Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Grindcore, Melodic Death, Death'n'Roll - wer hat's erfunden? Nein, nicht die Schweizer. Sondern Carcass. Die Brit-Metaller kehren nach mehr als 15 Jahren mit einem neuen Album zurück und entmachten damit bald Angela Merkel. Bei den Schweden von Bombus treffen sich Turbonegro, Voivod und Kvelertak.

Von und Boris Kaiser


Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
herzlich Willkommen im August, Wacken ist vorbei, doch das Leben geht trotzdem weiter - oder fängt erst richtig wieder an, je nach persönlicher Neigung. Denn die einen verachten ja das W:O:A als Ballermann für Banger, während die anderen es genau deswegen lieben.

Als Inder in Wacken: Kryptos aus Bangalore.
Anne Backhaus

Als Inder in Wacken: Kryptos aus Bangalore.

Die Geschichte der Herren auf dem Foto direkt hier drüber dürfte sowohl Wacken-Hasser als auch Wacken-Freunde erfreuen: Es handelt sich um die indische Metal-Band Kryptos. Mit wieviel Leidenschaft die Jungs aus Bangalore trotz widriger Bedingungen zu Werke gehen, war kürzlich hier in einem "Amtlich"-Spezial zu lesen. Und was Kryptos in Wacken erlebt haben, erzählen wir bald an dieser Stelle - in einer ausführlichen Foto-Reportage.

Vorher gibt's noch auf die Ohren: Carcass wollen beweisen, dass man auch als in die Jahre gekommener Kadaver taufrisch rüberkommen kann. Und Bombus sind sowieso dufte Typen.

Bis denne!

Carcass - "Surgical Steel"
(Nuclear Blast/Warner, erscheint am 13. September)

Die neue CD der Brit-Metal-Institution Carcass eingeworfen, und ich so nach dem ersten Hören mit großer Fresse: "Ey, klingt ja voll nach Arch Enemy!" Das Problem: Die Arch-Enemy-Mitglieder Michael Amott (Gitarre) und Daniel Erlandsson (Drums), beide auch langjährige Carcass-Musiker, sind schon seit 2012 kein Teil mehr der englischen Irgendwie-alles-Erfinder (Grindcore, Melodic Death, Death'n'Roll), sondern segeln lieber auf dem Schweden-Flaggschiff, in dessen singende Kapitänin Angela Gossow Kollege Dörting seit Jahren ein bisschen verliebt ist, dabei dürfte er in Gegenwart der gesund lebenden "Schrei-Else" (despektierlich wie immer: Andreas Himmelstein) bestimmt nicht quarzen, und das nervt ja irgendwie.

Wobei: Ganz so weit hergeholt ist der Arch-Enemy-Vergleich nicht, denn Carcass, die in den späten Achtzigern als wilde Buben an der Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit galten, nur weil sie für ihre ersten Platten ein paar Mediziner-Lexika nach knackigen Songtiteln durchsucht hatten (besonders schön: "Manifestation Of Verrucose Urethra", "Embryonic Necropsy And Devourment" oder auch "Swarming Vulgar Mass Of Infected Virulency"), positionieren sich schon lange nicht mehr außerhalb der guten Gesellschaft, spätestens seit dem rockigeren "Heartwork"-Meisterstück von 1993 gilt: Der Song macht die Musik.

Carcass: Nach Medizin-Pornos ging's ab in die Mitte der Gesellschaft.
Adrian Erlandson

Carcass: Nach Medizin-Pornos ging's ab in die Mitte der Gesellschaft.

Songs finden sich auf "Surgical Steel" elf, alle neu, und tatsächlich mutet Studioalbum Nummer sechs, das erste seit "Swansong" (1996), wie eine Best-of-Kopplung der Band an: Irre und wirre Highspeed-Abfahrten wechseln sich mit eingängigen Midtempo-Groovern ab, man titelt augenzwinkernd gen Vergangenheit ("Cadaver Pouch Conveyor System", "The Master Butcher's Apron"), versucht zu verwirren ("None Compilance To ASTM F899-12 Standard"), ist sich aber auch nicht zu fein, die Klischee-Sau rauszulassen ("Thrasher's Abattoir", "Mount Of Execution"). Es findet sich wohl kein Heavy-Metal-Fan, der den Carcass-Köpfen Bill Steer und Jeff Walker keinen Respekt entgegenbringt, aber "Surgical Steel" ist bei aller Güte nicht richtig Fisch und nicht richtig Fleisch: Underground-Banger, denen es nicht extrem genug sein kann, haben sich bereits vor Jahren anderen Acts zugewandt, ihnen dürften viele Feinheiten (zum Beispiel die sehr saubere Colin-Richardson/Andy-Sneap-Produktion, bei der alles an der richtigen Stelle sitzt, die melodischen Dicke-Hose-Soli) sowieso gegen den Strich gehen. Und für den, nun ja, Wacken-Mainstream enthält "Surgical Steel" eigentlich zu wenige offensive Hooks. Andererseits: Wahlen werden ja in der Mitte gewonnen. (Gesamtwertung: 7) Boris Kaiser

Anspruch: Das Comeback des Jahres hinlegen. Geschafft? Nö. (6,5)

Artwork: Alles, was man braucht, wenn man sich an 'nem Sonntagnachmittag langweilt. (Neuerdings ist ja nicht mal mehr die "Lindenstraße" gesetzt.) (7,5)

Aussehen: Manchmal kommen sie wieder. (7)

Aussagen: "Waooooooooooo so coooool!", "That's fuckin brutal ,,/ :')", "I.C.A.N.T.W.A.I.T.!ù", "Fuck ya!!! Awsome!" (Fans auf Facebook) (7,5) Boris Kaiser

Bombus - "The Poet And The Parrot"
(Century Media/Universal, erscheint am 23. August)

Letztens überlegen lächelnd zu Ixquick gewechselt, weil ich dachte, dort gäbe es für jede Suchanfrage Payback-Punkte (ich sammle, seit ich im dm-drogeriemarkt regelmäßig Katzenstreu aus Holzresten kaufe) - und schon schlauer geworden: Bombus sind mitnichten die Ersten, die ihr Album "The Poet And The Parrot" genannt haben, es gibt schließlich noch Greg Quiery aus Liverpool, einen gebürtigen Iren. Dessen gleichnamige Platte von 2012 kenne ich zwar nicht, sie soll aber astreinen Irish Folk enthalten, denn Greg spielt jeden Montagabend im "The Edinburgh" in der Sandown Lane und hat viele Fans, die nicht nur gerne und oft das eine oder andere Pint Guinness goutieren, sondern auch zünftige Musik, die am Ende immer in Melancholie versinkt, aber das muss ja so sein. Bombus' Folk-Affinität beschränkt sich dagegen auf die Ansagen ihres Sängers ("What's up, folks?"), ziemlich goil ist ihr Geschrote aber allemal.

Das Plattenfirmen-Info wirft erst einmal fünf Namen ins Rund (Motörhead, The Melvins, Metallica, Entombed, Poison Idea) und fährt dann fort: "Nach sechs bis acht Bieren und der Lautstärke am oberen Anschlag könnte man noch W.A.S.P. und Mastodon mit ins Spiel bringen." Ja, könnte man, müsste man aber nicht, denn eigentlich werden auf dieser 40-Minuten-CD nur Mastodon offenbar, mit gutem Willen noch Motörhead (zugegebenermaßen recht deutlich im Uptempo-Opener "Enter The Night") und rockigere Entombed.

Bombus: Machen irgendwas mit Papageien.
Patrik Vincent

Bombus: Machen irgendwas mit Papageien.

Ansonsten haben die Schweden vor allem viel von ihren norwegischen Nachbarn gelernt, denn "A Safe Passage", "Let Her Die", die 7"-Auskopplung "Apparatus" oder der Titelsong atmen genauso den Geist von Turbonegro wie den von Kvelertak, man muss sich nur vorstellen, man hätte der einen Band die asseligsten Punk-Spitzen geraubt und der anderen die gelegentlichen Black-Metal-Ausraster. Und manchmal, aber nur manchmal ("Liars", "Into The Fire") denkt man sogar an den unnachahmlichen Science-Fiction-Groove-Rock, den Voivod zu "Angel Rat"-Zeiten, also in den frühen Neunzigern, in den Orbit geschossen haben. Dass diese Mischung anfangs sperrig wirkt, ist nicht verwunderlich: Viele, auch sehr melodische Momente bleiben erst nach intensiver Beschäftigung. But nobody said it was easy. (Gesamtwertung: 8) Boris Kaiser

Anspruch: Wer Turbonegro mit Voivod verbindet, kann ja gar nicht auf den Kopf gefallen sein. (7,5)

Artwork: "Sie haben uns ein Denkmal gebaut/ Und jeder Vollidiot weiß, dass das das Cover versaut". (6)

Aussehen: Da gibt's nix zu meckern. Die vier jungen Herren gehen sowohl an der Schnapsbude beim Party.San als auch am Demeter-Buffet in der SPIEGEL-Kantine als echt dufte durch. (8)

Aussagen: "Bombus hatten die Vision, ihre einzigartige Version von No-bullshit-Metal und -Hardrock, serviert mit einer Scheibe Punkrock-Energie, zu spielen." Crazy as a coconut! (4) Boris Kaiser


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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