Von Thorsten Dörting und Boris Kaiser
Witchcraft - "Legend"
(Nuclear Blast, bereits erschienen)
Und wie bitte sollte dieses Schicksal noch abzuwenden sein? Nun, da selbst die Schweden allen Mut verloren hatten? Die Nachfahren der wagemutigen Wikinger, die, vergessen wir die gelegentliche Brandschatzung, so vorbildlich ihre Entdeckerlust gelebt hatten, die dank unstillbarer Neugier sogar bis nach Amerika gelangt waren. Und nun, das wurde mir mit "Legend" schlagartig deutlich, suhlen sich die stolzen Skandinavier genauso selbstvergessen in der Vergangenheit, wie sich Markus Lanz in seiner sämigen Soße aus serviler Seniorensedation suhlt, die das ZDF als Talkshow bezeichnet.
Was der Sermon soll? Naja, genau wie ihre Landsleute von Graveyard, Horisont oder den Spiders sind Witchcraft aus Örebro von Gestern. Und ihr brandneues Album ist uralt, zwischen 32 und 42 Jahre. Je nachdem, wo das Ohr hängenbleibt, entdeckt der Hörer betörende Psychedeliablümchen, mit Feinmechaniker-Händen geschmiedete Doomhämmerchen, elegant verschraubte Hardrock-Hymnen. Und das alles klingt so unangestrengt nach "Sexy Seventies", wie Romy Schneider in "Die Dinge des Lebens" danach aussieht.
"Magnus Pelander, Du Sau!", verfluchte ich den Kopf der Band stellvertretend für uns bornierte Europäer, während mich finstere Zukunftsvisionen plagten, von Sporthochschulen in Nanking oder Ulan-Bator, wo in dreißig, vierzig Jahren die europäischste aller Sportarten, der geheiligte König Fußball, nur noch als belächeltes Orchideenfach unterrichtet werden wird, weil Europa samt seiner Errungenschaften eben nun einmal im Orkus der Irrelevanz verschwunden sein wird.
"Warum nur, Magnus?", barmte ich nochmals. Fünf Jahre hatte ich gewartet auf ein neues Witchcraft-Werk, eine entbehrungsreiche, harte Zeit, die ich nur überstanden hatte, weil Freunde mir fantasiereich Trost gespendet hatten ("Andere warten so lange auf eine neue Niere!"). Tja, und am Ende stand die ja oben bereits ausgebreitete, niederschmetternde Erkenntnis: Goile Pladde. Aber geopolitisch sind wir im Arsch.
Mit dem bittersüßen Gefühl, meine düstere Sicht auf die Zeitenläufte einmal mehr bestätigt bekommen zu haben, wollte ich schon in meiner Hausbibliothek nach dem ollen Spengler suchen, um mir und dem Abendland mal wieder den Rest zu geben, als mein Blick auf das Label-Schreiben zu "Legend" fiel. So ein Waschzettel ist ja selten ein Quell der Inspiration. Dieser aber schon. Der weise Bruder Anselmo hatte ein Geleitwort verfasst, um sich vor Witchcraft zu verneigen. Und ein Satz erinnerte mich an eine philosophische Denkfigur, die ich im Zustand blindwütigen Selbsthasses vergessen hatte: Dialektik. Fratre Phil Anselmo hatte geschrieben: "Not many bands have actually created something NEW out of something OLD the way these musicians have."
Also, ohne Scheiß jetzt mal: Witchcraft verzieren auf "Legend" klassisch angelegte Doom-Pfade durch mit feinem Gitarrengewerk gestaltete Melodiebögen, sie verpaaren verpeilte Doors mit verpeilten Black Sabbath ("Dystopia"), sie breiten sich episch aus, ohne sich selbst oder den Hörer zu verlieren ("Dead End"). Vor allem aber garnieren sie - und was soll schlecht daran sein? - ihre Songs mit perfekt gesüßten Pop-Häuptchen, so dass man nascht und nascht, sich aber nie den Magen verdirbt. "It's Not Because Of You" ist ein veritabler Hit, den sogar eine deutsche Formatradio-Station spielen könnte, ohne dass deren Head of Musical Content um seinen verachtenswerten Job bangen müsste. Und "An Alternative To Freedom" ist eine grazile, etwas spröde Schönheit, vor der ehrfürchtig auf die Knie zu sinken ein Akt bereitwillig vollzogener Selbstdemütigung ist.
Die Produktion von "Legend" kommt glatter und glitzernder daher als die des Vorgängers "The Alchemist", zum Ärger vieler Alt-Fans, denn hier röhrt es gar nicht so herrlich analog wie woanders in Retroland. Aber auch das hat natürlich System bei Witchcrafts Neuerfindung des Alten, die Chef Pelander übrigens selbst mit seinem zwitterhaften Organ krönt. Der Schwede hat, nachdem er auf einer recht obskuren, angefolkten, aber ganz netten Solo-EP noch akustisch selbst mitklampfte, nun die Gitarre aus der Hand gelegt und konzentriert sich auf den Gesang. Und klingt dann in seinen besten Momenten wie Glenn Danzig, wenn der statt eines Skrotums ein Hirn auf seinen Schultern trüge und statt einer Steroidpumpe ein Herz in seinem Brustkorb. (Gesamtwertung: 8) Thorsten Dörting
Artwork: Heftig umstritten! Die "Zündapp-Freunde Bohmte 1979 e.V." haben Klage beim Landgericht Osnabrück eingereicht, weil der Cover-Artist von "Legend" angeblich das Logo des siebenköpfigen Moped-Klubs abgekupfert haben soll. Das fragliche Adler-Motiv, so heißt es in der halbseitigen Klageschrift, "war dem Bodo Wöstemeyer seine Idee, als dem sein älterer Bruder Uwe beim Schützenfest inne Bohmterheide nach zwei Pullen Appelkorn so tun wollte, dass er um den Schützenthron mitschießt, womit er eigentlich nur der Susi Heitmeyer imbonieren und sie ins Bett kriegen wollte, was dann aber gar nicht geklappt hat. Dafür hatter mit seinem dritten Schuss den Adler runtergeholt und- zack! - lag das Holzviech aufm Boden und der Bodo war König". Bei einem vertraulichen Hintergrundgespräch mit ausgewählten Hauptstadtjournalisten teilte der Nuclear-Blast-Anwalt mit, dass man keinerlei Zweifel hege, den Rechtsstreit erfolgreich durchfechten zu können. Dass es aber überhaupt zu einer Verhandlung kommt, gilt derzeit als unwahrscheinlich. Aus Kreisen des Label-Managements heißt es, man strebe einen außergerichtlichen Vergleich an, der auf die Zahlung von 25 Euro in bar (in kleinen Scheinen) und 2,5 Litern Zweitaktöl an die klagefreudigen Kleinkraftradfreunde hinauslaufe; man wolle die Herren ja nicht verprellen, denn sie seien als Doro-Fans der ersten Stunde schließlich geschätzte Kunden der Nuclear-Blast-Produktlinie. (6)
Aussehen: Endlich mal eine Seventies-Band, die nicht so aussieht, als sei das Jahrzehnt bloß eine Erfindung dieser erschreckend denklahmen neudeutschen Erbengeneration, die Berliner Bezirke wie Friedrichshain oder Neukölln in Freiluft-Schulungszentren für Aushilfs-Hipster verwandelt hat. Sprich: schick, aber nicht scheiße. (8)
Aussagen: People say: the past is a foreign country. Witchcraft say: the past is our homeland. (9)
Anspruch: Egal, ich als Autor der Kritik will jetzt Feierabend. Echt mal. (fail) (Thorsten Dörting)
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Amtlich | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH