"It doesn't make sense", das ist nicht nur eine Zeile in "Sense", es ist auch der Titel eines Fototagebuchs, das Amanda Mair auf ihrer Facebook-Seite regelmäßig mit Bildern von Auftritten und Presseterminen ergänzt: Lissabon, Paris, München, London, Berlin - ein sehr aufregendes Leben für einen Teenager, der eben noch ohne großen Zukunftsentwurf zur Schule ging und im Sommer manchmal mit Freunden oder Jungs auf dem Skinnarviksberget, einem malerisch gelegenen Hügel in Stockholm, herumhing.

Spätestens auf der Bühne erinnert Amanda Mair sich dann aber wieder daran, warum das doch alles einen Sinn ergibt. "Viele Schulfreunde von mir wissen ganz genau, was sie studieren sollen, welchen Job sie haben wollen. Das Einzige, wofür ich mich wirklich immer interessiert habe, ist Musik."

Die letzten Sommer hat Amanda Mair noch in einer der beiden Konditoreien ihres aus Österreich stammenden Vaters gejobbt. Dieses Jahr könnte ihr bezauberndes Debütalbum das sein, was Boy im vergangenen war: Ein sympathischer Überraschungshit mit Nachhall. Wenn sich der Trubel etwas gelegt hat, will Mair anfangen, ihre eigenen Songs zu schreiben. Wovon sie handeln werden, weiß sie noch nicht. Es wird vermutlich genug zu erzählen geben.


Das Album "Amanda Mair" ist am 24. August bei Labrador/Sony Music erschienen

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1.
schwarzes.schaf 08.09.2012
Wenn Amanda Mair es verdient hat, so gepusht zu werden (und das hat sie durchaus), dann hat es Helene Hart (http://www.helenehart.com/) allerdings auch verdient. Amanda Mair: Neue Pop-Größe aus Schweden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,854567,00.html)[/QUOTE]
2. na sischa..
VoiceOfReason 09.09.2012
klar kann man die mit kate bush vergleichen. nur liegt kate bush da meilenweit vorn. im ernst, was die junge dame da mit (trotz reichlich echo-effekten) dünner stimme singt, ist seichtes lala-geträllere für teenager.
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