Von Thorsten Dörting und Jan Wigger
The Sword - "Apocryphon"
(Napalm Records, bereits erschienen)
Ebenso wenig auszuschließen ist jedoch, dass Marinus Bernardus Rost van Tonningen in jener Nacht Alpträume plagten. Selbst ein Schwein im Staatsdienst muss so einen fürchterlichen Anblick ja erst einmal verdauen und seine Verantwortung dafür - präzise: seine Schuld daran - rationalisieren. Denn so etwas steckt ja auch ein mit allen Schmutzwassern gewaschener Kolonialoffizier nicht einfach so weg.
Man stelle sich das nur einmal vor: Bali, Insel der Götter, im September. Die Klimatabelle weist für diesen Monat als durchschnittliche Tiefst- bzw. Höchstwerte selbst für eiskaltblütige Europäer bekömmliche 22,9 bzw. 31,4 Grad Celsius aus, die ewig blühende Insel erstrahlt in besonders bezaubernder Blütenpracht. Und der Herr General marschiert als Kommandeur einer kleinen, den Eingeborenen militärisch weit überlegenen Truppe in Denpasar ein, der Hauptstadt des Fürstentums Badung, ohne zuvor auf nennenswerten Widerstand gestoßen zu sein, ein Kinderspiel, meine Herren, sagte ich doch, formidabel.
Doch als sich die Holländer dem Palast des Raja nähern, sehen sie Rauch von dort aufsteigen, über die Mauern dringt ein namenloses Donnern an ihre Ohren, und düstere Trommeln grollen durch die vom Hibiscusduft schwangere Luft. Dann öffnet sich das Palasttor, und der Herrscher schwebt auf einer Sänfte hinaus, er trägt Kleider, deren Weiß so rein leuchtet wie die Blüten des Frangipani-Baums, und an seinem Hals und seinen Handgelenken funkeln Perlenketten, die im gleißenden Sonnenlicht die Europäer blenden, so dass die im ersten Augenblick gar nicht begreifen, dass hinter dem Raja auch sein Gefolge hinausströmt, ebenfalls in weiße Totentracht gewandet; Krieger, Priester, Kinder und, ja, auch Frauen sind darunter, die den Eroberern aus Europa einen widersinnig wirkenden, weil warmherzigen Empfang bereiten: Sie bewerfen die Soldaten mit Geschmeide und Blumen - bis ein Priester vor seinen König tritt und ihn tötet.
Dies ist das Auftaktsignal für einen rituellen Massenselbstmord, bekannt als Puputan: Die Balinesen töten sich selbst, oder schicken einander in den Tod, Krieger erdolchen Priester, Priester schlitzen Krieger auf, Frauen und Kinder müssen dran glauben und bald feuert auch die von Marinus Bernardus Rost van Tonningen befehligte Königlich-Niederländische Artillerie mit entfesseltem Irrsinn mitten in das morbide Gewusel hinein, bis rund 1000 Leichen die vom Himmel herablächelnde Sonne verspotten, und gefräßige Ameisen über schnell verwesendes Menschenfleisch herfallen. Tja, und all das Gesterbe hatte begonnen mit einer dolchartigen, mythischen Waffe mit assymetrisch geformter Klinge, die der Priester auf Geheiß seines Königs in dessen Brust gerammt hatte; denn ehrenvoller, als sich dem Feind zu unterwerfen, ist es, von eigener Hand zu sterben - durch einen Kris.
"Ein Kris ist eine Stichwaffe! Ein Schwert hingegen eine Stich- UND Hiebwaffe!", riechen die Waffenkundler unter den "Amtlich"-Lesern sofort Lunte, und schon höre ich die Frage: "Was bitte hat der Dolch mit The Sword zu tun? Und was soll überhaupt die Massaker-Story?" Das sind berechtigte Fragen, die eine schonungslos offene Antwort verdient haben.
Und hier ist sie auch schon: Es fehlte dem Autor an Ideen und einem klaren Kopf.
Hocken Sie sich doch mal im Urlaub auf Bali hin und brüten matschhirnig über einer Rezension, die längst überfällig ist, weshalb der Chef extrem Druck macht, was auch dadurch nicht angenehmer wird, wenn Sie selbst dieser Chef sind. Und als sei das nicht schon schlimm genug, können Sie nicht einmal billige Bandvergleiche ziehen, um ihren Nicht-Text aufzublasen, denn die Musiker haben bereits selbst alle Vergleiche gezogen, die zu ziehen sind: The Sword klingt wie eine Mischung aus Black Sabbath, Melvins und Slayer (und, naja, Blue Cheer, Nirvana, Led Zeppelin, Deep Purple und so, nur Prog fehlt).
Vielleicht erklärt sich das einfach mit mangelnden Songwritingskills, ein Verdacht, der The Sword immer wieder einholt. Auf ihrem vierten Album "Apocryphon" zerfallen jedenfalls erneut einige Songs in allzu kleinteilige (aber interessante) Stückwerke. Es bleiben aber auch zwei Hits. "Execrator" ist ein rund 700 Jahre alter, mit Duct-Tape zusammengehaltener Rammbock aus wurmstichiger Eiche, auf den ein Punker-Iro als Zierelement gepinselt ist, und der alles plattmacht, was ihm im Weg steht. Und dann ist da das Titelstück. Ein arschcooles, wie von Kinderhänden hingepatschtes Arcade-Spielhallen-Intro verwandelt sich in ein zitternd brachiales Bollerwerk von einem Kaliber, für das der Begriff Metal erfunden wurde. Wer daran zweifelt, trägt von nun für immer einen Schimpfnamen, den sich unser unbegabter "Amtlich"-Praktikant erst noch ausdenken muss. (Gesamtwertung: knappe 7,5) Thorsten Dörting
Anspruch: Peter Illmann endgültig zu ruinieren, indem man die von dem Ex-"Formel Eins"-Moderator liebevoll zusammengewürfelte und auf dem Teleshoppingbasar QVC an Hartz-IV-Empfänger aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld vertickte Compilation "The Hottest Fires Make The Hardest Steel - The Very Best of Classic Rock from the 60s, 70s, 80s and 90s. Vols. 1 to 37" durch ein einziges The-Sword-Album ersetzt. (9,5)
Artwork: Sicher, wir stehen auch auf Retro. Aber ob man wirklich so weit gehen muss, die Titelblatt-Entwürfe der 1981 nach nur zweimaligem Erscheinen eingestellten Groschenheftreihe "Big Lipped Priestesses From Outter Space" zu plündern, mit der der Spiritual-Sluts-Verlag aus dem schwäbischen Freudenstadt ("Abonnenten belohnen wir mit unserem exklusiven Sammelschuber!") das kurzlebige Eso-Science-Ficktion-Genre begründete, lassen wir mal dahingestellt, und zwar mit Nachdruck. (5)
Aussehen: Die musikalische Vielfalt zerfasert in modischer Hinsicht zu einem wahllosen A-piece-of-everything-please. Sprich: nicht hässlich, aber seltsam stillos. Ja, das Musikfernsehen ist tot, doch das wird sich rächen, Jungs, das wird sich rächen. Guckt euch mal was von ein paar Schweden ab! (5)
Aussagen: Kill 'em all oder: Die Arroganz der Macht provoziert aus ökologischer Perspektive die ultimative Konsequenz: "They speed us unto our doom/ Turn the earth into our tomb/ Deserving no less than death/ They know nothing/ They give nothing/ They love nothing/ They are nothing". Politikermord? Echt? Krass. (8,5) Thorsten Dörting
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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