Amtlich: Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von Thorsten Dörting und Boris Kaiser

Boah, endlich! Kurz vor Ende des Monats rauscht die zweite "Amtlich"-Ausgabe des Septembers rein. Mit Black September, was kein schaler Wortwitz ist, sondern ganz schön räudig. Genauso überzeugend: Witchcraft. Zu einem Dreier sind die Spiders, Judas Priest und Hexvessel versammelt.

Witchcraft aus Schweden: "Andere warten so lange auf eine neue Niere!"Zur Großansicht
Nuclear Blast

Witchcraft aus Schweden: "Andere warten so lange auf eine neue Niere!"

Witchcraft - "Legend"
(Nuclear Blast, bereits erschienen)

Fuck. Wir Europäer leben also doch auf einem alten, vergreisenden Kontinent, dachte ich, das nimmt kein gutes Ende mit uns, und das Ende ist sehr nah, fürchtete ich, bald werden wir nur noch in den Winden der Weltgeschichte umherwirbelnde Staubkörnchen sein, war ich mir sicher. Hegels Weltgeist jedenfalls guckt uns jetzt mit dem Arsch nicht mehr an, das schien mal klar nach diesen 51 Minuten und 32 Sekunden. "Legend" war durchgehört, und damit ein Album, das der deprimierend perfekte Ausdruck jener pathologischen Geisteshaltung zu sein schien, die konservative US-Intellektuelle wie Robert Kagan, Mitt Romney oder Taylor Swift seit Jahren mit boshaftem Genuss an Europa kritisieren und damit unseren Kontinent zum wehrlosen Opfer im globalen Hegemonialkampf der Kulturen abstempeln, zum moribunden Lazarettpatienten. Wir Europäer, so lautet ihre Diagnose, sind: besessen vom Bewährten, skeptisch gegenüber allem Neuem, in dekadenter (und feiger) Realitätsverleugnung nur auf die Verfeinerung und Verteidigung unserer Besitzstände fixiert - und daher dem Tod geweiht. Ein Kulturraum, der in die Bedeutungslosigkeit abrauscht, in den Geschichtsbüchern künftiger Epochen versteckt als Fußnote auf Seite 534b, zwischen Akkadischem Großreich und Olmeken.

Und wie bitte sollte dieses Schicksal noch abzuwenden sein? Nun, da selbst die Schweden allen Mut verloren hatten? Die Nachfahren der wagemutigen Wikinger, die, vergessen wir die gelegentliche Brandschatzung, so vorbildlich ihre Entdeckerlust gelebt hatten, die dank unstillbarer Neugier sogar bis nach Amerika gelangt waren. Und nun, das wurde mir mit "Legend" schlagartig deutlich, suhlen sich die stolzen Skandinavier genauso selbstvergessen in der Vergangenheit, wie sich Markus Lanz in seiner sämigen Soße aus serviler Seniorensedation suhlt, die das ZDF als Talkshow bezeichnet.

Was der Sermon soll? Naja, genau wie ihre Landsleute von Graveyard, Horisont oder den Spiders sind Witchcraft aus Örebro von Gestern. Und ihr brandneues Album ist uralt, zwischen 32 und 42 Jahre. Je nachdem, wo das Ohr hängenbleibt, entdeckt der Hörer betörende Psychedeliablümchen, mit Feinmechaniker-Händen geschmiedete Doomhämmerchen, elegant verschraubte Hardrock-Hymnen. Und das alles klingt so unangestrengt nach "Sexy Seventies", wie Romy Schneider in "Die Dinge des Lebens" danach aussieht.

"Magnus Pelander, Du Sau!", verfluchte ich den Kopf der Band stellvertretend für uns bornierte Europäer, während mich finstere Zukunftsvisionen plagten, von Sporthochschulen in Nanking oder Ulan-Bator, wo in dreißig, vierzig Jahren die europäischste aller Sportarten, der geheiligte König Fußball, nur noch als belächeltes Orchideenfach unterrichtet werden wird, weil Europa samt seiner Errungenschaften eben nun einmal im Orkus der Irrelevanz verschwunden sein wird.

"Warum nur, Magnus?", barmte ich nochmals. Fünf Jahre hatte ich gewartet auf ein neues Witchcraft-Werk, eine entbehrungsreiche, harte Zeit, die ich nur überstanden hatte, weil Freunde mir fantasiereich Trost gespendet hatten ("Andere warten so lange auf eine neue Niere!"). Tja, und am Ende stand die ja oben bereits ausgebreitete, niederschmetternde Erkenntnis: Goile Pladde. Aber geopolitisch sind wir im Arsch.

Mit dem bittersüßen Gefühl, meine düstere Sicht auf die Zeitenläufte einmal mehr bestätigt bekommen zu haben, wollte ich schon in meiner Hausbibliothek nach dem ollen Spengler suchen, um mir und dem Abendland mal wieder den Rest zu geben, als mein Blick auf das Label-Schreiben zu "Legend" fiel. So ein Waschzettel ist ja selten ein Quell der Inspiration. Dieser aber schon. Der weise Bruder Anselmo hatte ein Geleitwort verfasst, um sich vor Witchcraft zu verneigen. Und ein Satz erinnerte mich an eine philosophische Denkfigur, die ich im Zustand blindwütigen Selbsthasses vergessen hatte: Dialektik. Fratre Phil Anselmo hatte geschrieben: "Not many bands have actually created something NEW out of something OLD the way these musicians have."


Dialektik! Dialektik! Alle Freunde mittellustiger Sächsisch-Witze seien gewarnt. Der Begriff hat nichts mit regionalen Sprachvarietäten zu tun, sondern beschreibt, mal janz verkürzt jesacht, folgendes Prinzip: Aus (zwei mal) alt mach neu. Oder auch: bekannte These + bekannte Antithese = Synthese. Irgendwie so versteht Phil Anselmo Witchcraft. Irgendwie so verstehen Witchcraft Musik. Und genau so sticht "Legend" aus der Masse der derzeit erscheinenden, ja fast durchweg sehr anhörbaren Retro-Alben heraus. Nicht unbedingt durch die Qualität der Songs - "Legend" hat ein paar Hänger -, sondern durch den Willen, nicht immer nur zurück ins Gestern zu wollen.

Also, ohne Scheiß jetzt mal: Witchcraft verzieren auf "Legend" klassisch angelegte Doom-Pfade durch mit feinem Gitarrengewerk gestaltete Melodiebögen, sie verpaaren verpeilte Doors mit verpeilten Black Sabbath ("Dystopia"), sie breiten sich episch aus, ohne sich selbst oder den Hörer zu verlieren ("Dead End"). Vor allem aber garnieren sie - und was soll schlecht daran sein? - ihre Songs mit perfekt gesüßten Pop-Häuptchen, so dass man nascht und nascht, sich aber nie den Magen verdirbt. "It's Not Because Of You" ist ein veritabler Hit, den sogar eine deutsche Formatradio-Station spielen könnte, ohne dass deren Head of Musical Content um seinen verachtenswerten Job bangen müsste. Und "An Alternative To Freedom" ist eine grazile, etwas spröde Schönheit, vor der ehrfürchtig auf die Knie zu sinken ein Akt bereitwillig vollzogener Selbstdemütigung ist.

Die Produktion von "Legend" kommt glatter und glitzernder daher als die des Vorgängers "The Alchemist", zum Ärger vieler Alt-Fans, denn hier röhrt es gar nicht so herrlich analog wie woanders in Retroland. Aber auch das hat natürlich System bei Witchcrafts Neuerfindung des Alten, die Chef Pelander übrigens selbst mit seinem zwitterhaften Organ krönt. Der Schwede hat, nachdem er auf einer recht obskuren, angefolkten, aber ganz netten Solo-EP noch akustisch selbst mitklampfte, nun die Gitarre aus der Hand gelegt und konzentriert sich auf den Gesang. Und klingt dann in seinen besten Momenten wie Glenn Danzig, wenn der statt eines Skrotums ein Hirn auf seinen Schultern trüge und statt einer Steroidpumpe ein Herz in seinem Brustkorb. (Gesamtwertung: 8) Thorsten Dörting

Artwork: Heftig umstritten! Die "Zündapp-Freunde Bohmte 1979 e.V." haben Klage beim Landgericht Osnabrück eingereicht, weil der Cover-Artist von "Legend" angeblich das Logo des siebenköpfigen Moped-Klubs abgekupfert haben soll. Das fragliche Adler-Motiv, so heißt es in der halbseitigen Klageschrift, "war dem Bodo Wöstemeyer seine Idee, als dem sein älterer Bruder Uwe beim Schützenfest inne Bohmterheide nach zwei Pullen Appelkorn so tun wollte, dass er um den Schützenthron mitschießt, womit er eigentlich nur der Susi Heitmeyer imbonieren und sie ins Bett kriegen wollte, was dann aber gar nicht geklappt hat. Dafür hatter mit seinem dritten Schuss den Adler runtergeholt und- zack! - lag das Holzviech aufm Boden und der Bodo war König". Bei einem vertraulichen Hintergrundgespräch mit ausgewählten Hauptstadtjournalisten teilte der Nuclear-Blast-Anwalt mit, dass man keinerlei Zweifel hege, den Rechtsstreit erfolgreich durchfechten zu können. Dass es aber überhaupt zu einer Verhandlung kommt, gilt derzeit als unwahrscheinlich. Aus Kreisen des Label-Managements heißt es, man strebe einen außergerichtlichen Vergleich an, der auf die Zahlung von 25 Euro in bar (in kleinen Scheinen) und 2,5 Litern Zweitaktöl an die klagefreudigen Kleinkraftradfreunde hinauslaufe; man wolle die Herren ja nicht verprellen, denn sie seien als Doro-Fans der ersten Stunde schließlich geschätzte Kunden der Nuclear-Blast-Produktlinie. (6)

Aussehen: Endlich mal eine Seventies-Band, die nicht so aussieht, als sei das Jahrzehnt bloß eine Erfindung dieser erschreckend denklahmen neudeutschen Erbengeneration, die Berliner Bezirke wie Friedrichshain oder Neukölln in Freiluft-Schulungszentren für Aushilfs-Hipster verwandelt hat. Sprich: schick, aber nicht scheiße. (8)

Aussagen: People say: the past is a foreign country. Witchcraft say: the past is our homeland. (9)

Anspruch: Egal, ich als Autor der Kritik will jetzt Feierabend. Echt mal. (fail) (Thorsten Dörting)

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insgesamt 5 Beiträge
la_dispute 30.09.2012
13 mit S beginnende Wörter in einem Satz. Respekt. (14 wenn Seditation einzeln zählt.) Das hat mich gerade mächtig amüsiert, vielen Dank Herr Dörting und bitte mehr!
13 mit S beginnende Wörter in einem Satz. Respekt. (14 wenn Seditation einzeln zählt.) Das hat mich gerade mächtig amüsiert, vielen Dank Herr Dörting und bitte mehr!
caecilia_metella 30.09.2012
Zwei wertvolle Stunden meines Lebens habe ich jetzt an diesem Artikel in "Spiegel online" gelesen. Aber die Zeit reicht nicht. Einiges klingt so interessant, dass ich es gern hören will. Wie lange hat das Schreiben [...]
Zwei wertvolle Stunden meines Lebens habe ich jetzt an diesem Artikel in "Spiegel online" gelesen. Aber die Zeit reicht nicht. Einiges klingt so interessant, dass ich es gern hören will. Wie lange hat das Schreiben usw. dieses Artikels eigentlich gedauert? Kurz: Ich finde ihn richtig gut.
c_c 30.09.2012
Buffo? Rock Hard? Lächerlich. Die Ewiggestrigen unter sich.
Zitat von sysopBoah, endlich! Kurz vor Ende des Monats rauscht die zweite "Amtlich"-Ausgabe des Septembers rein. Mit Black September, was kein schaler Wortwitz ist, sondern schön räudig. Genauso überzeugend: Witchcraft. Zu einem Dreier sind die Spiders, Judas Priest und Hexvessel versammelt. Amtlich: Neue Metal-Alben von Witchcraft Judas Priest Spiders Hexvessel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/amtlich-neue-metal-alben-von-witchcraft-judas-priest-spiders-hexvessel-a-857071.html)
Buffo? Rock Hard? Lächerlich. Die Ewiggestrigen unter sich.
deus-Lo-vult 01.10.2012
Ich bin ja mal gespannt, ob es hier irgendwann ordentliche Rezensionen über Metalalben gibt, oder ob weiterhin ein Möchtegernmosher über Rock schreibt, von dem er ebenfalls nichts versteht. Liebe SPON-Redaktion, nehmt doch [...]
Zitat von sysopBoah, endlich! Kurz vor Ende des Monats rauscht die zweite "Amtlich"-Ausgabe des Septembers rein. Mit Black September, was kein schaler Wortwitz ist, sondern schön räudig. Genauso überzeugend: Witchcraft. Zu einem Dreier sind die Spiders, Judas Priest und Hexvessel versammelt. Amtlich: Neue Metal-Alben von Witchcraft Judas Priest Spiders Hexvessel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/amtlich-neue-metal-alben-von-witchcraft-judas-priest-spiders-hexvessel-a-857071.html)
Ich bin ja mal gespannt, ob es hier irgendwann ordentliche Rezensionen über Metalalben gibt, oder ob weiterhin ein Möchtegernmosher über Rock schreibt, von dem er ebenfalls nichts versteht. Liebe SPON-Redaktion, nehmt doch jemanden, der wirklich Ahnung von der Materie hat, oder lasst Metal ganz außen vor. Das hier ist echt nur peinlich.
sofnod 01.10.2012
Bitte keine Dissection-Vergleiche mehr. Die sind unerreichbar in "ihrem" Genre - die Mischung machts. Großes Können und eine fanatische, bekloppte Ideologie haben einen sehr extremen Sound geschaffen, vor allem in der [...]
Bitte keine Dissection-Vergleiche mehr. Die sind unerreichbar in "ihrem" Genre - die Mischung machts. Großes Können und eine fanatische, bekloppte Ideologie haben einen sehr extremen Sound geschaffen, vor allem in der Anfangszeit der Band. Da kann die Black Septembergruppe nicht im Geringsten mithalten, aber das wird auch nicht ihr Anspruch sein, denke ich mal. Ansonsten finde ich es gut, dass Metal hier behandelt wird.
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  • Sonntag, 30.09.2012 – 21:10 Uhr
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"Abgehört" und "Amtlich" live

"Amtlich"-Gastautor Boris Kaiser
  • Boris Kaiser, 38, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene.






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