Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von und Jan Wigger

3. Teil: Drudkh - Wie braun ist dieser Black Metal?


Drudkh - "Eternal Turn Of The Wheel"
(Season Of Mist, erscheint am 24. Februar)

Ein Konzeptalbum zu "Mein Kampf"? Eine Vertonung der Nürnberger Rassengesetze? Was war zu erwarten vom neuen Drudkh-Album? Um's vorwegzunehmen: Kollege Wigger, lag, wie üblich, mit seinen Vermutungen falsch.

Unbegründet war sein launig vorgetragener Verdacht natürlich nicht. Kenner der Black-Metal-Szene und Deutschlands Antifa-Front-Kämpfer zwischen Aalen und Zuzenhausen werden wissen, dass Roman Sayenko, Kopf der ukrainischen Band Drudkh, eine politisch nicht ganz blütenweiße Weste trägt, sondern eine mit bräunlich schimmernden Flecken. Mit seinem Projekt Hate Forest nahm er vor rund zehn Jahren den Song "Aryosophia" auf, der das giftige Süppchen des okkulten Rassismus aufkochte. Eine Art Best-Of-Album heißt "Nietzscheism". Und mit Drudkh ehrte er die "Ukrainian Insurgent Army", eine nationalistische Partisanentruppe, die kurz mit Hitlers Wehrmacht kooperierte, dann erst gegen die Deutschen und schließlich bis Ende der Vierziger gegen Stalins Rote Armee kämpfte und nebenbei zehntausende Polen vertrieb oder sie gleich abschlachtete.

Das ist eine Auswahl von Lowlights aus Sayenkos Werkverzeichnis. Nun lässt sich der ukrainische Ultra-Nationalismus (wie in vielen Ländern Osteuropas) historisch nicht in ein simples moralisches Täter-Opfer-Schema pressen. Und Sayenko unterscheidet sich vom norwegischen Nazi-Esoteriker, Mörder und Burzum-Hassprediger Varg Vikernes schon allein dadurch, dass er jedes Medium abseits der Musik und damit potentielle Propaganda-Plattformen meidet. Dennoch ist es nachvollziehbar, wenn die Henna-Haar- und Irokesenkopf-Fraktion in den linken Jugendzentren unserer Republik jetzt mit den Köpfen schüttelt: Muss man so einen zumindest zweifelhaften Gesellen mit einer Rezension würdigen?

Eine heikle Sache, sicherlich. Aber mal ehrlich: Die Gefahr, dass Sayenko dank dieses Textes Reichtümer anhäuft und sie womöglich Rechtsradikalen zuschustert, ist klein. Drudkh verzichten auf Konzerte, und mit Alben ist ja kaum noch Kohle zu machen, erst recht nicht in so einem Mini-Genre. Und die Agitationsgefahr? Gering. Die - unveröffentlichten, dazu unten mehr - Lyrics dürften selbst für jene nicht herauszuhören und damit unverständlich sein, die des Ukrainischen mächtig sind. Interviews gibt's ja eh nie: wohl der Hauptgrund, warum niemand recht weiß, ob die Typen wirklich rechts sind. Deren einzig gezieltes Statement zu dieser Frage stammt aus der Zeit, als sie bei ihrem jetzigen Label unterschrieben und sich dort gegen den Vorwurf, politische Extremisten zu sein, explizit verwahrten. Stattdessen verwiesen sie auf "Individualismus, Selbst-Verbesserung und die Entfremdung von modernen Werten" als DNA ihrer Weltanschauung; eine Aussage, die freilich noch genug Freiraum für ideologische Ferkeleien lässt und natürlich ein reiner PR-Schachzug der Band sein kann.

Trotzdem könnten sich krittelnde Diskurswächter ja mal fragen, wie weltoffen es ist, den Ost-Pop der Marke Ruslana mit seinem tittensatten Trash-Faktor alljährlich beim Eurovision Song Contest mit gönnerhaft ironischem Kichern abzunicken, aber ansonsten ein herzliches Desinteresse an den (Pop-)Kulturen des Ostens zu zeigen, und seien sie auch eklig. Schließlich und endlich rechtfertigen rein ästhetische Gründe diesen Text: Drudkh entführten ihre Hörer in der Vergangenheit mindestens zwei Mal in künstlerische Höhen, die nur sehr wenige je erreichen. "Forgotten Legends" war eine grandiose, minimalistisch melancholische Black-Metal-Medidation über die Natur, "Autumn Aurora" ein ebenso großartige, folkig-verspielte Variation desselben Themas.

Jetzt erscheint also "Eternal Turn Of The Wheel", mit dem Sayenko beweist, dass er einen riesigen Hau hat, und zwar völlig unabhängig von einer möglichen Nähe zur National-Socialist-Black-Metal-Szene. Denn er versucht etwas, das vor rund 300 Jahren vielleicht mal cool war, als Vivaldi seine "Vier Jahreszeiten" vorlegte: Sein Album versammelt ein Intro und vier Monumental-Songs, die nicht weniger als den Zyklus der Jahreszeiten abbilden sollen. Das entbehrt jeglicher pop- und postmodernen Ironie, ist simpel, pathetisch, prätentiös - und ein musikalisch gut gelunger Schwindel.

Denn Drudkh denken ihr gesamtes Album allein vom Winter her, vom Frost, vom Ende, vom Tod. Und so erweist sich der letzte Track des Albums, "Night Woven Of Snow, Winds And Grey-Haired Stars" als Höhepunkt und finaler Eiseshauch einer musikalischen Totenreise, deren grausamen Zauber nur erfassen kann, wer sie als Hörer mit eigenen Ohren mitgemacht hat. Alle anderen können sich wohl nur mit einer herbeifantasierten Geschichte behelfen, die ebenso ironiefrei, simpel, pathetisch und prätentiös ist wie das Konzept des Albums.

Versuchen wir mal, uns so eine Geschichte auszudenken, uns ist ja nichts zu doof: Ein Mensch erfährt, dass er nur noch ein Jahr zu leben hat. Er entscheidet sich, die ihm verbleibende Zeit damit zu verbringen, seine ukrainische Heimat zu durchwandern und so Abschied zu nehmen von der Welt. Was er sehen wird, wird er nur noch einmal sehen, das weiß er. Er schreitet durch die im zarten Frühlingslicht ergrünenden Rotbuchenwälder der Karpaten. Im Sommer zieht er durch die Steppe, vorbei an endlosen, korngelben Feldern. Er lässt im Herbst den Blick schweifen über den glutroten Abendhimmel am Asowschem Meer, die Sonne geht unter, die Dunkelheit naht, auch für ihn. Und je mehr er von all der Naturpracht aufgesogen hat, je stärker sie ihn anrührt, desto größer werden Wut und Verzweiflung darüber, sie bald hinter sich lassen zu müssen. Und doch versinkt er am Ende geschwächt im Schnee der Karpaten, dort, wo seine Wanderung begann. Ein letztes Mal richtet er seinen Blick in den kristallklaren Nachthimmel, dann schließt er für immer die Augen. Und die Musik ist aus.

Drudkh kehren mit ihrem neunten Album zurück zu ihren Anfängen, zu einer beängstigenden, manchmal aber allzu monotonen Wucht, die von grimmig heranwehenden Gitarrenböen und vor allem einem grausam verzweifeltem Wutgekeife getragen werden und erbarmungslos das Gemüt des Hörers vereisen. Nur wenige, versteckt in das Inferno eingewobene Melodien und die thematisch offensichtlichen, oft bewusst kaum hörbaren Soundeffekte versprechen kurzzeitig Erleichterung. Doch all das eingespielte Grillengezirpe oder das Möwengeschrei, der Klang von stapfenden Füßen im Schnee oder die dezent eingesetzten Keyboardteppiche dringen nie ganz an die Oberfläche der Lieder: alle Linderung bleibt bloße Hoffnung und alle Hoffnung ist vergebens. Musik für Menschen, die diesen Winter noch nicht genug gefroren haben. (Rein musikalische Wertung: 8) Thorsten Dörting

Anspruch: Kälte zum Klingen bringen. (Ohne Wertung)

Artwork: Variante a): Drudkh haben den Illustrator der ukrainischen Ausgabe von "Grimms Märchen" beauftragt, ein maßvoll schauerliches Bild eines bezopften Wanderers zu malen, der in einen Düsterwald eintritt. Variante b): Drudkh haben den Illustrator der ukrainischen Ausgabe von "Mein Kampf" beauftragt, ein maßvoll schauerliches Bild eines bezopften Wanderers zu malen, der in einen Düsterwald eintritt und ihn zusätzlich gebeten, als Wink an ihre rechten Gesinnungsgenossen, das gesamte Motiv in dann doch auffälliger Weise spiralenartig leicht zu verzerren, so dass die Optik in Verbindung mit dem Begriff "Wheel" Assoziationen zum Sonnenrad hervorruft, das unter Neo-Heiden und Neo-Nazis ein gleichermaßen beliebtes Symbol ist. Journalistische Paranoia? Mag sein. (Ohne Wertung)

Aussehen: Offiziell gibt's ja keine Bilder von Sayenko, aber wer googelt, wird fündig. So sieht also ein metaphysischer Rassist aus? Ein Neo-Heide mit rechtsradikalen Neigungen? Oder ist das doch nur der harmlos bullige Typ von der Stadtreinigung, der mich letzten Herbst mit seiner Laubsaugerei vorm Schlafzimmerfenster genervt hat? (Ohne Wertung)

Aussage: Als Roman Sayenko hörte, dass SPIEGEL ONLINE das Drudkh-Album besprechen will und daher um die Lyrics bat, hat er laut Aussage des Labels geantwortet: "Endlich eine geschmackvolle Anfrage." Wir bekamen die Texte also entgegen der üblichen Band-Praxis zugeschickt - natürlich auf ukrainisch, natürlich in kyrillischer Schrift abgefasst. Da wir aber bekanntlich für diese Kolumne weder Kosten noch Mühen scheuen, engagierte unser Moskau-Korrespondent eine Übersetzerin, und zwar lustigerweise Anna Hutsol, die Gründerin der Anti-Sex-Tourismus-Bewegung Femen. Was dabei herauskam, ist in politischer Hinsicht unverfängliche, morbide Naturlyrik. Kostprobe: "Der Winter kommt immer/ Unerwartet, nachts. /Kommt,/ nachdem er sich losgerissen hat aus seiner/ diesigen Höhle,/ dort, am Rande/ des ewigen Dunkels./ Und es scheint/ die Ewigkeit selbst/ ist gehämmert aus Eis,/ bedeckt von weißem Schnee, gewebt aus Reif." (Ohne Wertung) Thorsten Dörting



insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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