Amtlich: Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von Thorsten Dörting und Jan Wigger

3. Teil: Downfall Of Gaia - Was mit Vögeln? F*** dich!

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Aerosmith: Eitel, altersgeil und nobelpreisfrei!

Downfall Of Gaia - "Suffocating In The Swarm Of Cranes"
(Metal Blade, bereits erschienen)

Bands können sich selten ihre Fans aussuchen und Trinker selten ihre Tresennachbarn, zwei Lebensweisheiten, an die ich erinnern möchte, bevor ich gestehe, dass mir Downfall Of Gaia erstmals, es war im Februar 2011, von einem jungen Mann empfohlen wurde, der mittlerweile als "Vier-Stuten-Klaus"* verrufen ist. Diesen unschönen Spitznamen verdankt der zwielichtige Jungunternehmer seiner Idee, in dem Hamburger Stadtteil Sternschanze, einem Bespaßungs-Komplex für das Medienprekariat, eine Art mobiles Qualitätsbordell zu eröffnen.

Eine innovative Geschäftsidee sei das, versicherte er mir damals an der Bar, für die ein Business-Plan zu erarbeiten eine reine Formalie sei. Denn es verhalte sich ja so: Nerdbrille hin, American-Apparel-Shirt her, es gebe ja auch schüchterne, hässliche oder nicht dank einer Erbschaft finanziell sanierte Hipster-Männer, manche röchen zudem nach Axelschweiß. Und diese armen Seelen müssten nun am Ende einer Nacht genauso alleine nach Hause gehen wie jeder andere Kerl auch, der sich auf dem Geschlechter-Fleischmarkt nicht an die Frau bringt. Ein echter Bedarf bestünde da, den er nun - mithilfe von vier Damen in seinen Diensten - befriedigen wolle, eine klaffende Marktlücke sei das, in die er nun mit Wonne stoßen wolle, zotete er weiter. Der Clou dabei sei, die Mädels nicht auf die Straße oder in Kaschemmen zum Freierfang zu schicken, sondern in die von Hipster-Bengeln bevorzugten Bars und Clubs, wo "diese 'Abgehört'-Soße läuft, weißt schon". Und dabei sollten die vier nicht die gewerbeübliche Montur mit Straps, High Heels oder Hastenichtgesehen tragen, sondern sich als kauzig-niedliche Indie-Prinzessinnen verkleiden, mit Strickjäckchen, Hornbrillchen und Jutetäschchen.

Hornbrillen und Frust im Blick. Das kommt davon, wenn Leute in Hannover leben. Zur Großansicht
Metal Blades

Hornbrillen und Frust im Blick. Das kommt davon, wenn Leute in Hannover leben.

Profi-Beischläferinnen im Lehramts-Studentinnen-Look - wie widerlich, durchfuhr es mich. Dennoch blieb ich höflich, man weiß ja nie bei solchen Gestalten. Erst als ich seine Frage, ob ich nicht als stiller Teilhaber einsteigen wolle, verneint hatte, drehte ich mich erleichtert weg - in der Hoffnung, das Gespräch sei mit meiner Absage beendet. Doch der Lude in spe plapperte munter weiter, ich schnappte Fetzen auf wie "mächtige Teile", "vier Kerle, bretthart", "für Kenner" oder "geiles Genagel". Als ich schon argwöhnte, dass er mich als Amateur-Porno-Finanzier gewinnen wollte, begann sein Smartphone zu dröhnen, das er mir prompt unter die Nase hielt. Über das Display wackelte ein amateurhaft gefilmter Konzert-Clip. Und mir dämmerte, dass der halbseidene Hanswurst zuletzt von Musik geredet haben musste, von einer Band, die er kurz zuvor in der Alten Meierei in Kiel live gesehen hatte, wo er sonst vermutlich seine weiblichen Angestellten castet, ich will's gar nicht wissen.

Und nun liegt ein Album von Downfall Of Gaia vor, das bestens passt in unsere trostlos schöne und schön trostlose Jahreszeit, die aber ja leider auch allzu schnell zur Verkitschung verleitet: Die Blätter fallen, der Nebel wabert, der Regen trommelt, und die Kraniche ziehen von Skandinavien weit in Richtung Süden, nach einem kurzen Zwischenstopp bei uns, seufz, achja, seufz, achja.

Achja? Achnö.

"Suffocating In The Swarm Of Cranes" bricht erfreulicherweise schon im Titel mit aller schicksalsergebenen Naturromantik des Verfalls: Kraniche? Pah! Die Scheißviecher ersticken uns. Das mag salopp klingen, ist aber eine zentrale Aussage über die Musik: Post-Rocker- und -Metaller greifen motivisch - ob für Cover-Artworks, Song- oder Albumtitel - ja gerne mal auf melancholische Landschaftsbilder zurück, da diese mit den oft menschenleeren Kompositionen korrespondieren (kein Gesang, klar!?) und so die postmoderne Atomisierung der..., ach, lassen wir den pseudo-musiksoziologischen Scheiß.

Rechts und links posieren die Herren Gift und Galle. Zur Großansicht
Metal Blades

Rechts und links posieren die Herren Gift und Galle.

Auch Downfall Of Gaia aus Hannover schreiben Stücke, die sich in sich selbst verlieren, zwei davon durchbrechen genrepflichtgemäß die Zehn-Minuten-Mauer. Doch sie erliegen fast nie der Versuchung, nur gefällig melancholisch vor sich hinzumasturbieren. Im Gegenteil: Aus den atmosphärischen Kreiselbewegungen zu Beginn von "In The Rivers Bleak" oder der balladesken Tristesse von "I Fade Away" erwachsen gnadenlose Brechattacken, die uns daran erinnern, dass man es statt mit Weltflucht auch mal wieder mit Wut probieren könnte. Ein Ansatz, den Gift und Galle spuckende Black-Metal- und tonnenschwere Doom-Riffs unterstreichen, über die hin und wieder ein würgendes Gesangsungeheuer kriecht, das wohl aus dem Niemandsland zwischen Hard- und Grindcore stammt.

Bringen wir diese lustvolle, fast bösartige Enttäuschung der Hörererwartungen mit Rilke auf den Punkt, der Deutschen liebster Herbstdichter: "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Kranichkiller los." (Gesamtwertung: knappe 8) Thorsten Dörting

*Der Vorname wurde von der Redaktion geändert.

Anspruch: Heulen? Keulen! (8)

Artwork: Als das Schwarz-Weiß-TV-Gerät meiner Eltern am 27. Oktober 1985 in einem knapp 45 Minuten anhaltenden Todeskampf sein Leben aushauchte, hat die vor dem Bildschirm versammelte Familie bis zum endgültigen Exitus des Apparates nichts davon bemerkt, weil sie irrtümlich meinte, das ZDF zeige die "Schwarzwaldklinik" und die grauschwarzen Schemen im Fernsehen seien die Bergrücken des berühmten deutschen Mittelgebirges. Dieses Ereignis zählt zu einem der schöneren Erlebnisse meiner Kindheit, ich danke dem Cover-Fotografen für die Erinnerung daran. (9)

Aussehen: Hornbrillen, Tattoos und Frust im Blick. Da sieht man mal, wohin das führt, wenn Leute in Hannover studieren. Man sollte diese Uni dichtmachen. Und diese Stadt. (8,5)

Aussagen: Bei Wikipedia ist nachzulesen: "Im Aberglauben heißt es, im Schwarm um das Haus kreisende Kraniche kündigten baldigen Nachwuchs an." Diese vier Musiker teilen uns nun aber mit, dass sie in einem Kranichschwarm ersticken. Wer hadert da bitte mit der Familienplanung seiner Freundin? (8,5) Thorsten Dörting

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1.
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul 06.05.2011
Zitat von Kuechenchef... erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3.
Jeanette1990 23.05.2011
Mein Freund liebt Bände wie Slayers und Sepultura... Er hat tausende CDs von dem. Gut dass wir umgezogen sind, er sollte alles hier verkaufen (http://www.verkaufen.org/), weil wir nicht genug Platz in unserer neue Wohnung haben. Er hat trotzdem alles noch auf seinem MP3 Player und ich muss nicht mehr diese Musik durchhalten. Ich weiss, jede hat seine Geschmäcke und ich liebe ihn auch weil er nicht wie die andere Leute ist (er denkt mehr, versteht alles in dieser Welt) aber diese Musik ! Hilfe... Tut mir Leid... :-)
4. Frei ohne Titel
Shiraz 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
5. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
"Amtlich"-Gastautor Boris Kaiser
  • Boris Kaiser, 38, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene.


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