Von Thorsten Dörting und Jan Wigger
Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
ja, unsere zweite November-Ausgabe erscheint leider später, als wir es versprochen hatten. Ja, wir schieben gegen Ende des Monats ein paar Nachzügler hinterher, wieder einmal. Ja, wir hatten Besserung gelobt: Mit der verwirrenden Zerstückelung der letzten Monate sollte Schluss sein. Andererseits wollten wir unbedingt in genau dieser "Amtlich"-Ausgabe zwei freudige Ereignisse ankündigen - mussten aber erst selbst sicher sein, dass sie eintreten werden.
Das sind wir jetzt (ziemlich). Und darum geht's:
Erstens: Wir freuen uns, an diesem Samstag erstmals ein Metal-Konzert live auf SPIEGEL ONLINE übertragen zu können: Kreator spielt am 1. Dezember in Berlin, im Club Huxleys Neue Welt. Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner tape.tv zeigen wir das komplette Set der deutschen Metal-Legende. Wer sich also für die Deutschland-Tour der Thrasher im Dezember warmgucken will (oder nicht hingehen kann/ möchte) - ab 22 Uhr läuft bei uns der Livestream.
Bitte merken:
Mille, am Samstachabend um zehn, live auf SPIEGEL ONLINE.
Zweitens: Am 7. Dezember erscheinen gleich vier spannende Alben unter einem einzigen Labeldach: Ván Records bringt "The Invocation" von Attic, "Interbellum" von Gold, "In Dutch" von Vanderbuyst und "Angels' Necropolis" von Year Of The Goat heraus. Viele dürften das von Sven Dinninghoff mit viel Liebe und Leidenschaft geführte Label kennen, weil dort die umstrittenen Occult-Rocker The Devil's Blood unter Vertrag stehen. Andere Acts haben wir bereits bei "Amtlich" vorgestellt: Castle, Gold, Year Of The Goat und Arstidir Lifsins.
Nun würdigen wir das - besonders für ein kleines Label aus Deutschland - sehr starke Ván-Programm mit einem Mini-Special. Am kommenden Montag, den 3. Dezember, erscheint eine "Amtlich"-Sonderausgabe. Unsere Leser finden dort alle vier neuen Alben - als Stream , in voller Länge, exklusiv und vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin.
Ein zweiter "Amtlich"-Teil folgt dann am Donnerstag, den 6. Dezember. Passend zum Nikolaustag verlosen wir dort ein paar Sammlerstücke aus Dinninghoffs Schatztruhe. Ho, ho, ho.
Bis denne.
Aerosmith - "Music From Another Dimension!"
(Columbia Records, bereits erschienen)
Diese illustre Leidensgemeinschaft hat das Massaker-Lamento natürlich aus der Novelle "Jedermann" von Philip Roth gemopst. Der US-Autor gilt - wir geben ja gern auch dem tendenziell eher ungebildeten Nicht-Metal-Hörer Nachhilfe, der in diese Kolumne nur reingestolpert sein mag - als einer der Großschriftsteller der Gegenwart, und bilanziert in dem genannten Werk das Leben eines namenlosen Durchschnittmannes, der am Ende seines Lebens vereinsamt stirbt, sapperlot.
Eitel, altersgeil und nobelpreisfrei - Philip Roth hat mehr mit Aerosmith-Sänger Steven Tyler gemein, als viele glauben. Tatsächlich trennen die beiden im Wesentlichen nur zwei Dinge: Erstens trägt der 64-jährige Tyler Schlagröhre statt Cordbundfalte. Und zweitens jammert er nicht über körperlichen Verfall/ sexuelle Unterversorgung/ explodierende Viagra-Ausgaben, sondern vögelt so munter drauf los wie früher, zumindest in musikalischer Hinsicht.
Im Gegensatz zu Philip Roth lassen Aerosmith ihren Kopf (oder ein anderes Körperteil) also nicht hängen, obwohl Dicklippe Tyler es mit einigen Liedzeilen sogar wagt, dezent die eigene Vergreisung ironisieren. Dabei hätte er ja nun wirklich Gründe genug für einen selbstmitleidigen Altersrückblick auf sein pralles Leben, das locker für 20 Männer gereicht hätte, und dessen Rockstar-Teil vor fast genau 42 Jahren mit einem Auftritt in der Sporthalle der Nipmuc Regional High School in Mendon im US-Bundesstaat Massachusetts begann; einem Kaff, das damals, an jenem 6. November 1968, rund 2500 Einwohner zählte. Und von denen ahnte kein einziger, welch historischer Aberwitz überhaupt zur Geburt von Aerosmith geführt hatte.
In dieser schwierigen Situation trafen die US-Majors eine folgenschwere Entscheidung: Sie beauftragten den in den dreißiger Jahren vor den Nazis ins US-Exil geflüchteten Dirigenten Fritz Mahler damit, in einem als Musikhochschule getarnten Laboratorium in Boston unter dem Codenamen "Aerosmith" eine Geheimwaffe zu entwickeln, die womöglich gar Jagger Paroli bieten sollte - und die schließlich an besagtem 6. November 1968 an der Nipmuc Regional High zur Erprobung kam. Dass ausgerechnet eine Schule als Testgelände ausgewählt wurde, sorgt noch heute für hitzige Diskussionen. Denn bereits neun Monate nach dem Test tauchten in der Lokalpresse erste Berichte über offensichtlich genetisch bedingte Deformationen bei Neugeborenen in der Region auf. Ansonsten kerngesunde Babys fielen durch übergroße Lippen und einen verwulsteten Mundbereich auf; ein Leiden, das sich von Generation zu Generation weiter vererbt und sich nur individuell durch einen operativen Eingriff beheben lässt.
Was für ein Karriereauftakt!
Auch in einem weiteren Punkt war der erste Aerosmith-Live-Auftritt prophetisch-programmatisch: Die Band spielte eine Coverversion von "Cold Turkey", John Lennons Ode an den kalten Drogenentzug. Sex and Drugs - damit war gleich beim Bühnen-Debüt allen Klischees gehuldigt, die den Rock 'n' Roll so dumpf machen. Und so cool.
Beverle Lorence "Bebe" Buell kennt vermutlich dieses ambivalente Gefühl sehr gut. Vor 29 Jahren, im November 1974, amtierte sie als Playmate Of The Month. Wikipedia informiert uns sogar über die Körpermaße der heute 59-Jährigen - allerdings von damals. Und zwar unter der Rubrik "Personal Details", was geschmacklos ist, ihr Kellerassel-Nerds, die ihr das weibliche Geschlecht nur mit Pixeln auf der Haut kennt. Naja, egal. Dank "Playboy" landete Buell jedenfalls in der Musikbranche, zum Beispiel in den Betten von David Bowie (angeblich), Mick Jagger (angeblich) und Steven Tyler (nachweislich).
Tja, und heute? Liv hat sich für eine anständige Ausbildung entschieden und Fremdsprachen gelernt (Elbisch), ist aber auch im Alter von 35 heißer als Frittenfett. Und ihr Papi muss immer mal wieder in die rehab, wobei seine Schmerzmittel-Sucht rein professionell begründet ist: Tyler gibt alles, seit 42 Jahren - und zahlt dafür seinen Preis. Seine exaltierte Konzertakrobatik hat seine Knochen ruiniert, 2009 kippte er sogar von der Bühne und brach sich die Schulter, peinlicherweise während der Rammelhymne "Love In An Elevator" - ein Ganzkörpereinsatz, der aus medizinischer Sicht unverantwortlich ist. "As with many athletes, Steven put his performance first as he struggled with acute pain for years", maulte Dr. Brian McKeon, Tylers Arzt, nach dem Sturz - und teilte bei dieser Gelegenheit mit, dass der singende Maulheld jetzt speziell für ihn angefertigtes, orthopädisches Schuhwerk trägt, um weitermachen zu können.
"Das Alter ist ein Massaker"? Ja, sicher. Aber keine Ausrede, um sich aufzugeben. Steven Tyler weiß das. (Gesamtwertung: knappe 7,5) Thorsten Dörting
Anspruch: Der Geist ist willig. Und das Fleisch auch! (9)
Artwork: Ein Comicplakat, das so alt wirken soll, wie Aerosmith ist, vermittelt uns: Illusion ist alles. Zeit nichts. Smarte Selbstironie. (8)
Aussehen: "Tinaaaaa! Watt kosten die Kondome???" Kreuzen Sie mal Hella von Sinnen mit Ingolf Lück - Sie werden sehen, es funktioniert! Oder erkennen Sie Joe Perry etwa nicht? (8,5)
Aussagen: "No matter how much you know, no matter how much you think, no matter how much you plot and you connive and you plan, you're not superior to sex. It's a very risky game. A man wouldn't have two-thirds of the problems he has if he didn't venture off to get fucked. It's sex that disorders our normally ordered lives." Philip Roth feilte an dieser Passage aus "The Dying Animal" einen Tag lang, um mitzuteilen: Das Leben eines Mannes wird diktiert von seinem Johannes. Steven Tyler stellte an diesem Tag seinen Johannes vier Damen ganz persönlich vor. Urteilen Sie selbst. (9,5) Thorsten Dörting
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