Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von und Jan Wigger

Heilemania/ Nuclear Blast

2. Teil: Gojira - Kontinentalplatten beim Sex


Gojira - "L'Enfant Sauvage"
(Roadrunner Records, erscheint am 22. Juni)

Ein Album für Menschen, die wissen wollen, was die Erde am 16. Juli des Jahres 1945 um fünf Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden fühlte, als in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe der Geschichte auf ihrer Oberfläche explodierte. Für Menschen, die wissen wollen, was diese Atombombe fühlte, als sie explodierte. Für Leute, die eine Ahnung davon bekommen wollen, welche Geräusche zwei Kontinentalplatten machen, wenn sie miteinander ficken. Für Leute, die eine Ahnung davon bekommen wollen, welche Geräusche das Kontinentalplatten-Weibchen macht, wenn es nach einem Erdzeitalter Schwangerschaft ein Kind zur Welt bringt. Für Liebende, die selbst im Gesicht ihres sterbenden Geliebten eine Schönheit erkennen, die sie zum Erzittern bringt. Für Liebende, die wissen, dass dieses Erzittern auch das Letzte sein wird, was sie in ihrem eigenen Leben fühlen werden. Für junge Musiker, die vor dem Einschlafen dafür beten, dass im Himmel J. S. Bach mit C. Schuldiner eine Band gründet. Für Verehrer von Stanley Kubrick, die überzeugt sind, dass allein der Philosophenkönig unter den Regisseuren "Alien" hätte drehen dürfen. Für Aliens, die in ferner Zukunft hören wollen, wie es damals auf der Erde geklungen hat, als sie in die Luft flog. Für Aliens, die in ferner Zukunft Musik hören wollen, während sie die Erde in die Luft jagen. Für Musikliebhaber, die Prof. Dr. Boris Kaiser für eine mindestens genauso große Autorität halten wie Prof. Dr. Joachim Kaiser.


Okay, reicht jetzt, ist ja gut. Aber was soll man bitte über "L'Enfant Sauvage" auch schreiben, dieses fünfte Gojira-Album, auf dem die Franzosen so präzise, brutal und dringlich vorgehen, als wollten sie die Vivisektion eines Neugeborenen (ohne Narkose, natürlich) vertonen und mit der Zärtlichkeit eines sommerlichen Regengusses nach dem allerersten Kuss in einer einzigen Klangwelt verschmelzen? Es ist ein wahnwitziges, wahrscheinlich vergebliches Unterfangen, aber vermutlich wollen die Jungs beweisen, dass wild wuchernde Emotionen wie Wut, Hass oder Verzweiflung mit mathematischer Definitionsschärfe zu erfassen sind. Selbst im Gebrüll der furchterregendsten Riffmonster, die von dem schwerkraftlosen Drumming Mario Duplantiers hin und her getrieben werden ("Explode", "L'enfant sauvage", "The Gift Of Guilt"), verstecken sich filigrane Melodiebögen, die ab und an aufblitzen, nur um von sphärisch verspielten Interludien ("The Wild Healer") oder Song-Miniaturen ("Born In Winter") abgelöst zu werden, die wie vertonte fraktale Geographie klingen.

Gojira: Zu smart für diese Welt. Zu smart für diese Galaxie?
Roadrunner Records

Gojira: Zu smart für diese Welt. Zu smart für diese Galaxie?

Ach ja. Um den Mitgliedern der Gedärme-raus-Fraktion die Angst zu nehmen (Schiss habt Ihr, das weiß ich, Ihr Eingeweide-Schlucker): Ja, Gojira ziehen mit dem Wechsel zu Roadrunner jetzt fast in die Label-Luxus-Etage ein. Aber sie machen - obwohl sie längst über das Genre hinausgewachsen sind - noch immer so etwas wie Death Metal. Aber eben auch so etwas wie Prog. Ganz eigentlich gehören Gojira zu der sehr seltenen Spezies, auf die sich Hartwurst-Hausmannsköstler, Jazz-Rotweinschwenker und "Spex"-Diskursler einigen könnten, wenn sie nur wollten. So wie einst bei Voivod. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Hahahaha. Hoch? (10)

Artwork: Ein Scherenschnitt mit Blättern im Kopf, eingereicht von der Öko-AG der Rudolf-Steiner-Schule São Paulo. (6)

Aussehen: Call me cheesy, aber man sieht jedem der Jungs an den sensiblen Augen an, dass die Lehre zum Schlachtergesellen nur ein notwendiger Schritt auf der Suche nach der Weltformel war. (8,5)

Aussagen: "Fremder, sei gegrüßt. Wir sind Gojira. Wir zerstören Eure Galaxie mit einem Gedicht und schenken Euch ewiges Leben mit diesem Furzkissen." (9) Thorsten Dörting

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.