Aerosmith haben Sex mit Falten, Sabbath Assembly mit Jehova. Aus Hannover weht die Wut von Downfall Of Gaia herüber. The Sword schlachten unsere Geschichte aus. Außerdem bei "Amtlich": ein Kreator-Konzert auf SPIEGEL ONLINE. Wie? Gibt's nicht? Doch. Genauso wie Nikolausgeschenke für unsere Leser.
Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
ja, unsere zweite November-Ausgabe erscheint leider später, als wir es versprochen hatten. Ja, wir schieben gegen Ende des Monats ein paar Nachzügler hinterher, wieder einmal. Ja, wir hatten Besserung gelobt: Mit der verwirrenden Zerstückelung der letzten Monate sollte Schluss sein. Andererseits wollten wir unbedingt in genau dieser "Amtlich"-Ausgabe zwei freudige Ereignisse ankündigen - mussten aber erst selbst sicher sein, dass sie eintreten werden.
Das sind wir jetzt (ziemlich). Und darum geht's:
Erstens: Wir freuen uns, an diesem Samstag erstmals ein Metal-Konzert live auf SPIEGEL ONLINE übertragen zu können: Kreator spielt am 1. Dezember in Berlin, im Club Huxleys Neue Welt. Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner tape.tv zeigen wir das komplette Set der deutschen Metal-Legende. Wer sich also für die Deutschland-Tour der Thrasher im Dezember warmgucken will (oder nicht hingehen kann/ möchte) - ab 22 Uhr läuft bei uns der Livestream.
Bitte merken:
Mille, am Samstachabend um zehn, live auf SPIEGEL ONLINE.
Zweitens: Am 7. Dezember erscheinen gleich vier spannende Alben unter einem einzigen Labeldach: Ván Records bringt "The Invocation" von Attic, "Interbellum" von Gold, "In Dutch" von Vanderbuyst und "Angels' Necropolis" von Year Of The Goat heraus. Viele dürften das von Sven Dinninghoff mit viel Liebe und Leidenschaft geführte Label kennen, weil dort die umstrittenen Occult-Rocker The Devil's Blood unter Vertrag stehen. Andere Acts haben wir bereits bei "Amtlich" vorgestellt: Castle, Gold, Year Of The Goat und Arstidir Lifsins.
Nun würdigen wir das - besonders für ein kleines Label aus Deutschland - sehr starke Ván-Programm mit einem Mini-Special. Am kommenden Montag, den 3. Dezember, erscheint eine "Amtlich"-Sonderausgabe. Unsere Leser finden dort alle vier neuen Alben - als Stream , in voller Länge, exklusiv und vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin.
Ein zweiter "Amtlich"-Teil folgt dann am Donnerstag, den 6. Dezember. Passend zum Nikolaustag verlosen wir dort ein paar Sammlerstücke aus Dinninghoffs Schatztruhe. Ho, ho, ho.
Bis denne.
Aerosmith - "Music From Another Dimension!"
(Columbia Records, bereits erschienen)
"Das Alter ist ein Massaker." Nein, liebe Leute, das ist nicht der Titel einer Autobiografie eines republikweit verrufenen, bereits in seinen Mittvierzigern verlebten Musikschreibers aus dem Pütt, die unter dem Pseudonym G. Ötzi bei Bastei-Lübbe in einer Luxusedition mit "Immer nur Glück gehabt. Wie ich Deutschlands bekanntester Playboy wurde" von Rolf Eden erscheinen soll. Und den Satz sprach auch nicht Bobby Liebling, als sich der ewig junge Pentagram-Methusalix wieder einmal über die verfrühte Verwesung seiner Visage beschweren wollte. Sondern diese Klage stimmen in der Regel angegreiste Herzensbrecher a.D. aus dem Kulturbetrieb an, sobald sie aus Altersschwäche einen Frauenrock nicht einmal mehr anheben könnten, ohne sich dabei ihre arthritischen Finger zu brechen. Beispiele? Zuletzt stoßseufzten etwa der bayrische Schauspiel-Marxist Franz Xaver Kroetz, 66, der singende Bademantel Udo Jürgens, 78, der "Psychologische Gesprächkreis Literatur" aus Bad Mergentheim oder der Volksintellektulle Hellmuth Karasek, 78, den zitierten Satz aus sich heraus.
Diese illustre Leidensgemeinschaft hat das Massaker-Lamento natürlich aus der Novelle "Jedermann" von Philip Roth gemopst. Der US-Autor gilt - wir geben ja gern auch dem tendenziell eher ungebildeten Nicht-Metal-Hörer Nachhilfe, der in diese Kolumne nur reingestolpert sein mag - als einer der Großschriftsteller der Gegenwart, und bilanziert in dem genannten Werk das Leben eines namenlosen Durchschnittmannes, der am Ende seines Lebens vereinsamt stirbt, sapperlot.
Roth ist eine so Art prototypische Intellektuellen-Cordbundfalte von der Ostküste, und in seinem literarischen Spätherbstwerk beklagt der 79-Jährige mit viel Liebe zum deprimierenden Detail (aber ohne explizit über sich zu schreiben), wie ihn am Lebensabend die Prostata, die Hüfte und die Verpelzung seiner Ohren quälen. Vor allem aber erschüttert sein Ego die Einsicht, dass 21-jährige Creative-Writing-Studentinnen ihn nur noch deswegen ab und zu anflirten, weil er von Literaturkritikern, die an ähnlichen Alterssymptomen leiden wie er selbst, als Dauerkandidat für den Nobelpreis gehandelt wird. Der wird ihm freilich nie verliehen werden, denn das Komitee in Stockholm mag keine Amis, und daher hat Roth jetzt den Griffel hingeworfen, seht doch selber zu, wo ihr eure Weltliteratur herbekommt, ich mache mir jetzt mal einen netten Sofaabend mit Senta Berger vor dem TV, und vielleicht werde ich dabei mit mir selbst intim, darüber bekommt ihr Ignoranten aber dann kein einziges Wort zu lesen, ätsch.
Eitel, altersgeil und nobelpreisfrei - Philip Roth hat mehr mit Aerosmith-Sänger Steven Tyler gemein, als viele glauben. Tatsächlich trennen die beiden im Wesentlichen nur zwei Dinge: Erstens trägt der 64-jährige Tyler Schlagröhre statt Cordbundfalte. Und zweitens jammert er nicht über körperlichen Verfall/ sexuelle Unterversorgung/ explodierende Viagra-Ausgaben, sondern vögelt so munter drauf los wie früher, zumindest in musikalischer Hinsicht.
Genau das stellt "Luv XXX" klar, der räudig hechelnde Opener des ersten Aerosmith-Albums seit elf Jahren - das in seinen besten Momenten so fickrig und so frisch klingt, als sei es vor 20 oder 25 Jahren entstanden, und Tylers Kapelle befände sich noch immer auf der Höhe ihrer Spielmanneskraft. Die olle Aerosmith-Trademark-Cowbell frohglockt hier wie an besten Viehtreibertagen ("Out Go The Lights"), und wer perfekt arrangierte, balladeske Stadionrocksuperduperhits wie "What Could Have Been Love" oder "We All Fall Down" hört, taucht urplötzlich bis zu seinen mit viel Haarspray festbetonierten Haarspitzen in eine Zeit ab, in der die Berliner Mauer bröckelte (oder gerade gefallen war), und MTV eine von Cock-Rockern mit Dick-Eiern beherrschte Musikclipbilderwelt unterhielt, in der junge Frauen es schon als Emanzipationserfolg verbuchen konnten, wenn sie die Farbe ihres Bikinis selbst aussuchen durften. Mit anderen Worten: Der Zeitsprungeffekt, den "Music From Another Dimension!" auslöst, ist - trotz einiger liebloser Füllsel auf dem Album - erstaunlich, und die entfesselte Energie ist entwaffnend.
Im Gegensatz zu Philip Roth lassen Aerosmith ihren Kopf (oder ein anderes Körperteil) also nicht hängen, obwohl Dicklippe Tyler es mit einigen Liedzeilen sogar wagt, dezent die eigene Vergreisung ironisieren. Dabei hätte er ja nun wirklich Gründe genug für einen selbstmitleidigen Altersrückblick auf sein pralles Leben, das locker für 20 Männer gereicht hätte, und dessen Rockstar-Teil vor fast genau 42 Jahren mit einem Auftritt in der Sporthalle der Nipmuc Regional High School in Mendon im US-Bundesstaat Massachusetts begann; einem Kaff, das damals, an jenem 6. November 1968, rund 2500 Einwohner zählte. Und von denen ahnte kein einziger, welch historischer Aberwitz überhaupt zur Geburt von Aerosmith geführt hatte.
Diese - selbst bis heute nur wenigen Menschen bekannte - Geschichte ist schnell erzählt. Ende der Sechziger verschob sich das Gleichgewicht der Kräfte im Kalten Krieg der Rock-Großmächte USA und Großbritannien: Die Surf Division der US Navy, in hurrapatriotischer Manier locker lässig als Beach Boys tituliert, konnte selbst dem mit britischer Spleenigkeit fehlkonstruierten "Yellow Submarine" der gleichfalls demoralisierten Beatles nichts entgegensetzen. Zudem konnte sich Großbritannien auf die Rolling Stones verlassen, die sich hinter den feindlichen Linien stets als unschlagbare Heimatfrontschweine erwiesen. Wann immer die Einheit unter Großmaul Mick Jagger auf US-Territorium zum Einsatz kam, nahm die Moral der US-Kämpfer erheblichen Schaden, da deren zuvor brav am heimischen Herd wartende Ehefrauen plötzlich scharenweise fremdpoppen wollten.
In dieser schwierigen Situation trafen die US-Majors eine folgenschwere Entscheidung: Sie beauftragten den in den dreißiger Jahren vor den Nazis ins US-Exil geflüchteten Dirigenten Fritz Mahler damit, in einem als Musikhochschule getarnten Laboratorium in Boston unter dem Codenamen "Aerosmith" eine Geheimwaffe zu entwickeln, die womöglich gar Jagger Paroli bieten sollte - und die schließlich an besagtem 6. November 1968 an der Nipmuc Regional High zur Erprobung kam. Dass ausgerechnet eine Schule als Testgelände ausgewählt wurde, sorgt noch heute für hitzige Diskussionen. Denn bereits neun Monate nach dem Test tauchten in der Lokalpresse erste Berichte über offensichtlich genetisch bedingte Deformationen bei Neugeborenen in der Region auf. Ansonsten kerngesunde Babys fielen durch übergroße Lippen und einen verwulsteten Mundbereich auf; ein Leiden, das sich von Generation zu Generation weiter vererbt und sich nur individuell durch einen operativen Eingriff beheben lässt.
Der US-Nachwuchs-Regisseur Wes Craven versuchte die verhängnisvolle Panne 1974 mit seiner preisgekrönten Film-Dokumentation "The Hills Have Lips" publik zu machen und griff das Thema sogar drei Jahre später in variierter Form für einen Spielfilm erneut auf. Doch der öffentliche Aufschrei verhallte sehr schnell - und so sind die Vorgänge vom 6. November 1968 bis heute nicht bis ins Letzte geklärt. Ein für den internen Gebrauch bestimmter Untersuchungsbericht des US Department of Health, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, legt aber nahe, dass die ethisch indiskutable Entscheidung der Befehlshabenden durch menschliches Versagen vor Ort dramatisch verschlimmert wurde. Demnach beging ein gewisser M. Myers, der damalige Hausmeister der Nipmuc Regional High, einen fatalen Fehler: Er schloss die Tür der zur Band-Garderobe umfunktionierten Turnhalleumkleide nicht ab. Die Folgen waren tragisch: Steven Tyler konnte ungehindert entweichen, in erheblichem Maße sexuelle Energie freisetzen und dadurch mindestens 43 Frauen kontaminieren - die neun Monate später dann Wulstmundkinder zur Welt brachten.
Was für ein Karriereauftakt!
Auch in einem weiteren Punkt war der erste Aerosmith-Live-Auftritt prophetisch-programmatisch: Die Band spielte eine Coverversion von "Cold Turkey", John Lennons Ode an den kalten Drogenentzug. Sex and Drugs - damit war gleich beim Bühnen-Debüt allen Klischees gehuldigt, die den Rock 'n' Roll so dumpf machen. Und so cool.
Beverle Lorence "Bebe" Buell kennt vermutlich dieses ambivalente Gefühl sehr gut. Vor 29 Jahren, im November 1974, amtierte sie als Playmate Of The Month. Wikipedia informiert uns sogar über die Körpermaße der heute 59-Jährigen - allerdings von damals. Und zwar unter der Rubrik "Personal Details", was geschmacklos ist, ihr Kellerassel-Nerds, die ihr das weibliche Geschlecht nur mit Pixeln auf der Haut kennt. Naja, egal. Dank "Playboy" landete Buell jedenfalls in der Musikbranche, zum Beispiel in den Betten von David Bowie (angeblich), Mick Jagger (angeblich) und Steven Tyler (nachweislich).
Buells Karriere als Sängerin hob dagegen nie so recht ab, was daran zu erkennen ist, dass sie heutzutage eine obskure Radiosendung über ihr Leben und Werk, die im Offenen Kanal Kiel (!) läuft, stolz als "one hour special on "Pandora's Box", a radio show on Kiel FM in Germany" auf ihrer Homepage bewirbt. Aber wie hätte sich Buell denn auch bei diesen Familienverhältnissen auf den Beruf konzentrieren sollen? Liv Tyler, die Tochter, die Bebe mit Steven Tyler hat, stolzierte schon im zarten Alter von 17 Jahren durch ein Aerosmith-Video("Crazy", 1994), das heute mit pophistorischer Ironie zum ikonischen Dokument der MTV-Ära hochgesülzt wird, damals aber schlicht deswegen so erfolgreich war, weil das Tyler-Gör als bisexuelle Teenieschlampe vor der Kamera herumscharwenzelt, während der Rock-Papa schlüpfrige Schmachtzeilen singt. Der war überdies gerade erst von seiner Band und seinem eigenen Management verdächtigt worden, sexsüchtig zu sein, weil eine Erklärung dafür hermusste, warum sich Tylers Textentwürfe für das 93-er-Album "Get a Grip" so lasen wie das Drehbuch eines YouPorn-Clips. Am Heroin konnte es ja nicht gelegen haben, davon war er gerade mal wieder runter.
Tja, und heute? Liv hat sich für eine anständige Ausbildung entschieden und Fremdsprachen gelernt (Elbisch), ist aber auch im Alter von 35 heißer als Frittenfett. Und ihr Papi muss immer mal wieder in die rehab, wobei seine Schmerzmittel-Sucht rein professionell begründet ist: Tyler gibt alles, seit 42 Jahren - und zahlt dafür seinen Preis. Seine exaltierte Konzertakrobatik hat seine Knochen ruiniert, 2009 kippte er sogar von der Bühne und brach sich die Schulter, peinlicherweise während der Rammelhymne "Love In An Elevator" - ein Ganzkörpereinsatz, der aus medizinischer Sicht unverantwortlich ist. "As with many athletes, Steven put his performance first as he struggled with acute pain for years", maulte Dr. Brian McKeon, Tylers Arzt, nach dem Sturz - und teilte bei dieser Gelegenheit mit, dass der singende Maulheld jetzt speziell für ihn angefertigtes, orthopädisches Schuhwerk trägt, um weitermachen zu können.
"Das Alter ist ein Massaker"? Ja, sicher. Aber keine Ausrede, um sich aufzugeben. Steven Tyler weiß das. (Gesamtwertung: knappe 7,5) Thorsten Dörting
Anspruch: Der Geist ist willig. Und das Fleisch auch! (9)
Artwork: Ein Comicplakat, das so alt wirken soll, wie Aerosmith ist, vermittelt uns: Illusion ist alles. Zeit nichts. Smarte Selbstironie. (8)
Aussehen: "Tinaaaaa! Watt kosten die Kondome???" Kreuzen Sie mal Hella von Sinnen mit Ingolf Lück - Sie werden sehen, es funktioniert! Oder erkennen Sie Joe Perry etwa nicht? (8,5)
Aussagen: "No matter how much you know, no matter how much you think, no matter how much you plot and you connive and you plan, you're not superior to sex. It's a very risky game. A man wouldn't have two-thirds of the problems he has if he didn't venture off to get fucked. It's sex that disorders our normally ordered lives." Philip Roth feilte an dieser Passage aus "The Dying Animal" einen Tag lang, um mitzuteilen: Das Leben eines Mannes wird diktiert von seinem Johannes. Steven Tyler stellte an diesem Tag seinen Johannes vier Damen ganz persönlich vor. Urteilen Sie selbst. (9,5) Thorsten Dörting
Sabbath Assembly - Wir legen Luzifer flach
Sabbath Assembly - "Ye Are Gods"So, liebe Hobbit-Metaller, jetzt mal bitte kurz den normannischen Spangenhelm mit Gesichtsplatte von der Visage genommen, den Trinkhornhalter vom Tisch gefegt und aufgemerkt: Diese Platte wird euch erstens null rocken und ist zweitens vollkommen großartig. Die leidlich interessanten bis tölpelhaften "Was hat dieser Rundling bitte in einer Rubrik zu suchen, die sich 'Die wichtigsten Metal-Alben des Monats' schimpft?"-E-Mails werde ich wie jede Woche von meiner Volontärin Linda-Marie (19, auffem Party.San beim Wettkotzen kennengelernt) eigenhändig löschen lassen, doch was ist mit euch?
Könnt ihr es euch leisten, eine Platte in die Sammlung zu stellen, auf der a) ohne Ende gelabert wird, b) zu 95% Akustikgitarren zu hören sind, c) ein paar Wimps, die sich im Booklet und sonstwo nicht einmal trauen, ihre Fressen zu zeigen, superlahmen Hippie-Kram, Sixties-Psychedelia und Coven ohne Klöten plündern und c) an- und ausdauernd Sachen wie "Lord Jehovah/ Lord Lucifer/ Lord Satan/ Lord Christ" gesungen werden? Die Betonung liegt hier im Übrigen ausdrücklich auf singen, denn Jamie Myers (Vorgängerin: Jex Thoth!) setzt ihre gern ins Gospelhafte kippenden Vocals generös aus Grace Slick, Michelle Phillips, Jinx Dawson und der Frontflöte von Sixpence None The Richer (Haha, pathetic, I know, aber hört mal "The Love Of The Gods"!) zusammen. Und nun noch der totale disqualifier: Sabbath Assembly führen auf "Ye Are Gods" tatsächlich die unergründlichen Pfade von Satan, Luzifer, Jehovah und Jesus Christus (oder so ähnlich) zusammen: "And the greatest love of all is the unity of Christ and Satan. If that seemingly eternal conflict can be resolved through love, all conflict can be resolved - through love." Was ganz gut dazu passt, dass mich diese fließenden, liebreizenden, delphisch lächelnden Klänge nicht selten an The Moon Lay Hidden Beneath A Cloud erinnern. Aber nur an deren MUSIK, liebe politische Bedenkenträger! We good? Boah, ey. (Gesamtwertung: 9) Jan Wigger
Anspruch: "Die Bibel", "Der Wachturm (Collected Works)", "Die Satanische Bibel: Die satanischen Rituale" und "Magick, Bd.1" kurzerhand umschreiben. Sonst noch was? Die Tora oder den Koran vielleicht? (10)
Artwork: Buchformat, konsequent Gold auf Schwarz, konsequent keine Abbildungen von gar nix. Und no such luck, Boris: Auch hier wieder kein Foto von Britta Helm (Nein, Boris, auch nicht beim Joggen). (8)
Aussehen: Wie gesagt: Keine Ahnung. (5)
Aussagen: "Through love Christ and Satan have destroyed / Their enmity and come together for the end / Christ to judge, Satan to execute the judgment / The judgment is wisdom / The execution of the judgment is love." Komisch, das sah bei "House Of The Devil" noch ganz anders aus. Davon abgesehen: Bernhard Hoëcker, Andreas Schöwe, Anzo Sadoni und Johannes Ponader: Ihr alle werdet diese Platte scheiße finden (Obwohl sogar Genesis P-Orridge mitmacht, wie ich eben erst beglückt feststellte). (8,5) Jan Wigger
Downfall Of Gaia - Was mit Vögeln? F*** dich!
Downfall Of Gaia - "Suffocating In The Swarm Of Cranes"Bands können sich selten ihre Fans aussuchen und Trinker selten ihre Tresennachbarn, zwei Lebensweisheiten, an die ich erinnern möchte, bevor ich gestehe, dass mir Downfall Of Gaia erstmals, es war im Februar 2011, von einem jungen Mann empfohlen wurde, der mittlerweile als "Vier-Stuten-Klaus"* verrufen ist. Diesen unschönen Spitznamen verdankt der zwielichtige Jungunternehmer seiner Idee, in dem Hamburger Stadtteil Sternschanze, einem Bespaßungs-Komplex für das Medienprekariat, eine Art mobiles Qualitätsbordell zu eröffnen.
Eine innovative Geschäftsidee sei das, versicherte er mir damals an der Bar, für die ein Business-Plan zu erarbeiten eine reine Formalie sei. Denn es verhalte sich ja so: Nerdbrille hin, American-Apparel-Shirt her, es gebe ja auch schüchterne, hässliche oder nicht dank einer Erbschaft finanziell sanierte Hipster-Männer, manche röchen zudem nach Axelschweiß. Und diese armen Seelen müssten nun am Ende einer Nacht genauso alleine nach Hause gehen wie jeder andere Kerl auch, der sich auf dem Geschlechter-Fleischmarkt nicht an die Frau bringt. Ein echter Bedarf bestünde da, den er nun - mithilfe von vier Damen in seinen Diensten - befriedigen wolle, eine klaffende Marktlücke sei das, in die er nun mit Wonne stoßen wolle, zotete er weiter. Der Clou dabei sei, die Mädels nicht auf die Straße oder in Kaschemmen zum Freierfang zu schicken, sondern in die von Hipster-Bengeln bevorzugten Bars und Clubs, wo "diese 'Abgehört'-Soße läuft, weißt schon". Und dabei sollten die vier nicht die gewerbeübliche Montur mit Straps, High Heels oder Hastenichtgesehen tragen, sondern sich als kauzig-niedliche Indie-Prinzessinnen verkleiden, mit Strickjäckchen, Hornbrillchen und Jutetäschchen.
Profi-Beischläferinnen im Lehramts-Studentinnen-Look - wie widerlich, durchfuhr es mich. Dennoch blieb ich höflich, man weiß ja nie bei solchen Gestalten. Erst als ich seine Frage, ob ich nicht als stiller Teilhaber einsteigen wolle, verneint hatte, drehte ich mich erleichtert weg - in der Hoffnung, das Gespräch sei mit meiner Absage beendet. Doch der Lude in spe plapperte munter weiter, ich schnappte Fetzen auf wie "mächtige Teile", "vier Kerle, bretthart", "für Kenner" oder "geiles Genagel". Als ich schon argwöhnte, dass er mich als Amateur-Porno-Finanzier gewinnen wollte, begann sein Smartphone zu dröhnen, das er mir prompt unter die Nase hielt. Über das Display wackelte ein amateurhaft gefilmter Konzert-Clip. Und mir dämmerte, dass der halbseidene Hanswurst zuletzt von Musik geredet haben musste, von einer Band, die er kurz zuvor in der Alten Meierei in Kiel live gesehen hatte, wo er sonst vermutlich seine weiblichen Angestellten castet, ich will's gar nicht wissen.
Und nun liegt ein Album von Downfall Of Gaia vor, das bestens passt in unsere trostlos schöne und schön trostlose Jahreszeit, die aber ja leider auch allzu schnell zur Verkitschung verleitet: Die Blätter fallen, der Nebel wabert, der Regen trommelt, und die Kraniche ziehen von Skandinavien weit in Richtung Süden, nach einem kurzen Zwischenstopp bei uns, seufz, achja, seufz, achja.
Achja? Achnö.
"Suffocating In The Swarm Of Cranes" bricht erfreulicherweise schon im Titel mit aller schicksalsergebenen Naturromantik des Verfalls: Kraniche? Pah! Die Scheißviecher ersticken uns. Das mag salopp klingen, ist aber eine zentrale Aussage über die Musik: Post-Rocker- und -Metaller greifen motivisch - ob für Cover-Artworks, Song- oder Albumtitel - ja gerne mal auf melancholische Landschaftsbilder zurück, da diese mit den oft menschenleeren Kompositionen korrespondieren (kein Gesang, klar!?) und so die postmoderne Atomisierung der..., ach, lassen wir den pseudo-musiksoziologischen Scheiß.
Auch Downfall Of Gaia aus Hannover schreiben Stücke, die sich in sich selbst verlieren, zwei davon durchbrechen genrepflichtgemäß die Zehn-Minuten-Mauer. Doch sie erliegen fast nie der Versuchung, nur gefällig melancholisch vor sich hinzumasturbieren. Im Gegenteil: Aus den atmosphärischen Kreiselbewegungen zu Beginn von "In The Rivers Bleak" oder der balladesken Tristesse von "I Fade Away" erwachsen gnadenlose Brechattacken, die uns daran erinnern, dass man es statt mit Weltflucht auch mal wieder mit Wut probieren könnte. Ein Ansatz, den Gift und Galle spuckende Black-Metal- und tonnenschwere Doom-Riffs unterstreichen, über die hin und wieder ein würgendes Gesangsungeheuer kriecht, das wohl aus dem Niemandsland zwischen Hard- und Grindcore stammt.
Bringen wir diese lustvolle, fast bösartige Enttäuschung der Hörererwartungen mit Rilke auf den Punkt, der Deutschen liebster Herbstdichter: "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Kranichkiller los." (Gesamtwertung: knappe 8) Thorsten Dörting
*Der Vorname wurde von der Redaktion geändert.
Anspruch: Heulen? Keulen! (8)
Artwork: Als das Schwarz-Weiß-TV-Gerät meiner Eltern am 27. Oktober 1985 in einem knapp 45 Minuten anhaltenden Todeskampf sein Leben aushauchte, hat die vor dem Bildschirm versammelte Familie bis zum endgültigen Exitus des Apparates nichts davon bemerkt, weil sie irrtümlich meinte, das ZDF zeige die "Schwarzwaldklinik" und die grauschwarzen Schemen im Fernsehen seien die Bergrücken des berühmten deutschen Mittelgebirges. Dieses Ereignis zählt zu einem der schöneren Erlebnisse meiner Kindheit, ich danke dem Cover-Fotografen für die Erinnerung daran. (9)
Aussehen: Hornbrillen, Tattoos und Frust im Blick. Da sieht man mal, wohin das führt, wenn Leute in Hannover studieren. Man sollte diese Uni dichtmachen. Und diese Stadt. (8,5)
Aussagen: Bei Wikipedia ist nachzulesen: "Im Aberglauben heißt es, im Schwarm um das Haus kreisende Kraniche kündigten baldigen Nachwuchs an." Diese vier Musiker teilen uns nun aber mit, dass sie in einem Kranichschwarm ersticken. Wer hadert da bitte mit der Familienplanung seiner Freundin? (8,5) Thorsten Dörting
The Sword - Moin, Rammbock ist mein Name
The Sword - "Apocryphon"Wir wissen nicht, wovon Marinus Bernardus Rost van Tonningen, General der Königlich Niederländisch Indischen Armee, in der Nacht vom 20. auf den 21. September des Jahres 1906 träumte. Vielleicht konnte er sich vor dem Zubettgehen einreden, dass dieses Gemetzel dem Wohle der Nation dienen und damit mittelbar den Werdegang seines zu diesem Zeitpunkt zwölfjährigen Sohnes Meinoud Marinus auf das Allerbeste beeinflussen würde, was auf eine pervertierte Art und Weise womöglich sogar der Fall gewesen sein mag - denn Meinoud sollte als hoher Funktionär der Nationaal-Socialistische Beweging der Niederlande die Schandtaten seines Vaters noch übertreffen, indem er sich Hitler als williger Vollstrecker andiente und unter der Trauzeugenschaft Heinrich Himmlers ein gewisses Fräulein Heubel ehelichte. Die Bankierstochter aus bestem Amsterdamer Hause hieß von da an Florentine Sophie Rost van Tonningen und sollte bis zu ihrem Tod am 24. März 2007 als "Schwarze Witwe" durch das Europa der Nachkriegszeit geistern - und als Übermutterfigur der Nazi-Revisionisten zu fast noch traurigerer Berühmtheit gelangen als ihr Gatte und ihr Schwiegervater.
Ebenso wenig auszuschließen ist jedoch, dass Marinus Bernardus Rost van Tonningen in jener Nacht Alpträume plagten. Selbst ein Schwein im Staatsdienst muss so einen fürchterlichen Anblick ja erst einmal verdauen und seine Verantwortung dafür - präzise: seine Schuld daran - rationalisieren. Denn so etwas steckt ja auch ein mit allen Schmutzwassern gewaschener Kolonialoffizier nicht einfach so weg.
Man stelle sich das nur einmal vor: Bali, Insel der Götter, im September. Die Klimatabelle weist für diesen Monat als durchschnittliche Tiefst- bzw. Höchstwerte selbst für eiskaltblütige Europäer bekömmliche 22,9 bzw. 31,4 Grad Celsius aus, die ewig blühende Insel erstrahlt in besonders bezaubernder Blütenpracht. Und der Herr General marschiert als Kommandeur einer kleinen, den Eingeborenen militärisch weit überlegenen Truppe in Denpasar ein, der Hauptstadt des Fürstentums Badung, ohne zuvor auf nennenswerten Widerstand gestoßen zu sein, ein Kinderspiel, meine Herren, sagte ich doch, formidabel.
Doch als sich die Holländer dem Palast des Raja nähern, sehen sie Rauch von dort aufsteigen, über die Mauern dringt ein namenloses Donnern an ihre Ohren, und düstere Trommeln grollen durch die vom Hibiscusduft schwangere Luft. Dann öffnet sich das Palasttor, und der Herrscher schwebt auf einer Sänfte hinaus, er trägt Kleider, deren Weiß so rein leuchtet wie die Blüten des Frangipani-Baums, und an seinem Hals und seinen Handgelenken funkeln Perlenketten, die im gleißenden Sonnenlicht die Europäer blenden, so dass die im ersten Augenblick gar nicht begreifen, dass hinter dem Raja auch sein Gefolge hinausströmt, ebenfalls in weiße Totentracht gewandet; Krieger, Priester, Kinder und, ja, auch Frauen sind darunter, die den Eroberern aus Europa einen widersinnig wirkenden, weil warmherzigen Empfang bereiten: Sie bewerfen die Soldaten mit Geschmeide und Blumen - bis ein Priester vor seinen König tritt und ihn tötet.
Dies ist das Auftaktsignal für einen rituellen Massenselbstmord, bekannt als Puputan: Die Balinesen töten sich selbst, oder schicken einander in den Tod, Krieger erdolchen Priester, Priester schlitzen Krieger auf, Frauen und Kinder müssen dran glauben und bald feuert auch die von Marinus Bernardus Rost van Tonningen befehligte Königlich-Niederländische Artillerie mit entfesseltem Irrsinn mitten in das morbide Gewusel hinein, bis rund 1000 Leichen die vom Himmel herablächelnde Sonne verspotten, und gefräßige Ameisen über schnell verwesendes Menschenfleisch herfallen. Tja, und all das Gesterbe hatte begonnen mit einer dolchartigen, mythischen Waffe mit assymetrisch geformter Klinge, die der Priester auf Geheiß seines Königs in dessen Brust gerammt hatte; denn ehrenvoller, als sich dem Feind zu unterwerfen, ist es, von eigener Hand zu sterben - durch einen Kris.
"Ein Kris ist eine Stichwaffe! Ein Schwert hingegen eine Stich- UND Hiebwaffe!", riechen die Waffenkundler unter den "Amtlich"-Lesern sofort Lunte, und schon höre ich die Frage: "Was bitte hat der Dolch mit The Sword zu tun? Und was soll überhaupt die Massaker-Story?" Das sind berechtigte Fragen, die eine schonungslos offene Antwort verdient haben.
Und hier ist sie auch schon: Es fehlte dem Autor an Ideen und einem klaren Kopf.
Hocken Sie sich doch mal im Urlaub auf Bali hin und brüten matschhirnig über einer Rezension, die längst überfällig ist, weshalb der Chef extrem Druck macht, was auch dadurch nicht angenehmer wird, wenn Sie selbst dieser Chef sind. Und als sei das nicht schon schlimm genug, können Sie nicht einmal billige Bandvergleiche ziehen, um ihren Nicht-Text aufzublasen, denn die Musiker haben bereits selbst alle Vergleiche gezogen, die zu ziehen sind: The Sword klingt wie eine Mischung aus Black Sabbath, Melvins und Slayer (und, naja, Blue Cheer, Nirvana, Led Zeppelin, Deep Purple und so, nur Prog fehlt).
In so einer Situation greift man als Schreiber schnell nach jedem Strohhalm, und mit einer moralisch eindeutigen Massaker-Geschichte macht man ja im Grunde nie etwas falsch, weil sie sich sozusagen von allein rechtfertigt. Und diese Bali-Rost-van-Tonningen-Story sagt ja am Ende dann eben doch etwas aus über The Sword, wenn auch auf vage, metaphysisch metaphorische Weise: So wie die drei Rost van Tonningens als grotesk anmutende Verkörperungen der politischen Wahnideen des 20. Jahrhunderts durch die Geschichte rumpelten, so rumpeln die vier US-Metaller als grotesk anmutende Verkörperungen teilweise völlig verschiedener Gitarrenrockstile des 20. Jahrhunderts durch die heutige Musiklandschaft - ohne Rassenideologie oder aufwendig gelegte Frisuren im Eva-Braun-Stil, aber dafür auf schwer fassbare Art unfassbar.
Vielleicht erklärt sich das einfach mit mangelnden Songwritingskills, ein Verdacht, der The Sword immer wieder einholt. Auf ihrem vierten Album "Apocryphon" zerfallen jedenfalls erneut einige Songs in allzu kleinteilige (aber interessante) Stückwerke. Es bleiben aber auch zwei Hits. "Execrator" ist ein rund 700 Jahre alter, mit Duct-Tape zusammengehaltener Rammbock aus wurmstichiger Eiche, auf den ein Punker-Iro als Zierelement gepinselt ist, und der alles plattmacht, was ihm im Weg steht. Und dann ist da das Titelstück. Ein arschcooles, wie von Kinderhänden hingepatschtes Arcade-Spielhallen-Intro verwandelt sich in ein zitternd brachiales Bollerwerk von einem Kaliber, für das der Begriff Metal erfunden wurde. Wer daran zweifelt, trägt von nun für immer einen Schimpfnamen, den sich unser unbegabter "Amtlich"-Praktikant erst noch ausdenken muss. (Gesamtwertung: knappe 7,5) Thorsten Dörting
Anspruch: Peter Illmann endgültig zu ruinieren, indem man die von dem Ex-"Formel Eins"-Moderator liebevoll zusammengewürfelte und auf dem Teleshoppingbasar QVC an Hartz-IV-Empfänger aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld vertickte Compilation "The Hottest Fires Make The Hardest Steel - The Very Best of Classic Rock from the 60s, 70s, 80s and 90s. Vols. 1 to 37" durch ein einziges The-Sword-Album ersetzt. (9,5)
Artwork: Sicher, wir stehen auch auf Retro. Aber ob man wirklich so weit gehen muss, die Titelblatt-Entwürfe der 1981 nach nur zweimaligem Erscheinen eingestellten Groschenheftreihe "Big Lipped Priestesses From Outter Space" zu plündern, mit der der Spiritual-Sluts-Verlag aus dem schwäbischen Freudenstadt ("Abonnenten belohnen wir mit unserem exklusiven Sammelschuber!") das kurzlebige Eso-Science-Ficktion-Genre begründete, lassen wir mal dahingestellt, und zwar mit Nachdruck. (5)
Aussehen: Die musikalische Vielfalt zerfasert in modischer Hinsicht zu einem wahllosen A-piece-of-everything-please. Sprich: nicht hässlich, aber seltsam stillos. Ja, das Musikfernsehen ist tot, doch das wird sich rächen, Jungs, das wird sich rächen. Guckt euch mal was von ein paar Schweden ab! (5)
Aussagen: Kill 'em all oder: Die Arroganz der Macht provoziert aus ökologischer Perspektive die ultimative Konsequenz: "They speed us unto our doom/ Turn the earth into our tomb/ Deserving no less than death/ They know nothing/ They give nothing/ They love nothing/ They are nothing". Politikermord? Echt? Krass. (8,5) Thorsten Dörting
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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