Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Die Ex-Helloween-Boys Michael Kiske und Kai Hansen sind wieder ein Paar und bringen ihr Unisonic-Album heraus. Die Schweden von Horisont rocken wie die Wildschweine. Cannibal Corpse servieren eine bekömmliche Schlachtplatte. Die wichtigste Frage aber lautet: Was taugt die neue Overkill?

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Unisonic - "Unisonic"
(Edel, erscheint am 30. März)

Zu meinen selbstzerstörerischsten Tätigkeiten gehört es, mir beinahe täglich das Amanda Somerville/Michael Kiske-Video zum Song "Silence" reinzupfeifen. Kiske lehnt sich vier Minuten lang vollkommen apathisch an einen Instrumentenkoffer und jodelt irgendwas von Liebe. Es ist die wohl gelangweilteste Performance, die ich jemals gesehen habe.

Nun muss man wissen, dass der Mann, den die Leser der "Rock Hard" im Jahr 2005 noch vor George W. Bush zum "Depp des Jahres" wählten, weil er es gewagt hatte, mit abfälligen Bemerkungen und Aufsätzen wie "Von der zentralen Bedeutung der Fleischwerdung des Logos in Jesus von Nazareth. Die Materie oder das Atom als Phänomen oder Maja des Geistes" die heiligen Hallen des Bierschiss-Metal zu beschmutzen, einer meiner Jugendhelden ist.

Weil mir Kiskes Seite www.geisteskind.de so gut gefiel und wir außerdem exakt die gleiche Mütze tragen, lud ich das Ex-Helloween-Frontschwein aufs message board meiner eigenen Seite www.hailsatan.de ein, um mich mit ihm über Darkthrone, Charlie Manson und Conte Alessandro Cagliostro auszutauschen. Kiske schwieg eisig, eine Antwort erhielt ich nie. Dafür beauftragte Michi einen seiner Messdiener, mir das Unisonic-Debüt in einem Jute-Beutel vorbeizubringen.

+Schon die Songtitel ließen mein Melodic-Rock-verseuchtes Herz vor Freude hüpfen: "Souls Alive", "Never Too Late", "Never Change Me", "Over The Rainbow", "King For A Day" - wie Lieder halt so heißen, wenn es einem zu gut geht und man sonst nichts zu sagen hat. Kiske nennt es "mehr Rock als Metal", denn vorm Metal hat er ja immer noch ein bisschen Angst, und Kai Hansens Band Gamma Ray sei ihm sowieso "zu brutal", so das "Goldkehlchen" (Jenny Rönnebeck) in einem seiner vielen Interviews, in denen es bloß noch am Rande um Musik ging.

Unisonic mit Michael Kiske: "Mehr Rock als Metal" Zur Großansicht
earMusic/ edel

Unisonic mit Michael Kiske: "Mehr Rock als Metal"

Nur ein Song auf "Unisonic" ist von Kiske, den Rest haben Kai Hansen, Bassist Dennis Ward und Gitarrist Mandy Meyer beigesteuert. Insgesamt zwar deutlich härter als Place Vendome, aber immer noch im gemäßigten Hard'n-Heavy-Bereich, irgendwo zwischen okayen Queensrÿche und Queen für Arme. Eine schmierige Power-Ballade ("No One Ever Sees Me"), auf der Kiske jault wie zu besten "Your Turn"-Zeiten, darf da natürlich auch nicht fehlen. (Gesamtwertung: 7) Jan Wigger

Anspruch: Kiskes durchaus gelungener Versuch, wieder mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und seine Weltkarriere als higher being langsam ausklingen zu lassen. Sekundärliteratur: "Der Spießer" (M. Kiske). (7,5)

Artwork: Schrecklich. Sekundärliteratur: Alle Jorn-Lande-Rezensionen im "AOR Heaven"-Magazin. (3,5)

Aussehen: Michael steht zu seiner Fleischmütze und hat daher die Wollmütze abgelegt. Während Sie auf das Schlammcatchen zwischen Kiske und Tom G. Warrior warten, lesen Sie bitte "Die Infallibilität des Ego und Leichnam Anthroposophie" (M. Kiske). (6,5)

Aussagen: "Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt (...) denn ich bin aus Gott hervorgegangen und bin von ihm gekommen (...) Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. (Johannes 8,15/24/43/14,10) (0) Jan Wigger

Horisont - "Second Assault"
(Rise Above Records, erscheint am 26. März)

"Unglaublich, was man sich in der U-Bahn alles bieten lassen muss!" Der gemeine deutsche Eckrentner aus Köln-Kalk oder Hamburg-Barmbek (mitsamt austauschbarer Gattin) wird diesen Satz voll empörten Herzens unterschreiben können. Denn aus seiner Sicht leistet sich die Jugend von heute im Öffentlichen Personennahverkehr ja tatsächlich so einiges: trägt Piercings in Mund und Nase, lacht laut, atmet sogar.

Du wirst halt alt, mein Guter, tröstete ich mich also zunächst selbst, als während einer morgendlichen U-Bahn-Fahrt ins Büro kürzlich auch in mir für Millisekunden ähnliche Ressentiments hochkrochen: Ein in graue C&A-Viskose gezwängter, vorzeitig verglatzender Mittzwanziger, der auf dem Weg zu seiner nach TVöD bezahlten, vier Jahrzehnte dauernden Beerdigung als Schalterbeamter in der Sparkassenfiliale "Hamburg Innenstadt 280" war, schubste ohne Vorwarnung um Punkt 8.53 Uhr eine ungefähr gleich alte, pferdeschwänzige Teamassistentinnenblondine in Zara-Uniform vom Platz neben sich, um seine Füße auf ihrer Ex-Sitzbank zu parken und sich mit einem großkalibrigen Grinsen einen Joint anzuzünden. Erst als sich die Teamassistentinnenblondine im Gang aufrappelte, sich mit einem Kichern aus ihrer Zara-Uniform schälte und ein luftiges, geblümtes Sommerkleid zum Vorschein kam, in dem sie durch den proppevollen Waggon zu tänzeln begann und dabei mit einhunderprozentig naturreiner Laszivität sowohl ihre Hüften als auch ihre mit schneller Hand entfesselte Mähne schwang, dämmerte mir: Kann doch alles nicht wahr sein.

Eine Tagträumerei, sicher. Eine Art Halluzination, die ich meinem rituellen, allabendlichen Alkoholmissbrauch zu verdanken hatte, vor allem aber der göttlichen Kraft meines neuen Handymusikspielers: Horisont, Hosianna!

Dieser Texteinstieg ist, zugegeben, kacke. Aber ich habe 2 Stunden und 43 Minuten gekämpft, bevor ich mich für diese Minimallösung entschieden habe. Denn davor gelang mir nicht mehr als immer nur diese eine Satz: Scheiß Schweden, ich hasse euch, ihr Streber.

Horisont: Wahre Wildschweinkopf-Liebhaber mögen Bärte Zur Großansicht
Rise Above Records

Horisont: Wahre Wildschweinkopf-Liebhaber mögen Bärte

Das ist erklärungsbedürftig. Neid ist eine Todsünde, das wusste schon Fincher, als er Spacey von Pitt Brad abknallen ließ. Und trotz dieser Mahnung wurde auch ich, nachdem ich Horisonts "Second Assault" ein paar Mal gehört hatte, grün vor Mißgunst und googelte nach Dingen, die ich - abgesehen von den absurd hohen Alkohol- und Kippenpreisen - lächerlich an den beschissen perfekten Schweden finde. Dabei stieß ich aber allein auf dieses Foto von Prinzessin Madeleine, was eh nur halb zählt, denn die ist sonst eigentlich ein scharfes Gerät, keine Frage.

Horisont sind also beschissen perfekt, ein fast beängstigend typisches Produkt der genreübergreifenden Pop- und Rockförderung dieses Wohlfühl- und -fahrtsstaates, das aber mit Indie-Posterboys wie Mando Diao nichts zu tun hat. Aufmerksame Leser haben die total subtilen Anspielungen auf Kiffer und Hippies in der U-Bahn verstanden: die fünf haben die Siebziger zum schönsten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erkoren: Black Sabbath, frühe Priest, Proto-Metaller - und urzeitliche Stoner wie Sir Lord Baltimore oder Iron Claw, U.F.O., eine Prise Captain Beyond, und Heavy-Psych-Blues-Shit aus der Hand von, Gottja nennen wir auch ihn, Hendrix.

Schon das erste Album "Två Sidor Av Horisonten", noch zur Hälfte auf Schwedisch getextet, knarzte sehr verführerisch. Jetzt haben sich Horisont für ihr Debüt auf dem in diesen Subgenrefragen sehr vertrauenswürdigen Fachlabel Rise Above noch einmal gesteigert. Die schlaghosenartig schlackernden Bassläufe unter den metallischen Bluesgitarren in "Time Warrior" zu entdecken, ist eine wahre Freude, "Thing I've Seen" fährt nicht nur Teamassistentinnenblondinen ins Bein, "Road To Cairo" ist ein orientalisch verspielter Kamel-Riff-Treiber, "On the Run" stampft knallend vor sich hin, bis sich elegante, genialisch songdienliche Soli einschieben, und das elegische "Crusaders Of Death" kann man jedem Classic-Rock-Radio-Hörer jenseits der Sechzich als frühen, bisher unbekannten Studio-Jam von Jimmy Page unterjubeln und er wird gläubig auf die Knie sinken.

Und was gibt's noch zu sagen? Dies: Manche Songs wirken einen Ticken zu generisch. Die Schweden kopieren Seventies-Hard-Heavy-Psych-Rocker zwar in jeder Hinsicht besser als die Chinesen deutsche Autos, aber hier und da fehlt dem Songwriting die Dringlichkeit, die, oje, Seele - und das schreibe ich nicht, um hier überhaupt etwas zu bekritteln.

Wer diese Kolumne regelmäßig liest (oder Ahnung hat), wird sich übrigens an Graveyard erinnert fühlen. Und liegt richtig: Horisont sind aber einen Hauch flockiger als ihre Landsmänner, mit denen sie jetzt Deutschland besuchen. Könnte die Tournee des Jahres werden, ich weise gerne darauf hin, zumal Markus Staiger, Labelboss von Graveyard, mir versprochen hat, meine Mai-Miete zu bezahlen, wenn ich Werbung mache. Folgende deutsche Städte haben Glück: Hamburg (15.3.), Berlin (16.3.), Osnabrück (17.3.), Köln (18.3.). Vorher aber noch schnell einen Schnurrbart wachsen lassen! (Gesamtwertung: knappe 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Warum zwanghaft Neues erfinden? Gilt für Horisont, gilt für "Amtlich". Bitte hier runterscrollen zu den anderen Schweden. (9,5)

Artwork: Was für ein Gewaff! Wegen rituellen Alkoholmissbrauchs (siehe oben) bin ich nie zur staatlichen Jägerprüfung zugelassen worden, kenne aber jeden waidmännischen Fachbegriff: Gewaff = Wildschweineckzähne. Hier ist ein amtlicher Keilerkopp in Porträtansicht zu bestaunen, dessen Hauer die biologisch vorgeschriebene Maximallänge von 30 Zentimetern (laut Wikipedia) deutlich überschreiten dürften. So ein präpariertes Exemplar hängt auch im Jagdschloss von Karl-Theodor zu G. (den Punkt vor der Klammer bitte aussprechen, dann gibt's einen billigen Lacher) an der Kaminzimmerwand, direkt neben der Doktorurkunde der University of Mauritius und einem garantiert jugendfreien Aktfoto von seiner Stephanie in kaffeebraunen Hotpants aus dem Hause Victoria's Secret. (8)

Aussehen: Dennis Hopper in "Easy Rider" von 1969, allerdings rein modisch three or fours years further down the road, ohne albernen Hut, Sonnebrille oder Fransenjacke. Wenn Ihr mir verratet, wo Ihr eure Klamotten kauft, gibt's 10 Punkte, sonst 0. Wie? Nein? Säcke. (0)

Aussage: Liebe Zuhörer: Sauft. Kifft. Vögelt. Kauft Euch meinetwegen ein Häuschen. Zeugt Kinder. Aber warum verkauft Ihr Euer Leben Eurem Chef? (8) Thorsten Dörting

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Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 510 Beiträge
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1.
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul 06.05.2011
Zitat von Kuechenchef... erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3. Frei ohne Titel
Shiraz 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
4. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
5. Nix Versteh
kingofmetal 24.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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