Von Thorsten Dörting, Boris Kaiser und Jan Wigger
Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
okay, machen wir's kurz: Dies ist Teil zwei unserer Dezember-Ausgabe, deren erster Teil am Montag vergangener Woche erschienen ist.
1. Ja, hier gibt's die versprochene Verlosung.
2. Ja, wir haben die drei Alben besprochen, die wir letztes Mal angekündigt hatten: Year Of The Goat, Züül und Vanderbuyst.
3. Ja, wir werden künftig öfter mal neue Alben bei "Amtlich" streamen. Zum Beispiel gleich im Januar: "Target Earth" von Voivod.
4. Und jetzt zur Bescherung.
Wir werfen zehn kleine, aber feine Pakete mit Sammlerstücken von Bands aus dem Hause Ván Records unters Volk. Darin finden sich zum Beispiel: Original-Testpressungen von Alben, rare Vinyl-Singles, ausverkaufte Platten, Shirts usw. Mehr verraten wir nicht. Nur noch dies: Falls möglich, versuchen wir ein wenig auf die Wünsche der Gewinner einzugehen.
So. Ganz für lau gibt's die schönen Sachen aber nicht.
Schreiben Sie uns bitte an diese Adresse eine Mail , in der Sie begründen, warum ausgerechnet Sie so ein Ván-Paket verdient haben. Diese Begründung darf so ziemlich alles sein: witzig, bizarr, traurig, gereimt usw. Aber sie darf nur maximal eine Länge von 140 Zeichen haben, so wie ein Tweet. Wir sind ja im Internet hier und daher sehr modern.
Wir küren dann zehn Gewinner.
Viel Glück und bis denne!
P.S. Ja, wir haben uns erneut verspätet. Aber nicht nur wir waren im Stress, sondern auch der Boss von Ván Records, dessen Zeugs wir hier besprechen und verlosen. Unerreichbar der Mann...
Year Of The Goat - "Angels' Necropolis"
(Ván/Soulfood)
In den drei Monaten zuvor hatte sich die Weltlage dramatisch zugespitzt, und zwar zur großen Überraschung aller geopolitischen Experten - denn die Chinesen galten als zu satt für einen Krieg, die Amis als zu arm, die Russen als zu sensibel, die Deutschen als zu doof und die Iraner als zu lebenslustig. Seinen Anfang nahm das Ende der Menschheit jedoch in Großbritannien, was einige Kulturpessimisten ja schon immer befürchtet hatten, aber aus anderen Gründen (Miniröcke bei minus 13 Grad, Premier-League-Kommerzkack, Investment-Banker).
Was war geschehen?
Am 9. Juli des Jahres 2033 hatte der gerade neu ins Amt gewählte britische Premierminister Wayne Rooney die Monarchie abgeschafft, weil der Volkszorn schlicht nicht mehr in den Griff zu bekommen war. Der Unmut der Briten richtete sich gegen den designierten Thronfolger, Prince Kevin Charles "Jug Ears" William Mountbatten-Windsor, den Sohn von King William und dessen Gattin Kate (née Middleton), der im Jahr 2013 geboren worden war - - und nun zu einem jungen Mann im Alter von 20 Jahren herangereift war, der überall nur als dämliche, egomanische Mimose galt.
Sein Studium an der britischen Militärakademie Sandhurst hatte der vom strengen Soldatendasein schnell überforderte junge Mann bereits im Jahr zuvor hingeworfen, um ein Praktikum in einem Öko-Blumenladen in dem Provinzkaff Wimpburgh zu machen, der in Gedenken an seine Oma auf den Namen "England's Rose" getauft worden war. Mit der Inhaberin Bertrice Cunningham, einer 67-jährigen Floristin, begann der erst 20-jährige Königsspross prompt eine Affäre, die jedoch - genau wie seine berufliche Karriere - im Desaster endete. Denn obwohl seine Angebetete ihm stets treu war, rastete der eifersüchtige Royal regelmäßig aus und quälte Bertrice, indem er sie mit Kakteen in die Kniekehlen piekste, um die alte Schachtel zu einem Geständnis über ihre - angeblichen! - amourösen Eskapaden mit Robbie W., 58, zu zwingen, einem verarmten Alleinunterhalter, den Bertrice in der örtlichen Seniorendisko kennengelernt hatte, wo er sich als Türsteher verdingte.
Der neue Boss der Zeitung, der schon in frühen Berufsjahren im deutschen Boulevardgeschäft gestählte Kay Ickmann, knallte den Prinzen-Porno-Skandel auf die Titelseite, und illustrierte ihn mit einem instinktsicher ausgewählten Standbild aus "Fucking Brit Poppers". Das Foto zeigte den nackten Thronfolger, wie er sich anschickte, seinen erstaunlich großen kleinen Prinzen in einer zierlichen japanischen Sex-Actrice zu versenken, die auf allen Vieren vor ihm kniete (sie immerhin war mit einem schwarzen Augenbalken anonymisiert). Die Schlagzeile lautete: "She looooves King Size!"
Oh my fucking god.
Die Debatte in der britischen Öffentlichkeit über die Gründe für den Untergang des Königshauses wuchs sich rasch zu einem Akt nationaler Selbstkasteiung aus, die dem Nationalstolz des Inselvolkes irreparaplen Schaden zuzufügen und schließlich gar das Fundament des Staates zu zerstören drohte. Die gesellschaftlich-politische Elite begriff schnell, was auf dem Spiel stand und reagierte: Ein Sündenbock musste her.
Und den lieferte Kay Ickmann höchstpersönlich, obwohl er selbst doch den Skandal ins Rollen gebracht hatte. In einem Leitartikel für "The Sun" breitete der als teutonic tank gefürchtete Import-Journalist aus Deutschland nun eine steile These aus: Der Schwede Thomas Eriksson, "so ein Metal-Moppel-Zottel", sei schuld am Tod der britischen Monarchie. Denn allein Erikssons Musik sei verantwortlich dafür, dass Kevin Charles "Jug Ears" William Mountbatten-Windsor, der peinliche Porno-Prinz, bereits als Vollpfosten auf die Welt gekommen war - damals, im Jahr 2013.
Dieses Urteil sei nun zwar nicht falsch, führte der Boulevard-Veterean Ickmann mit der Gespreizheit eines fachkundigen Feuilletonisten aus, doch es greife eben doch zu kurz. Denn die Qualität des Albums erweise sich - wie bereits bei der Debüt-E.P. "Lucem Ferre" - erst bei "allergenauestem Hinhören!". Die Musik von Year Of The Goat sei "ungemein facettenreich, vor allem aber sei sie nicht nur eine rückwärtsgewandte Verneigung vor musikhistorischen Vorbildern", sondern eine "kompositorisch und konzeptionell sehr gelungene Synthese und Weiterentwicklung". Auch progressive, psychedelische Elemente finde man hier allerorten, sicher - die an Sakralmusik gemahnenden Langstücke "Thin Line Of Broken Hopes", "Voice Of The Dragon" oder das Titelstück stünden exemplarisch dafür. Aufgelockert würden diese aber durch federleichte, sehr gut bekömmliche Songs mit "fesselnden, oft bittersüßen Pop-Melodien, die von der melancholischen, fast zärtlichen, stets jedoch kraftvollen Stimme Thomas Erikssons getragen werden".
Und damit gelangte Kay Ickmann endlich zu seinem zentralen Argument (das auf einem eher holprig konstruierten Wortspiel fußte).
1. Der Erfolg von "Angels' Necropolis" hat das Jahr 2013 zum Jahr dieser Band gemacht - sozusagen zum Year Of The Goat, zum "Jahr der Ziege".
2. Das "Jahr der Ziege" ist eines von zwölf im Zyklus der chinesischen Astrologie.
3. Das astrologische Jahr bestimmt den Charakter eines Menschen.
4. Der peinliche Porno-Prinz hat mit seinem miesen Charakter die britische Monarchie zerstört. Er wurde 2013 geboren - im "Jahr der Ziege".
5. Ursprünglich war 2013 das Jahr der Schlange. Weil die Band Year Of The Goat das Jahr 2013, also das Geburtsjahr des Prinzen, aber mit ihrem Erfolg zu einem "Jahr der Ziege" gemacht hat, ist sie für seinen miesen Charakter verantwortlich. Und damit schuld am Untergang der britischen Monarchie.
Beispielhaft zitierte Kay Ickmann dann Standardwerke der chinesischen Astrologie, die aufschlüsselten, welche Charaktereigenschaften Menschen zugeschrieben werden, die in einem "Jahr der Ziege" zur Welt kommen. Selbst die stiernackige Stammleserschaft der "Sun" kapierte sofort die Parallelen zum peinlichen Porno-Prinzen.
"Beruflich fällt es im Jahr der Ziege Geborenen oft schwer Disziplin und Ordnung zu halten."
"Sie brauchen ständige Liebesbeweise und werden schnell eifersüchtig."
"Gesundheitlich neigen Ziegen zur Depression."
"Unless asked, they won't ever volunteer for anything and act as the leaders. Good career choices for goats are pediatrician, actor, daycare teacher, interior designer, florist, hair stylist, musician, editor, illustrator and art history teacher."
Seine perfide Beweisführung krönte Eickmann mit der raunenden Vermutung, Year Of The Goat hätten "wohl im Auftrag meist sehr dunkler, kalter Mächte" gehandelt - was die Boulevardpresse in Schweden, dem Heimatland der Band, sofort als Unterstellung missdeutete, der schwedische Staat habe den Sturz des britischen Königshauses herbeigeführt, und zwar absichtlich. Die schrille Schlacht zwischen den Boulevardblättern beider Länder wuchs sich schnell zu einer diplomatischen Krise aus, die ebenfalls rasant eskalierte und mit dem Druck auf das rote Knöpfchen endete, genau wie unsere Welt. (Gesamtwertung: starke 9) Thorsten Dörting
Anspruch: Die Neuerfindung des Retro-Rades. (9)
Artwork: Das Sigill Luzifers, des gefallenen Engels, vor einem schwarzem Hintergrund, gehalten von zwei niederrangigen Kollegen. So schlicht und edel kann die Erde gerne untergehen. (8,5)
Aussehen: Wäre ich der Herr der Hölle, ich hätte attraktivere Mitarbeiter(innen) mit der Aufgabe betraut, meine PR-Botschaft hinaus in die Welt zu tragen. Thomas Eriksson ist zwar ein sehr netter, aber auch ein sehr kugelrunder Mann, genau wie Keyboarder Pope, der Rest der Band liegt in optischer Hinsicht im Szenedurchschnitt. Andererseits spricht die Entscheidung, die körperlich leicht benachteiligten Herren für eine sensible Position im grellen Licht der Öffentlichkeit auszuwählen, für den fortschrittlichen Geist Luzifers - und damit für den aufgeklärten Neo-Satanismus in der Tradition Nietzsches, der ja im Christentum das wahre menschenfeindliche Unterdrückungsinstrument erblickt. (8)
Aussagen: F.N. said: "Zum Christentum wird man nicht geboren, man muß dazu nur krank genug sein." (10) Thorsten Dörting
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