Amtlich: Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von Thorsten Dörting und Jan Wigger

4. Teil: The Sword - Moin, Rammbock ist mein Name

Aerosmith: Eitel, altersgeil und nobelpreisfrei!Zur Großansicht
Sony Music

Aerosmith: Eitel, altersgeil und nobelpreisfrei!

The Sword - "Apocryphon"
(Napalm Records, bereits erschienen)

Wir wissen nicht, wovon Marinus Bernardus Rost van Tonningen, General der Königlich Niederländisch Indischen Armee, in der Nacht vom 20. auf den 21. September des Jahres 1906 träumte. Vielleicht konnte er sich vor dem Zubettgehen einreden, dass dieses Gemetzel dem Wohle der Nation dienen und damit mittelbar den Werdegang seines zu diesem Zeitpunkt zwölfjährigen Sohnes Meinoud Marinus auf das Allerbeste beeinflussen würde, was auf eine pervertierte Art und Weise womöglich sogar der Fall gewesen sein mag - denn Meinoud sollte als hoher Funktionär der Nationaal-Socialistische Beweging der Niederlande die Schandtaten seines Vaters noch übertreffen, indem er sich Hitler als williger Vollstrecker andiente und unter der Trauzeugenschaft Heinrich Himmlers ein gewisses Fräulein Heubel ehelichte. Die Bankierstochter aus bestem Amsterdamer Hause hieß von da an Florentine Sophie Rost van Tonningen und sollte bis zu ihrem Tod am 24. März 2007 als "Schwarze Witwe" durch das Europa der Nachkriegszeit geistern - und als Übermutterfigur der Nazi-Revisionisten zu fast noch traurigerer Berühmtheit gelangen als ihr Gatte und ihr Schwiegervater.

Ebenso wenig auszuschließen ist jedoch, dass Marinus Bernardus Rost van Tonningen in jener Nacht Alpträume plagten. Selbst ein Schwein im Staatsdienst muss so einen fürchterlichen Anblick ja erst einmal verdauen und seine Verantwortung dafür - präzise: seine Schuld daran - rationalisieren. Denn so etwas steckt ja auch ein mit allen Schmutzwassern gewaschener Kolonialoffizier nicht einfach so weg.

Man stelle sich das nur einmal vor: Bali, Insel der Götter, im September. Die Klimatabelle weist für diesen Monat als durchschnittliche Tiefst- bzw. Höchstwerte selbst für eiskaltblütige Europäer bekömmliche 22,9 bzw. 31,4 Grad Celsius aus, die ewig blühende Insel erstrahlt in besonders bezaubernder Blütenpracht. Und der Herr General marschiert als Kommandeur einer kleinen, den Eingeborenen militärisch weit überlegenen Truppe in Denpasar ein, der Hauptstadt des Fürstentums Badung, ohne zuvor auf nennenswerten Widerstand gestoßen zu sein, ein Kinderspiel, meine Herren, sagte ich doch, formidabel.

The Sword: Rumpeln irgendwie rumZur Großansicht
Sam Holden

The Sword: Rumpeln irgendwie rum

Doch als sich die Holländer dem Palast des Raja nähern, sehen sie Rauch von dort aufsteigen, über die Mauern dringt ein namenloses Donnern an ihre Ohren, und düstere Trommeln grollen durch die vom Hibiscusduft schwangere Luft. Dann öffnet sich das Palasttor, und der Herrscher schwebt auf einer Sänfte hinaus, er trägt Kleider, deren Weiß so rein leuchtet wie die Blüten des Frangipani-Baums, und an seinem Hals und seinen Handgelenken funkeln Perlenketten, die im gleißenden Sonnenlicht die Europäer blenden, so dass die im ersten Augenblick gar nicht begreifen, dass hinter dem Raja auch sein Gefolge hinausströmt, ebenfalls in weiße Totentracht gewandet; Krieger, Priester, Kinder und, ja, auch Frauen sind darunter, die den Eroberern aus Europa einen widersinnig wirkenden, weil warmherzigen Empfang bereiten: Sie bewerfen die Soldaten mit Geschmeide und Blumen - bis ein Priester vor seinen König tritt und ihn tötet.

Dies ist das Auftaktsignal für einen rituellen Massenselbstmord, bekannt als Puputan: Die Balinesen töten sich selbst, oder schicken einander in den Tod, Krieger erdolchen Priester, Priester schlitzen Krieger auf, Frauen und Kinder müssen dran glauben und bald feuert auch die von Marinus Bernardus Rost van Tonningen befehligte Königlich-Niederländische Artillerie mit entfesseltem Irrsinn mitten in das morbide Gewusel hinein, bis rund 1000 Leichen die vom Himmel herablächelnde Sonne verspotten, und gefräßige Ameisen über schnell verwesendes Menschenfleisch herfallen. Tja, und all das Gesterbe hatte begonnen mit einer dolchartigen, mythischen Waffe mit assymetrisch geformter Klinge, die der Priester auf Geheiß seines Königs in dessen Brust gerammt hatte; denn ehrenvoller, als sich dem Feind zu unterwerfen, ist es, von eigener Hand zu sterben - durch einen Kris.

"Ein Kris ist eine Stichwaffe! Ein Schwert hingegen eine Stich- UND Hiebwaffe!", riechen die Waffenkundler unter den "Amtlich"-Lesern sofort Lunte, und schon höre ich die Frage: "Was bitte hat der Dolch mit The Sword zu tun? Und was soll überhaupt die Massaker-Story?" Das sind berechtigte Fragen, die eine schonungslos offene Antwort verdient haben.

Und hier ist sie auch schon: Es fehlte dem Autor an Ideen und einem klaren Kopf.

Hocken Sie sich doch mal im Urlaub auf Bali hin und brüten matschhirnig über einer Rezension, die längst überfällig ist, weshalb der Chef extrem Druck macht, was auch dadurch nicht angenehmer wird, wenn Sie selbst dieser Chef sind. Und als sei das nicht schon schlimm genug, können Sie nicht einmal billige Bandvergleiche ziehen, um ihren Nicht-Text aufzublasen, denn die Musiker haben bereits selbst alle Vergleiche gezogen, die zu ziehen sind: The Sword klingt wie eine Mischung aus Black Sabbath, Melvins und Slayer (und, naja, Blue Cheer, Nirvana, Led Zeppelin, Deep Purple und so, nur Prog fehlt).

Livestreaming mit Kreator
Der Konzert-Livestream ist eine Kooperation von SPIEGEL ONLINE mit dem Internet-Musikfernsehsender tape.tv.
In so einer Situation greift man als Schreiber schnell nach jedem Strohhalm, und mit einer moralisch eindeutigen Massaker-Geschichte macht man ja im Grunde nie etwas falsch, weil sie sich sozusagen von allein rechtfertigt. Und diese Bali-Rost-van-Tonningen-Story sagt ja am Ende dann eben doch etwas aus über The Sword, wenn auch auf vage, metaphysisch metaphorische Weise: So wie die drei Rost van Tonningens als grotesk anmutende Verkörperungen der politischen Wahnideen des 20. Jahrhunderts durch die Geschichte rumpelten, so rumpeln die vier US-Metaller als grotesk anmutende Verkörperungen teilweise völlig verschiedener Gitarrenrockstile des 20. Jahrhunderts durch die heutige Musiklandschaft - ohne Rassenideologie oder aufwendig gelegte Frisuren im Eva-Braun-Stil, aber dafür auf schwer fassbare Art unfassbar.

Vielleicht erklärt sich das einfach mit mangelnden Songwritingskills, ein Verdacht, der The Sword immer wieder einholt. Auf ihrem vierten Album "Apocryphon" zerfallen jedenfalls erneut einige Songs in allzu kleinteilige (aber interessante) Stückwerke. Es bleiben aber auch zwei Hits. "Execrator" ist ein rund 700 Jahre alter, mit Duct-Tape zusammengehaltener Rammbock aus wurmstichiger Eiche, auf den ein Punker-Iro als Zierelement gepinselt ist, und der alles plattmacht, was ihm im Weg steht. Und dann ist da das Titelstück. Ein arschcooles, wie von Kinderhänden hingepatschtes Arcade-Spielhallen-Intro verwandelt sich in ein zitternd brachiales Bollerwerk von einem Kaliber, für das der Begriff Metal erfunden wurde. Wer daran zweifelt, trägt von nun für immer einen Schimpfnamen, den sich unser unbegabter "Amtlich"-Praktikant erst noch ausdenken muss. (Gesamtwertung: knappe 7,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Peter Illmann endgültig zu ruinieren, indem man die von dem Ex-"Formel Eins"-Moderator liebevoll zusammengewürfelte und auf dem Teleshoppingbasar QVC an Hartz-IV-Empfänger aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld vertickte Compilation "The Hottest Fires Make The Hardest Steel - The Very Best of Classic Rock from the 60s, 70s, 80s and 90s. Vols. 1 to 37" durch ein einziges The-Sword-Album ersetzt. (9,5)

Artwork: Sicher, wir stehen auch auf Retro. Aber ob man wirklich so weit gehen muss, die Titelblatt-Entwürfe der 1981 nach nur zweimaligem Erscheinen eingestellten Groschenheftreihe "Big Lipped Priestesses From Outter Space" zu plündern, mit der der Spiritual-Sluts-Verlag aus dem schwäbischen Freudenstadt ("Abonnenten belohnen wir mit unserem exklusiven Sammelschuber!") das kurzlebige Eso-Science-Ficktion-Genre begründete, lassen wir mal dahingestellt, und zwar mit Nachdruck. (5)

Aussehen: Die musikalische Vielfalt zerfasert in modischer Hinsicht zu einem wahllosen A-piece-of-everything-please. Sprich: nicht hässlich, aber seltsam stillos. Ja, das Musikfernsehen ist tot, doch das wird sich rächen, Jungs, das wird sich rächen. Guckt euch mal was von ein paar Schweden ab! (5)

Aussagen: Kill 'em all oder: Die Arroganz der Macht provoziert aus ökologischer Perspektive die ultimative Konsequenz: "They speed us unto our doom/ Turn the earth into our tomb/ Deserving no less than death/ They know nothing/ They give nothing/ They love nothing/ They are nothing". Politikermord? Echt? Krass. (8,5) Thorsten Dörting


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 453 Beiträge
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch [...]
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul 06.05.2011
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Zitat von Kuechenchef... erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Jeanette1990 23.05.2011
Mein Freund liebt Bände wie Slayers und Sepultura... Er hat tausende CDs von dem. Gut dass wir umgezogen sind, er sollte alles hier verkaufen (http://www.verkaufen.org/), weil wir nicht genug Platz in unserer neue Wohnung haben. [...]
Mein Freund liebt Bände wie Slayers und Sepultura... Er hat tausende CDs von dem. Gut dass wir umgezogen sind, er sollte alles hier verkaufen (http://www.verkaufen.org/), weil wir nicht genug Platz in unserer neue Wohnung haben. Er hat trotzdem alles noch auf seinem MP3 Player und ich muss nicht mehr diese Musik durchhalten. Ich weiss, jede hat seine Geschmäcke und ich liebe ihn auch weil er nicht wie die andere Leute ist (er denkt mehr, versteht alles in dieser Welt) aber diese Musik ! Hilfe... Tut mir Leid... :-)
Shiraz 23.05.2011
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik
alles zum Thema Amtlich

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Samstag, 01.12.2012 – 02:13 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
"Abgehört" und "Amtlich" live
"Amtlich"-Gastautor Boris Kaiser
  • Boris Kaiser, 38, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene.







TOP



TOP