Amtlich: Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von Jan Wigger und Boris Kaiser

Erstens: Diese "Amtlich"-Folge ist - schon wieder, wie fies! - nur eine Teil-Ausgabe. Ein paar Brocken besprechen wir nämlich erst kommende Woche. Und zweitens stellen sich drei Fragen: Magnum? Heart? Ist das Euer Ernst? Zum Glück reicht für alle drei Fragen ein und dieselbe Antwort: Natürlich!

Heart - "Strange Euphoria" (Epic/ Sony)
(bereits erschienen)

Aus unzähligen Leserbriefen weiß ich, dass Sie, liebe "Amtlich"-Maniacs, sich meine Arbeit maximal glamourös vorstellen: Eigene Sekretärin, Sex-Service in der Mittagspause, Essen und Drogen auf Rädern, dazwischen geistreich-ironischer Facebook-Verkehr mit Diedrich Diederichsen und Uwe Kopf.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Während Kollege Dörting sich in kürzester Zeit den Ruf eines einsamen, grüblerischen Wolfs im Traumboy-Look (schwarze Motorradjacke, Stuart-Hughes-i-Phone mit Brillanten, Augen wie Orlando Bloom, Tiamat-Longsleeve) erarbeitet hat und ab 5 Uhr morgens die einschlägigen Clubs und Kneipen erfolgreich nach leichter Beute absucht, sitze ich allein in einem 2qm großen, Barton-Fink-mäßigen Zimmer, in dem es von den Wänden tropft, und schreibe auf einer Vorkriegsschreibmaschine über das Box-Set der Rockgruppe Heart.

Wie Boris Kaiser in seiner eigenen "Strange Euphoria"-Besprechung (der Mann hat eine dreispaltige Kolumne in einer Zeitschrift, in der Frank Albrecht regelmäßig neue Staubsaugermodelle empfiehlt) vergaß, zu erwähnen, ist dieses Set zwar äußerst erschwinglich, aber, nun ja, nicht sehr "wertig" (endlich mal diesen geilen Buchhalterbegriff untergebracht, Danke Gott, du bist so gnädig!): Als ich gestern abend einen Fettfleck aufs Booklet machte und heute morgen nachschaute, war er immer noch da. Der totale Downer! Musikalisch gibt es selbstmurmelnd nichts zu kritteln: Von der großartigen Prä-Heart-Nummer "Through Eyes & Glass" (Ann Wilson & The Daybreaks) bis zum etwas seifigen, klassischen Hairspray-Power-Rock der siegreichen "Bad Animals"-Phase (die Frisuren konnten es damals durchaus mit Harem Scarem aufnehmen) ist alles enthalten, "was das Metalherz begehrt" (Hahaha, ogottogottogott!).

Heart: Ohne ihre Riffs stünde es schlecht um den heutigen Satanismus Zur Großansicht
Getty Images

Heart: Ohne ihre Riffs stünde es schlecht um den heutigen Satanismus

Kein Geheimnis wird auch auf "Strange Euphoria" aus den beiden größten Heart-Alben "Dreamboat Annie" (fast schon Fleetwood Mac) und "Little Queen" (Heart als die amerikanischen Led Zeppelin, also so wie immer) gemacht: Ohne das "Barracuda"-Riff gäbe es die heutigen, echten Satanisten (The Devil's Blood, der Fußballer Breno) wahrscheinlich gar nicht. Was allerdings den Vorteil hätte, dass man mich nicht mehr ständig fragen würde, ob ich selbst Satanist bin und wie ich das eigentlich mit meinem buddhistischen Glauben (Sex ist erlaubt, der Rest verboten!) vereinbare.

Ach so, sie brauchen noch Informationen zum Kaufprodukt? 3 CDs, eine DVD, 51 Songs aus allen Karriereabschnitten, darunter unveröffentlichte Demos, Live-Versionen ("Never" mit John Paul Jones!), zwei Lovemongers-Stücke, Solo-Kram, und ein extensives Booklet mit phantastischem (!) Seite-3-Foto. Wer "Picnic At Hanging Rock" gesehen hat, weiß, was ich meine. (Gesamtwertung: 8 Punkte) Jan Wigger

Anspruch: Hahaha. Früher hoch, heute nicht so hoch? (7)

Artwork: Ja, der Heart-Schriftzug ist peinlich und erinnert eher an Anja Schütes Meisterwerk "Zärtliche Cousinen" als an die superlässige Mischung aus Hardrock, Classic Rock und zauberischem, clever verwobenem Folk-Pop, für die die Wilson Sisters ja nun einmal bekannt waren, damals, ein, zwei Jahre, bevor Argentinien Weltmeister wurde (Oh, if I could turn back time). Wenn sie diesen Text lesen, habe ich "Strange Euphoria" bereits im Kleiderschrank versteckt. Ich bekomme nämlich Besuch. (5,5)

Aussehen: Nicht mein Fall. (4,5)

Aussagen: "Die Ost+Front rückt näher: Die neue deutsche Härte fährt brandneue schwere Geschütze auf! Ost+Front liefern stoische Riffs, messerscharfe deutsche Texte und jede Menge Provokation. Laut, brutal, ehrlich, unbequem und dennoch unwiderstehlich. Als Klang gewordener Feuersturm präsentieren sich Ost+Front wie ein böser Bruder jener Band, die das rollende "r" wieder salonfähig gemacht hat und entführen in eine von brachialer Maskerade geprägte Endzeitwelt voller Hass, Verachtung und ungezügelter Fleischeslust!" Dass das nichts mit Heart zu tun hat, sondern nur ein kleines Infoschreiben ist, dass ich momentan total abfeiere, haben Sie aber schon bemerkt, oder? (10) Jan Wigger

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1. Heart halt
papene 14.09.2012
Ja! Neulich, beim CD-Entsorgen. Soll heißen, digitalisieren und dann weg mit dem Jahrzehnte alten Plastikstuss. Jedenfalls wollte ich in einem an sich unverzeihlichen Anfall von, sagen wir 'Schwäche', meinem 8-Jährigen, der heftig 24-Jährigen und meinem stratigraphisch eigentlich besonders nahe stehenden Forty-Plus-Bruder die - nun ja - Schönheiten von Heart's 'Dreamboat Annie' nahe bringen. Allen gemeinsam zur selben Zeit. Big fail. Oje. Klar, ich weiß trotz nachlassender Sehkraft immer noch und schon länger als die Delinquenten zusammen, wie Kacke Logo, Design und Frisuren der Mädel von Anfang an waren (file under 'metal': muahaha). Und dass Querflöte, Kammerorchester, Banjo, von merkwürdigen ELP-Synthie-Solos nicht zu reden, im Verein mit Schweinerock-Gitarren und Eagles-Chören beim Erstkontakt zwei, drei Irritationen auf der Hautoberfläche Spätgeborener erzeugen, ist bedauerlich, aber ernüchternd häufig. Trotzdem muss man doch auch im aktuellen ultro-coolen (Betonung auf 'kalt') Syfy-iCentury die Wahrhaftigkeit von Dingern wie 'Magic Man', 'Soul of the Sea', 'Sing Child' und dem für mich alten Knochen noch besseren Christine-McVie-Sing-a-like 'How Deep It Goes' irgendwie ... Schwamm drüber. Ich werd also alt. 'Barracuda' kennt die Tochter überraschenderweise: "Das ist von denen?!" Weil, auch jetzt noch Jungs-Party-Knaller, von irgendeinem McDonalds-Sampler gerippt. Alles danach ist Kacke, was die lieben Kleinen nie erfahren werden. Zum Glück. Pop hat keine Geschichte. Schade. Dass man sich mit Tochter z.B. über Beyoncés kompressionsfreie Songs ('If I Were a Boy', 'Halo', etc.) verständigen kann, und mit Söhnchen über das eine oder andere Lana Del Rey-Gemunkel oder Frau Gagas live-acoustic-Versionen diverser Dampfhämmer, ist vermutlich eher Strohhalm als Hoffnung ...
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  • Freitag, 14.09.2012 – 15:51 Uhr
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"Abgehört" und "Amtlich" live

"Amtlich"-Gastautor Boris Kaiser
  • Boris Kaiser, 38, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene.