Von Jan Wigger, Boris Kaiser und Thorsten Dörting
Liebe "Amtlich"-Freunde und Hasser,
noch ist Sommer, Wigger weilt auf seiner Finca, und Prof. Dr. Kaiser verweigert sich in seinem Hass auf den akademischen Nachwuchs der Einsicht, dass selbst sogenannte Studentenhypes nicht zwingend bedeuten, dass die gehypte Sache an sich den Hype nicht auch rechtfertigen kann. Anders gesagt: Wir führen einen kleinen Disput über ein großartiges Album (siehe hier), das er nur gut findet. Seiner argumentativen Niederlage hat er zeitweise versucht aus dem Weg zu gehen, indem er sich einer Mittfuffzigerin an den Hals geschmissen hat. Ganz schön eklig. Aber lesen Sie selbst.
Wie soll man bitte mit solchen Leuten zusammenarbeiten? Am liebsten gar nicht. Daher lasse ich die beiden diese Woche allein hier rumgrützen. Übersetzt heißt das: Aus redaktionellen Gründen erscheint "Amtlich" auch im August in zwei Teilen. Kommende Woche dann: die triumphale Rückkehr von Witchcraft, was zum Gucken von Judas Priest, Kiff-Kram von Vinum Sabbatum. Und ein paar wirklich sehr hübsche Bilder, die sind aber eine Überraschung. Und mehr.
Bis denne.
tdo
Katatonia - "Dead End Kings"
(Peaceville/Edel, erscheint am 24. August)
Nur wenige Tage später erhielt ich Antwort auf schönstem Bütten: Ihr Mann sei lange schon verstorben und ihre Tochter Julia seit kurzem aus dem Haus, um Kunstgeschichte zu studieren, erzählte sie mir frank und frei. Und als einsame Höhepunkte in ihrem Leben könne man lediglich die wunderbaren Theaterbesuche mit ihrer besten Freundin Marlene, vor wenigen Wochen noch bei Castorf in Berlin, sowie die regelmäßigen Kurzreisen an die Nordsee bezeichnen, mal alleine, mal mit den anderen "Mädels" von der "Tafel". Jedenfalls, so berichtete Brigitte weiter, sei ihr beim letzten Sylt-Besuch etwas wirklich Seltsames widerfahren, aber sie sei durchaus bereit, das Ganze als Wink des Schicksals zu betrachten. Sie druckste noch ein wenig in ihrer eigenwillig elaborierten Sprache herum, dann brach sich plötzlich alles Bahn: Auf der Damentoilette von "Gosch" sei es passiert, dritte Kabine von links, es musste wohl jemand verloren haben, rot-schwarz glänzte es dort in der Ecke - und sie hätte es einfach eingesteckt.
Noch im IC zurück aufs Festland, sämtliche Mitreisenden seien vertieft in ihre Gratis-Exemplare der "Welt" gewesen, hätte sie, wie sie es ausdrückte, mit dem Schmökern angefangen. Bereits nach wenigen Kapiteln sei ihr ein wenig "blümerant" geworden, gestand Brigitte, "ganz anders", "heiß" sogar. Ob mir das denn geläufig sei, dieses "Shades Of Grey", fragte sie mich schließlich und wirkte auf einmal regelrecht fordernd - und ob ich einer "spielerischen Annäherung an gewisse Freuden" denn überhaupt aufgeschlossen gegenüberstünde, bei einer "Brieffreundschaft" müsse es ja nun wirklich nicht bleiben."Nun, liebste Brigitte", antwortete ich ihr ein wenig verlegen, dabei durchaus neugierig, "als sogenannter Heavy-Metal-Schreiberling habe ich mich zwar noch nicht mit E. L. James' - entschuldigen Sie das billige Wortspiel! - fesselndem Welterfolg auseinandergesetzt, im Laufe der Jahre aber sehr wohl mit diversen musikalischen Klassikern von überzeugten Botschaftern geheimer Lüste". Und ich warf - vielleicht ein wenig zu unüberlegt! - mit Namen wie Pungent Stench, Belphegor, Savage Grace, Genitorturers und auch The Mentors um mich.
Es vergingen einige Wochen, bis ich erneut von Brigitte hörte. Sie sei zuerst entsetzt gewesen, als sie sich im Internet über die von mir aufgezählten Bands schlau gemacht habe. Dann aber habe sie sich an die SPIEGEL-ONLINE-Heavy-Metal-Koryphäen Jan Dörting und Thorsten Wigger gewandt, um in Erfahrung zu bringen, ob es da denn keinen "Mittelweg" gäbe. Wigger sei nicht sonderlich hilfreich gewesen ("Mayhem! Darkthrone! Impaled Nazarene!"), Dörting habe ihr aber von einer Spielrichtung namens Gothic Metal berichtet, die zwar vielleicht nicht genau das sei, was sie suche, aber zumindest jede Menge "Dunkelheit evoziere" und somit per se sicherlich nicht ungeeignet, um "experimentierfreudige Damen in den allerbesten Jahren" (so drückte Dörting sich aus) und Heavy-Metal-Schreiberlinge zusammenzubringen.
Bei unserem ersten Treffen, ich besuchte Brigitte in ihrem nach Chanel und Chardonnay fast schon müffelnden Bungalow, hatte ich also nicht nur einen Strauß Rosen jenseits der Grenze zur Aufdringlichkeit dabei, sondern in meinem Sabaton-Promo-Rucksack steckten CDs von EverEve, Crematory, Theatre Of Tragedy, Secret Discovery und Katatonia. Als wir uns bei einem rauchigen Single Malt durch die Alben hörten, mir lief der Schweiß in Strömen, denn Brigitte hatte bei 21 Grad Außentemperatur den Kamin angezündet, waren wir uns in unserem Echauffieren allerdings schnell einig: Wer Castorf goutiert, erlebt bei EverEve, Crematory, Theatre Of Tragedy und Secret Discovery sein blaues Wunder. Denn mit diesem, man muss es leider so sagen, Vollrotz kommt man ja nun wirklich nicht in Stimmung. Wir wollten aufgeben und einer Bach-Fuge, einem Händel-Oratorium oder irgendwas von John Coltrane den Vorzug geben, legten dann aber doch noch "Dead End Kings", das neue Album von Katatonia, das mir eine mehrfach prämierte Brieftaube einen Tag vorher aus Schweden nach Hause gebracht hatte, in den uralten High-End-CD-Player mit seiner leider klemmenden Lade. Und höre da: Dörting hatte nicht zu viel versprochen.
Zwar muss man sicherlich mehr noch als in den Jahren zuvor fragen, ob Katatonia, die bereits neun Studioalben vorweisen können, überhaupt noch irgendetwas mit diesem "Gothic Metal" zu tun haben, die Qualität ihrer Musik nahm uns aber sofort gefangen: Fordernd komponierte, nach kurzer Zeit grandios zündende Dunkel-Rock-Pretiosen wie der Album-Opener "The Parting", die extrem dynamischen "Hypnone" und "Lethean" oder die kompromisslos auf den Punkt kommenden "The Racing Heart" und "Ambitions" bewegen sich kaum auf ausgetretenen Pfaden, sondern stattdessen deutlich an der Grenze zum offeneren, anspruchsvolleren New Artrock. Und es scheint, als hätten Katatonia jüngst sehr viel von Kollegen wie Opeth und Porcupine Tree gelernt - was bei aller Tristesse und Traurigkeit übrigens auch das konsequente Vermeiden von offensichtlichem Pathos betrifft. Und dass die glasklare, tiefe, dabei druckvolle Produktion von Gitarrist Anders Nyström und Sänger Jonas Renkse genauso begeistert wie das extrem abwechslungsreiche Drumming des in der Szene völlig unterbewerteten Daniel Liljekvist, sei zumindest Musik-Nerds an dieser Stelle mitgeteilt. Brigitte interessiert das nämlich leider nicht wirklich.
Was Brigitte stattdessen interessiert, möchten Sie wissen? Das kann und will der Gentleman in mir nicht zu Papier bringen. Nur so viel: Wir zwei ungleichen Nachtschattengewächse warten sehnsüchtig auf den nächsten Teil der "Shades Of Grey"-Trilogie. Auf irgendeinem Klo wird die Schwarte demnächst schon rumliegen, da sind wir uns sicher. (Gesamtwertung: 8,5) Boris Kaiser
Anspruch: Meiner? Die Rezension endlich zum Abschluss bringen. (5,5)
Artwork: Das von Katatonia? Wirkt 'n bisschen zusammengeschustert. Aber was spricht schon gegen 'ne überdimensionale Vogelscheuche zwischen Bäumen und Strommasten? Genau: nix. (6,5)
Aussehen: Brigitte sieht für ihr Alter wirklich gut aus. (8)
Aussagen: Kein' Bock mehr jetzt. Wir sind hier doch nicht bei Baroness. (ohne Wertung) Boris Kaiser
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