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14. Juni 2012, 18:58 Uhr

Amtlich

Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von und Jan Wigger

Kreator blasen alle um. Gojira auch, da bemitleidet man sogar Atombomben. Royal Thunder zeigen, was dickes Blut so anrichten kann. Gastkritiker Boris Kaiser hat Luxusprobleme mit Rush. Plus: Mille unternimmt eine Fotoreise zurück in die Geschichte von Kreator - und das "RockHard"-Festival.

Kreator - "Phantom Antichrist"
(Nuclear Blast, bereits erschienen)

Das Telefon klingelte so laut, dass die goldene Wählscheibe vibrierte und Miland Petrozza um ein Haar von seiner Chaiselongue gefallen wäre. Zu Tode erschrocken rückte er sein Monokel zurecht, seufzte leise und nahm den Hörer ab. "Mille! Alles gut?" - "Oh, Guten Morgen, Gerre!" - "Die neue Accu§er schon gehört? Läuft rein wie'n Frischgezapftes!" - "Aha. Nein, höre momentan wieder viel alte Outtakes von Animal Collective, dazu Thom-Yorke-Remixe und Claude Debussys Klavierkonzerte zu vier Händen. Außerdem warte ich auf die neue Jochen-Distelmeyer-Platte, die wohl 'Ich bin's, Jochen!' heissen wird, soweit ich das aus Berliner Kunstkreisen richtig vernommen habe." "Hä?" - "Ja, und heute Abend gehe ich natürlich wieder ins Kino, da werden restaurierte Versionen von 'Tagebuch einer Kammerzofe', 'Der Herbst der Familie Kohayagawa', 'Die Geschichte der Nana S.' und ausgewählte Experimentalfilme von Alexander Kluge gezeigt. Von dem lese ich gerade 'Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode'." - Hä?" - "Kennst du nicht?" - "Nee, da müsste ich jetzt mal Buffo fragen, aber der ist gerade mit Alter Bridge auf Tour in Nordkorea. Und die neue Krawallbrüder-Scheibe kennste auch nicht, oder wie? Die ist der Hammer, Mille, schraubt dir echt gepflegt die Rübe ab!" - "Nein, auch die nicht. Weißt du, Gerre, mir ist diese Thrash-Nummer einfach zu bourgeois, ich kann mich dort irgendwie nicht mehr verorten und spüre da auch durchaus so eine Art Entfremdung. Habe viel mit Michael Kiske und Jonathan Meese darüber gesprochen und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich erstmal raus bin. Band ist auch schon aufgelöst, ich arbeite jetzt nebenbei in der Veganer-Pommesbude, wo wir mal Steckrüben gegessen haben vor zwei Jahren, erinnerst du dich?"

- "Sag mal, spinnst du jetzt total?" - "Es tut mir leid, Gerre. Ich wünschte, ich könnte dir mehr dazu sagen." - "Ja, nee, ist ja schon gut. Auf den Schock brauch' ich jetzt aber erstmal zehn Bier." - "Ich würde dich sogar begleiten, aber ich mache gerade diese Saftkur und..." - "Assklar, dann bis bald mal, Mille!". Auf eine unerklärliche Weise schwermütig geworden, legte Petrozza den Hörer auf die Gabel und ging in die hauseigene Bibliothek, um nach dem achten Teil von Krzysztof Kielowskis "Dekalog" auf VHS zu suchen. Gerre dagegen gab sich irgendwo in Frankfurt-Sachsenhausen die Kante und veröffentlichte die zehn uralten Demos, die Mille vor einem halben Jahr zufällig auf dem Dachboden gefunden und ihm geschenkt hatte, unter dem Titel "Phantom Antichrist". (Gesamtwertung: 9) Jan Wigger

Anspruch: Die großen Vier des Thrash-Metal mit einem einzigen, bestialisch-rücksichtslosen Schlag in die Fresse für immer zum Schweigen bringen. Und siehe da: Schon der Titeltrack prügelt mit voller Double-Bass-Attacke alles weg, dazu gibt's plötzlich superamtliche Maiden/Lizzy-Twin-Guitars und feinste Soli von Sami Yli-Sirniö. (9)

Artwork: Völlig kranke, aber schweinegeile Mischung aus Goya, Delacroix, Alejandro Jodorowsky, "Army Of Darkness", Morgoths "Cursed", "Die Erschaffung Adams" und den Urzeitkrebsen aussem "Yps"-Heft. (8,5)

Aussehen: Zlatan Ibrahimovic mit offenen Haaren = 0 Prozent Metal. Mille Petrozza mit Frisch-aus'm-Bett-Frisur = 110 Prozent Metal. (9,5)

Aussagen: Die Piratenpartei (deren lächerlichster Protagonist sich "Faxe" nennt), auch bekannt als "irgendwelche Nerds, die keine Ahnung von Politik haben" (Mille), empfindet Petrozza ganz richtig als "völlig indiskutabel, angefangen von diesem peinlichen NSDAP-Vergleich bis zu den Angriffen gegen Musiker wie Sven Regener". Das Problem ist nur: Für eine emiritierte Politikerin sieht Marina Weisband schon sehr gut aus (Hört aber wahrscheinlich Beach House und isst vegetarisches Kichererbsenragout, so fuck it!). (8) Jan Wigger

Gojira - Kontinentalplatten beim Sex

Gojira - "L'Enfant Sauvage"
(Roadrunner Records, erscheint am 22. Juni)

Ein Album für Menschen, die wissen wollen, was die Erde am 16. Juli des Jahres 1945 um fünf Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden fühlte, als in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe der Geschichte auf ihrer Oberfläche explodierte. Für Menschen, die wissen wollen, was diese Atombombe fühlte, als sie explodierte. Für Leute, die eine Ahnung davon bekommen wollen, welche Geräusche zwei Kontinentalplatten machen, wenn sie miteinander ficken. Für Leute, die eine Ahnung davon bekommen wollen, welche Geräusche das Kontinentalplatten-Weibchen macht, wenn es nach einem Erdzeitalter Schwangerschaft ein Kind zur Welt bringt. Für Liebende, die selbst im Gesicht ihres sterbenden Geliebten eine Schönheit erkennen, die sie zum Erzittern bringt. Für Liebende, die wissen, dass dieses Erzittern auch das Letzte sein wird, was sie in ihrem eigenen Leben fühlen werden. Für junge Musiker, die vor dem Einschlafen dafür beten, dass im Himmel J. S. Bach mit C. Schuldiner eine Band gründet. Für Verehrer von Stanley Kubrick, die überzeugt sind, dass allein der Philosophenkönig unter den Regisseuren "Alien" hätte drehen dürfen. Für Aliens, die in ferner Zukunft hören wollen, wie es damals auf der Erde geklungen hat, als sie in die Luft flog. Für Aliens, die in ferner Zukunft Musik hören wollen, während sie die Erde in die Luft jagen. Für Musikliebhaber, die Prof. Dr. Boris Kaiser für eine mindestens genauso große Autorität halten wie Prof. Dr. Joachim Kaiser.


Okay, reicht jetzt, ist ja gut. Aber was soll man bitte über "L'Enfant Sauvage" auch schreiben, dieses fünfte Gojira-Album, auf dem die Franzosen so präzise, brutal und dringlich vorgehen, als wollten sie die Vivisektion eines Neugeborenen (ohne Narkose, natürlich) vertonen und mit der Zärtlichkeit eines sommerlichen Regengusses nach dem allerersten Kuss in einer einzigen Klangwelt verschmelzen? Es ist ein wahnwitziges, wahrscheinlich vergebliches Unterfangen, aber vermutlich wollen die Jungs beweisen, dass wild wuchernde Emotionen wie Wut, Hass oder Verzweiflung mit mathematischer Definitionsschärfe zu erfassen sind. Selbst im Gebrüll der furchterregendsten Riffmonster, die von dem schwerkraftlosen Drumming Mario Duplantiers hin und her getrieben werden ("Explode", "L'enfant sauvage", "The Gift Of Guilt"), verstecken sich filigrane Melodiebögen, die ab und an aufblitzen, nur um von sphärisch verspielten Interludien ("The Wild Healer") oder Song-Miniaturen ("Born In Winter") abgelöst zu werden, die wie vertonte fraktale Geographie klingen.

Ach ja. Um den Mitgliedern der Gedärme-raus-Fraktion die Angst zu nehmen (Schiss habt Ihr, das weiß ich, Ihr Eingeweide-Schlucker): Ja, Gojira ziehen mit dem Wechsel zu Roadrunner jetzt fast in die Label-Luxus-Etage ein. Aber sie machen - obwohl sie längst über das Genre hinausgewachsen sind - noch immer so etwas wie Death Metal. Aber eben auch so etwas wie Prog. Ganz eigentlich gehören Gojira zu der sehr seltenen Spezies, auf die sich Hartwurst-Hausmannsköstler, Jazz-Rotweinschwenker und "Spex"-Diskursler einigen könnten, wenn sie nur wollten. So wie einst bei Voivod. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Hahahaha. Hoch? (10)

Artwork: Ein Scherenschnitt mit Blättern im Kopf, eingereicht von der Öko-AG der Rudolf-Steiner-Schule São Paulo. (6)

Aussehen: Call me cheesy, aber man sieht jedem der Jungs an den sensiblen Augen an, dass die Lehre zum Schlachtergesellen nur ein notwendiger Schritt auf der Suche nach der Weltformel war. (8,5)

Aussagen: "Fremder, sei gegrüßt. Wir sind Gojira. Wir zerstören Eure Galaxie mit einem Gedicht und schenken Euch ewiges Leben mit diesem Furzkissen." (9) Thorsten Dörting

Royal Thunder - Das heiße Ding aus dem Sumpf

Royal Thunder - "CVI"
(Relapse Records, bereits erschienen)

Emory University Hospital Atlanta, Krankenakte von Miny Parsonz, Patientennummer 6×1018. Verantwortlicher Arzt: T. Ernst Doerting, M.D., Assistant Professor of Infectious Disease. Aktenvermerk vom 14. Juni 2012, 16:46 Uhr.

Die Patientin M.P. ist vor 48 Stunden aufgrund eines persönlich unterzeichneten Beschlusses von Chief Judge Julie E. Carnes des United States District Court for the Northern District of Georgia von fünf F.B.I.-Beamten in das Emory University Hospital verbracht worden. Sie soll einer ersten Diagnostik zugeführt werden, bis die mittlerweile informierten Kollegen des Centers for Disease Control aus Druid Hills am EUC eintreffen und weitere Schritte einleiten.

Frau P. war bis zu ihrer Festnahme nicht aktenkundig. Vor vier Tagen, am späten Sonntagmorgen um 11:47 Uhr, ging ein Anruf bei der Polizeidienststelle von Stone Mountain ein, einem Vorort von Atlanta. Ein älteres Ehepaar, das den Heimweg vom Gottesdienst in einer rund vier Kilometer entfernten Baptisten-Gemeinde für einen ausgedehnten Spaziergang nutzen wollte, beschwerte sich über einen süßlichen Gestank, der aus dem isoliert stehenden Haus von Frau P. strömte. Als zwei Beamte der Wache dort eintrafen, blieb ihr Klingeln und Klopfen unbeantwortet, so dass sie sich selbst Eintritt verschafften - die Haustür war nicht abgeschlossen. Als sie in Wohnzimmer, Küche und Bad vorstießen, fanden sie insgesamt elf Leichen vor: auf dem Sofa, auf dem Küchenboden, in der Badewanne, auf dem Klo. Alle waren bis auf die Knochen abgemagert, eine Leiche hatte Einschusslöcher in Kopf bzw. Brust, eine weitere eine aufgeschlitzte Kehle.

Ein sofort alarmiertes Sonderkommando traf ca. 25 Minuten später ein und untersuchte das obere Stockwerk und den Keller. Insgesamt befanden sich im Haus 17 Leichen, alle Opfer waren männlichen Geschlechts und, wie das gerichtsmedizinische Team um J. Wigger M.D., dem Chief Forensic Pathologist am EUC, feststellte, zwischen 21 und 39 Jahren alt. Frau P. selbst fanden die Beamten im Schlafzimmer im oberen Stockwerk: Sie schien körperlich in bester Verfassung, saß im Schneidersitz auf dem Bett - und sang wie in Trance vor sich hin. Auf dem Boden um ihr Bett herum hockten drei Männer, ebenfalls unterernährt, die P. auf elektrischen Gitarren begleiteten und sie laut übereinstimmender Aussage der Polizeibeamten "wie hypnotisiert anstarrten".

Da keine Gefahr im Verzug schien, machten die Beamten eine längere Aufnahme der Musik. Eine erste Analyse des Mitschnitts durch Prof. B. Kaiser von der School Of Music der Georgia State University führt folgende Charakteristika an: Schweres, getragenes Gitarrenriffing, das eher in Richtung Stoner Rock als Doom tendiert; besonders bei langen Kompositionen ein deutlicher psychedelischer Einschlag, so etwa bei dem fast zehnminütigen, von Prof. Kaiser als Königstitel bezeichneten "Blue", mit Abstrichen auch bei dem ähnlich langen "Shake And Shift". Auffällig, dass nur drei von zehn mitgeschnittenen Stücken unter fünf Minuten bleiben. Die kürzeren - wie "Whispering World" oder "No Good" - seien durchaus massenkompatible, hardrockige Stücke, wenngleich nie kommerziell. Bemerkenswert die Stimmkraft von P., sowohl in Phrasierung als auch im Ausdruck. Zitat Prof. Kaiser: "Sexy as fuck, evil as hell."


Die forensischen Ermittlungen dauern an, aber es gilt als gesichert, dass P. den Tod keiner der 17 Männer direkt herbeigeführt hat: Weder hat sie Nahrung vorenthalten, noch körperliche Gewalt ausgeübt. Die drei Überlebenden stützen dies mit ihren Aussagen: Sie hätten schlicht ihren Appetit verloren, so sehr hätten sie Gesang und Aura von P. absorbiert. Die gewaltsam zu Tode Gekommenen seien Opfer eines Eifersuchtsstreits, die Täter selbst unter den Verhungerten. Folgt man dieser Logik, haben sich die 17 Männer im wahrsten Sinne des Wortes nach Frau P. verzehrt. Was die Fixierung auf P. ausgelöst hat, ist ungeklärt. Es besteht der Verdacht einer viral verursachten Paranoia, als deren Wirt P. vermutet wird. Das CDC sieht die Gefahr einer Pandemie.

Eine Anamnese von Frau P. erwies sich bisher als unmöglich, da sie nicht spricht, sondern weiterhin nur singt. Ihr rauchiges Organ könnte auf fortgesetzten Alkoholabusus hindeuten, vermutlich Whiskey. Abgesehen davon zeigt sie - äußerlich - keine pathologischen Auffälligkeiten, im Gegenteil. P. ist eine attraktive Endzwanzigerin, eine "rassige Südstaatenschönheit" wie Pathologe Wigger etwas zotig witzelte. Erste Standard-Tests ergaben erstaunliche Befunde: Die Messung der Körpertemperatur bei Einlieferung um 7:15 Uhr ergab 37.0 °C (98.6 °F), eine Kontrollmessung sechs Stunden später, sprich zur heißen Mittagszeit, dann 40 °C (104 °F). Die daraufhin veranlasste Messreihe erhärtete den Verdacht, dass P. sensitiv auf die Außentemperatur reagiert, sie also de facto einer der legendären menschlichen Wechselblüter aus dem Okefenokee Swamp sein könnte (das Pflegepersonal scherzt bereits doppeldeutig: "Das heiße Ding aus dem Sumpf").


Das spezifische Blutgewicht von P. liegt bei 1887g/cm³ und damit um rund 80 Prozent höher als der Durchschnitt von 1055g/cm³. Ähnlich hohe Werte sind in der wissenschaftlichen Literatur nur bekannt von Schwerblütern wie Ronnie Van Zant, Tony Iommi oder Phil Anselmo. Die Serotonin-Konzentration im Blut von P. liegt dagegen deutlich unterhalb des Durchschnittswertes, was mit einer geringen Konzentration von 5-Hydroxy-Indolessigsäure im Urin korrespondiert, dem Endprodukt des Serotoninstoffwechsels. Dieser Doppelbefund könnte auf einen Serotonin-Mangel und damit eine Depression hindeuten, was die düster-schwermütige Anmutung von Gesang und Begleitmusik erklären könnte.

Es wird für P. dringend isolierte Unterbringung empfohlen, da mögliche Übertragungswege einer Krankheit unbekannt sind. Einige Pfleger waren P. nur zwei Stunden ausgesetzt und zeigten bereits Symptome (verweigerte Nahrungsaufnahme, glasige Augen), erholten sich aber recht schnell. Dauerte die Exposition länger als fünf Stunden, wie etwa im Fall von Prof. Kaiser, scheinen die Symptome irreversibel. Auch der verantwortlich behandelnde Arzt und Autor dieser Akte ist über diese Grenze gerutscht. Was scheißegal ist, denn eigentlich ist es viel wichtiger, dass ich Pfleger Larry erwische. Der Arsch guckt P. so notgeil an. Wo ist meine Jagdflinte noch mal? (Gesamtwertung: starke 7,5 Punkte) Thorsten Dörting

Anspruch: The Swamp Thing? The Swamp Sings! Oder: Was dem Deutschen sein Wald, ist dem Southerner sein Morast. (8)

Artwork: Sieht aus wie ein Peepshow-Guckloch auf dem Cover. Und was sieht man dann? Nö, doch nur ein Grab. (6,5)

Aussehen: Irgendwas zwischen Holzfäller, Easy Rider und Crystal-Meth-Schick (Bitte "Winter's Bone" gucken). Und dann erst die drei Typen! (8)

Aussage: Noch ein Filmtipp: "Slow Southern Steel" besorgen. Die Dok vermittelt eine Ahnung davon, was Südstaaten-Metaller denken könnten, wenn sie an ihren Bärten zupfen. (ohne Wertung) Thorsten Dörting

Rush - Verdammte Luxusprobleme, verdammte


Rush - "Clockwork Angels"
(Roadrunner Records, bereits erschienen)

Man kennt das ja, man sieht sie schließlich ständig, wenn man an einem ganz normalen Montag zu früher Stunde mal wieder vergnügt und tiefenentspannt die Kö, den Neuen Wall oder die Maximilianstraße entlangschlendert: Stützen unserer Gesellschaft kleckern ihren zurückhaltend gewählten Guten-Morgen-Riesling oder aber auch gerne eine prickelnd schöne Rosé-Witwe für den besonders geschmeidigen Start in die Woche auf feines Hermès-Tuch, weil die Hand noch nicht ganz ruhig ist, während die Knöllchenfrau schon wieder ein 50-Euro-Ticket an den ja nun wirklich nur kurz in zweiter Reihe geparkten X5 steckt, dabei soll sie doch froh sein, dass sie überhaupt einen Job hat, die dumme Gans. Und auch wenn man selbst im Gegensatz zur Partei garantiert niemals an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern wird, ist der Tag bereits jetzt gelaufen, fehlt nur noch, dass nachher schon wieder die verkorkste Brut aufschlägt, weil die Kohle hinten und vorne nicht reicht, warum musste Julia auch unbedingt Kunstgeschichte studieren.

Jedenfalls: Das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht ständig - pow! pow! pow! - all diese Alltagsfiaskos auf einen niederprasseln würden, am besten, man schraubt seine Erwartungen einfach ein Stück weit zurück, sonst nimmt das mit dem Scheißfluctin irgendwann noch überhand. Weißwein, Champagner, das wäre was. Aber man kommt leider selbst mit lediglich einem mittelstarken, mittelguten Kaffee (inklusive eines garantiert nicht aufgeschäumten Schlucks H-Milch) in Magen und Blut nicht umhin, sich pathetisch im Leid zu suhlen - sollen die Leute doch ruhig von Luxusproblemen reden! -, wenn man Jahrzehnte alles investiert hat, um dann bitterlich enttäuscht zu werden. Nein, ist natürlich nur Quatsch: "Bitterlich" muss von "Clockwork Angels" niemand enttäuscht sein - ein wenig mäkeln darf man als prinzipiell devoter Fan, zu dem man bereits im zarten Alter von zwölf wurde, aber sehr wohl. Denn was der (einst) besten Rockband der Welt, der Elite des Prog, mittlerweile nicht mehr ganz so offensiv aus den (nach wie vor) um alle Ecken denkenden Köpfen und (früher mal) rasend leidenschaftlichen Herzen sprudelt, sind die magischen Melodien, getragen von Geddy Lees hoher wie völlig einzigartiger Stimme, die man, einmal gehört, nie wieder vergessen wird.


Nur "The Wreckers", an Position acht des 19. Studioalbums versteckt, ist so ein Wunderwerk, das wahrscheinlich wirklich nur dieses kanadische Trio zu schreiben im Stande ist, und der balladeske Abschluss "The Garden" stürzt einen zumindest an schlechteren Tagen des Lebens (siehe bitte weiter oben!) ins Tal der Tränen. Der Rest, und das darf man so zusammenfassen, ist wunderbarer Nerd-Rock, wie schon auf den qualitativ vergleichbaren "Vapor Trails" (2002) und "Snakes & Arrows" (2007) eher geradeaus als alle möglichen Wendungen nehmend komponiert, dem man gerne Zeit schenkt und zuhört, weil ja dann doch noch so einiges im Hintergrund passiert, der am eigenen Œuvre allerdings tatsächlich scheitert, mittlerweile wohl auch scheitern muss. Aber seien wir nicht zu hart mit dem jüngsten Sprössling: Die Sorgen, die er bereitet, sind minimal. Ein Luxusproblem eben. (Gesamtwertung: 8,5) Boris Kaiser

Anspruch: Nee, liebe Leute, ohne mich. Für die Texte von "Clockwork Angels" standen Pate: Voltaire, John Barth, Michael Ondaatje, Joseph Conrad, Robertson Davies, Herbert Gold, Daphne du Maurier, Cormac McCarthy sowie Diane Ackerman, und von diesem ganzen Steampunk-Gedöns wollen wir gar nicht erst reden. Ich würde mich da ja gerne durcharbeiten, aber es ist EM, und gleich spielt Griechenland, und die - Achtung: Wahnsinnsjoke! - brauchen bekanntlich jede Unterstützung aus Deutschland. (wahrscheinlich 9,5)

Artwork: Wie immer von Hugh Syme. Könnte diesmal aber auch das Cover einer x-beliebigen Melodic-Power-Metal-Platte aus Madagaskar, Mazedonien oder Malaysia sein. Schön für smart asses: Die Uhr zeigt zwölf nach neun. "2112", you know? (5)

Aussehen: Es gibt im Geheimen mittlerweile wirklich Stimmen, die behaupten, Geddy Lee sänge immer mehr wie seine eigene Oma. Das finde ich übertrieben. Allerdings: Er sieht mittlerweile aus wie seine eigene Oma. Der Rest der Band: elder statesmen in Joggingschuhen. Nun ja. (4,5)

Aussagen: Wir haben's nicht mehr nötig, in euren bescheuerten Wettbewerb einzusteigen. Wir sind fuckin' Rush, und wir haben Spaß dabei. (10) Boris Kaiser

Alle bisherigen "Amtlich"-Kolumnen finden Sie hier. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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