Amtlich: Die wichtigsten Metal-Alben des Monats
Rrröööaaarrr - um mal ein klassisches Zitat zu bemühen. In der neuen Kolumne "Amtlich" besprechen Jan Wigger und Thorsten Dörting Metal-Alben. In der dritten Ausgabe erfreuen uns die Rival Sons mit geilen Hüftschwüngen, Morbid Angel mit Senioren-Gemetzel und die Chartstürmer In Flames mit Ikea-Musik.
Rival Sons - "Pressure & Time"
(Earache Records)
War ja auch nicht so. Die gesamten drei Tage Kurzurlaub hat's geschifft, eine Gewitterwand nach der nächsten baute sich auf, und auf der Motorhaube des Mietfahrzeugs der Kleinwagen-Klasse hüpften nur die Regentropfen. Eine Doreen oder Mandy oder Jessica gab's wirklich, doch die bediente in einer DIN-genormten Kaffeeverabreichungsstätte in Kühlungsborn nur radfahrende Renterpaare aus dem Ruhrpott, Frollein, noch 'ne Erdbeerschnitte bitte, aber heute ohne Sahne, man muss ja auf die Linie achten, höhö. Und doch, oh Wunder, dieser popelige kleine Ausflug in den Norden und Osten der Bundesrepublik verwandelte sich urplötzlich in einen verschwitzten Road Trip durch den Süden und Westen der Vereinigten Staaten - was allein den Rival Sons zu verdanken ist, diesen großartigen Sehnsuchtsstiftern. Sänger Jay Buchanan röhrt auf ihrem Debüt einen kindischen rebellischen Freiheitsdrang aus sich heraus, den der Southern-Rock-Clown Kid Rock schon im zarten Alter von dreieinhalb Monaten verloren hat, jedes einzelne der unverschämt bluesigen Riffs versprüht mehr Sex als Heidis versammelte Hühner aus nun auch schon sechs Staffeln von "Germany's Next Topmodel" und, nun ja, wirklich jeder Song hätte es zumindest auf eine B-Side von Led Zeppelin gebracht.
Gleich der grandiose Opener "All Over The Road" ist ein an Schamlosigkeit nicht zu überbietendes mission statement: "We've got the Cadillac, we're gonna drive right into the sun/ You're a tight piece of ass, but you know you're my only one/ We make the rules, and we both know what's got to be done/ So pull up your dress, I'm gonna show you how the west was won". Unfassbar! Caddy, Sonnenuntergang, Knackarsch, Kleid hochschieben und dann eine Ficklektion in Sachen frontier myth geben - nur ein Hauch mehr Dreck wäre schon Schmutz. Mit so dicken Eiern können heutzutage wohl nur leicht versponnene Veganer wie diese herumgockeln, die mit einem Augenzwinkern das große Rad der Illusionsmaschine des Rock'n'Roll drehen, die den guten alten Oh-Yeah!-Oh-Yeah!-Motor also richtig auf Hochtouren bringen, ohne dass man dabei je das nervtötende Quietschen des Sarkasmus oder gar Zynismus hören muss. Oh Sommer, hör her, bei dieser Platte wirst du schwül. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting
Rival Sons "Pressure and Time" music video from greg ephraim on Vimeo.
Anspruch: Joey de Maio zum Tanzen bringen. Alle anderen tun's ja eh schon. (9)Artwork: Leute, wir hätten auch so gemerkt, dass ihr nicht so blöde seid, wie ihr tut, da hättet ihr dieses M.C.-Escher-Rätselbild von Clever-Cover-Meister Storm Thorgerson nun echt nicht gebraucht. (5)
Aussehen: Die vier Jungs sehen aus wie alleinerziehende Hipster-Papis vom Prenzlauer Berg, die es aufrichtig mögen, mit der kleinen Lena und dem kleinen Lukas auf den Spielplatz zu gehen, es aber auch ganz nett finden, ebendort mit einer alleinerziehenden Hipster-Mami für einen Quickie hinter dem nächsten Busch zu verschwinden. Dreckig. Glücklich. (8,5)
Aussagen: Wer je geglaubt hat, Rock'n'Roll sei keine Lüge, ist ein Idiot. Wer je geglaubt hat, Rock'n'Roll sei eine verzichtbare Lüge, ist ein Idiot. (9)
Morbid Angel - "Illud Divinum Insanus"
(Season Of Mist/Soulfood)
Anspruch: Jungs, wir können ja nun auch nichts dafür, dass es nicht mehr 1991 ist. Aber unser Gitarrist Trey Azagthoth hört gern Gabba und "Thunderdome Vol. 4", deshalb haben wir auch ein bisschen poor man's Ministry mit aufs Album gepackt. Enjoy! (6)
Artwork: Irgendwas zwischen Nostradamus, Gürteltier, brennendem Dornbusch und emeritiertem Mathematikprofessor, der sich aus reinem Ennui einer unbekannten Selbstverstümmelungssekte aus der Ukraine angeschlossen hat. War wohl doch die falsche Entscheidung. (7,5)
Aussehen: Durch das Färben seiner Haare und die vielen Spaziergänge (mit Hund) gelang es Vincent, dem Sonnyboy und Hobbysurfer aus North Carolina, sein Schwiegersohn-Image in ein weiteres Jahrzehnt hinüber zu retten. Siehe auch: Glen Benton von Deicide. (8)
Aussagen: Ich tippe einfach mal auf "Gott ist tot". Passt immer und gullible girls stehen drauf. "Wie düster der wieder ist. Total interessanter Typ. Mit dem kann man bestimmt voll gut reden, oder, Anna Lena?" (8,5)
In Flames - Sounds Of A Playground Fading
(Century Media Records)
Anspruch: Chorus, Chorus, Chorus, Chorus, Chorus, Chorus. Stadiontour! (6)
Artwork: Seit Poe kann man mit einem Raben ja nichts mehr falsch machen, aber auch noch "Pan's Labyrinth" und Dalí miteinander paaren, ist dann doch ein bisschen overdone. (8)
Aussehen: Versteckt in den Wäldern der Provinz Norrbotten, versucht Sir Hugo Drax seit 1979 mit einer dem US-Militär entwendeten Klonmaschine seinen Traum von einer Herrenrasse doch noch zu verwirklichen, indem er schwedische Holzfäller mit russischen Schnapsschmugglern kreuzt, die in einem früheren Leben an der Lomonossow-Universität zu Moskau Philosophie studiert haben. 1990 flüchten ein paar seiner Kreaturen und gründen eine Band. (8)
Aussagen: In "All For Me" heißt es: "We stand to fight for nothing/ Without a thought, without a reason, it will never be okay". Selbsterkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung, das wusste schon Platon, der an der Lomonossow-Universität natürlich auch gelehrt wurde. Vielleicht wird's ja was mit dem nächsten Album. (7)
Megadeth - "Peace Sells... But Who's Buying?" (25th Anniversary Deluxe Box Set, Original Recording Remastered)
(Capitol/EMI)
Anspruch: Wer diese eine Ausgabe von "Jeopardy" kennt, in der Dave Mustaine die anderen Kandidaten durch sein Allgemeinwissen zu Elton John, Rick James, Steely Dan, Chicago und den Commodores mitleidlos in den Boden rammt, hat nicht umsonst gelebt. (10)
Artwork: Dystopische Landschaft in 3-D, "The Walking Dead", klar, aber dem Megadeth-Skelett Vic Rattlehead scheint es auch sonst nicht wirklich gut zu gehen. You better call 911, bevor dir die ganzen toten Wimps um die Ohren fliegen! (8)
Aussehen: Wie jemand aussieht, der bei Metallica rausgeschmissen wurde, bevor es so richtig losgehen konnte. Dave Mustaine ist Borderliner, war drogenabhängig, kommt mit anderen Menschen nicht klar, ist arrogant, ungerecht, narzisstisch, selbstsüchtig, nachtragend und insgesamt nicht ganz richtig im Kopf. Ich liebe den Typen. (9,5)
Aussagen: "Wake up dead, you die/ Wake up dead, and buried/ Wake up dead, you die/ Wake up dead." Friss dies, Peter Hahne! (9)
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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- Donnerstag, 07.07.2011 – 15:48 Uhr
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- Die SPIEGEL-ONLINE-Musikkolumnisten legen auf: Jan Wigger bittet zum Tanz mit Indie, Pop und Electro an jedem dritten Samstag im Monat ("Pretty Things" im Grünen Jäger, Hamburg), Andreas Borcholte legt jeden ersten Samstag im Monat in der Kleinraumdisko Hamburg ("Bored to Death") auf und Thorsten Dörting ebenfalls in der Kleinraumdisko ("Fossils and Rituals, Metals and Monuments" (neu, alle zwei Monate am dritten Samstag des Monats; das nächste Mal am 17. August)).
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