America, die Band Wie, das ist nicht von Neil Young?

Den Hit "A Horse with No Name" kennt jeder, den Namen der dafür verantwortlichen Band America nur Spezialisten. Mit einer Box ihrer Alben der Siebzigerjahre lassen sich diese Meister des tiefenentspannten Folkrock nun neu entdecken.

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Den Song "A Horse with No Name" haben die meisten Menschen, die die vergangenen Jahrzehnte im zivilisierten Teil der Welt verbrachten, schon mal gehört. Mal abgesehen von endlosen Radioeinsätzen, war die Nummer in TV-Serien wie "The Simpsons", "Friends" oder "Breaking Bad" zu hören, dazu kommen Videospiele ("Grand Theft Auto"), Werbe-Clips (Toyota) und diverse Hollywood-Soundtracks ("American Hustle", "Air America" etc.). Und Michael Jackson bastelte daraus mal die Coverversion "A Place with No Name".

Um es kurz zu machen: "A Horse with No Name" ist einer dieser Songs, die eine lange Karriere garantieren und den Namen der Urheber weit und breit bekannt machen. Oder?

Zumindest Letzteres stimmt hier schon mal nicht, denn der Name der für den Super-Hit verantwortlichen Band, nämlich America, ist einem großen Publikum erstaunlich unbekannt geblieben. Mehr noch: Viele Hörer hielten und halten den ursprünglich 1971 veröffentlichten Folkpop-Turbo-Ohrwurm für einen Neil-Young-Song. Schließlich erinnert er verblüffend an Young-Klassiker wie "A Heart of Gold".

Trotzdem: Es ist das US-Trio von Dewey Bunnell, Dan Peek und Gerry Beckley, das für "A Horse with No Name" verantwortlich ist: "Mit den Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass 'A Horse with No Name' ein Eigenleben führt. Manchmal war es schon etwas seltsam, dass unsere Band davon abgekoppelt zu sein schien, aber noch toller ist es, zu sehen wie ungebrochen seine Popularität auch in diesem Jahrtausend ist. Zuletzt sagte mir Pharrell Williams, wie sehr er den Song liebt."

Sagt Gerry Beckley, 62, der mit Dewey Bunnell immer noch als America unterwegs ist. Die Chance, diese Band über ihren größten Hit hinaus zu entdecken, bietet nun das kleine, schlicht betitelte Kästchen "The Warner Bros. Years 1971-1977" mit acht neu aufgelegten Alben aus den Siebzigern, die in diesem Jahrtausend erstaunlich frisch klingen.

"Ist schon ein ganz guter Song"

Damals perfektionierten die drei Multiinstrumentalisten einen flauschig beschwingten Folk-Pop-Sound, den in den vergangenen Jahren Horden vollbärtiger junger Knaben wie The Fleet Foxes, Bon Iver, Iron & Wine oder Band of Horses sanft übernahmen. Nicht wenige von ihnen zitieren auch immer öfter den Namen America als Inspiration.

Dass der Song "A Horse with No Name", der das sonnige Kalifornien und die Wüste mit Beach-Boys-artigen Harmoniegesänge heraufbeschwört, in London verfasst wurde, wo die Band 1970 von den Söhnen dort stationierter US-Soldaten gegründet wurde, passt zu ihrer verschlungenen Karriere: "Den sogenannten Sound von Kalifornien prägten doch vor allem Musiker, die von woanders kamen, so wie der Kanadier Neil Young, der Texaner Don Henley von den Eagles oder Stephen Stills aus Florida. Wenn man nicht von dort ist oder in der Ferne lebt, hat man doch einen viel besseren Blick auf Kalifornien", erklärt Gerry Beckley.

Nach ihrem frühen Triumph zog das Trio in die USA, wo ihnen noch dezente Hits wie "Ventura Highway" gelangen. Nach einer Durststrecke gelang ihnen noch ein Coup, als sie den sogenannten fünften Beatle George Martin als Produzenten anheuerten, der noch den Beatles-Toningenieur Geoff Emerick mitbrachte: "Wir kamen kaum zum Aufnehmen, weil George uns andauernd Beatles-Anekdoten erzählen musste."

Die America-Alben, die sie mit den Beatles-Mitstreitern produzierten, sind für heutige Hörer ein besonderes Vergnügen, weil da der Sound von Kalifornien auf versponnene, britische Raffinesse trifft.

America sind auch in diesem Jahrtausend noch aktiv. Regelmäßig gehen sie auf Tournee. Und eine Zusammenstellung ungenutzter Archivsongs sei zuletzt toll gelaufen, sagt Beckley.

Nervt ihn eigentlich "A Horse with no Name" nach all den Jahrzehnten? "Im Gegenteil! Als ich es neulich überraschend bei 'Breaking Bad' hörte, dachte ich mir: Ja, das ist schon ein ganz guter Song."


America: "The Warner Bros. Years - 1971-1977" (Warner Records)

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Steuerfuzzi 28.08.2015
1. Neil Young ?
Die Ähnlichkeit zwischen America und Neil Young ist ungefähr so groß wie die zwischen Heino und AC/DC. Und dass "America" nur Insidern bekannt wäre ist auch eine ganz exclusive Meinung von Herrn Dallach. Trotzdem vielen Dank für den Hinweis, wie gut mitunter die Popmusik der 70' ist, qualitativ -insbesondere das Songwriting betreffend - wesentlich hochwertiger, als Vieles von dem seelenlosen, austauschbaren Sampleschrott unserer Zeit.
meinmein 28.08.2015
2.
Ich habe die Musikcassette von damals noch. Soweit ich mich erinnere, geht es da um H wie horse, also Heroin.
lussan 28.08.2015
3.
Der damalige Erfolg der Band ist vor allen Dingen der Tatsache zu verdanken, dass sie die Lücke füllten, die Crosby, Stills, Nash & Young hinterlassen hatten. Da die Musik jedoch deutlich hinter der Komplexität und vor allen Dingen der stilistischen Vielfalt von CSN&Y zurückblieb, galten Sie damals als eine eher einfache Kopie oder ein künstlerisches Plagiat. Das ist eine der Hauptgründe, warum der Name America deutlich hinter ihrem größten Erfolg A Horse With No Name zurückfiel. Im Grunde genommen waren Sie das Bindeglied zwischen Crosby und Co. und den Eagles, die dann letztendlich damit den ganz großen Coup landeten. Wie so häufig in der Musik, werden die Bindeglieder erst Jahrzehnte später in ihrer Bedeutung erkannt. So auch hier! Es ist aber musikhistorisch gut, dass das Kapitel America heute noch einmal aufgearbeitet wird. A Horse With No Name ist übrigens zur Zeit auf französisch ein großer Hit in Frankreich und wird dort auf den Radiosendern rauf und runtergedudelt.
BennieBreeg 28.08.2015
4. Wieso unbekannt?
Die Band kennt jeder, der 'Das letzte Einhorn' schon mal gesehen hat .... Der Titelsong 'The last Unicorn' ist von America .... Meiner Meinung nach auch das viel bessere Lied .... Verstehe auch nicht, wieso America nur Insidern bekannt sein sollte und ob diese,unsere Welt die zivilisierte ist, wenn man auf der Autobahn einen Kühltransporter mit 70 Leichen findet und somit in einem luftdichten Raum transportiert werden .....
nochfragen? 28.08.2015
5. Fakten, Fakten, Fakten ;)
Zitat von SteuerfuzziDie Ähnlichkeit zwischen America und Neil Young ist ungefähr so groß wie die zwischen Heino und AC/DC. Und dass "America" nur Insidern bekannt wäre ist auch eine ganz exclusive Meinung von Herrn Dallach. Trotzdem vielen Dank für den Hinweis, wie gut mitunter die Popmusik der 70' ist, qualitativ -insbesondere das Songwriting betreffend - wesentlich hochwertiger, als Vieles von dem seelenlosen, austauschbaren Sampleschrott unserer Zeit.
Exakt. Bis 1975 hatten America nebst A Horse With No Name und Ventura Highway auch noch andere Top 10-Hits, als da wären: I Need You, Tin Man, Lonely People und Sister Golden Hair. Und 1982 nochmal einen mit You Can Do Magic. Die LPs waren zum Teil ebenfalls hoch in den Top 10. Also, ein Fall für absolute Spezialisten ist America sicherlich nicht. Mag sein, dass das heutige, unsagbar grottige Dudelformat-Radio mit dem Besten (echt jetzt?) der 70er, 80er, 90er und den aktuellen Hits (ECHT JETZT?) zur musikhistorischen Verlotterung von Otto Normalhörer und Anne Musterohr geführt hat - ganz zu schweigen von den fürchterlichen "Die 100 besten / größten / schmusigsten / whatever Songs"-Shows. Aber ernsthaft, wer jemals America mit Neil Young verwechselte oder das immer noch tut, möge mit Wildecker Herzbuben nicht unter 24 Stunden bestraft werden.
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