Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Der singende Sex-Clown ist zurück! David Lee Roth verbreitet auf dem Comeback-Album von Van Halen mächtig gute Laune. Drudkh strahlen dagegen Eiseskälte aus und Lamb Of God gehen in die Berufsschule. Peavy von Rage hat Pech: Gebrauchtwagen verhökern läuft nicht mehr!

 |

Van Halen - "A Different Kind Of Truth"
(Interscope Records/ Universal, bereits erschienen)

Wie verzweifelt eine Jugend in der niedersächsischen Provinz Mitte der Achtziger verlaufen konnte, lässt sich daran ermessen, dass ich mir im Alter von 14 Jahren für einige Monate einen singenden Penis zum männlichen Vorbild erkor: David Lee Roth. Ich lernte DLR erst richtig kennen, nachdem er bereits mit Van Halen zum Karrierehöhepunkt gekommen war und nun auf Solopfaden lustwandelte: "Skyscraper" erschien 1988, auf dem Cover posierte mein neuer Lebensabschnittsheld mit gewohntem Größenwahn in einer Bergwand hängend.

Das Album bot filigranen Hardrock-Pop, von Gitarrengott Steve Vai gekonnt in Szene gefingert. Was mich aber wirklich anfixte, war die augenzwinkernde Großmäuligkeit, mit der der rockende Erotomane Roth sich und seine Musik vorführte. Sein lustvoll dahingeplapperter Gesang klang, als würde er im grellen Licht eines US-Mini-Marts die blonde Kassiererin kurz vor ihrem Schichtende für einen kleinen Fick in sein Hotelzimmer quatschen wollen, obwohl die sich doch gerade anschickte, ihren Feierabend allein in ihrem Trailer zu verbringen, um verlorenen Träumen nachzuweinen. Und seine Show war Rock'n'roll-Zirkus in Reinform: Der Mann ritt auf einem Surfbrett über die Köpfe des Publikums hinweg durch die Konzerthalle oder tänzelte durch einen auf der Bühne errichteten Boxring wie ein kubanischer Fliegengewichtler auf Speed. Fiebrig erhörte ich mir also das grandiose Frühwerk Van Halens jenseits des Provinz-Schützenfest-Hits "Jump" und lernte auch Roths göttliche Solo-EP "Crazy from the Heat" lieben, für die er mit "Just A Gigolo" schon mal seinen eigenen Nachruf eingesungen hatte.

Was mich an DLR faszinierte? Kann ich nur vermuten. Mit Silikon nachgerüstete, blondierte Bikinivorführmodelle, wie sie zu Hunderten durch seine Videos powackelten, waren selbst in meiner Hochpubertätsphase nicht so mein Ding, obwohl einem da ja die Sexualhormone aus den Ohren tropfen und jede zweite der Damen mich an die berühmte, viel zu kurze Sequenz im Vorspann von "Ein Colt für alle Fälle" erinnerte, als Heather Thomas alias Colt Seavers' Assistentin Jody Banks in einem himmelblauen Bikini eine Saloon-Tür aufstößt. Alle hetero- und bisexuellen Männer, die als Teenager in den Achtzigern nur eine einzige Folge der Serie geguckt haben, werden sich an diese Szene erinnern. Oder sie lügen.

Der Frank Sinatra des Hardrock: David Lee Roth mit Van Halen in Las Vegas (2008) Zur Großansicht
Corbis

Der Frank Sinatra des Hardrock: David Lee Roth mit Van Halen in Las Vegas (2008)

Vermutlich schenkte mir Roth schlicht eine Auszeit vom Stumpfsinn der Kohl-Ära, diesem Gemisch aus sonntagsbrätlicher Bräsigkeit und Feinripp-Bigotterie, das sich in einem katholischen Kuhdorf in Niedersachsen wie Giftgas unter die echten Güllewolken mischte und einem die Luft abschnürte. DLR dagegen war L.A. pur; sonnengebräunte Lebensfreude aus Kalifornien, ein Frank Sinatra des Hardrock, ein sex god with a smile, ein rockender Dildo auf zwei Beinen, der in glitzernden Spandexhöschen (die noch heute 90 Prozent aller CSD-Teilnehmer zu peinlich wären) sogar meine Skepsis gegenüber dem ungehemmt pro-kapitalistischen Subtext seiner Songs wegflirtete. Und zwar mit Stil und Humor: Trotz seiner Geilheit lief ihm nie Sabber aus den Mundwinkeln, sondern ein schelmisches Lächeln über die schmollmundigen Lippen.

Van Halen jedenfalls hatten mit dem Abgang von Roth und mit Sammy Hagar am Mikro viel von ihrem Charme eingebüßt, obwohl auch Alben wie "OU812" durch starkes Songwriting und Eddie van Halens über fast alle Zweifel erhabenes Gitarrengegniedel bestachen. DLR verlor ich nach seinem vierten Solo-Album aus den Augen, weil er sich bei einer Casino-Tingel-Tangel-Truppe in Las Vegas verdingt hatte. Zu der gehörten übrigens ein paar exotische Showgirls, denen Diamond Dave in einem Interview mal das entzückende Kompliment machte, sie seien so süß, er wette, sie schissen Zucker.

Seit 2007 hält DLR nun wieder das Van-Halen-Mikro, zunächst nur für eine Tour, jetzt erstmals für ein Album. "A Different Kind Of Truth" ist das erste Studiowerk mit neuen Songs seit dem Unfall "Van Halen III" aus dem Jahr 1998 und das erste mit DLR seit "1984" aus eben diesem Jahr. Und was soll man sagen? Die alten Säcke bringen's besser als erwartet.

Wobei: "Neu" ist Beschiss. Fans ereifern sich seit Wochen, dass viele Songs nur bisher unveröffentlicht (Demos aus den Siebzigern!) waren oder alten Stoff neu verwursten. "So fucking what?", würde Vixens Jan Kuehnemund ausrufen, die einzige weibliche Hair-Metal-Ikone der Welt, die bis heute ihren Halbbruder G. K. verleugnet, einen mäßig erfolgreichen Musikjournalisten aus D.. Und zwar nur, weil der unter frühzeitiger Verglatzung litt. Wie auch immer: Recht hat Jan Kuehnemund, und zwar was beide angeht, ihren Halbruder G.K. und DLR.

Was ist dagegen zu sagen, wenn Eddie Van Halen versucht, sich mit kindlicher Wollust seine Finger beim Spielen halbneuer Songs zu brechen? Wenn David Lee Roth eine musikalische Testosteron-Therapie ausprobiert, statt Viagra zu schlucken, um seine Erektionsstörungen in den Griff zu bekommen? Ist allemal besser, als eine Glam-Fun-Band wie Steel Panther, die mit dem ironischen Feinsinn eines drittklassigen Mario-Barth-Imitators die Achtziger nur billig abfeiert.

Denn obwohl ich dann doch nie ein ganz großer Verehrer Van Halens wurde, muss die simple Frage ja lauten: Taugt die frühe, jetzt veröffentlichte Ausschussware der Band etwas? Und selbst wer Bandleader Eddie Van Halen für ein Arschloch hält, dessen Arroganz nur von seinem Ego übertroffen wird, muss darauf fairerweise mindestens mit "Ja, ist schon okay" antworten (Obwohl das Songwriting von Chickenfoot, Sammy Hagars Supergroup, in der auch Ex-VH-Bassist Michael Anthony mitzupft, besser ist, aber die haben nun mal keinen DLR).

Sicher, auf dem Album gibt's nichts, was Van Halen nicht schon gemacht haben, dafür einiges, das anödet: das ziellos schlendernde "Honeybabysweetiedoll" zum Beispiel oder der "Big River", der trotz einiger atemberaubend wirbelnder Gitarrenstrudel auf halber Strecke zum Rinnsaal verdampft. "Tattoo" ist dagegen eine gefällige Singalong-Single, "China Town" eine flirrend hingerockte Großstadtphantasie, "Stay Frosty" eine arschcool abgehangene Soloeinlage für Roth und "As Is" ein rifflastiger, aber flockiger Partysong, in dem Eddie Tricks zeigt, die alle E-Gitarrenschüler heulend in die Arme ihrer Lehrer treiben wird, wo sie vergeblich nach Trost suchen werden, denn die verkraften das ja selbst nicht.

Viel Spaß also, liebe Freunde: Es kann gefeiert werden. Und Mütter: Passt auf Eure Töchter auf. Naja, wohl eher umgekehrt. (Gesamtwertung: 8 Punkte) Thorsten Dörting

Anspruch: Der neuen Nerdleitkultur zu zeigen, dass man Geilheit nicht mit Gadgets ersatzbefriedigen muss und man sexlose Physikerinformatikersoftwareentwickler-Existenzen nicht einmal dafür braucht, um eine Zeitmaschine zu entwickeln: Van Halen beamen uns ja schon so zurück in die Achtziger. (9,5)

Artwork: Sich selbst zu beklauen, geht ja gerade noch in Ordnung, aber ein Covermotiv von den Commodores (Lionel Richie! Geht's noch?) abzukupfern, ist erschreckend geschmacklos. Was kommt als Nächstes? Riffs von Chris De Burgh mopsen? Lyrics von Sido? (0)

Aussehen: Wie bei allen Rockern im reifen Alter übersteigt der Lederanteil in der Gesichtshaut mittlerweile den der Restgarderobe. DLR stehen die Folgen seiner jahrelangen, liebevollen Groupiebetreuung ebenso in die ehemalige Sunnyboy-Visage geschrieben wie sein nächtlicher Nebenjob als Hugh-Hefner-Vertretung im Playboy Mansion. Eddie Van Halens Looks haben eher wegen seiner innigen Freundschaft zur Flasche gelitten, obwohl er seine Phase als Boris-Becker-Doppelgänger mit blondierten Kurzhaarspitzen dankenswerterweise hinter sich gelassen hat. Dafür sieht sein auf dem Album bassspielender Sohn Wolfgang aus, wie ein 20-Jähriger nun einmal aussieht, der Wolfgang heißt und in der Firma seines Vaters arbeitet: etwas dick und etwas doof. (7)

Aussage: Sex im Alter? Wo ist das Problem? (8) Thorsten Dörting

Diesen Artikel...
Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 510 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul 06.05.2011
Zitat von Kuechenchef... erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3. Frei ohne Titel
Shiraz 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
4. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
5. Nix Versteh
kingofmetal 24.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Amtlich
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


"Abgehört" und "Amtlich" live