Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Age Of Taurus: Dröhnen und fuzzen können sie auch Zur Großansicht
Ester Segarra

Age Of Taurus: Dröhnen und fuzzen können sie auch

Jeff Hanneman von Slayer ist tot. Und was gibt's sonst noch in der Mai-Ausgabe unserer Kolumne? Age Of Taurus aus England machen viel richtig, zum Beispiel rocken sie so wie Claudia Roth. Die Black Star Riders dagegen kratzen nicht nur am Schlager, sie machen manchmal sogar Schlager.

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Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
hier ist - wie versprochen - die Mai-Ausgabe unserer Kolumne. Allerdings nur die erste Hälfte, die zweite folgt kommende Woche. Warum? Eigentlich sollte diese elendige Aufsplitterei ja ein Ende haben, aber an diesem Tag war die Sache sehr simpel: Entweder die Reviews zu Ende schreiben. Oder den verstorbenen Jeff Hanneman würdigen.

Ihr findet den Nachruf auf den Slayer-Gitarristen hier.

Bis denne.

Age Of Taurus - "Desperate Souls Of Tortured Times"
(Rise Above/Soulfood, erscheint am 31. Mai)

Wäre ja hochgradig albern, diese Band hieße im Jahre 2013 nicht Age Of Taurus, sondern meinetwegen Age Of Capricorn, also "Zeitalter des Steinbocks": Jimi Blue Ochsenknecht zum Beispiel, geboren Ende Dezember, war zwar in einer Folge des ZDF-Krachers "Notruf Hafenkante" zu sehen, bei den Oscars dagegen nicht. Oder Uli Hoeneß, Anfang Januar auf diese würstchengierige Welt geschlüpft: Ist in jüngerer Vergangenheit als Philanthrop von altem Schrot und Korn für seine Belegschaft extra mehrfach über die Schweizer Grenze gejettet, um die eine oder andere Kiste Toblerone zu kaufen, hat sich an der Kasse aber anscheinend immer wieder verheddert. Und Kevin Russell erst, dieser nimmersatte Speed-Freak... Nun ja, lassen wir das lieber.

Age Of Taurus jedenfalls passt heutzutage deutlich besser, denn das "Zeitalter des Stiers" - in der Astrologie, die mein zweitliebstes Hobby ist (am allerliebsten erschaffe ich in meiner Freizeit Gobelinbilder mit Blumen und/oder Pferden und höre dazu Haemorrhage und Cliteater), auch Synonym für das alte Ägypten - erlebt seine Renaissance, man kann das leicht verifizieren. Schauen wir auf Claudia Roth, geboren am 15. Mai, die letzten Sonntag in bester Ton-Steine-Scherben-Manier den Parteitag der Grünen "gerockt" hat, wie "tagesschau.de" schrieb: Läuft. Oder Carsten Maschmeyer: Läuft. Sky du Mont: Läuft. Ranga Yogeshwar: Läuft. Man kann noch lange so weitermachen, den Stieren fliegen die Erfolge zu!

Dass Toby Wright, Sänger, Gitarrist und Gründer der Band, um die es an dieser Stelle geht, und zudem ein großer Fan der New Wave Of British Heavy Metal, vom Bullen-Hype profitieren möchte, ist legitim, und es verwunderte nicht, sprächen Musikbegeisterte in Bälde mit Respekt und Achtung von ihm und seinen Mannen, denn das Debütalbum "Desperate Souls Of Tortured Times" wird zwar wahrscheinlich nur wegen des musikalischen Zeitgeists mit einigem Tamtam veröffentlicht, reüssiert aber locker: In 42 Minuten offeriert das englische Quartett, das als größte Einflüsse Candlemass, Trouble und Revelation angibt, feinen Doom Metal, der mal episch auf ganz große Gefühle setzt, mal in bester Siebziger-Manier nach vorne treibt, als wäre nach Black Sabbath nichts mehr gekommen, und mal zumindest ein kleines bisschen dröhnt und fuzzt, dass auch der Hipster den Kauf seiner zweiten LP erwägt (die alte Beatles-Best-of von Mama hat er schon). Von den sieben Songs, allesamt echt und trocken, aber niemals zu dünn von Ghost/Hexvessel-Produzent Jaime Gomez Arellano in Szene gesetzt, reißt qualitativ kein einziger die Latte, ganz oben grüßen "Sinking City" und "Walk With Me, My Queen", Genrehits, an denen es nullkommanix auszusetzen gibt. (Gesamtwertung: 8) Boris Kaiser

Anspruch: "Some might assume that 'Desperate Souls Of Tortured Times' is a concept album. However in reality, Age Of Taurus is more like a concept band, intent on delivering undiluted and intriguing Heavy Metal to all that will listen." Sage ich auch immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß: "Du, ich bin eher so der Konzept-Typ!" (6,5)

Artwork: Ja, ist denn schon wieder Weltuntergang? (8)

Aussehen: Buschige Bärte sind in, mit langen Haaren schockt man nicht mal mehr in Oberbayern, und Patches von Quartz, More und Venom beweisen Stil. Als neue L'Oréal-Gesichter werden einem Toby, Richard, Alastair und Darius aber trotzdem nicht begegnen: zu viele Pickel vom Saufen. (7)

Aussagen: "Wetten, wir spielen nächstes Jahr beim Roadburn?" (7,5) Boris Kaiser

Black Star Riders - "All Hell Breaks Loose"
(Nuclear Blast/Warner, erscheint am 24. Mai)

"Ahl Männer, aalglatt"? Das vorab ausgekoppelte "Bound For Glory" zerstreute alle Sorgen, dass die offiziellen Thin-Lizzy-Nachfolger um Gitarrist Scott Gorham und Ex-The-Almighty-Frontmann Ricky Warwick (der als Phil-Lynott-Ersatz eine gute Figur macht) in allzu bräsige Rentner-Rock-Gefilde abrutschen, und ließ die Sonne als beste Lizzy-Nummer seit, nun ja, den fettesten Stücken des amtlichen Dead-Lord-Debüts "Goodbye Repentance" aufgehen. Umso überraschender die erste Runde, die "All Hell Breaks Loose" im CD-Player dreht: Bereits der Opener und Titeltrack wird seiner textlichen Verheißung nur wenig gerecht, das Ganze wirkt wie mit angezogener Handbremse gespielt, so als wolle man es lieber nicht übertreiben. An den Song "All Hell Breaks Loose" gewöhnt man sich nach mehrmaligem Hören, er hat einen guten Flow, swingt beinahe und steht damit in einer beklatschenswerten Reihe mit "Bound For Glory", dem drückenden "Bloodshot", dem Good-time-Mini-Hit "Kissin' The Ground" sowie den abschließenden "Before The War" und "Blues Ain't So Bad".

Die Black Star Riders: Da ist Schlager mit im Spiel Zur Großansicht
Nuclear Blast

Die Black Star Riders: Da ist Schlager mit im Spiel

Doch dazwischen regiert leider der Leerlauf, was "All Hell Breaks Loose", von dem man sich eben so viel erhofft hatte, zu einer kleinen Enttäuschung macht, die man sich letzten Endes in die Sammlung stellen kann, aber nicht stellen muss: Die eher an Gary Moore als Lizzy erinnernde Irish-Folk-Verbeugung "Kingdom Of The Lost" kratzt im Refrain nicht nur am Schlager, sie IST Schlager, der Chorus von "Hoodoo Voodoo" evoziert fiese Achtziger-Ami-Schwanzrock-Untiefen, und das schlicht langweilige "Valley Of The Stones" lädt genauso zum Skippen ein wie Gorhams Lieblingsnummer "Someday Salvation", die er in letzter Minute noch auf die Platte gedrückt hat, wie Warwick in einem Interview erzählte. Man muss sich über "All Hell Breaks Loose" bestimmt nicht ärgern. Aber es ist gut, dass das Album nicht unter dem Namen Thin Lizzy erscheint. (Gesamtwertung: 7,5) Boris Kaiser

Anspruch: Hahaha. Thin Lizzy ersetzen? (10)

Artwork: Am Computer lieblos generierter Pin-up- und Army-Käse. Ganz schön unschön. (4)

Aussehen: Weit und breit kein True Religion, Affliction & Co., stattdessen stilvoll gealterte Herren in Schwarz. Respekt! (8)

Aussagen: The boys are back in town. (7,5) Boris Kaiser


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 515 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul 06.05.2011
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3. Frei ohne Titel
Shiraz 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
4. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
5. Nix Versteh
kingofmetal 24.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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