Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Blind Guardian? Ozzy bei Freedom Hawk? Jan Wigger versengt sich das Hirn und begreift endlich, dass er von Metal keine Ahnung hat. Thorsten Dörting träumt mit der Pickelfresse von Alcest, hüpft mit Flotsam & Jetsam durch ihr Wohnzimmer und ehrt einen Toten: David Gold von Woods Of Ypres.

Liebe Leser, zwei Sachen vorweg: Vielen Dank für die Mails, die gefragt haben, wo unsere Kolumne bleibt. Wenn wir sie das nächste Mal urlaubsbedingt verschieben, warnen wir vor! Und: Alle, die auf eine Besprechung des neuen Lamb-Of-God-Albums warten, müssen wir auf Februar vertrösten. Es gab Dringlicheres.

Woods Of Ypres - "Woods V: Grey Skies and Electric Lights"
(Earache Records, erscheint am 17. Februar)

David Jussila Gold starb am Nachmittag des 21. Dezember auf dem Highway 400 in der Nähe des Städtchens Barrie in der kanadischen Provinz Ontario. Ein Auto tötete ihn, als er am Straßenrand ging, er wurde nur 31 Jahre alt.

Lange hat mich kein Tod eines Künstlers so berührt wie seiner. Ich schreibe das ohne aufgesetztes Pathos - und in dem Wissen, dass viele Leser unsere Kolumne schätzen, weil wir oft mit launigem Augenzwinkern schreiben. Wer Witzeleien erwartet, sollte diesen Text allerdings überspringen.

Gold war Kopf und Herz von Woods Of Ypres, einer recht unbekannten kanadischen Band, deren große Chance nahte: Die erste reguläre Veröffentlichung auf einem größeren Label, eine Europatour sollte folgen. Ende November erhielt ich "Woods V: Grey Skies and Electric Lights", im Februar sollte das Album erscheinen. Einen Tag vor Heiligabend las ich von Golds Tod und wusste sofort: Ich würde ihn und seine Musik würdigen, schon allein aus persönlichen Gründen.

"Woods IV: The Green Album", Vorgänger der jetzt erscheinenden Platte, war bereits 2009 herausgekommen, wurde im vergangenen Jahr wiederveröffentlicht - und hat mich bewegt wie kein zweites Album im Jahr 2011. Es rührte an Dingen, die mich damals - ungewollt - beschäftigten: Wir alle müssen irgendwann Tote und andere Gegangene betrauern, müssen lernen, mit Verlust zu leben, mit Selbstzweifeln und Verzweiflung, mit Ängsten, mit der Macht der Erinnerungen und dem ohnmächtigen Wunsch, ihnen entkommen zu wollen.

Zur Großansicht
Earacherecords

Seine Musik tröstete mich mit ihrer untröstbaren Trauer, rührte mich mit naivem Pathos, befreite mich mit lakonischem Behauptungswillen und warmherziger Ironie. Golds meditative Doom-Klagelieder zu hören, war, als hörte man einem schratigen Einsiedler aus den tiefsten Wäldern der Welt zu, wie er über die großen Fragen sinniert. Seine Wortwahl geriet oft unbeholfen, fast kindlich, doch er stellte sich würdevoll gefasst bitteren Wahrheiten, unverstellt, dringlich, direkt.

Was für ein Mensch David Gold war, weiß ich nicht, ich habe ihn nie getroffen. Bevor ich diesen Text zu schreiben begann, klickte ich mich etwas hilflos durch ein Fan-Forum, besuchte die Facebook-Seite der Band, las Kommentare unter ihren YouTube-Videos, schaute mir Interviewschnipsel mit Gold an und selbstgedrehte Tour-Vlogs von Woods Of Ypres, die den typischen Alltag von allen Bands dieser Größe zeigen: mit vollgepackten Mini-Vans von einem Gig zum nächsten rumpeln, dazwischen Fast Food, Bier und alberne Sprüche.

Um seiner zu gedenken, erinnerten viele in einem Fan-Forum an Konzerte der Band, sie posteten Fotos, die Gold in Aktion auf einer Bühne zeigten oder bei einem Bier mit ihnen selbst. Manche berichteten, wie er die ersten drei Alben auf seinem Kleinst-Label Krankenhaus Records selbst vertrieben hatte, wie er ihren Bestellungen kleine Notizzettel mit persönlichen Grüßen beigelegt hatte, wie er aus Geldmangel als Englischlehrer im Nahen Osten angeheuert hatte, aber auch dort nie vom Metal hatte lassen können. David Gold schien ein Musiker gewesen zu sein, wie es sie überall auf der Welt gibt und geben muss: Sie leben für die Musik und die Musik lebt von ihnen, egal, ob sie Erfolg haben oder nicht.

Gut möglich, dass dieses "Winter-Album" - als das hatte Gold "Grey Skies and Electric Lights" selbst bezeichnet - den Erfolg gebracht hätte. Noch reduzierter als auf dem Vorgänger kreist er hier um seine großen Themen: Einsamkeit ("Travelling Alone"), Entfremdung ("Modern Life Architecture", "Career Suicide (Is Not Real Suicide)"), Todessehnsucht oder deren störrische Negation ("Death Is Not An Exit", "Kiss My Ashes (Goodbye)"), und, natürlich, die Liebe ("Alternate Ending").

Das Label bewirbt die Musik als Blackened Doom Metal, meinetwegen. Zwei, drei der neuen Songs sind, wie auf dem Vorgänger, unfertig hingeworfen. Fast alle aber sind zugängliche, beinahe poppige Doom-Nummern, oft sogar elegant mit Klaviertupfern oder zaghaft mit Streichern verziert. Nur selten bricht hohes Tempo aus, dann verfällt Gold kurz in tieftoniges Gekeife aus frühen Black-Metal-Tagen. Sonst aber schleppt sich das Liedgut lebensmüde nach vorne, angetrieben vom kristallklaren und bleischweren Organ Golds, das alle Instrumente dominiert und mit schon pastoralem Timbre noch mehr als früher an zwei alte Meister erinnert: an den verstorbenen Peter Steele von Type O Negative und an Nick Cave; die beiden Pole an den entgegengesetzten Enden der Welt von Woods Of Ypres.

Am 28. Dezember wurde David Gold verabschiedet. Seine Schwester hatte Fans und Freunde zur Familie hinzugebeten, in das Canadian Motor Inn, ein schlicht wirkendes Motel in der kleinen Stadt Sault Ste. Marie in Ontario, sie stellte Chicken Wings und Pizza in Aussicht, dazu viel Bier; "all of Daves favorites"; es klingt nach einer bescheidenen, aber angemessenen Trauerfeier.

Wer teilnehmen wollte, aber nicht konnte, den lud David Golds Schwester ein, ihr vorher ein paar persönliche Zeilen, Fotos oder Lieblingspassagen aus Liedtexten zu senden. Sie versprach, alles auszudrucken und auszulegen. Sie schien zu wissen: Die Toten leben solange, bis der letzte Mensch gestorben ist, der sich ihrer Worte, Taten und Werke erinnert. (Gesamtwertung: 9) Thorsten Dörting

Anspruch: "A moment of silence/ But not one moment more/ The dead are to be forgotten/ We are here to be adored". (Ohne Wertung)

Artwork: Etwas Schwarz. Etwas Weiß. Viel Grau. Wie's Leben halt so ist. (9)

Aussehen: Sehen Sie selbst. (Ohne Wertung)

Aussage: Du bist nicht allein. (9) Thorsten Dörting

Freedom Hawk - "Holding On"
(Small Stone/ Cargo, erscheint am 13. Januar)

Als die Sonne langsam über der Rub al-Khali-Wüste aufging, blutete ich aus beiden Ohren. Ich sah das Haus der Crandalls über mir, das weiße Licht und den langen Tunnel, von dem Amatullah immer sprach, seit sie 1981 von den Toten zurückgekehrt war und mir Keith Moons Pfeife voller Bruchsand mitbrachte. Ich schlug mein löchriges Zelt gleich neben der Moreeb-Düne auf, meine Zunge war so trocken, dass sie am Gaumen klebte wie ein zu kaltes "Ed von Schleck". Meine Knie wurden weicher, mein Wille schwächer, doch ich hatte dem Großkalifen Abdul-Azis El-Achmachachnach ja versprochen, bis Dhofar durchzuhalten, mich zu kasteien, zu bestrafen für den unverzeihlichen Fehltritt, den ich in gutem Glauben begangen hatte.

Und nun starb ich hier im Sand, mit glutvollen Bildern in tausend Farben vor Augen (Hannah Ware, Marion Cotillard, Jürgen W. Möllemann, mein verstorbener Hund) und der Scham, der Schuld, dem Fehler, der mich auf die arabische Halbinsel geführt hatte: Per Post erhielt ich die neue Freedom-Hawk-LP "Holding On" (natürlich mit den Worten: "Liebe Freunde des gepflegten Arschtritts") und fühlte mich amtlich veralbert: Da singt doch Ozzy! Ozzy Osbourne, '75 oder '76 vielleicht, die Klebstoffschnüffelstimme, natürlich, Ihr könnt mich doch nicht verarschen, wer glaubt Ihr eigentlich, wer Ihr seid, "Freedom Hawk"?

Es gab nur eine Rettung: Boris Kaiser anrufen und mir aus erster Hand bestätigen lassen, dass die "Jungs aus Virginia" Osbourne geklont oder zumindest verjüngt hatten, damit er ihnen zu Diensten sei, ein staubiges Leben lang. Ich ließ es fünfmal klingeln, der vielbeschäftigte Kaiser nahm selbst ab. Ich: "Ozzy, oder?". Er: "Falsch! Die Stimme klingt wie 'Fodde' Fondelius von Count Raven, das hört doch selbst ein blindes, venezolanisches Findelkind!". In diesem Moment wusste ich: Über Hardrock und Heavy Metal darfst du nun nicht mehr schreiben. Ich nahm mein Gewand und ging ins Nichts. (Gesamtwertung: 8,5) Jan Wigger

Anspruch: Ein wenig Doom, die Essenz von Black Sabbath, die einsame Genialität von Trouble und den Wüstenrock von Kyuss zu etwas Neuem verbinden, das sogar Dirk Siepe noch überraschen könnte. (7,5)

Artwork: Das Bandlogo erinnert wohlig an Fu Manchu, ansonsten bloß ein blöder Leuchtturm und die Texte ("You gotta help me/ You gotta help me/ You gotta help me"). Hmpf. (5,5)

Aussehen: Wahnsinnig unspektakulär. Könnten glatt als mies bezahlte Physiotherapeuten der Richmond Flying Squirrels durchgehen. Oder wie Maestro Dörting letztens posaunte: "Es gibt schon wieder 'ne neue 'Rock Hard?!?'" Dabei war er einfach nur besoffen und hatte Lemmy auf dem Cover mit Doro Pesch verwechselt. (5)

Aussagen: Wir kennen Count Raven überhaupt nicht, für unser Frontschwein T.R. Morton gibt es nur Ozzy, Ozzy und Ozzy. In "Bandito" lassen wir mal kurz jemand anderen dazwischenlabern, aber den Refrain singt dann wieder Ozzy. (8) Jan Wigger

Diesen Artikel...
Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 509 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul 06.05.2011
Zitat von Kuechenchef... erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3. Frei ohne Titel
Shiraz 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
4. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
5. Nix Versteh
kingofmetal 24.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Amtlich
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


"Abgehört" und "Amtlich" live